Kriege, Massaker und Hungersnöte

Die Bildreportage war immer schon Katastrophenzapping Im Kölner Museum Ludwig zeigt die Ausstellung »KIOSK« Höhepunkte aus 150 Jahren Fotojournalismus

Wer hätte gedacht, dass Altpapier einmal Museumswert bekommen könnte? In den Räumen der Agfa Foto-Historma des Kölner Museums Ludwig, wo sonst nur hochwertige Vintage Prints namhafter Fotografen zu sehen sind, gibt es derzeit Exponate aus der Blauen Tonne. Zusammengetragen wurden sie von dem Fotojournalisten Robert Lebeck, einst ein Meister der Reportagefotografie für den Hamburger Stern oder auch das Magazin Geo. Im Alter hat sich Lebeck nun ganz auf seine Sammelleidenschaft zurückgezogen. Vielleicht für einen Fotografen nichts Außergewöhnliches - ist diese Spezies doch von Natur aus visuell hortend.

Wo Kollegen wie der Hamburger Fotograf F. C. Gundlach im Ruhestand ganze Berge von Modefotografien anhäufen, widmet sich Lebeck alten Magazinausschnitten. Von der Berliner Illustrierten Zeitung über Life bis zu Quick finden sich in seinem Fundus nicht nur alle berühmten Reportageabdrucke der über hundertfünfzigjährigen Fotogeschichte, sondern auch die unbekannteren Schätze, die er so vor Vergilben und Vergessen gerettet hat. Kiosk hat Lebeck diese umfangreiche Sammlung genannt, um in Köln zu zeigen, dass für das kollektive Gedächtnis nichts so aktuell sein kann, wie die Zeitung von Gestern. Denn viele Fotografen und Fotografierte sind alte Bekannte: Da gibt es noch einmal Erich Salomons Politikerportraits aus der Weimarer Republik oder George Rodgers Reportagezyklus über die Sudanesischen Nuba. So jedoch, wie die Bilder in Köln angeordnet sind, dürften sie den Wenigsten je vors Auge getreten sein. Man kennt sie aus Chroniken, Ausstellungen oder Fotobüchern, nicht aber im Kontext ihrer journalistischen Erstveröffentlichungen.

Wer hätte zum Beispiel geahnt, dass Robert Capas Reportagen aus dem spanischen Bürgerkrieg im amerikanischen Life-Magazindirekt neben einer Werbung für das Haarpflegemittel Vitalis erschien, oder dass das Magazin Look in den Dreißigern einmal den grimmig dreinblickenden Goering auf den Titel und die glamouröse Garbo nebenan auf die Rückseite setzte? Der Tod zwischen der Werbepause oder der »Starschnitt« für jede Gelegenheit - das scheinen Phänomene mit geradezu historischer Dimension zu sein. Denn Schuppenshampoo »sales«, Sterben aber weniger. Im Quotenkampf der Magazine und Zeitungen kommt die Weltgeschichte manchmal eben geradezu banal daher.

Ohnehin waren anfänglich die Fotos eher als Textillustration, denn als narratives Medium gedacht. So schwärmte der Herausgeber der Illustrierten Zeitung aus Leipzig, Johann Jakob Weber, 1843 von den Möglichkeiten der Bilder, die Tagesgeschichte zu »begleiten«. Dass aus dieser Andienung aber bald schon eine Überrumpelung werden sollte, das schien noch schwer vorstellbar für das durch und durch textgläubige Bürgertum des 19. Jahrhunderts. Allem Anfang, so scheint es, wohnt eben eine gewisse Naivität inne. Und so gibt es in den ersten illustrierten Zeitungen wie der Illustrated London News oder der L´Illustration aus Paris zunächst nur kleine Experimente mit dem ohnehin Vertrauten: Aufnahmen der benachbarten Stadtarchitektur oder Einblicke in die Straßenszene hinter der nächstgelegenen Häuserecke. Auch das Auge der Welt hat mal klein angefangen.

Erst mit der Erfindung der Autotypie, dem ersten Druckverfahren zur direkten Wiedergabe der Fotografien, scheint die Welt aus weiter Ferne so nah zu rücken. Und mit den ersten Reportagen über indische Hungerkatastrophen oder den Sklavenhandel in Afrika beginnt auch der angesagteste Trendsport des ausgehenden 19. Jahrhunderts: der Exotismus.

Die Fotografie gerät so schnell in die Reizspirale, und was gestern noch Nervenkitzel bedeuten konnte, dass brachte am nächsten Tag schon nicht mal mehr ein müdes Gähnen. Der Berliner Fotograf Willi Ruge etwa gehörte zu denen, die mittels neuester visueller Kicks die Sensationslust nur noch mit Mühe befriedigen konnten. 1931 erschien in zahlreichen internationalen Zeitungen seine Reportage Ich fotografiere mich beim Absturz mit dem Fallschirm. Das sinnlose Reality-Format scheint also so alt zu sein, wie der mediale Voyeurismus selbst. Und schon die Bildinhalte des späten 19. Jahrhunderts zeigen oft wenig Differenzen zu den Arbeiten der engagierten Fotografie oder zum journalistischen Ethos der Magnum-Gruppe. So stand die Top-Ten der Motive bereits fest, bevor das 20. Jahrhundert den reichhaltigen Stoff liefern konnte: Kriege, Massaker und Hungerkatastrophen. Die Geschichte des Fotojournalismus ist somit immer auch eine Geschichte des Katastrophenzappings.

Die letzte Unschuld verlor die Fotoreportage mit Eintritt in den Ersten Weltkrieg. Zwar durften von offizieller Seite nur wenige Fotos von den Schlachtfeldern publiziert werden, was aber dennoch erschien, das machte den Tod zur Inflationsware. Kaum war der Fotojournalist für den Krieg »akkreditiert«, verloren seine Bilder jeglichen moralischen Impetus. Mit den modernen Kriegen gab es auch keinen Feldherrenhügel für Fotografen mehr, und mit der Materialschlacht war auch die Objektivität dahin. Spätestens die hundertste Belichtung eines Sterbenden hat dem Tod den Stachel genommen. Auch der reproduzierte Soldat war halt letztlich nur Eines: Kanonenfutter für die Presseindustrie.

In der Weimarer Republik wurden die Motive zwar zunehmend wieder ziviler, der »Kampf im Zeitungsviertel«, wie er auf den dynamischen Aufnahmen Frankls oder Wagners festgehalten wurde, aber war auf metaphorischer Ebene noch lange nicht ausgetragen. Neue Zeitschriften wie Uhu oder die Arbeiter Illustrierte Zeitung strömten auf den Markt und boten Publikationsflächen für die angesagtesten Fotokünstler der zwanziger Jahre. André Kertesz, Umbo, John Heartfield - sie haben unser Bild von den Twenties nicht nur mitgeprägt, sie haben es erst angefertigt. So zeigt die Ausstellung auch Erich Salomons Zyklus Ohne Pose. Wenn die Großen nicht wissen, dass sie fotografiert werden - eine frühe mediale Imagestudie, von der selbst Gerhard Schröder noch profitieren könnte. Wenn da Friedrich Ebert in Badehose belichtet wird, dann zeigt dies, wie eng der Provokationsspielraum für die Spaßkanzler geworden ist.

Das bekannteste Foto aus Lebecks Sammlung dürfte jedoch der sterbende Bürgerkriegssoldat des Magnum-Fotografen Robert Capa sein. Die spätere Küchenikone der 68er-Kommunen ist in Köln gleich zweimal vertreten: im Erstdruck einer französischen Zeitung und in der bekannteren Version des Magazins Life. Die Aufnahmen sind identisch, nur ihr Kontext hat sich leicht verschoben. Denn während das Bild in der französischen Version noch neben einer weiteren Aufnahme eines an gleicher Stelle sterbenden Soldaten erscheint, wird dieses Foto bei Life unterschlagen. Stattdessen heißt es in der Bildunterschrift erstmals, dass der Mann in dem weißen Hemd von einer Kugel im Kopf getroffen worden sei.

Die Spekulationen um Capas Foto sind nicht neu. Selten sterben Menschen zweimal an der gleichen Stelle, und nur im Notfall zieht man im Sonntagshemd in den Krieg. Der Originalabdruck scheint die erhitzten Gemüter also zurückzupfeifen: »War nur Übung«, heißt es ernüchternd von Seiten der Fotokritik. Dass das Bild dennoch zum erschütterndsten Symbol des »Memento-Mori« werden konnte, mag einem ganz anderen Umstand geschuldet sein: ein sterbender Spanier im weißen Hemd und mit weit gespreizten Armen - wer dächte da nicht an Goyas Erschießung der Aufständischen in Madrid? Vom Pazifismus- zum Borderlineemblem ist es im Fotojournalismus manchmal eben nur ein kleiner Schritt, und solange nur die Pose stimmt, kann die Wahrheit auch mal etwas daneben liegen.

Oft sind es dabei weniger die Fotografen, die an der Wirklichkeit vorbeischießen, als vielmehr die Layouter und Zeitungsredakteure. So brachte die Münchner Illustrierte Presse 1933 eine Bildreportage unter der Überschrift »Die Wahrheit über Dachau«, bei der man lange rätseln kann, ob der Zynismus nun in der geschickten Bildkomposition oder doch eher in den kleinen Fotolegenden verborgen liegen mag. Ästhetisch jedenfalls waren nationalsozialistische Illustrierten wie das Magazin Signal oder der Illustrierte Beobachter sehr durchschnittlich. Und der motivische Dauerbrenner »Hitler als ruhender Pol in ekstatischen Massen« ziemlich schnell abgeschmackt. Selbst ausländischen Fotografen wie James E. Abbe schien zu Hitler zunächst nicht viel mehr einzufallen als eine Fotostrecke, angesiedelt zwischen Machtposen und der Führer privat.

Das Grauen - es tritt erst wieder mit Kriegsbeginn vor die Linsen. Diesmal aber so gehäuft, dass es fast egal ist, ob es in der französischen VU oder im Illustrierten Beobachter erscheint. Für das sprachlose Medium Fotografie ist dieser Krieg nicht mehr propagandafähig. Die Bilder scheinen sich immer mehr zu gleichen und der Nachrichtenwert verschwindet des öfteren hinter der visuellen Teuerungsrate. Was in den modernen Magazinen noch Topnews und was Zeitdokument ist, ist oftmals nur noch der Bildqualität zu entnehmen. Am Ende der Ausstellung fällt einem plötzlich wieder ein Bild vom Anfang ein: Gutgelaunte Soldaten lächeln da im Jahre 1903 ins Objektiv und präsentieren die leiblichen Überreste ihrer Gegner. Vor den nicht mehr ganz schnieken Uniformen ist die Bildlegende abgedruckt: »Massaker in Mazedonien«.

KIOSK. Eine Geschichte der Fotoreportage. Noch bis zum 16. September im Kölner Museum Ludwig. Das Buch zur Ausstellung ist im Steidl-Verlag erschienen und kostet 58,- DM.

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00:00 24.08.2001

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