Kriminogenes Unternehmen Expo

WELTAUSSTELLUNG Die Polizei will keine Gelegenheit versäumen, sich dem Globus zu präsentieren

Die Weltausstellung soll auch Polizeigeschichte schreiben. Ausgebreitet vor den Augen einer staunenden Weltöffentlichkeit wollen Polizeiführung wie -gewerkschaften aus der Hochsicherheit auf dem Expo-Gelände einen Export-Schlager machen. Zu dieser Aufführung gehören vor allem Horrorszenarien: Sicherheitspolitiker prognostizieren schon seit 1998 einen Zuwachs der Straftaten um bis zu 50 Prozent; statistisch gesehen werde alle 5,5 Minuten eine Straftat begangen - Bagatelldelikte ebenso wie Verbrechen.

Und die konservative Deutsche Polizeigewerkschaft rechnete mit "bestens organisierten, hochspezialisierten Taschendieb-Banden" aus Ost- und Südeuropa, mit einem Anstieg von Straftaten nach dem Ausländer- und Asylverfahrensgesetz sowie mit einer sprunghaften Zunahme der Prostitution und der damit verbundenen "Rotlicht"-Kriminalität. Das Bundeskriminalamt warnte im Vorfeld vor einer Welle der Gewalt gegen Unternehmen, die mit der Expo kooperieren; und der niedersächsische "Verfassungsschutz" sah wachsende Risiken durch die linke Anti-Expo-Szene, Sabotageversuche und vielleicht auch Terror. Folgte man dem niedersächsischen Verfassungsschutz-Präsidenten Rolf Peter Minnier, so reichen die "Risiken" von Demonstrationen bis zu Selbstverbrennungen, von Geiselnahmen bis zu Anschlägen auf Verkehr, Trinkwasser- und Stromversorgung. Lauter sicherheitsstrategische Spekulationen, für die es selbst nach Erkenntnissen der Polizei nie konkrete Anhaltspunkte gab. So drängte sich schnell der Eindruck auf, die Weltausstellung werde zu einem kriminogenen Unternehmen gigantischen Ausmaßes - ein internationales Festival der Kriminellen aller Länder.

Auf die große Herausforderung wird heute mit einem großen staatlichen und privaten Sicherheitsapparat reagiert: Bis zu 6.000 Polizisten sind aufgeboten. Rund 2.700 Polizeibeamte des Bundes - darunter 700 zusätzliche Bundesgrenzschützer - und knapp 2.000 aus anderen Bundesländern, Tausende Reserve-Kräfte sowie 200 Gast-Polizisten aus Ländern der EU, aus den GUS-Staaten, USA, Japan, Polen und Tschechien unterstützen die Hannoveraner Kollegen. Englische Bobbys, französische Flics, amerikanische Cops und italienische Carabinieri in ihren landeseigenen Uniformen sollen polizeilichen Internationalismus demonstrieren.

Die Kosten dafür sind immens. Über 100 Millionen Mark lässt sich die Expo-Gesellschaft die Sicherheit kosten. Der Polizeieinsatz während der Expo wird Kosten in Höhe von etwa 400 Millionen Mark verursachen, die den öffentlichen Haushalten aufgebürdet werden. Ein Bund-Länder-Abkommen vom Herbst 1999 sieht vor, dass davon der Bund und die übrigen Bundesländer etwa 130 Millionen übernehmen. Obwohl es sich um eine kommerzielle Veranstaltung mit bundespolitischer Bedeutung handelt, hat Niedersachsen die Hauptlast von 270 Millionen zu berappen.

Die Vorkehrungen scheinen von der Angst diktiert, die Bundesrepublik und speziell Niedersachsen könnten einen schweren Image-Schaden erleiden, wenn die Sicherheitskräfte vor den Augen der Weltöffentlichkeit unsicher würden. In dieser Herausforderung liege aber auch, so die Gewerkschaft der Polizei (GdP), "die große Chance" der Polizei, "ihr Know-how und Fachkompetenz zur Bewältigung solcher Großlagen unter Beweis zu stellen und ihr Ansehen auf der ganzen Welt zu manifestieren".

Zwei Tage nach der Expo-Eröffnung war bei der Polizei gerade mal ein Taschendiebstahl registriert.

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