Kritopie

Keine Utopie ohne utopiefähige Kritik Dialektik Reloaded

Vom Land Utopien träumen geht auch ohne einen gesellschaftskritischen Blick, schon Morus malte sich 1516 eine Gesellschaft aus, "wo alles allen gehört". Doch die Analyse dessen, was unsere Gesellschaftsform von Utopien trennt, erfordert einen kapitalismuskritischen Blick auf das Hier und Jetzt. Utopie ohne Kritik bleibt romantische Träumerei, Kritik ohne utopische "Erdung" bleibt abstrakt und bar politischer Sprengkraft. Die Verwirklichung einer Utopie morgen braucht eine Form der Kritik heute, die das Utopische mitdenkt, ohne es konkret benennen zu können. Eine Form der Kritik also, die in der Analyse des Kapitalismus das noch nicht Seiende, Andere, Utopische hinter Tauschwertdominanz und Warenfetischismus fähig ist zu erkennen und das Feuer ihrer Kritik gerade daraus bezieht. Unter dem bislang vorherrschenden intellektuellen Breitbandantibiotikum des Vulgärmarxismus konnte sich derart dialektische Kritik kaum entwickeln. Nicht eine neue Utopie gilt es zu konkretisieren, das ist heute so wenig möglich wie nötig. Die Frage stattdessen ist: Wie funktioniert Kritik eigentlich konkret, wenn sie Utopisches dialektisch mitdenkt? Wie kann das gehen?

Auch wenn Kapitalismuskritik sich selbst immer dialektisch verstanden hat, war und ist sie (historisch erklärbar) stark geprägt von einer (positiv oder negativ gewendeten) Mehrwertfixierung und Tauschwertfokussierung, einem undialektischen Bias, der Kritik am System reduziert auf rein ökonomische Fragen. Diese einseitige Form der Kritik wiederholt sich, wird das Fadenkreuz nun auf "die" Globalisierung gerichtet und die endgültige Entfesselung des Kapitalismus und damit dessen ungebrochene Allmacht ohne Ausweg beklagt. Allzu oft verbirgt sich hinter scheinbar aktueller Globalisierungskritik doch wenig anderes als eine simplifizierende Verelendungstheorie im transnationalen Maßstab.

Dialektische Analyse aber funktioniert anders und sie ist heute wichtiger denn je - war doch Gesellschaft (und damit auch ihre Kritik) niemals zuvor mit komplexeren, ungleichzeitigeren, widersprüchlicheren und heterogeneren Entwicklungen konfrontiert als heute. So viel Real-Dialektik war nie, so wenig dialektische Analyse war selten. Was wir derzeit beobachten, ist nicht die Entfesselung des Kapitalismus, sondern seine Freisetzung: Er befreit sich allumfassend von ihn bislang noch behindernden (gesellschaftlichen, ökonomischen, politischen, nationalstaatlichen oder technologischen) Grenzen. Diese Freisetzung ist nicht der endgültige Sieg des Kapitalismus, sondern macht seine immanenten und qualitativen Grenzen in neuer Weise sichtbar - stärker als früher und eben nicht nur die ökonomischen. Angesichts des Virtuellen wird das Stoffliche, das Leben, der ganze Mensch in seiner Negation sichtbarer. Das alles ist und war immer mehr und qualitativ anderes als Warenform und abstrakte Arbeit erfassen können. Diese Freisetzung hat eine neue Qualität und sie braucht eine neue Qualität der Kritik. Vom Qualitativen, Gebrauchswertseitigen hat der Kapitalismus schon immer (zwangsläufig und immanent) abstrahiert - die Kapitalismuskritik aber leider auch. Dem Kapitalismus kann man das kaum, seiner Kritik aber muss man das vorwerfen. Das Utopische kommt aber eben gerade durch dieses Qualitative und Gebrauchswertseitige erst in die Kritik hinein.

Selbst die konsequente Anwendung der Tauschwert-Gebrauchswertdialektik aber scheint heute der Kritik am System abhanden gekommen zu sein: Aktuelle kritische Zeitdiagnosen von Castells bis Lazzarato, von Hardt/Negri bis Moulier-Boutang, von Lash bis Haug entwickeln (unterschiedlich verpackt und gewichtet) den Gedanken, seit dem Internet dominiere das Virtuelle und Immaterielle, dadurch werde Arbeit nicht mehr nur ökonomisch, sondern auch inhaltlich abstrakt, vormals unterschiedliche Tätigkeiten würden von "dem" Computer homogenisiert. Selbst von der Auflösung des angeblichen Dualismus von Tausch- und Gebrauchswert ist die Rede. Diese Diagnosen haben auf den ersten Blick durchaus ihren Charme, erfüllt doch die neue immaterielle Basis der Ökonomie - so scheint es - alle Voraussetzungen für einen "feuchten Traum" des Kapitalismus.

Beispiel Software: Investiere einmalig in Produktionsmittel und lebendige Arbeit für den Produktionsprozess der Programmierung - der abstrakt-stoffliche Warenkörper des Quellcodes ist (durch Kompilierung und Kopierbarkeit) besonders tauschwertkompatibel; reproduziere den im Code steckenden Gebrauchswert beliebig bei geringen Investitionskosten für den Vervielfältigungsprozess; realisiere schließlich auf dem Markt einen Tauschwert weit über dem Wert des Vervielfältigungsträgers. Die völlige Entkopplung von Gebrauchswert- und Warenproduktion also? Erst eine konsequent dialektische Analyse macht sichtbar, dass gerade die scheinbare Bedeutungserosion lebendiger Arbeit bei der immateriellen Warenproduktion Indiz einer qualitativ neuen Relevanz lebendiger Arbeit ist: Zur quantitativen Bedeutung menschlicher Arbeit als Mehrwertproduzent gesellt sich nun stärker als bisher ihre qualitative, als Voraussetzung der Aneignung hoch entwickelter Produktivkräfte.

Am Beispiel Software lässt sich das konkretisieren: Eine Software ist eine Software ist eine Software. Sie ist dies in einer sehr konkreten Weise (optimiert für einen Prozessortyp, lauffähig unter einem Betriebssystem, ausgerichtet für einen Anwendungskontext), trägt also eine spezifische Zwecksphäre, eine potenzielle Nützlichkeit in sich. Dieser Gebrauchswert kann nicht beliebig von den abstrakt-stofflichen Bedingungen des Warenkörpers abstrahiert werden: Einer Textverarbeitung ist beim besten Willen keine 3D-Animation zu entlocken, mit HTML-Code schreibt sich keine Datenbank. Das Wesen des Gebrauchswerts aber - also die Nützlichkeit, die sich nur im aneignenden Gebrauch oder Verbrauch verwirklicht - ist in der immateriellen Ökonomie kopierfähig geworden. Kopie und Original sind in Bezug auf die Gleichheit des enthaltenen potenziellen Gebrauchswerts ununterscheidbar geworden.

So weit so gut (oder schlecht?). Erst der dialektische Blick aber verweist auf die hinter dieser scheinbaren Ununterscheidbarkeit liegende Substanz: Der potenzielle Gebrauchswert realisiert sich - bei Original wie Kopie - erst in der aneignenden Nutzung durch das Subjekt. Je austauschbarer die Form der Ware, je mehr sie sich scheinbar auch in ihrer Erscheinung dem Tauschwert annähert, desto stärker verweist sie auf das dahinter (scheinbar) Verschwindende. Die neue Tauschwertdominanz gelingt also nur um den Preis einer neuen Qualität von Gebrauchswertrelevanz. Den Debatten um OpenSource gelingt ein Bezug auf das Utopische da, wo sie sich auf diese neue Bedeutung des Gebrauchswerts beziehen (nicht etwa weil das Utopische in der Technik stecken würde). Das Beispiel der neuen Gebrauchswertrelevanz in der immateriellen Ökonomie zeigt: Das Utopische schimmert auf in der Kritik, wenn die Dialektik von Tausch- und Gebrauchswert ernst genommen und aktualisiert angewendet wird.

Nochmal dialektische Analyse konkret, diesmal angewendet auf den Menschen, das Subjekt: Kapitalismuskritik hat sich für das Subjekt allenfalls interessiert, wenn es als vermeintlich revolutionäres auf den Plan trat. Ansonsten wurde es - wie vom Kapitalismus selbst auch - reduziert auf seine abstrakte Seite, seinen Tauschwert: die Arbeitskraft. Revolutionäres Subjekt versus Arbeitskraft? Da mag sich der ein oder andere spannende Widerspruch verbergen, Dialektik ist das deswegen noch nicht. Dialektisches Bemühen greift zu kurz, wenn es sich auf äußere Widersprüche oder auf eine reine Zuspitzungs- und Umschlagsdialektik beschränkt, statt die innere Beziehung und die Einheit der Widersprüche in ihrem Konflikt zu betonen. Dialektische Analyse sucht nach einer inneren Logik, die von qualitativ anderer Natur ist als die Strukturlogik, zu der sie sich widersprüchlich verhält - und fängt eben so das Utopische mit ein. Beim Subjekt wäre also zu suchen nach einem dialektischen Widerpart zur übergreifenden Strukturlogik der Ware Arbeitskraft. Dieses "Andere" müsste innerhalb des Subjekts liegen, also auf der selben Ebene wie die Arbeitskraft, die ja auch nur eine Seite des Subjekts ist. Und diese "Andere" müsste einer per se eigenständigen Logik folgen.

Da die Arbeitskraft Warencharakter hat, sind ihre Strukturmerkmale quantifizierbar, formalisierbar und mit ökonomischen Prinzipien kompatibel. Ihr dialektischer Widerpart im Subjekt muss demnach das per se Qualitative, Nicht-Formalisierbare und Nicht-Ökonomisierbare verkörpern: Das Arbeitsvermögen ist die Kategorie, die den eingangs eingeforderten "kritopischen" Blick auf Subjekt und Arbeitskraft an dieser Stelle einlöst. Steht Arbeitskraft für Lohn, Leistung, Kontrolle, Arbeitsverhältnis, formale Qualifikation, formalisiertes Wissen, dann umfasst das Arbeitsvermögen lebendiges Arbeitswissen, Leib(Erfahrungen), Autonomiestreben, nicht formalisierbare Wissensbestände. Das Arbeitsvermögen bleibt partiell "dunkel", ist nicht bis ins Letzte bestimmbar, denn es steht für die leibliche und auf das Stoffliche bezogene Seite menschlichen Seins und damit auch für die partielle Hereinnahme des Menschen "an sich". Es ist sozusagen Vorbote eines anderen, utopischen Menschseins. Utopie wird in der Kritik konkret, wenn das Arbeitsvermögen (nach dessen Anlage bei Marx und den konzeptuellen Weiterentwicklungen bei Negt/Kluge und den feministischen Debatten zum weiblichen Arbeitsvermögen) zu einer benenn- und beschreibbaren und empirisch beobachtbaren Kategorie konkretisiert wird. So hält nicht nur der utopische Gehalt Einzug in die Kritik, sondern Kritik wird schärfer und konkreter und fähig, die aktuellen Entwicklungen präziser als bislang zu durchleuchten.

Der Kapitalismus hat die Notwendigkeit dieser lebendigen Seite des Subjekts längst entdeckt und zielt auf die Nutzung des ganzen Menschen. Kapitalismuskritik aber handelt sich, nimmt sie wie Stefan Meretz (Freitag 26 vom 18. Juni) den ganzen Menschen in den Blick, prompt Schelte aus den eigenen Reihen ein: So unkt Kurz (Freitag 33 vom 6. August) gleich "Ideologieverdacht!", wirft "Pathos des abstrakten Menschen" und Poesiealbumkitsch vor. Kritik einer Gesellschaft aber macht nur Sinn, wenn die Entfaltung des Menschen die Kritikfolie bildet. Um dabei nicht romantischen Überhöhungen auf den Leim zu gehen, ist die Hausaufgabe heutiger Kapitalismuskritik, die Dialektik anwendet. Statt konkreter Utopie: konkrete Dialektik. Wer von Utopie reden will, darf von Kritik nicht schweigen. Kapitalismuskritik bedarf (will sie nicht nur einfache Reaktion auf Erscheinungen sein) Formen der Kritik, die das Utopische - obwohl nicht im Hier und Heute abschließend konkretisierbar - strukturell einbauen. Kritik, die Utopie in diesem Sinne mitahnt, bedarf dialektischer Methoden.

Die Schwierigkeit einer konsequent dialektischen Kritik ist es, die konkrete Analyse des "Jetzt" mit dem immanent und notwendig Vagen und Unbenennbaren des "Anderen" zu verbinden. Marx tat dies (das erschließt sich nur in der integrativen Schau des Gesamtwerks, die Kritik im Kapital bezieht ihre Sprengkraft aus der philosphisch-anthropologischen Perspektive der Frühschriften), bei Bloch und bei Lefébvre lässt sich viel Dialektik lernen. Dialektik tun aber obliegt uns heute. Es reicht nicht mehr, Dialektik zu reklamieren, es kommt darauf an, sie zu praktizieren! Das strukturelle Umgehen mit dem Vagen und Nicht-Benennbaren bei gleichzeitig klarer und logischer Analyse will gelernt und geübt sein, und zwar in der Auseinandersetzung mit konkreten Erscheinungen. Es gilt einen derart konsequent dialektischen Blick innerhalb bestehender Kritikkonzepte kategoriell zu präzisieren, konzeptuell erkennbar zu integrieren und schließlich empirisch brauchbar zu operationalisieren. Also: nicht wie bei Kurz "zweiter Abschied von der Utopie", sondern dialektische Reanimation oder besser Reinvention der Kapitalismuskritik. Utopie morgen braucht Kritopie heute.


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00:00 26.11.2004

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