Krieg gegen das eigene Volk

Massenoperationen Zwei Bücher von Karl Schlögel und Orlando Figes über das Leben im Stalinismus in den dreißiger Jahren: Wirtschaftlicher Fortschritt und Modernisierung neben Verfolgung

Das Leben ist besser geworden, Genossen, das Leben ist fröhlicher geworden“, verkündet Stalin Anfang 1935. Kurz zuvor hat die Kommunistische Partei feierlich kundgetan, dass der Aufbau des Sozialismus abgeschlossen sei; die (wenngleich vorübergehende) Abschaffung der Lebensmittelmarken wird vom Regime als Anbruch der Ära des Überflusses gefeiert. Die Realität in der Sowjetunion jedoch sieht anders aus. Nachdem Josif Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt Stalin, 1924, in dem Jahr nach Lenins Tod, die Macht in der Partei an sich gerissen hatte, begann eine Säuberungswelle in Partei, Sicherheitsorganen und Gesellschaft. Während die Propaganda Stalins Ausspruch in einem fort wiederholt, werden Hunderttausende als „Volksfeinde“ und „gesellschaftlich schädliche Elemente“ in die stalinistischen Arbeitslager geschickt oder zum Tode verurteilt.

Bereits unter Lenin war der Terror gegen die eigene Bevölkerung als Strategie des Machterhalts der Bolschewiki installiert worden. Millionen kamen während Bürgerkrieg und Kollektivierung zu Tode. Zwanzig Jahre nach der Revolution finden die Gewaltexzesse der Säuberungen ihren grausamen Höhepunkt. Die Sowjetunion wird von „Schockwellen“ erschüttert. Das „verfluchte 37er Jahr“ wird zum Signum des Stalinismus. Die Zahl der Verhafteten, Verurteilten und Erschossenen markiert einen „Exzess im Exzess“.

Terror und Traum nennt der renommierte Osteuropahistoriker Karl Schlögel sein Buch, in dem er die historischen Bedingungen des „Chronotopos“ Moskau 1937 zu einer „Geschichte der Gleichzeitigkeit“ in der klassischen Einheit von Ort, Zeit und Handlung zusammenfügt. Mit dem Flug der Margarita aus Michail Bulgakows phantastischem Roman Der Meister und Margarita führt Schlögel den Leser in den Schauplatz ein, an dem die entfesselte Gewalt der „Massenoperationen“ des Großen Terrors neben dem Versuch von Normalität stehen, Planziffern für Verhaftungen und Erschießungen neben dem von der Propaganda verordneten Optimismus und einem ­unvergleichlichen Aufbruch in eine neue Epoche mit der städtebaulichen Rekonstruktion Moskaus, dem Bau der Metro, der „Radiofikazija“ und den sowjetischen Flugpionieren.

Das Ineinanderfließen von Terror und Traum wird in zahlreichen Episoden augenfällig und Schlögel montiert aus einer Vielzahl von Quellen – aus Tagebüchern, Zeitungsartikeln, Stadtplänen und dem Adressbuch des Jahres 1936 ebenso wie aus Dekreten, Verhaftungsberichten und Vollstreckungsprotokollen – eine Gesamtschau des Grauens, die ihm ebenso wie den Zeitgenossen des Geschehens die Sprache verschlägt ob der rasenden Geschwindigkeit der Entwicklung.

Schlögels Monumentalwerk, für das ihm im März 2009 der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung verliehen wird, ist Ergebnis seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit der Geschichte der Sowjetunion und dem Stalinismus. Es präsentiert dem Leser keine These, die gleichsam als Erklärung nach dem „Warum?“ des „Räderwerks des Terrors“ über allem steht. Der Historiker ordnet die überlieferten Fakten, stellt kausale Zusammenhänge her, aber er erklärt nicht. Sein Buch ist eine „Erzählung, die einem Sog folgt“, in dem Abertausende vernichtet wurden und liefert ein Panorama eines epochalen Zivilisationsbruchs, das zu verstehen und zu erklären geradezu aussichtslos erscheint.

Flüstern und Schweigen

Denselben Ansatz der Montage von Erzählungen der Zeitgenossen des Geschehens verfolgt der britische Historiker Orlando Figes in seinem Buch Die Flüsterer. Nach seiner Darstellung der Epoche der russischen Revolution unter dem Titel Die Tragödie eines Volkes, und seiner hoch gelobten Kulturgeschichte Russlands (Nataschas Tanz), wendet Figes sich nun dem Leben in Stalins Russland – so der Untertitel seines neuen Werkes – zu.

Sein tausendseitiges Opus magnum lässt auf Grundlage einer Vielzahl von schriftlichen und mündlichen Quellen, die er mit Hilfe der russischen Menschenrechts-Organisation Memorial zusammengetragen hat, deren Mitglieder als unermüdliche Dokumentaristen des Verbrechens seit vielen Jahren die Erinnerungen dem Vergessen entreißen, ein Bild des gigantischen Ausmaßes der Repressionen während der Stalinzeit vor dem Auge des Lesers entstehen.

Nur wenige Familien blieben vom stalinistischen Terror verschont. Die schieren Zahlen lassen erschauern. Etwa 25 Millionen Menschen waren während der Herrschaft Stalins Repressionen ausgesetzt, allein im Jahr 1937/38 wurden annähernd 700.000 Menschen ermordet. Unter diesen Bedingungen war ein normales Leben unmöglich. „Ich habe ein Land gesehen, das sich in ein einziges Lager verwandelt hat“, zitiert Schlögel aus den Verhörprotokollen des Dichters und Drehbuchautors Igor Terentjew.

In den zerrütteten Schicksalen und gebrochenen Lebenswegen, die Figes beschreibt, wird dieses Zitat begreifbar. In neun Kapiteln fügt er eine Chronologie des Terrors und des Leidens zusammen.

Der Titel des Buches, Die Flüsterer, steht programmatisch für das Leben in diesem einzigen Lager. Das Flüstern als Sprachregelung in Familien, da man, aus Furcht belauscht zu werden, selbst in seinem engsten Umfeld leise sprechen muss, und das Flüstern derer, die den Behörden etwas zuflüstern und so andere anschwärzen. „Unsere russischen Menschen“, hält der Schriftsteller Michail Prischwin am 29. November 1937 in seinem Tagebuch fest, „sind, wie schneebedeckte Bäume, so überlastet mit den Problemen des Überlebens, und es verlangt sie so sehr, miteinander darüber zu sprechen, dass ihnen schlicht die Kraft fehlt, es noch länger auszuhalten.

Aber sobald einer seinem Verlangen nachgibt, wird er von einem anderen belauscht – und verschwindet. Die Leute wissen, dass sie wegen eines einzigen Gesprächs in Schwierigkeiten geraten können, und deshalb gehen sie eine Verabredung des Schweigens mit ihren Freunden ein.“

Die zahlreichen Familienbiographien, die Figes als „Historiker des Privatlebens“ beschreibt, verbinden sich in seinem Buch zu einer gemeinsamen Geschichte des Stalinismus. Er schildert persönliche Schicksale, die oft so unfassbar sind, dass man sie in einem Roman als unglaubwürdig abtäte, und gibt den bisher namenlosen und vergessenen Verfolgten eine Stimme. Das Flüstern und Schweigen zieht sich als roter Faden durch das Buch.

Bekenntnis zum Staat

Es wurde zur Überlebensstrategie in einem System, in dem selbst das Gefüge der Familie zum unsicheren Terrain wurde, da auch ein „Blutsverwandter ein Feind des Geistes sein kann, der nicht verschont werden darf“, wie Maxim Gorki schrieb. Millionen Kindern und Jugendlichen wurde mit dem Kult um Pawlik Morosow, einem mustergültigen Pionier, der seinen Vater denunzierte, der daraufhin zu Arbeitslager und später zum Tode verurteilt wurde, vermittelt, dass es ein Beweis sozialer Gesinnung, ja geradezu die Pflicht jedes Sowjetbürgers sei, Freunde und Verwandte auszuliefern.

An den unterschiedlichen Biographien wird deutlich, dass das Bekenntnis zum sowjetischen Staat bei vielen kein freiwilliger Akt war. Man verbarg eine „beschädigte Herkunft“, religiöse Überzeugungen und politische Auffassungen vor Freunden und Kollegen, gar vor den nächsten Verwandten, und richtete sich so gut es in ging, in der sowjetischen Gesellschaft ein. Dem einen gelang dies gut, und er stieg in der Hierarchie des Sowjetregimes auf, manch anderer rettete so sein bloßes Leben.

Auch nach dem Ende des Stalinismus wurde das Schweigen noch lange nicht gebrochen. Viele lebten weiter allein mit ihrem Schicksal und hielten ihre Wahrheit selbst nach dem XX. Parteitag, auf dem Nikita Chruschtschow mit seiner berühmten Rede die Entstalinisierung einleitete, geheim. Manche verloren bis zu ihrem Tode selbst ihren nächsten Angehörigen gegenüber weder über Verhaftung noch über die Arbeitslager ein Wort. „Je weniger du weißt, desto leichter kannst du leben“, wurden die Fragenden beschieden.

Die unbewältigte Vergangenheit ging so in das individuelle und kollektive Unterbewusstsein ein und wirkt bis in die russische Gegenwart hinein. „Die Empfindung der Nichtigkeit des menschlichen Lebens und der Freiheit vor den Götzen der Macht – das ist eine nicht bewältigte Folge des Großen Terrors. Die Gewöhnung an die ‚gelenkte Rechtsprechung’ – Justizorgane, die ihre Tätigkeit nicht nach den Normen des Gesetzes sondern nach den Befehlen der Obrigkeit – das ist eine Erbschaft des Großen Terrors“, heißt es in den von der Gesellschaft Memorial veröffentlichten Thesen „Das Jahr 1937 und die Gegenwart“ (veröffentlicht in der Zeitschrift Osteuropa: Das Lager schreiben, Juni 2006).

Die Thesen der Menschenrechtsgesellschaft, die dazu aufruft, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, scheinen sich auf beklemmende Weise bewahrheitet zu haben, als am 4. Dezember 2008, am Vorabend einer von Memorial organisierten Konferenz über den Stalinismus, Spezialeinheiten des neuen russischen Staates maskiert und mit Knüppeln bewaffnet das Büro der Menschenrechtsgesellschaft stürmten und aufgrund des Vorwurfs des Extremismus die Festplatten der Computer beschlagnahmten, auf denen die Ergebnisse der Arbeit von zwei Jahrzehnten Forschung über der Opfer der stalinistischen Repressionen gespeichert waren.

Die Flüsterer. Leben in Stalins RusslandOrlando Figes. Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter. Berlin. Berlin 2008. 1036 S., 34

Terror und Traum. Moskau 1937Karl Schlögel. Hanser. München 2008, 811 S., 29,90

01:00 26.02.2009
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