Krisenfest feiern

Wahlnacht Wer ist hier prekär? Unser Autor bekam seinen Rentenbescheid, ging zur FDP-Wahlparty, floh zur Volksbühne – und landete dann in der Sauna
Krisenfest feiern
Begeisterung über sich selbst ist ein starkes Band dieser Tage - FDP-Party

Foto: Paul Hahn/Laif

In den letzten Wochen kamen zwei seltsame Ereignisse zusammen. Einerseits Bundestagswahl, andererseits schickte mir jemand einen dieser Briefe, die vernünftige Menschen umstandslos in den Papiermüll schmeißen: Nachricht von der Rentenversicherung. Vermutlich, weil Renten im Wahlkampf Thema waren, habe ich den Umschlag mal geöffnet: In einer Sprache, die vielleicht vorausnimmt, wie große Flachblech-Stanzmaschinen im Internet of Things zukünftig miteinander reden, erklärt mir da jemand, dass ich, wenn ich weiter so fleißig einzahle, 2048 genau 331,27 € für meinen Ruhestand zur Verfügung haben würde. Monatlich.

So etwas kann mich begeistern – ich hatte keine Ahnung, dass ich überhaupt in eine Rentenkasse einzahle und deshalb keine Auszahlung erwartet. Mein Rentenkonzept ähnelt seit jeher dem der CDU – ich werde später darüber nachdenken. Immerhin funktioniert unsere Gesellschaft auf dem Prinzip des Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit, was ja bedeutet, zu Geld kommt man mit Raub oder Erbe. Und die, vermute ich mal, die zur Seite des Kapitals gehören, werden sicher auch in Zukunft denen, die sich dummerweise auf ihre Arbeit verlassen müssen, weiterhin alles wegnehmen, was sie nicht unbedingt zum Leben brauchen. Und dabei sehr genau nachzählen, ob nicht noch etwas weniger übrig bleiben könnte. Warum sollten sie vor Rentenkassen haltmachen? Also: Warum irgendwo einzahlen?

Auf den zweiten Blick erklärt mir der Rentenbescheid aber, dass ich zum Prekariat gehöre – und limitiert die Euphorie ein wenig. Das Prekariat gilt als Proletariat des postindustriellen Kapitalismus, riecht weniger nach Klassenkampf und politischer Organisation. Es trägt keinen Blaumann und wohnt nicht immer in klammen Stuben: Prekär ist die promovierte Kunsthistorikerin, die für die hippe Galerie Katalogtexte schreibt, ab und an als Kuratorin billigen Gratiswein in sich hineinschütten darf und anderntags mit brummendem Schädel wieder die befristete Hilfskraft spielen muss. Prekär ist die Kassiererin bei Aldi, der Landarbeiter ohne eigenes Ackerland, die Altenhelferin. Prekär ist der Überkopfschweißer, der als Leiharbeiter mit dem Auto durchs Ruhrgebiet pendelt. Als alleinerziehende Mutter hat man die erste Qualifikationshürde zum Prekariat hinter sich. Der Begriff, schreibt Berthold Vogel vom Hamburger Institut für Sozialforschung, „weist auf die Entwicklung einer Zwischenzone uneindeutiger Erwerbsverläufe, unsicherer sozialer Perspektiven und rascher biografischer Veränderungen hin“. Es gibt viele Wege ins Prekariat und naturgemäß wenige hinaus. Mir ist es gelungen, als freier Autor und Filmemacher prekär zu werden. Der Freitag zum Beispiel zahlt 1,3 Cent pro Anschlag. Auch für Leerzeichen.

Brühwürstchen, Dirk Niebel

Und das ist natürlich ein porentief reiner Übergang zur FDP. Am Wahlabend musste sie sogar rückwärtige Gebäude für ihre Feier anmieten. Bei der Presseakkreditierung herrschen dann Bedenken first und digital second: Nachfragen, ob ich wirklich akkreditiert sei, mit der Hand werden Namen in eine Liste eingetragen, dann geht jemand und muss dem Wahrheitsgehalt hinterhertelefonieren, weil genau hier nun der Empfang nicht gut ist. Irgendwann bin ich drin, es gibt Brühwürstchen, Dirk Niebel sitzt mit Freunden an einem Tisch im ziemlich leeren Gartenzelt: nah beim Buffet, weit weg von den Wichtigen, die sich drinnen im Atrium drängen. Es wirkt, als feiere ein Golfclub aus der Provinz die große Silvestertombola – sogar Jungs aus Stuttgart, denen noch die Akne im Gesicht steht, versuchen es mit dem schmalen Christian-Lindner-Schlips, verkleiden sich mit Anzug; Frauen gerne in flachen Business-Slippern, Handgelenkskettchen bei älteren Herren, manches Porno-Brillengestell mit blauen Gläsern: alles ernst gemeint.

Warum aber zur FDP? Das ist die Partei, die Menschen wählen, die meinen, dass es nun aber wirklich nicht allen so gut gehen sollte wie ihnen. In dieser Hinsicht sind sie Artverwandte der AfD. Vor der Wahl dargelegt, hier noch einmal zur Erinnerung: Den Liberalen überwiesen vor allem die IT-Branche und die Autoindustrie viel Geld für den Wahlkampf, mit Billigflieger-Unternehmen wollen sie gegen alle Register der Vernunft den Flughafen Berlin-Tegel offen halten. Insgesamt sammelte die FDP acht Mal so viele Großspenden ein wie SPD und Grüne zusammen. Die sehr differenzierte Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung kann man in etwa so zusammenknüppeln: FDP-Wähler waren bis 2016 mit Abstand die ältesten und reichsten; überdurchschnittlich viele Männer und Akademiker, die allermeisten aus dem Westen, ähnlich viele Selbstständige wie in der AfD, sehr wenige im öffentlichen Dienst.

So sahen dann auch Lösungsansätze aus, gegen Probleme mit steigenden Mieten in den Städten schlug Christian Lindner vor, dass man dann „eben eine Wohnung kaufen“ solle. Twitterte als fröhliche Vision: „Sollte nicht unser Ziel sein, dass Eigentum kein Luxus ist?“ Genau mein Humor.

Und deshalb unterhalte ich mich auch mit Herrn Maier. Der nicht so heißt, aber aus Sicherheitsgründen so genannt werden muss. Herr Maier, 56 Jahre alt, Berlin-Lichtenberg, gelernter Feinblechner, sagt auch bald diesen sensationellen Satz: „Ist’n absolut krisenfester Job.“ Der Satz ist deshalb so gut, weil Herr Maier seit zwölf Jahren für eine Sicherheitsfirma arbeitet. Heute Abend bewacht er allem Anschein nach einen schmalen Rasenstreifen zwischen zwei Gebäuden. Fernsehsender haben ihre Leitungen über den Rasen gelegt. „Von zwei bis zwei“ arbeite er heute, aber eigentlich Ende offen. Drei Jahre Ausbildung hat er noch einmal gemacht, Waffentechnik, Sicherheitstechnik, Erste Hilfe – die bestbezahlten Jobs gibt es am Flughafen, für 13 oder 14 Euro die Stunde. Muss man aber noch eine Sonderausbildung für machen. Hat Herr Maier nicht.

Kurze Unterbrechung, drinnen tritt Christian Lindner auf, hinter ihm steht Wolfgang Kubicki und wirkt, als habe er die letzten vier Wochen auf einem Segelboot in der Ägäis verbracht, die Haare hat noch der Wind gebogen: „Schaffen Neuanfang ... Comeback möglich ...“, ruft er, ich kann anderntags kaum die Notizen lesen, die Leute drumherum haben mich ständig begeistert angestoßen. Mit der Idee vom Comeback kann ich gut zurück zu Herrn Maier, er scheint sich in den vergangenen Stunden nicht bewegt zu haben. Am liebsten sitzt er fünf bis sechs Tage die Woche bei der Rentenversicherung, seltsamer Zufall. Da hat er immerhin einen Stuhl und ein Dach über dem Kopf. Am Monatsende landen zwischen 1.600 und 1.700 Euro bei ihm. „Wenn man verheiratet ist, geht das.“ Was er damit sagt und gleich erklärt: Er hat eine Frau, die arbeitet auch, selber Job, andere Firma. „Dann kann man sich schon mal etwas leisten. Einen Urlaub, oder so.“

Natürlich frage ich Herrn Maier dann auch eine der sehnigsten Journalistenfragen – mit welchem Politiker er mal ein Bier trinken gehen würde. Herr Maier schaut ein wenig, nicht dass da einer der Chefs herumschleicht, denn, fällt ihm jetzt ein, er dürfe eigentlich nicht mit mir sprechen. Das sind so Windungen, bis er gesteht, dass er mit eigentlich keinem Politiker ein Bier trinken wollen würde. Eine gab es mal, in Brandenburg, die habe Dinge angefasst. Regine Hildebrandt. Die würde sicher gegen die schlechte Bezahlung was machen. Nur ist die tot. „Zählt also nich’, oder?“

Aber: Ist es nicht seltsam, dass jetzt wieder viele Leute in Parlamente und in die Regierung kommen, die gegen den Mindestlohn sind, Interessen genau gegen Menschen wie Herrn Maier und mich vertreten? „Tja“, sagt Herr Maier, der Umstand, dass die einen wenig, die anderen immer mehr verdienen, macht ihm Sorgen, aber lässt ihn nicht die Miene verziehen. In seinem Rücken tut sich nichts, die Kabel liegen friedlich da und verbreiten die frohe Botschaft von Christian Lindner in die Welt; ein wenig Regen mischt sich in die Unterhaltung. „Dit is die höhere Politik, sach ich mal.“

Glitschiges Prinzip

Es ist also Zeit zu gehen. Und weil sie auf dem Weg liegt, kann ich bei der Volksbühne vorbeischauen. Die ist besetzt und auch recht voll: Vor allem von Leuten, die wir hier noch nie gesehen haben, stöhnt ein älterer Mitarbeiter. Ich suche eine Weile nach jemandem, der noch nicht vollkommen zugekifft ist, frage hier und da, aber viele sind vor allem komplett von sich selbst begeistert, Spanierinnen erzählen, dass sie gerade Urlaub machen und was richtig Tolles erleben. Zusammengefasst: Ein Konzept hat hier keiner, aber alles sei monatelang vorbereitet. Es scheint, als kondensiere sich alles zu einem ziemlich glitschigen Prinzip: Party.

Schließlich steht im Foyer ein Matthias oder Christian, der erzählt, dass hier nun etwas entstehen soll, dass man sich auf die Tradition der Volksbühne bezöge. „Hier haben die Menschen, die im Viertel wohnten, einen Ort für Kultur geschaffen. Das war eine Bühne für das Volk.“ Kleiner Einwand: Da kamen dann aber schon auch noch Sprechtheater, professionelle Organisation, Benno Besson, sehr genaue Vorstellungen von Kunst. Deshalb habe sich ja auch die Volksbühne zu einem intellektuellen Raum entwickeln können. Ob also, zusammengenommen, was hier gerade passiere, nicht gegen die Tradition laufe?

Volksbühnen-Besetzung mit wenig Konzept, aber einem klaren Ziel: Party

Foto: David Baltzer/Zenit/Laif

Irgendwie hat die kleine Bemerkung ein Wölkchen auf die Stirn von diesem Matthias oder Christian gezaubert, ihm fällt ein, dass natürlich jetzt alle alles negativ sehen könnten, aber eigentlich sei das doch eine Einladung für die vielen arbeitslosen Künstler, ein Raum für interessante Projekte, jetzt könne man gegen Gentrifizierung ... Prekariat ... mit kollektiven Entscheidungen ... Das ist nun genau der Moment, wo ich den Christian oder Matthias etwas rüde unterbrechen muss. Und zwar mit der Frage, warum sie nicht schon vor Jahren das halbtote Berliner Ensemble, also den Peymann-Eventschuppen besetzten? Wo Reisegruppen nach dem Helene-Weigel-Mittagessen sanft in den Schlaf gewiegt werden? Oder: Wie wäre es denn mit dem Kunstraum der Deutschen Bank? Die Wolke bleibt auf seiner Stirn, darunter formuliert sich jetzt ein Satz, auf den ich schnell das Foyer verlassen muss, denn es ist klar, dass man hier gerade absolut falsch ist: So eine Aktion, sagt der Besetzer, sei nur „was für Militante, das ist wirklich gefährlich“.

Weil aber der Abend so nicht enden darf, müssen noch ein Bier und ein Schnaps getrunken werden, und das natürlich in der Sauna. Die ist in einen Feuerwehrwagen eingebaut, steht in einer der wenigen Bombenlücken, die der Prenzlauer Berg noch nicht mit Luxuswohnungen zugeklebt hat. Alles wie immer, ein bisschen Hippie, ein bisschen schlunzig, gerade prekär genug, damit hier niemand je mit einem Christian-Lindner-Schlips aufkreuzt. Man kann herkommen und schwitzen, reden dann woanders. Nur ist heute kein normaler Sonntag, deshalb mal eine Frage an den Betreiber: Lebt er eigentlich von der Sauna? Joah, ist in etwa die Antwort, und die läuft auf etwas zu, das sich jetzt gerade wie eine goldene Lösung anfühlt, gegen den schweren Kopf, der sich für den nächsten Morgen abzeichnet und auch sonst: „Immer schön am Finanzamt vorbei – alles als Kunst abrechnen, dann funktioniert das schon.“

06:00 01.10.2017

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