Im Kollektiv für die eigene Tasche

Serie Die Apple-Produktion „WeCrashed“ erzählt vom Hype um das Büroflächen-Startup WeWork als „Liebesgeschichte im Wert von 47 Milliarden Dollar“

Plötzlich waren sie überall: Einhörner. Auf T-Shirts, Kaffeetassen, als Plüschtiere, Gebäck, Emojis avancierten sie zum populären Emblem eigentlich erwachsener Millennials. Sogar in der nüchternen Finanzwelt fand das Einhorn schließlich Verwendung: als Bezeichnung für Start-ups mit einer Marktbewertung von über einer Milliarde US-Dollar.

Als solches galt einst auch das US-Unternehmen WeWork, dessen bewegter Geschichte sich die Miniserie WeCrashed widmet. 2010 wurde WeWork von Adam Neumann und Miguel McKelvey gegründet und bot im urbanen Chic ausgestattete Büroflächen für Freelancer an. Nach einer raschen internationalen Expansion und einem zwischenzeitlich auf 47 Milliarden US-Dollar geschätzten Marktwert folgte 2019 die Ernüchterung: Im Zuge der Beantragung eines Börsengangs mussten die Geschäftsführer die tatsächlichen Ausgaben und Einnahmen des Unternehmens offenlegen – und Adam Neumann musste seinen Posten als CEO aufgeben.

Der Verlauf dieser Entzauberung bildet den Plot von WeCrashed, einer auf dem gleichnamigen, 2020 erschienenen Podcast von Wondery beruhenden Miniserie, die einen von der Vorlage etwas abweichenden Zugang wählt: „A Love Story Worth $47 Billion“ lautet die Tagline. Der Fokus liegt auf der Beziehung zwischen dem Gründer Adam (Jared Leto) und seiner Ehefrau Rebekah (Anne Hathaway).

Die erste Episode spult daher nach einem anfänglichen Blick in das Ende von Adam als WeWork-CEO zurück ins Jahr 2007, als der Jungunternehmer auf die aus wohlhabendem Hause stammende Rebekah Paltrow (ja, Gwyneth ist ihre Cousine) trifft, damals auf spirituellen Pfaden wandelnde Yoga-Lehrerin. Ihr erstes Date verläuft suboptimal, nachdem er reichlich zu spät und pleite auftaucht und sie ihm einen Vortrag über das von ihr angeblich verstandene „Spiel des Lebens“ hält. Tatsächlich, so stellt es diese Episode dar, ist es Rebekah, die Adam anspornt, endlich einer Unternehmensidee zu folgen, die ihm wirklich etwas bedeutet. Für Adam, der einen Teil seiner Kindheit in einem Kibbuz verbracht hat, ist es die Idee der Gemeinschaft, die er in der Vermietung von Büroflächen gewinnbringend umsetzen will.

Charisma und Bluff

In den ersten Folgen tut sich Adam rasch als begabter Verkäufer hervor, der es versteht, potenzielle Investoren aus der Reserve zu locken – mit an Aufdringlichkeit grenzender Geselligkeit und kunstvollen Bluffs. In weiteren Episoden zeichnet WeCrashed die rasche, von immer höheren Investitionssummen getragene Expansion des Unternehmens nach Europa, Asien und Lateinamerika nach. Gleichzeitig zeigt die Serie auf, wie sehr die Führungsetage und die jungen Mitarbeiter*innen in einen von Adams Euphorie befeuerten Wahn abdriften: Wiederholt fasst ihn die Kamera auf dem Treppengeländer der WeWork-Zentrale ein, wie er mittels Megafon das Personal anheizt. Das rapide Wachstum des Unternehmens wird auf exzessiven Firmen-Partys gefeiert, als gäbe es kein Morgen – wobei dieser die unterbezahlten und überarbeiteten Mitarbeiter*innen immer zurück ins Büro führt.

Schauspieler Jared Leto, der in den vergangenen Jahren selbst aufgrund exzentrischen Verhaltens für Augenrollen sorgte, liefert hier eine belustigende, ans Karikatureske grenzende Performance samt gerade noch erträglichem Akzent ab, die aber angesichts der realen öffentlichen Auftritte von Adam Neumann treffend scheint. Anne Hathaway als Rebekah steht ihm in nichts nach, wobei ihre Rolle weniger ins Exaltierte und mehr ins pseudospirituell Enthobene steuert. In dieser Darstellung eint beide ein oberflächlicher Idealismus: So finden sie nichts dabei, den WeWork-Bediensteten von der selbstlosen Macht der Gemeinschaft zu predigen, während ihr stetig wachsender Wohlstand den gleichbleibend schlechten Arbeitsbedingungen der Mitarbeitenden entgegensteht. Dabei stellt WeCrashed Adam und die immer stärker ins Unternehmen involvierte Rebekah keineswegs als bösartiges, sondern eher als der Realität hoffnungslos entrücktes und sich ihres Egoismus weitgehend unbewusstes Paar dar.

Mit dem Fokus auf die Unternehmensgeschichte als Liebesgeschichte liefert WeCrashed eine ungeheuer unterhaltsame Erkundung dieser beiden Persönlichkeiten ab, deren Details aus diversen Magazin-Artikeln und Sachbüchern zum Phänomen WeWork stammen. Die Showrunner und Drehbuchautoren Lee Eisenberg und Drew Crevello haben bei der Bearbeitung des Stoffes einen vorrangig komödiantischen Ton angeschlagen, der den Wahnwitz der zunehmenden Verschwendung von WeWork und die ins Toxische abdriftende gegenseitige Bestärkung von Rebekah und Adam konsequent einfasst. Zugleich gelingt dem Regie-Duo aus John Requa und Glenn Ficarra (I Love You Phillip Morris) eine stimmungsvolle, temporeiche Inszenierung. Während sich dabei ein zwischen „Hustle Harder“-Kultur und Gemeinschaftsorientierung pendelnder Zeitgeist deutlich abzeichnet, bleiben die hinter der Verschwendungssucht von WeWork stehenden Marktmechanismen etwas unterbeleuchtet. Stattdessen bekommen wir in WeCrashed finanzkräftige und übermächtige Investoren zu sehen, die sich über Jahre scheinbar nur von Adam Neumanns Charisma blenden ließen – und nicht etwa von einer unstillbaren Gier, die sogar an die Existenz von Einhörnern glauben lässt.

Info

WeCrashed Lee Eisenberg, Drew Crevello USA 2022, 8 Episoden, AppleTV+

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare