Krisenstimmung

Deutschland 1939 Die Kriegsangst wächst, doch die Deutschen zeigen sich wenig kriegslüstern: Die ausländische Presse zeichnet Mitte 1939 ein differenziertes Bild von Deutschland

Sommeridylle 1939: Blauer Himmel liegt über Europa, die Bauern arbeiten auf den Feldern, die Arbeiter schuften in den Fabriken. In allen Metropolen spricht man eher nebenbei vom Krieg – geht dann aber unaufgeregt dem Tagesgeschäft nach. Adolf Hitler verbringt derweil auf dem Berghof am Obersalzberg einen ausgedehnten Urlaub, bei dem er die Eichhörnchen füttert.

Mit dem Wissen um den Verlauf der Geschichte stellt sich beim Lesen der Stimmungsberichte westlicher Korrespondenten aus dem Jahr 1939 fast ein Gefühl der Ungläubigkeit ein: Konnte man damals tatsächlich hoffen, Hitlers Expansionsdrang werde sich doch noch friedlich eindämmen lassen und ein Zweiter Weltkrieg würde sich – wegen fehlender Begeisterung der deutschen Massen – vermeiden lassen?

Während die deutsche Propaganda-Maschine emsig arbeitete und ihre Bevölkerung gegen die westlichen Demokratien aufhetzte, bemühten sich vor allem die amerikanischen Medien um eine differenzierte Darstellung der Stimmung in der deutschen Bevölkerung. Besonders profilierte sich die New York Times mit ausführlichen Berichten ihrer Korrespondenten, die vielfach längere Reisen durch Deutschland und Europa unternahmen und mit unterschiedlichsten Teilen der Bevölkerung in Kontakt traten, am liebsten aber mit dem einfachen Mann aus dem Volk.

Sie schrieben über die Gedanken der Hitler-fanatischen Jugendlichen, die Einschränkungen für Familien infolge der Lebensmittelrationierungen oder die Schwierigkeiten von Unternehmern mit der allgegenwärtigen Kontrolle und staatlichen Preisregulation. Mit Anerkennung und Kritik berichteten sie über die Tatkraft und Reorganisation einer ganzen Nation, über den Rückgang der Arbeitslosigkeit und den Aufbau einer leistungsfähigen Wirtschaft. Über die sozialen Errungenschaften wie Erholungsmöglichkeiten für Arbeiter in „Kraft-durch-Freude-Heimen“ und Kleinwagen für das Volk. Diese Berichterstattung ist für die Wahrnehmung Deutschlands im Ausland kaum zu überschätzen, schließlich fanden die Berichte und Reportagen aus den amerikanischen Zeitungen auch ihren Weg in die englischen und französischen Blätter.

Was wirklich in den Deutschen vorging – das war für den Betrachter von außen schwer zu ergründen. „In einem Land, wo es im Interesse eines jeden liegt, den Mund zu halten, ist es nicht einfach, sich auch nur eine annähernde Vorstellung von der Geistesverfassung der Bevölkerung und ihrer politischen Struktur zu machen“, schreibt Stéphane Roussel, die große alte Dame des französischen Journalismus in ihren Erinnerungen Die Hügel von Berlin. Man konnte, erinnert sich Roussel, die seit 1930 in Berlin lebte, viel reiste und als Korrespondentin für das Pariser Blatt Le Matin schrieb, nur aus Beobachtungen schließen. Roussel machte drei Hauptgruppen der Bevölkerung aus: Nationalsozialistische Fanatiker, die zunehmend an Einfluss gewönnen. Schweigende Oppositionelle, die versuchten, sich aus allen staatlichen Kontexten zurückzuziehen und möglichst unbemerkt bleiben wollten. Und die große, gewissermaßen „blinde“ Mehrheit, die sich nach dem Machtantritt mit den Nazis arrangiert habe und vor dem Unrecht und Terror vor allem gegenüber den Juden schlicht die Augen verschließe: „Es gibt sogar Tage, an denen man überhaupt nicht Nazi ist – oder wenigstens nicht von früh bis spät. An diese Tage wird man sich nach Hitlers Sturz zweifellos noch erinnern.“

Eine ähnliche Einschätzung formuliert Junius B. Wood im April 1939 nach einer neunmonatigen Deutschlandreise. Er warnt in der New York Times davor, das im Ausland immer wieder beschworene revolutionäre Potenzial gegen Hitler zu hoch einzuschätzen – das ganze Land sei ein Konzentrationslager.

Offenbar wollte man im Ausland die schlimmsten Befürchtungen für die Zukunft eher nicht heraufbeschwören. Die Leiden des Ersten Weltkrieges steckten allen kriegsbeteiligten Nationen noch in den Knochen, und man darf annehmen, dass auch nationalsozialistische Propaganda-Aktionen wie die Olympischen Sommerspiele in Berlin 1936 ihre nachhaltig beschwichtigende Wirkung gezeigt hatten. Drei Jahre zuvor hatten neben den Besuchern in Deutschland auch weltweit mehr als 300 Millionen Radiohörer Deutschland als gastfreundliches, dynamisches, modernes Land erfahren. Monatelang hatte die antisemitische und rassistische Dauerbeschallung ausgesetzt, und der Afroamerikaner Jesse Owens, mehrfacher Goldmedaillengewinner in der Leichtathletik, war zum gefeierten Star der Spiele avanciert. Paradoxerweise trugen sogar die Pogrome vom November 1938 dazu bei, dass die ausländischen Beobachter eine wachsende Kluft zwischen Hitler und seinen Untertanen zu erkennen glaubten: Immer wieder berichteten die Zeitungen, wie angewidert selbst überzeugte Nazis und Antisemiten auf diesen Ausbruch nackter Gewalt reagiert hätten – und man nahm an, dass diese Eskalation der Brualität Hitlers Beliebtheit in der Bevölkerung eher abträglich gewesen war.

Über den Expansionsdrang des „Führers“ und sein eiskaltes Macht-Kalkül konnte nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 und schließlich der Zerschlagung dessen, was nach dem Münchner Abkommen von der Tschechoslowakei übrig geblieben war, im Frühjahr 1939 wenig Zweifel bestehen. Wohl aber über die Frage, ob die deutsche Bevölkerung ihm im Kriegsfall loyal zur Seite stehen würde. 1938/1939 konnte sich Hitler zwar breitester Unterstützung durch das Volk erfreuen. Aber diese Zustimmung verdankte er vor allem der Tatsache einer erfolgreichen Machtpolitik ohne Krieg.

Für die Repräsentanten der freien Welt – Journalisten, die mit der Demokratie aufgewachsen waren und ihre Veränderbarkeit erlebt hatten – war die von der deutschen Bevölkerung praktizierte Loyalität schlicht unvorstellbar. So erscheinen denn die Deutschen häufig als Opfer ihrer Regierung. In einem Vergleich der großen europäischen Metropolen kommt Anne O’Hare McCormick im April 1939 zu dem Schluss, Berlin sei gar keine Stadt mehr, sondern das Zentrum eines Fabriksystems und die Anspannung so groß, „dass die Kriegsgefahr hier weniger spürbar ist als anderswo ... Die Menschen sind betäubt, eingelullt in Propaganda und in dieser moralischen Lethargie, in die Bürger fallen, wenn sie ihre Verantwortung für das, was geschieht, abgegeben haben.“

Dieses Verhalten veranlasste Harold Callender Ende Juli 1939 in der New York Times zu der Frage: „Ist der Deutsche fundamental anders als andere Menschen?“ In seinem Essay analysierte er hellsichtig das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Staat und kam zu dem Befund: Der deutsche Staat behandelt seine Bürger wie unmündige Kinder. Mit einer aus dem Preußentum stammenden, soldatischen Haltung unterwerfe sich der Deutsche seinem Staat, stelle seine eigenen Interessen zugunsten des Ganzen zurück. Nur so sei es erklärbar, dass das Nazi-Regime sich halten könne, trotz einer weit verbreiteten Missbilligung des Terrors gegen die Juden und trotz der Angst vor einem kommenden Krieg.

Callender hatte aber auch Angst vor Pauschalisierungen. Seit 1927 hatte er als Sprachstudent und Journalist in Europa gelebt und behauptete von sich, von Deutschland fast jeden Winkel zu kennen. Im Laufe der Jahre waren ihm zahlreiche Menschen begegnet, die dem Klischee des soldatischen Deutschen widersprachen. Er attestierte den Deutschen besondere Freundlichkeit, Gastfreundschaft sowie einen Sinn für Humor: „Sie haben ihr Quantum Intelligenz, obwohl sie sich gleichmütig einem Staat zu unterwerfen scheinen, der nicht Intelligenz, sondern blinden Gehorsam verlangt – ein Staat, der uns primitiv scheint, wenn nicht gar selbstmörderisch.“

Einen Monat später hatte Hitler längst aufgehört, die Eichhörnchen zu füttern. Mit dem Überfall auf Polen am ersten September 1939 eröffnete er kaltblütig den Zweiten Weltkrieg. Die Bevölkerung – insofern hatten die Berichte die Stimmung durchaus zutreffend eingeschätzt – reagierte anders als im August 1914 verhalten. Zunächst. Denn nach den ersten Siegen sollten weite Teile der Deutschen beweisen, zu welchen Opfern – und Verbrechen – sie aus Loyalität zu Hitler fähig waren.

Stefanie Oswalt, geboren 1967, studierte Germanistik und Geschichte in Köln, London und München. Sie arbeitet als Journalistin, Ausstellungsmacherin und Autorin in Berlin

16:44 16.07.2009

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