Kritisch

Jubiläum Seit 50 Jahren schreibt in den "Blättern" ein breites Spektrum von Intellektuellen gegen den politischen Mainstream an

Das ist schon ungewöhnlich in der Publizistikgeschichte: Eine engagierte politische Monatszeitschrift, die sich über Jahrzehnte halten kann, meinungsfreudig und doch mit wissenschaftlicher Substanz, stets zum Widerspruch gegen den Mainstream neigend - als "Insel der Vernunft in einem Meer von Unsinn" hat der evangelische Theologe Karl Barth die Blätter für deutsche und internationale Politik einst bezeichnet, noch zu Adenauerzeiten. Ihren 50. Geburtstag haben die Blätter jetzt in Berlin gefeiert, wohin sie aus ihrem rheinischen Herkunftsterrain umgesiedelt sind. Ein symbolträchtiger Standortwechsel, den sie da hinter sich haben: Die Zeitschrift startete 1956 unter dem Motto "Aus Sorge um Deutschland", und ihr Grundmotiv war damals die Gegnerschaft zur Zementierung westdeutscher Teilstaatlichkeit, zur Integration der Bundesrepublik in die NATO, zur Wiederbewaffnung, insbesondere zur atomaren Aufrüstung. Zwei gestandene Konservative und ein Kommunist waren die Gründer; naheliegenderweise zogen sich unter den Bedingungen des Kalten Krieges die Blätter den Vorwurf zu, "fellow traveller" für die Ziele der DDR-Staatsführung anzuwerben. Solche Bezichtigungen haben sie indessen überstehen können, dank ihrer publizistischen Qualität und des überhaupt nicht SED-konformen Spektrums von Mitarbeitern. Es kamen in der Zeitschrift nicht nur solche Kritiker des Adenauerstaates und seiner militär- und außenpolitischen Weichenstellungen zu Wort, die gemeinhin als "links" rubriziert werden, sondern mehr noch "Bürgerliche", antifaschistische Konservative, nonkonforme Katholiken, rüstungsgegnerische Protestanten, intellektuelle Einzelgänger. Anfang der sechziger Jahre hat der Bayernkurier die Blätter als "Zentralorgan der außerparlamentarischen Opposition" beschimpft. Richtig war daran, dass für die Entfaltung oppositioneller Politik in Westdeutschland, abseits des Parteiensystems und längst vor der Studentenrevolte beginnend, diese Zeitschrift einen zentralen Ort der Argumentation darstellte - aber eben nicht als ideologische Kommandostelle. Günter Gaus, der später Mitherausgeber war, hat das so erlebt: "Wann immer ich in den Blättern gelesen habe, hat mir die Abweichung von gängigen Denkschablonen gefallen."

War es der "Nationalneutralismus", als Absage an den Adenauer-Kurs, der damals die Blätter-Autoren zusammenhielt? Diese Deutung ist gelegentlich zu finden, aber sie trifft nicht den historischen Kern. Gewiss könnten viele Beiträge in den ersten Jahrzehnten nicht den Beifall ihres heutigen Mitherausgebers Jürgen Habermas erregen, aber als Verweigerung auf dem Weg in westlichen Verfassungspatriotismus sind sie nicht zu verstehen. Die Monatsschrift setzte den spezifischen Fehlentwicklungen der deutschen Geschichte einen Politikentwurf für eine gesamtdeutsche Gegenwart entgegen. Ihr ging es um eine Vorstellung von Volkssouveränität, die etwas anderes sein sollte als "rationierte Demokratie", wie sie die Siegermächte über den deutschen Faschismus den Westdeutschen halb auferlegt, halb geschenkt hatten. Andererseits wurde auch der ostdeutsche Teilstaat in den Blättern nicht etwa zum "sozialistischen Volksstaat" hochgelobt, sondern als Verlegenheitsresultat der Nachkriegsgeschichte empfunden, als eine Lösung, die vornehmlich aus Gründen westlicher Machtstrategie zustandegekommen ist.

Was das demokratische Verfassungsverständnis angeht, so ist es in den Blättern insbesondere von dem Staatsrechtslehrer Helmut Ridder formuliert worden, einem der wichtigsten Autoren der Zeitschrift; da liest sich vieles wie eine vorweggenommene Kritik jener Politikform, in der dann die DDR mit der Alt-BRD zusammengeführt wurde.

Die Geschichte ist über all die Alternativentwürfe, wie sie in den Blättern zu finden waren, hinweggegangen, doch ist dies kein Grund, sie aus dem Gedächtnis zu streichen. Micha Brumlik, gegenwärtig auch ein Mitherausgeber, hat bei der Geburtstagsfeier der Zeitschrift vorgeschlagen, einen begrifflichen Schnitt zu machen und umzutiteln in Blätter für europäische und transnationale Politik. Da sind Zweifel anzumelden. Vielleicht sollten die Blätter besser bei ihrem angestammten Namen bleiben. Aktueller politischer Einmischung kann historisches Bewusstsein gut bekommen, und dieses wiederum ist darauf angewiesen, sich auch an Unterlegene, an Verlierer zu erinnern sowie an die Interessen und Machtstrukturen, denen die Gewinner entstammten und die bis in die Gegenwart reichen.


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00:00 08.12.2006

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