Krückenpoker

Sportplatz Kolumne

Neulich fiel ich vom Baum. Das hindert mich nicht daran, am Pokerturnier des Servers Full Tilt Poker im Berliner Hotel Estrel Convention Center teilzunehmen, für das ich mich bereits zwei Wochen zuvor online qualifiziert hatte. Am Samstag starte ich, angetan mit einem schwarzen Samtkleid, hohen Stiefeln, Operntäschchen - und zwei Krücken. Eine Million Dollar stehen auf dem Spiel!

Wer meint, dass Krücken hindern, irrt. Längst sitze ich auf einem der Hocker im großen Hauptsaal, als die meisten Besucher sich noch am Einlass türmen. Vorbei an einer mehrere hundert Meter messenden Schlange haben mich Hotelboys zum Lift gewunken, mir schließlich geheime Tapetentüren geöffnet, um mich vor langem Warten zu bewahren. Überlebensgroße Fotos von Howard Lederer, Phil Ivey, Chris "Jesus" Ferguson, Jennifer Harman, Erik Seidel hängen an der Wand. Einige dieser weltbesten Pokerspieler, ist angekündigt, sollen heute zum "Million Euro Challenge" erscheinen. Kaffee wird mir gebracht, Zigaretten und Ascher gereicht. Ich bin selig. Ein Foto von mir auf Krücken zwischen den Pokergöttern wird gestellt.

Kurz nach zehn Uhr stürmt die Meute herein, bestaunt flirrende Spots und die Banner ihrer Idole. Nervosität schwirrt im Saal. Ein gestriegelter DSF-Mann erhitzt das Volk mit Frage-Spielchen; Wer hat wie viele Armbänder bei der letzten WSOP (World Series of Poker, Pokerturnier in Las Vegas) gewonnen? Die "blind-carts" (Turnierteilnahmekarten ohne Qualifizierung) sind schnell unter den brüllenden Jungstieren verteilt. Irgendwann donnert ein Fanal. Die Turnier-Ritter betreten unter dem Johlen der Menge die Arena, lassen sich an den runden Tisch führen, befragen und begaffen. Boxern gleich umringt von Licht und Leuten. Phil Ivey lächelt soverän, Clonie Gowen als einzige Frau kaut ein rauchiges Amerikanisch. Chris Ferguson lüftet den obligaten Cowboyhut und ist viel kleiner, als ich dachte. 12 Uhr 30 Uhr breche ich zum Spielsaal auf, dränge mich krückenschwingend am Poker-Volk vorbei. Männern zwischen 18 und 25 meist, wenige Prozent bleiben den Damen und älteren Spielern. Die Jungs tragen T-Shirts, seltsame Bärte oder noch keine, Capes oder Kapuzen.

An meinem Tisch finden sich neun Spieler ein, Mario und ich. Mario gibt die Karten, endlich fange ich an zu zittern. Habe in Gedanken den Küchentisch meiner Freundin Andrea vor mir. Wie war das bei den Pokerrunden? Wir spielen Texas Holdém. Jeder bekommt zwei verdeckte Karten, dann wird gesetzt. Nach einer Runde legt der Geber drei Karten auf (Flop), es wird wieder gesetzt. Nach der nächsten Runde wird eine Karte (Turn) aufgedeckt, wieder gesetzt. Zum Schluss die letzte Karte (River). Aus den eigenen zweien und den fünf liegenden kann man insgesamt fünf Karten wählen. Bei jeder Runde kann man erhöhen oder aussteigen, erhöht keiner, kann man "checken" und bleibt drin. Kleinster Gewinner ist ein Pärchen, höchster der Royal Flush - die 10, Bube, Dame, König, As - in einer Farbe.

Vor mir liegen die Chips, zwei graue Tausender, eine Handvoll roter Fünfhunderter und zwei Stapelchen schwarzer Hunderter. 13 Uhr. Im Spielsaal herrscht gespannte Ruhe, 700 Köpfe beugen sich über flaschengrüne Beläge. Es folgen Small Blind (halber Einsatz) und Big Blind (voller Einsatz). Beim Fanfarensignal geht´s los. Klack, klack. Ich nehme meine zwei Karten hoch, Dame, Zehn. Spiel ich. Gewinn ich. Dame im Flop, Zehn am River. Nächste Runde, zwei Könige. Gewinn ich. König im Turn. Mein Chip-Stapel wächst.

Drittes Spiel Dame, fünf, Herz. Geh mit, call, raise, check und zeigen. Es liegt ein Berg Chips da, mein verbliebener Gegner hat zwei Pärchen. Ich bin raus, denke ich, da zeigt mir Mario, dass fünf Herzen vor mir auf dem Tisch liegen. Straigth Flush! Alles zu mir. In fünf Minuten habe ich mehrere Zehntausend gewonnen. Ohne zu wissen, wie! Ich habe nicht gefrühstückt, drei Kaffee getrunken, zwei Schmerztabletten intus. Ich staple graue Haufen, schiebe Chips zusammen. Als ich den vierten Spieler vom Tisch nehme, murrte es zu meinen Seiten leise. Als ich frage, wie hoch der Big Blind sei, der immerhin alle zwölf Minuten steigt, schüttelt der Basecapträger links von mir entnervt den Kopf. Ich nehme ihn mit einem Full House (ein Drilling und ein Paar) vom Tisch.

Eine Stunde später bin ich raus. Humple glücklich und sehr langsam in die VIP-Lounge. Essen und Prosecco warten auf mich. Die Krücken lehne ich an die Wand. Tags danach versuche ich´s direkt noch mal. Setze beim Schneckenrennen, das ein alter Freund ausrichtet. Verliere auf Schnecke Hammerotze, gegen den sich Aphrodite beim Steilwandrennen durchsetzt, gebe spät nachts im Club Karten beim Black Jack. Der Clubchef fragt, ob ich mit den Toiletten zufrieden sei - ausreichend behindertengerecht? Die Getränke gehen aufs Haus. Mir werden Joints gebracht, Schnecken, Geld, Komplimente.

Ich überlege, die Krücken ein wenig länger einzusetzen, als medizinisch nötig wäre. Ein halbes Jahr fürs erste?


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