Krokodilstränen einer Technokratin

ANNETTE SCHAVAN Warum die neue Chefin der Kultusminister-Konferenz keine Reformerin sein kann

In solchen Momenten kann sie furchtbar nett sein. "Ist das nicht eine wunderbare Schule." Annette Schavan schwärmt in der kleinen Runde Ministerialer, Journalisten und CDU-lern. Alle lassen sich von den Berichten der Kultusministerin Baden-Württembergs über die wahrscheinlich beste deutsche Schule mitreißen. An Benno und Renate Kroschel, den Lehrern jener Zwergschule aus dem Schwarzwald, lässt sich en detail vorführen, was den Schulen hierzulande gut täte. Die Schavan strahlt.

Die Stohrenschule, mit 16 Schülern die kleinste staatliche Schule Deutschlands, blickt vom Schauinsland nahe Freiburg ins Tal hinab. Die Kroschels und ihr gutes Dutzend Kids praktizieren, was in anderen deutschen Lehranstalten als total modern gilt: Es wird jahrgangsübergreifend unterrichtet. Die Kroschels arbeiten weniger nach Lehrplan als mit Projektunterricht - in Freiburg beim Besuch des Zoologischen Instituts zum Beispiel. Auch den Oberlehrer gibt es auf 1.100 Metern Höhe nicht, weil oftmals ältere Schüler in die Lehrerrolle schlüpfen. Frontalbeschulung geht ohnehin nicht mit fünf Jahrgängen an drei Tischen. Und - wer hätte das erwartet - die Stohrenschule ist computerisiert, sie hängt am Netz. Das alles ist in der Tat phantastisch - nur durfte beim Bildungsparteitag der CDU in Stuttgart kaum einer davon erfahren. Denn die von Frau Schavan eingeladenen Kroschels kamen dort nicht zu Wort.

Diese Szene vom November letzten Jahres steht beispielhaft für das widersprüchliche Engagement der baden-württembergischen Schulministerin, die vergangene Woche den Vorsitz der Kultusminister-Konferenz (KMK) übernommen hat: Sie schätzt das Beste in der Bildung - versteckt es jedoch. Sie hat das Wissen für wirklich gute Schulen - und beschränkt sich darauf, das Technokratische zu verwirklichen. Sie weiß genau, was allen Schülern nutzen würde - und fördert in ihrem Elitismus doch bevorzugt die Spitze. Von der 45-jährigen Rheinländerin sei als KMK-Chefin viel zu erwarten, hieß es dieser Tage, weil sie eine tatkräftige Reformerin sei. Tatkräftig ist Annette Schavan ganz gewiss, bloß weisen ihre Veränderungen nicht nach vorn, sondern zurück, sind mehr Reaktion als Reform.

Die politische Quereinsteigerin - zeitweilig gar als Kandidatin für das Amt als Ministerpräsidentin gehandelt - wurde durch ihren Kampf um die Stärkung der gymnasialen Oberstufe richtig bekannt. Beharrlich setzte sie in der KMK durch, dass die Länder den Gymnasiasten wieder mehr Pflichtfächer in der Kollegstufe aufgeben dürfen - und blieb so jenem Elitedenken treu, dem sie sich als Ex-Chefin des Cusanus-Werks, der katholischen Hochbegabten-Förderung, verpflichtet fühlte. Denn wer den Leistungsdruck in den oberen Gymnasialklassen verstärkt und gleichzeitig an der konsequenten Sortierung der Schüler nach der vierten Klasse festhält, schottet das Gymnasium noch stärker von Haupt- und Realschule ab. Frau Schavan marschiert also stramm weiter entlang dieses deutschen Bildungs-Sonderwegs. Nirgendwo sonst in Europa (außer in Österreich) werden die guten Schüler so früh vom Rest getrennt.

Nun hat Annette Schavan eine neue positiv klingende Parole ausgegeben: Der Lehrerberuf müsse attraktiver werden. Das ist natürlich viel freundlicher als des Kanzlers böser Spruch aus niedersächsischen Tagen, Lehrer seien faule Säcke. Und es scheint verbindlicher als das nichtssagende Diktum ihres Vorgängers Willy Lemke aus Bremen, Lehrer machten alle irgendwie einen duften Job.

In Wahrheit kann man Schavans Anbiederung an die Pädagogenzunft ebenso gut zynisch nennen. Denn sie entdeckt ihre Liebe zu Lehrern in dem Moment, da sie sie schlicht braucht. Davor hat sie die Pauker genauso im Regen stehen lassen wie es die gesamte deutsche Kultuspolitik bis vor zwei Jahren tat. Annette Schavan hat noch Anfang 1999 Tausenden frisch ausgebildeten Lehrern den Eintritt in den Schuldienst blockiert. Auf einmal stellt die Kultusministerin über Bedarf ein.

Aus der Perspektive vernachlässigter SchülerInnen und zur Kompensation des immensen Schulausfalls ist die scharfe Kehrtwende in der Einstellungspolitik natürlich zu begrüßen. Im Jahr 2000 haben die Länder laut einer Umfrage knapp 30.000 neue Lehrerinnen und Lehrer an die Pulte gerufen - knapp 5.000 mehr als jährlich neu auf den Arbeitsmarkt kommen. Der plötzliche Wettbewerb um die Pauker wird freilich auch einen klaren Verlierer produzieren: Es wird einmal mehr der Osten sein. In den kommenden zehn Jahren steht eine Art Völkerwanderung der Lehrer in den Westen bevor, ein neuer brain-drain. Bereits praktizierende Lehrer werden zuhauf Richtung besser bezahlter Jobs im Westen abrücken. Und die Junglehrer aus den Seminaren sind ja schon stillschweigend für den enormen Lehrerbedarf zwischen Flensburg und Garmisch eingeplant.

Annette Schavan hat mit ihrer hastigen Einstellungspolitik vor der Landtagswahl im Ländle den Wettlauf um die Lehrer mit angestoßen. Jetzt, da sie Vorsitzende der KMK ist, verlangt sie, ganz staatsmännisch, nach "Spielregeln". Die wären bitter nötig, aber Fachleute wie der Essener Bildungsökonom Klaus Klemm halten das für einen frommen Wunsch. "Die Länder werden versuchen, sich gegenseitig auszuspielen", sagt er voraus.

Frau Schavan aber rührt weiter die Trommel. Sie verspricht, nicht ohne Krokodilstränchen über das rapide gesunkene Ansehen der Pauker zu vergießen, den Lehrerberuf wieder aufzumotzen. Ihre zu diesem Zwecke versprochene "Weiterentwicklung des Dienstrechts" wird sich aber eher ins Gegenteil umkehren. Als Grund für die Unattraktivität des Paukerdaseins sieht Annette Schavan nämlich ernsthaft die Tatsache an, dass ein paar Länder Lehrer als Angestellte beschäftigen. Das halten auch sonst zurückhaltende Kommentatoren für ausgemachten Quatsch. Denn die Immobilität und Starrheit liegt am Beamtenstatus der Lehrer. Ihren populären Vorschlag etwa, Quereinsteiger aus anderen Studiengängen und Berufszweigen für Schulen anzuheuern, ließe sich unter einem Angestelltendienstrecht viel leichter verwirklichen.

Doch nirgendwo bricht sich die angebliche Modernität der Annette Schavan stärker an ihrem Konservatismus als beim Personalrecht. Selbst die tolle Stohrenschule leidet unter der Reglementierung. Renate Kroschel darf in der Zwergschule nur einen so genannten Nebenlehrauftrag ausfüllen. Sie ist Gymnasiallehrerin - und als solche darf sie formell in der Zwergschule nicht unterrichten. Vorschrift ist eben Vorschrift. Da traut sich auch Frau Minister, bei aller Verzückung, nicht ran.

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00:00 26.01.2001

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