Kriterien für faire Mobilität

Zuwanderung Deutschland diskutiert über Armutseinwanderung. Aber niemand fragt, wie ausländische Fachkräfte integriert werden können. Das wäre dringend nötig, vor allem in der Pflege
Kriterien für faire Mobilität
Wer wird uns im Alter pflegen? Und unter welchen Bedingungen?

Foto: Odd Andersen / AFP / Getty Images

Abseits der unsachlichen und unsäglichen Debatte über Armutseinwanderung in die Bundesrepublik ist klar: Deutschland wirbt längst gezielt ausländische Fachkräfte an. Gerade in den pflegerischen Berufen ist der Mangel eklatant. Im Jahr 2030 werden schätzungsweise bis zu 500.000 Vollzeitkräfte in der Pflege fehlen. Die letzte Bundesregierung hat hier gezielt Fachkräfte angeworben, was gerade private Unternehmen befürworten. Das verwundert wenig, denn es ist verlockend, die aufklaffende Lücke mit billigen Arbeitskräften zu schließen. Vor diesem Hintergrund erscheint nicht nur die aktuelle Debatte heuchlerisch, sondern auch verquer.

Derzeit werden modellhaft Personen aus dem europäischen Ausland und aus Drittstaaten für die Pflegearbeit ausgebildet. Dabei wird der Eindruck vermittelt, man befinde sich im Wettbewerb mit anderen „Aufnahmestaaten“. Man müsse jetzt handeln, um die Kostenexplosion im Gesundheitswesen einzudämmen. Viele fordern den Abbau möglicher Hindernisse für ausländische Arbeitskräfte, ohne jedoch Kriterien für faire Mobilität aufzustellen. Das ist verantwortungslos und kurzsichtig.

Das Wirtschaftsministerium legte unter FDP-Minister Philipp Rösler einseitig den Schwerpunkt auf Pflegekräfte aus Drittstaaten. Diese Option wird schnell als Win-win-Situation für alle beschrieben. Doch es ist fatal, diese Fachkräfte als reine Arbeitskräfte zu sehen. Wir tragen Verantwortung für diese Menschen. Die Betrachtung der spezifischen Auswirkungen auf die angeworbene Person oder das Herkunftsland sind auch für die europäische Debatte unausweichlich.

Vier Herausforderungen

Was ist zu tun? Die angeworbenen Fachkräfte sind erstens sprachlich vorzubereiten. Das ist nicht nur für die erfolgreiche berufliche Integration unabdingbar, sondern auch für die kulturelle. Vorbereitungskurse sollten schon im Herkunftsland beginnen und während der Ausbildung oder Beschäftigung fortgesetzt werden. Ziel ist ein Sprachniveau, mit dem die Aufgaben in den Einrichtungen umfassend wahrgenommen werden können. In der Pflege ist beispielsweise eine einfühlsame Kommunikation mit den Pflegebedürftigen genauso unumgänglich wie der fachliche Austausch mit den Ärzten.

Genauso sind Schulungen zur kultursensiblen Pflege notwendig. Das klingt selbstverständlich, ist jedoch in der Praxis ein heikles Thema. Denn wie mit Leben und Sterben umgegangen wird, ist kulturell geprägt. Das gilt genauso für das Verständnis von Nähe und körperlicher Zuwendung da kann eine normale Umarmung schon zur Herausforderung werden.

Zweitens muss das Berufsbild im Herkunftsland berücksichtigt werden. Im Ausland erfolgt die Pflegeausbildung oftmals auf Hochschulniveau. Viele Aufgaben und Tätigkeiten, die hierzulande von Pflegefachkräften wahrgenommen werden, fallen in anderen Ländern eher in den Arbeitsbereich pflegerischer Hilfskräfte. Der Einsatz ausländischer Fachkräfte bedarf daher einer inhaltlichen und mentalen Vorbereitung, da es sonst zu falschen Erwartungen auf Seiten der Arbeitskräfte als auch des Arbeitgebers kommen kann.

Drittens müssen die angeworbenen Fachkräfte unter den gleichen Bedingungen arbeiten und bezahlt werden wie die Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland. Deshalb ist es unabdingbar, dass bei dem Arbeitgeber ein Tarifvertrag vorliegt. Andernfalls werden die angeworbenen Fachkräfte zum Lohndumping missbraucht.

Viertens sind die Arbeits- und die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Angeworbenen planbar und verlässlich zu gestalten. Ihnen muss die Option auf einen Daueraufenthalt und eine Familienzusammenführung eingeräumt werden. Menschen dürfen nicht nach Belieben hin- und hergeschoben werden und fremdbestimmt dem Ausländerrecht oder dem Arbeitsmarkt unterliegen.

Klar ist: Die Anwerbung stellt besondere Anforderungen an unsere Gesellschaft. Und die Fehler der Anwerbephase der sechziger Jahre dürfen nicht wiederholt werden. Deutschland muss antizipieren, wie man die Arbeitskräfte bestmöglich integrieren kann, vor allem auch direkt am Arbeitsplatz. Gelingt uns das, haben wir die Chance einen fruchtbaren und toleranten Arbeitsmarkt zu schaffen. Und einen, der das Soziale mitdenkt. Deutschland ist längst ein Einwanderungsland und die jetzige Debatte zur Armutseinwanderung betrachtet die Wanderungen auf dem Arbeitsmarkt zu einseitig. Anstatt Angst zu schüren, sollten wir Verantwortung übernehmen.

Die Autorin ist Vorstandsmitglied des Bundesverbandes der Arbeiterwohlfahrt.

Brigitte Döcker ist Vorstandsmitglied des Bundesverbands der Arbeiterwohlfahrt.

17:17 13.01.2014
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