Krümel einer papiernen Welt

Chaos und Ordnung Die junge polnische Autorin Olga Tokarczuk findet zurück zur Einheit von Phantasie, Mythos und Realität

Olga Tokarczuk schreibt keine Geschichten im herkömmlichen Sinne, ihre Romane und Erzählungen verzichten auf eine streng komponierte Fabel, dafür liefern wiederkehrende Figuren eine Art erzählerisches Gerüst, an dem entlang ein loser Faden gesponnen wird. In den drei Büchern, die bisher in deutscher Sprache erschienen, tauchen einige der Figuren immer wieder auf. Als gelte es, an ihnen Traditionen und Verhaltensmuster fest zu machen. Als könne jedes Ding sein Eigenleben, seine spezifische Ausformung erst dann gewinnen, wenn die Gewissheit fester Bezugspunkte da ist. Die Erzählerin, die sich scheinbar von außen - jeden Sommer zum Beispiel -, in ein Dorf in Oberschlesien begibt, mit den Bewohnern lebt, sie als Bewahrer, Vermittler begreift: Der gesammelten Erfahrungen, Unglücke, Merkwürdigkeiten, der abgewandelten und immer wieder originalen Überlieferungen, aus denen auch die Märchen kommen. Die Erzählerin, 1962 geboren, studierte Psychologin, begnügt sich nicht mit gefälliger Glätte, ihr Ehrgeiz ist penible Genauigkeit, Tiefenlotung. Ein Jedes hat hinter sich ein Anderes, auch das kleinste Detail verdient Aufmerksamkeit. Das große Ganze ergibt sich aus Begebenheiten, die scheinbar willkürlich aneinandergereiht sind. Die Erzählerin verschafft sich so eine Perspektive, aus der sie von innen ebenso gut wie von außen beschreiben kann. Sie saugt die Begebenheiten ein und spuckt sie wieder aus, dringt auf diese Art bis ganz nach innen vor, um sich Schicht für Schicht wieder an die Oberfläche zu arbeiten. Sie erzählt, was sonst niemand von Institutionen, Bäumen, Landschaften, Häusern, Menschen, Tellern, Tieren, Orten erzählen könnte. Alltagsweisheiten nützen dem Leser bei der Interpretation wenig, sie dienen der Handhabung der Dinge, der Bewältigung ihrer Strukturen, dem täglichen Umgang. Sie werden von der Autorin vorausgesetzt.

Das, was Olga Tokarczuk interessiert, sind die Geschichten von längst vergangenen Tagen und Nächten, von Angst und Lust, Arbeit und Müßiggang, so wie es Dinge des täglichen Lebens bewahren. Die geben es auf eine eigenartige, den normalen Sinnen nicht zugänglichen Art preis. Sie öffnen sich jenen, die akzeptieren, dass es neben Sehen und Hören, Schmecken, Riechen und Fühlen noch unendlich viele Möglichkeiten gibt, Welt zu erfahren. Wasser lügt, es kommt in vielerlei Gestalt vor und Mädchen haben sich eine Maske zugelegt, sie sind nicht zu begreifen. Aber Ahnungen, Stimmungen, sie sind wahrhaftig.

Für diese Art Literatur steckt in einem Bauernschrank mehr Faszination als auf der Straße je zu finden wäre. Der Schrank ist das Ende der Ablenkung, in ihm ist Konzentration auf das Eigentliche, das Ende der Angst. Ebenso wie in den Mythen, die Erfahrung bündeln und über die Zeit im Bewusstsein halten. Denn Jahre sind unwichtig, sie ändern am Wesen der Menschen nichts. Die Erzählerin kann Zeit hin- und herschieben, mischen, nur innerhalb einer Episode ergibt sich Chronologie. Die Gestalt der Dinge aber verändert sich. Menschen gehen mit ihnen um, ohne zu fragen, woher sie kommen, warum sie so und nicht anders sind. Ein Zinnteller zum Beispiel, der bei Marta (für die Autorin die wichtigste Person im Dorf) steht, die neblige Landschaft, die Sätze von Platon, die das Leben verändern, sie alle sind Teile, aus denen Weisheit, Unendlichkeit und Gefahr sprechen. Das Internet kommt als neues "Ding" hinzu, nützt der Welt nicht nur mit dem, was es an Wissen und Information parat hat, es hebt Träume ins Bewusstsein, die in der Vergangenheit wurzeln. "Würde man die Traumgestalten, die Sinne und Gefühle summieren...entdeckte man darin vielleicht einen Sinn, eine Ordnung, die dem Muster ähnlich ist, nach dem in dieser Welt die Börsen oder die großen Flughäfen funktionieren - eine Karte untergründiger Verbindungen oder starrer Pläne, unberechenbarer Ahnungen und ausgetüftelter Algorithmen..." (Taghaus, Nachthaus)

Die Faszination dieser Literatur aber liegt weder in der phantastischen Kraft, noch in der Fülle der Episoden, sondern in der Verknüpfung von Chaos und Ordnung, die schließlich das erzählerische Abbild einer ganz realen Welt produzieren. Diese junge Autorin begreift Realität als Teil, als unsichtbare Koordinate, als stetig wirkende unterschwellige Kraft, deren Einfluss auf Jedermann in allen Lebensphasen unleugbar da ist. Und sie begreift Zeit als Teil der Dinge, Faser im Sein von Mensch und Tier. Olga Tokarczuk will summieren, nicht als Lebenshilfe, sondern um dem unendlich vielfältigen Prisma seine glitzernde, himmlisch schöne oder erschreckend abstoßende Komponente zu entlocken. Sie will den Lichtstrahl im richtigen Winkel bündeln.

Alles ist Licht, alles ist Dunkel. Taghaus, Nachthaus - so heißt ihr neuster Roman, in dem ein Teil der Erzählungen, die DVA unter dem Titel Der Schrank im Jahr 2000 veröffentlichte, enthalten sind. Hell und Dunkel sind nur in der Dualität existent. Es ist ein Problem des Winkels und der Tageszeit. Da es der Autorin nicht um den Ablauf von Geschichten geht, ist Einordnung das, was jeweils andere und neue Dimensionen öffnet. Die Wirkung, die Spur, die Geschehenes hinterläßt oder hinterlassen hat, werden zur Bilderwelt verflochten, die in herausragenden Episoden kafkaeske Größe gewinnen. In der Titelerzählung Der Schrank ebenso wie in Peter Dieter oder Ergo Sum, die letzten zwei finden sich in Roman und Erzählband. Krieg, Vertreibung, Verlorensein - Begriffe, die höchstens am Rande auftauchen, in starken Sequenzen aber weit über Ort und Zeit hinaus weisen. Was einmal als Erleichterung des Lebens gedacht war, engt ein, bis wir fest umschlossen sind wie von Ketten - der Schrank ist ein gewöhnliches Ordnungsutensil, bevor er die Welt ersetzt, das Leben schlechthin.

Peter Dieter, der deutsche Tourist, der seine alte Heimat besucht, hinaufsteigt auf den Berg, der heute die Grenze zwischen Polen und Tschechien markiert, stirbt und wird von Grenzern der einen Seite auf die andere geschoben, um in der nächsten Nacht von den Grenzern der anderen Seite wieder dorthin gebracht zu werden, wo er seinen letzten Atemzug tat, hin -her - her - hin, hin - her....Treibgut, das keiner aufsammelt. Die Blüten der Bürokratie oder die Angst davor wuchern längst so stark, dass kein Raum bleibt für das Normale. Was aber ist das? "Ich weiß, dass die Dinge, egal, ob sie belebt sind oder tot, Bilder in sich aufzeichnen...", lässt die Erzählerin eine ihrer Figuren sagen. Sie zu entdecken ist normal. Sie aufzuschreiben Kunst. Normal ist alles oder nichts ist normal. Im Buch finden sich Rezepte für Gerichte aus gemeinhin ungenießbaren Pilzen und Kräutern, Ergo Sum aber wird zum Werwolf, weil er, hungernd auf sinnlosem Posten, von einem toten Menschen aß. Unverzeihliche Sünde. Ein Satz von Plato macht es ihm bewußt, Wissen ist Verwandlung. Geistige Abstinenz und harte körperliche Arbeit Medizin - dazu die Geschichte der heiligen Kümmernis und ihres Biografen, die sich breit über alle anderen legt, ihre eigene Spannung entwickelt, nicht ob der Taten, sondern weil sie deren Schatten in den wenig nachgefragten polnischen Katholizismus zeichnet und das für Polen noch immer fast unnennbare Problem vom Trans- und Homosexualität im Klerus anreißt. Aber die Autorin sucht keine Antwort, sie beschreibt Zwänge und Normen, Ungewiss- und Gewissheiten, aus denen der Leser allein wieder herausfinden muss.

Sie spielt mit ihrem Material, für sie ist nicht wichtig, woher es kommt, wenn es denn zur Charakterisierung jenes Menschentyps taugt, dem ihre Aufmerksamkeit gilt. Was soll da Anfang sein, was Ende? Die Autorin wirft Episoden in den Ring, baut sie aus, vernachlässigt sie und greift sie ein paar Kapitel später wieder auf. Wie von einem Zauberstab dirigiert, öffnen sich auf diese Art Wege aus dem Jahrhundert-Labyrinth, das die Geschichte Polens, die Geschichte von Polen und Deutschen umschließt. Die kleinen Leute als Opfer auf beiden Seiten. Zwangsumgesiedelt aus dem Osten Polens in die Gebiete, die die Deutschen als Folge des zweiten Weltkriegs fluchtartig verließen oder verlassen mussten... "Als die Deutschen hinter den Hügeln verschwunden waren, kam die (polnische) Obrigkeit zurück, um ihnen zu sagen, dass ihr Dorf nicht mehr Einsiedel heißt, sondern Pietno... Wie sieht die Welt aus, wenn das Leben nur noch Sehnsucht ist? Sie sieht papieren aus, zerkrümelt zwischen den Fingern und zerfällt..."

Dieser Zerfallsprozess bestimmt Tokarczuks Literatur, sie versucht, darauf den eigenen Reim zu finden, so wie es Alte oder Kinder tun und - wer weiß - Landschaft, Vieh, Gegenstände ?.... Sie hantiert mit Göttern und Engeln, heraus kommt dennoch jene ganz reale, von Krieg und Unrecht gezeichnete Welt, für die der Mensch verantwortlich ist. Denn "wie alle von Gott erschaffenen Dinge sind auch die Engel unstet."..., heißt es in "Ur und andere Zeiten", dem ersten ins Deutsche übersetzten Buch der Autorin. Wer Esoterik vermutet, wird also enttäuscht sein, alles, was daran erinnert, dient der Autorin als Metapher; wer die einfache Beschreibung des Verhältnisses von Polen und Deutschen erwartet, erlebt ein konsequent aus polnischer Sicht geschriebenes Buch, das lediglich die Berührungsflächen mit ausleuchtet. Wer unter modern die schnelle, an der Schnitttechnik des Films orientierte Erzählweise versteht, dem werden diese Romane zu viel Ausdauer abverlangen. Der aber, der dieser Sprach- und Bilderwelt vertraut, erlebt die Zusammenführung der Sinne, die dem Leben jene offene Struktur geben, in der selbst ständiger Verfall nicht endgültig ist.

Olga Tokarczuk: Ur und andere Zeiten, Roman, Berlin-Verlag, Berlin 2000, 335 S., 39,80 DM
Der Schrank. Erzählungen, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 2000, 117 S., 32,- DM
Taghaus, Nachthaus. Roman, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 2001, 318 S., 39,80 DM
(Alle aus dem Polnischen von Esther Kinsky)

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00:00 12.10.2001

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