Künstliche Berge

A–Z Berlin hat einen neuen höchsten Berg, die Arkenberge in Pankow – aus dem Müll von zwei Generationen. Und wie kamen noch gleich die Alpen in die Schweiz? Das Wochenlexikon
der Freitag | Ausgabe 06/2015 1

A

Andrea Im tiefen Tal der Superhexen zoffen sich die Role Models der Generation Pegida & Pedigree: die alterslose, blonde Frau ohne Eigenschaften, die „Sibiriendeutsche“ Helene Fischer, die sich mit Florian Silbereisen liiert, zum Traumpaar der deutschen Volkskultur. Die Heizdecke und ihr Verkäufer. Und da ist Andrea Berg, die den Charme einer Pilsbarthekenfrau verströmt, die die Beziehungsprobleme und Sehnsüchte ihrer Stammkunden so gut kennt, weil es ihre eigenen sind.

Das hier aber geht zu weit, das ist der Gipfel! „Helene Fischer statt Andrea Berg: Wieso zeigt ZDF zum Geburtstag von Berg ein Fischer-Konzert?“ Tja, wieso, weshalb, warum? Was ist das für eine Welt, in der die Fischer an diesem Tag auftreten darf? Die gerade mal 30 ist, während la Berg 49 wird! Ödipa im deutschen Schlagerorkus! Noch ’n Pils, Andrea, und mach dir nix aus der Zicke Helene. Und Happy Birthday sowieso. Georg Seeßlen

B

Benedikt Matter Es ist nicht so, dass die Berge schon immer in der Schweiz standen. Wie sie dahin kamen, darüber gibt es viele Theorien. Die populärste stammt von dem Schriftsteller und Kabarettisten Franz Hohler (geboren 1943). Er trug sie das erste Mal auf einem Kongress über „Flachland und Psyche“ in den Niederlanden vor. Deshalb wird sie meist in etwas stümperhaftem Pseudoniederländisch erzählt. Hier die Kurzfassung: „Frücher war Switzerland en von de flachste Länder van de Weelt.“ Sie war zwar voller Skilifte, die fuhren aber alle geradeaus. „De Bergstatiuns were net heher als de Talstatiuns“, erkannten die Schweizer traurig.

Es begab sich, dass ein Schweizer namens Benedikt Matter nach Holland kam. Dieses Land war ja voller hoher Berge, aber es gab keine Skilifte! Im Winter kletterten die Holländer auf die „Topen“ und fuhren mit den „Klumpen“ (Holzpantoffeln) nach unten. Das war dröge und nass. „Wat wer vermissen, is et platten Land.“ „Wat wille denn mit den platten Land tun?“ „Tülpen pflanzen!“ Die Schweiz aber war voll von diesen. Was tun? Matter erinnerte sich an das Sprichwort „Et Chelof versatze Berche“. Die Schweizer und Holländer gingen in die Kirche und glaubten einen Tag lang. In Holland knackte und krachte es nur so, und die Berge flogen in die Schweiz. Alle waren zufrieden, und nach dem Mann, der diese Idee hatte, nannte man den höchsten Berg: Matterhorn. Michael Angele

Butter Schutt (➝ Halden), Trümmer (➝ Mont Klamott), Abfall (➝ Documenta) oder auch Kies sind naheliegende Materialien für neue Berge. Deutlich kreativer zeigte man sich bis in die 1980er Jahre hinein in Brüssel. Weil in den 50ern zu wenig landwirtschaftliche Produkte erzeugt worden waren, sollte der Knappheit auf europäischer Ebene entgegengesteuert werden – durch einen festen Abnahmepreis. Die Maßnahme zeigte Wirkung, die Bauern produzierten fortan großzügig Butter und Milch. So großzügig, dass keiner all die Milchprodukte essen konnte. Also kaufte die EU die Erzeugnisse auf. Ende der 70er entwickelte sich so eine blühende Parallel-Landschaft aus Butterbergen und Milchseen. Erst die Einführung der Milchquote, die übermäßige Milchproduktion sanktionierte, stoppte das Wachstum dieser Berge. Im April dieses Jahres läuft die Quote nun nach über 30 Jahren aus. Benjamin Knödler

D

Documenta Werke, die auf Unrat gründen, sind ja kein neues Thema, aber die ebenso alte Frage „Ist das Kunst, oder kann das weg?“ stellt zuverlässig immer einer, sobald im Museum oder auf einer Kunstschau etwas verwest. Kassel ist da für Spitzfindige meistens ergiebig. Auf der vergangenen Documenta (13) gammelte Song Dongs Doing Nothing Garden vor sich hin, ein grüner Hügel über einem in die Karlsaue verlegten Müllhaufen – allerdings tat er das erhaben schön, vom Abfall war weder etwas zu riechen noch zu sehen.

Wo ein Berg ist, da neigt der Mensch reflexhaft zum Besteigen. Wo immer er eine innerstädtische Brache findet, pflanzt er geradezu zwanghaft alte Tomatenarten und Kartoffelsorten. Hier durfte er beides nicht. Womit die Frage nach dem Kunstcharakter wohl hinlänglich beantwortet wäre. Ein Berg, der einfach nur Berg sein darf, also nicht Rodelhang (➝ Ski Dubai), Kuhweide, Mobilfunkmastbasis, Aussichtspunkt, Gipfelkreuzträger, Hochwasserschutzwall und viele Dinge mehr sein muss – so etwas ist nur im geschützten Raum der Kunst möglich. Christine Käppeler

F

Fünferliberg Das Geld liegt nicht auf der Straße, sagt man bekanntlich. Aber genau dort gehört es hin, fand die Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen in der Schweiz (➝ Benedikt Matter). Acht Millionen Fünf-Rappen-Stücke schütteten die Aktivisten 2013 vor dem Regierungssitz in Bern aus. Ein „Fünferli“, wie die Münzen in der Schweiz auch heißen, für jeden Einwohner.

Die Aktion war der Abschluss einer Unterschriftensammlung für eine Volksabstimmung über das Grundeinkommen. 2.500 Franken (rund 2.400 Euro) soll jeder Schweizer monatlich bedingungslos erhalten. Die Kampagne brach alle Rekorde, noch vor Ablauf der Frist kamen 130.000 Unterschriften zusammen, mehr als benötigt.

Die Hälfte des 15 Tonnen schweren Geldbergs hat inzwischen das Museum Stapferhaus im Aargau zum Nennwert von 200.000 Franken gekauft. Dort ist der Haufen noch bis Ende November in der Ausstellung Geld. Jenseits von Gut und Böse zu sehen. Die Abstimmung fand noch nicht statt. Josephine Schulz

H

Halden „Es war, als hätt’ der Himmel die Erde still geküsst“ schrieb Joseph von Eichendorff schon 1837, als er im Süden Gelsenkirchens mit einer Mantaplatte auf der Hand über sein Leben sinnierte. Auch wenn es Mitte des 19. Jahrhunderts noch keine Bergehalden gegeben haben dürfte – die aufgeschütteten Gesteinsberge gehören zum Ruhrgebiet wie Kniften und Henkelmänner. Die ersten großen Halden entstanden in den 1940er Jahren, um das unbrauchbare Gestein aus den Zechen loszuwerden. Heute hat beinahe jede Kleinstadt ihren eigenen begrünten Abfallberg (➝ Documenta). Über aufgetürmten Schnickschnack wie in Berlin kann ein echter Kumpel nur müde lächeln. Verglichen mit einer ordentlichen Bergehalde wirken die Pyramiden von Giseh wie ein Trümmerhaufen; neben der Sophienhöhe bei Jülich ist der Tafelberg ein unförmiger Klumpen Tuffstein. Inzwischen gilt es als gesichert, dass Goethe in Iphigenie nicht etwa den Hain vor Dianas Tempel, sondern die dicht belaubte Halde Franz Haniel bei Bottrop meinte. Trotzdem üben sich die Bewohner des besten Orts der Welt in Bescheidenheit: Die größte Aufschüttung nahe meinem Heimatdorf wird ganz unspektakulär „Bergkamener Alpen“ genannt, und wer im Stau am Kamener Kreuz langsam die Nerven verliert, sollte vielleicht dort abfahren und eine Runde wandern gehen. Simon Schaffhöfer

M

Modelleisenbahn Die Wahl des Statussymbols ist eine sehr altersspezifische Sache. Vom Kindergarten an bis ins frühe Teenie-Alter, ließ sich mit der eigenen Modelleisenbahn ordentlich Eindruck schinden. Ziemlich gut stand da, wer zwei Züge hatte, die unabhängig voneinander fahren konnten. Richtig angesehen war man, wenn außerdem Autos, kleine Bauarbeiter und zusätzliche Bahnhöfe und Kioske die Modellwelt belebten. So weit war ich gekommen und freute mich auch gebührend daran. Bis zu dem Tag, an dem ein Freund seine eigene Landschaft buchstäblich in neue Höhen trieb, indem er mit einem Berg inklusive Tunnel auftrumpfte. Der überragte alles, sodass ich mir mit meinen Häuschen und Männchen ziemlich piefig vorkam.

Die Pappmachéfelsen eröffneten neue Szenarien, die nachgespielt werden konnten: Wandertouren, spektakuläre Kletterpartien, Lawinen, Steinschläge, Bauarbeiten im Tunnel. Meine domestizierte Landschaft war da nicht mehr so attraktiv. Zumindest bis zu dem Moment, als mein Opa mir einen eigenen Berg bastelte. Der hatte zwar keinen Tunnel, dafür war er ein wirkliches Unikat aus der großelterlichen Werkstatt. Ich war wieder im Geschäft. Mit der Zeit ging der Reiz der Modelleisenbahn an sich verloren. Der Berg steht inzwischen auf dem Speicher. Hergeben werde ich ihn nicht mehr. Mal sehen, wen ich damit noch beeindrucken kann. Benjamin Knödler

Mont Klamott Von der „grünen Beule“, die „mitten aus’m Stadtgedärm von Berlin“ wächst, habe ich erst von der unvergesslichen Tamara Danz gehört. Mit ihrer Band Silly setzte sie 1983 dem Mont Klamott ein Denkmal. Nachdem die Rote Armee 1946 versucht hatte, den Großen Bunkerberg in Berlin-Friedrichshain zu sprengen, karrten die „Mütter dieser Stadt“ Millionen Tonnen von Schutt zusammen. Der Berg diente schon dem Film Die Legende von Paul und Paula als Kulisse. Ulrike Baureithel

P

Papier Büroarbeit ist größtenteils reizarm: Informationen verwalten, sichern, ablegen. Bleibt man da nicht beständig dran, türmen sich schnell die Aktenberge. Abhilfe soll das papierlose Büro schaffen, eine Verwaltungsform, die komplett auf digitale Ablage und Information setzt. Das bedeutet zunächst Mehrarbeit, weil alle Belege gescannt werden müssen, aber danach können sie entsorgt werden. Die meisten Firmen sind skeptisch, was die Vernichtung von Originalen und die Sicherheit angeht. Für mich als Papierfan ist das papierlose Büro nur eine Verlagerung der Berge ins Digitale, der Aufwand wird ja nicht geringer. Einzig der Umweltaspekt könnte mich überzeugen. Jutta Zeise

S

Ski Dubai Dass sich Superreiche aus den Vereinigten Arabischen Emiraten so manche Extravaganz leisten können, ist nichts Neues. Eine besonders kuriose Demonstration finanzieller Potenz ist es, eine schneebedeckte Alpenlandschaft in die klimatisch diametral entgegengesetzte Region zu pflanzen. Fünf Pisten, auf die Nacht für Nacht tonnenweise Neuschnee geschossen wird, führen vorbei an nicht ganz echtem Alpengestein, Bäumchen und Hütten mit Namen wie St.-Moritz-Café. Alpenkitsch der Extraklasse, den man mit Fug und Recht befremdlich finden kann.

Während die Schweizer aufgrund des Klimawandels um die Zukunft des alpinen Wintersports fürchten, garantiert die Hightechhalle Ski Dubai das ganze Jahr über Talabfahrten und Hüttengaudi. Nur eben ohne Kafi Schnaps und Schümli Pflümli. Benjamin Knödler

Z

Zauberberg Auf einen Berg mit magischen Kräften schien der junge Hans Castorp nicht gefasst. Aber es ist eben ein Zauberberg, auf den Thomas Mann im gleichnamigen Roman (vollendet 1924) seinen Helden schickt. Umkehr und Abstieg drohen als freier, tödlicher Fall zu enden. So bleibt Castorp sieben Jahre im Lungensanatorium Berghof, ohne lungenkrank zu sein. Ein Patient aus Passion, der sein Jahrhundert flieht, bis es ihn erwischt, weil der Erste Weltkrieg beginnt. War das die tausendseitige Bildungsreise wert?

Bertolt Brecht, den eine herzliche Feindschaft mit Thomas Mann verband, spottete: „Der Dichter gibt uns seinen Zauberberg zu lesen. Was er (für Geld) da spricht, ist gut gesprochen! Was er (umsonst) verschweigt, die Wahrheit wär’s gewesen. Ich sag: Der Mann ist blind und nicht bestochen.“ Lutz Herden

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06:00 18.02.2015
Geschrieben von

Ausgabe 43/2020

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