Krieg und soziale Medien: Endlosspirale von schlechten Nachrichten

Onlinegefecht In der Corona-Pandemie wich die Solidarität in den sozialen Medien schnell toxischen Scharmützeln. Droht uns das jetzt wieder?

Es ist schon weit nach Mitternacht und ich weiß, dass ich dringend einschlafen sollte, aber ich bin in einer Endlosspirale von schlechten Nachrichten auf Twitter gefangen. Kennen Sie das auch? Wie eine Spielsüchtige, die immer wieder Münzen in den Einarmigen Banditen wirft, versuche ich den Jackpot der Erkenntnis zu knacken – vergebens. Erst in der Morgendämmerung siegt die Erschöpfung über den Dopaminkick. Es gibt ein Wort dafür: Doomscrolling. Das zwanghafte Scrollen durch beängstigende und deprimierende Inhalte auf sozialen Medien wurde im Pandemiejahr 2020 vom Oxford-Dictionary zum Wort des Jahres gewählt.

Seit Putins brutaler Invasion in die Ukraine ist das Bedürfnis, meine Ängste zu lindern, indem ich manisch in den sozialen Medien nach Informationen und Antworten suche, wieder explodiert.

Und ähnlich wie zu Anfang der Pandemie gibt es dort einen großen Strom von Solidarität und ein Wir-Gefühl, das Trost und Hilfe verspricht und sich auch in Aktion niederschlagen kann, wie der genialen Spendenidee, Unterkünfte in der Ukraine zu buchen und zu bezahlen, ohne sie zu nutzen. So erreicht das Geld schnell und direkt Bedürftige, ohne zwischengeschaltete Organisationen. Nach wenigen Tagen kamen so um die 15 Millionen Dollar zusammen. Inzwischen bieten auch umgekehrt Airbnb-Wirte ihre Wohnungen gratis als Unterkünfte für Geflüchtete an, bereits 11.183 Leute sollen sich Stand Sonntag dafür angemeldet haben, Tendenz steigend.

Vermeintliche Gedankentiefe

In der Pandemie hielten die Solidarität und das Wir-Gefühl leider nicht lange an. Irgendwann wich die spontane Empathie einem toxischen Gefecht von ideologischen Lagern, die sich in absurden virtuellen Kleinkriegen verhedderten. Eine ähnliche Tendenz zeichnet sich leider auch jetzt wieder auf Twitter ab, wo reichweitenstarke Accounts mit provokativen Tweets um Aufmerksamkeit und Reaktionen buhlen. Ich selbst folge solchen Accounts bewusst nicht, dennoch werden regelmäßig Reaktionen auf deren Tweets in meine Timeline gespült. So landete ich bei einem Tweet der CDU-Politikerin Serap Güler, die wiederum auf einen Tweet der Autorin Jasmina Kuhnke alias Quattromilf reagierte.

Es ging in diesem Streit darum, ob die „weißen Flüchtlinge“ aus der Ukraine in Deutschland nun offener willkommen geheißen würden als die syrischen 2015. Ich widerstand dem Impuls, mich einzumischen, aber machte den Fehler, mich in diesen Kaninchenbau fallen zu lassen, ich klickte mich willenlos und ferngesteuert durch alle möglichen Antwortkommentare und Verzweigungen, bis ich mich irgendwann in einer völlig verqueren und toxischen Diskussion um Opferprivilegien und Rassismus wiederfand, die zu keinem Ende kam und mich mit einem Gefühl von Lähmung, Frust und Resignation erfüllte.

In der Pandemie hat das Onlinegefecht ums Rechthaben die vielbeschworene Spaltung der Gesellschaft befeuert und auch jetzt, nach der ersten Woche des Krieges in der Ukraine, formieren sich ideologische Lager im Kampf um die Deutungshoheit. Geschichtsrevisionismus inklusive.

Kapitulation vor der Allmacht des Algorithmus

Als Putin seine Invasion begann, war ich gerade mit meinem kroatischen Landsmann, dem Philosophen Srećko Horvat, in New York, wir nahmen Teil an dem von der Progressiven Internationale organisierten Belmarsh Tribunal, das von Guantanamo und der Verfolgung Julian Assanges handeln sollte. Geschockt von Putins Einmarsch entschieden wir spontan, eine Antikriegsbotschaft und Solidarität mit der Ukraine voranzustellen. Online wurden wir dann schnell mit den abwegigsten Angriffen und Deutungen zum Balkankrieg konfrontiert (bis hin zur Behauptung, es habe seit Jahrzehnten keinen Krieg auf europäischem Boden gegeben). Ich traute mich nicht, darauf zu reagieren, aber Srećko konnte sich auf Twitter einen Kommentar dazu nicht verkneifen, wie verletzend dieses „Yugosplaining“ für alle von uns sei, die diesen Krieg tatsächlich erlebt haben.

Ich habe jahrelang versucht, mich vor dem Phänomen der selbstgemachten Echokammer zu schützen, ich folge möglichst vielen und sehr heterogenen Accounts, mit oder ohne viele Follower, aber inzwischen wird auch meine Timeline hoffnungslos vollgespült mit den Tweets und Reaktionen der reichweitenstärksten Accounts, die im Krieg um die Aufmerksamkeit Gefechte anzetteln durch möglichst provokante Ansagen. Anfangs habe ich diese systematisch stummgeschaltet, aber auch das hat nichts genützt, inzwischen habe ich vor der Allmacht des Algorithmus kapituliert. Meine Vorlieben und Abneigungen sind ihm längst bekannt.

Es war eine Entscheidung der Schöpfer von Algorithmen, die sich das Wissen um die behavioristischen Konditionierungen des Menschen zu eigen machten und getrieben von Macht und Profitmaximierung bewusst einsetzten. Es ist ein offenes Buch, das kaum einer gelesen hat. Der ehemalige Internetpionier Jaron Lanier, der inzwischen zu einem der lautesten Warner und Kritiker der Internetkonzerne wurde, bezeichnet aufgrund dieser toxischen Dynamiken die Social-Media-Giganten als „Verhaltenmodifikations-Imperien“.

Gehirnwäsche übernehmen wir inzwischen selbst

Als Regisseurin weiß ich aus der Praxis am Theater, dass sich negative Emotionen wie Angst und Wut sehr leicht erzeugen lassen, sie halten auch länger an als positive. Der Zuschauer fällt regelmäßig auf diesen Taschenspielertrick herein und verwechselt oft negative Intensität mit Gedankentiefe. Deshalb werden düstere Theaterstücke so ernst genommen, selbst wenn sie nichts anderes sind als die bürgerliche Variante von Geisterbahnen. Alles, was Freude macht hingegen, gilt als flach und hohl, obwohl es viel schwieriger herzustellen ist. Es dauert viel länger, Menschen zu ermutigen oder ihr Vertrauen zu gewinnen.

Wut und Ärger zu provozieren, geht schnell, eine Stressreaktion über einen provokanten Trolltweet tritt in Sekundenbruchteilen ein, während es Stunden dauern kann, sich davon zu erholen.

Und auch das ist nicht nur Zufall und Nebenwirkung, sondern Design, die Maschinerie ermuntert die Nutzer zum Rückzug in sogenannte Filterblasen, wo man sich gegenseitig bestätigt und einlullt, diese Fake-Harmonie wird nur ab und zu herausgefordert von – algorithmisch berechneten – Extremmeinungen, die ab und zu in die Timeline einschlagen wie eine Bombe, die die Blase nur noch enger zusammenrücken lässt im Angesicht des feindlichen Lagers.

Dazu keine dystopische Diktatur wie in Orwells 1984. Den Dirty Job der Gehirnwäsche übernehmen wir inzwischen selbst mit ein bisschen Hilfe der Algorithmen und unserer freundschaftlichen Bubble.

Es ist höchste Zeit, sich diese Mechanismen bewusst zu machen und das eigene Verhalten zu reflektieren. Es wäre ein erster Schritt gegen das Gefühl der Ohnmacht, das sich in diesen düsteren Tagen des Krieges besonders überwältigend anfühlt.

Es gibt auch Hoffnung

Die gute Nachricht ist, dass in all dem immer wieder und gegen jede Wahrscheinlichkeit so etwas wie menschliche Empathie aufscheint. Es war ein einziger schlichter Tweet, der mir am Sonntag innerhalb von Sekunden den Glauben an die Menschheit zurückgegeben hat: eine öffentliche Bitte um Vergebung des Kulturwissenschaftlers Daniel Hornuff, gerichtet an den Bild-Reporter Paul Ronzheimer, der derzeit aus dem umkämpften Kiew berichtet.

Hornuff hatte Ronzheimer zuvor lächerlich gemacht, so wie es gerade sehr viele tun, die sich auf der richtigen Seite wähnen: „Für den #Bild-Reporter ist die Ukraine jener ultimative Abenteuerspielplatz, den die deutschen Querdenker zwei Jahre lang gesucht hatten: Endlich mittendrin sein, wo es um das Wahre, Tatsächliche, Eigentliche geht!“ Der Beifall seiner Bubble war ihm damit sicher.

Und doch bereute er offenbar den impulsiv rausgehauenen Tweet und, statt ihn stillschweigend zu löschen, entschied er sich für eine öffentliche Entschuldigung an Ronzheimer, in der er sein Verhalten transparent reflektiert. Diese Episode traf mich wie ein plötzlich die Dunkelheit erhellender Lichtstrahl der menschlichen Empathie, der mein endloses Doomscrolling zum Halten brachte und mich endlich einschlafen ließ. Es gibt noch Hoffnung.

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Nachtrag der Redaktion: Einen Tag nachdem die Arbeit an diesem Artikel abgeschlossen war, entschied die Autorin sich dafür, Twitter für einige Zeit den Rücken zu kehren. Sie schreibt dort: Dear Followers, in order to stay sane inside insanity, I will stay off @Twitter for a while. Cannot stand the hatred anymore.

Angela Richter ist Autorin und Theaterregisseurin. Am Schauspielhaus Bonn bereitet sie derzeit Sieben Todsünden vor, ein Rechercheprojekt zu Wirklichkeit und Fiktion im Digitalen

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