Kühle BHs, heisse Scheitel

Berliner Abende Es ist nicht nur die Klimaanlage. Ich gehe auch einfach so gerne in den Supermarkt. Aber die Klimaanlage ist bei diesem Wetter natürlich ein ...

Es ist nicht nur die Klimaanlage. Ich gehe auch einfach so gerne in den Supermarkt. Aber die Klimaanlage ist bei diesem Wetter natürlich ein zusätzlicher und nicht ganz unwichtiger Grund.

Draußen ist es heiß, sehr heiß, die Sonne knallt vom Himmel und selbst der Asphalt auf der Straße scheint zu schwitzen. Meine Wohnung liegt direkt unter dem Dach, und der Supermarkt in der Pasteurstraße ist nur fünf Stockwerke und zweihundert Meter entfernt. Er hat nicht nur diese schöne Klimaanlage, sondern auch eine Tiefkühlkostabteilung, in der es noch mal ein paar Grad kälter ist. Wenn man sich über die riesigen, mit weißem Neonlicht ausgeleuchteten Truhen beugt, kann man wunderbar Gesicht und Oberkörper erfrischen. Diese Tiefkühltruhen sind das exakte Gegenstück zu den Bräunungspritschen des Sonnenstudios auf der Greifswalder Straße, und das Schöne ist, dass ihre Benutzung nichts kostet.

Ich gehe zwei Mal täglich in den Supermarkt: Mittags, wenn das Thermometer seinen Höchststand erreicht, und abends vor Geschäftsschluss, um mich auf den Feierabend einzustimmen. Mittlerweile kennen mich hier alle, und ich kenne sie. Wir sind so etwas wie eine kleine Familie, die das Leben durch verschlungene Zufälle zusammengeführt hat.

Frau Wenke von der Käsetheke und Herr Schlichtring, der Schlachter, sind heute besonders gut gelaunt und präsentieren mir mal wieder den längsten Supermarktscheitel Berlins. Herr Schlichtring ist eigentlich Besitzer einer rosigen Metzgerglatze, aber Frau Wenke steht jetzt so hinter ihm, dass ihre langen, blonden Haare über seinen kahlen Schädel fallen und er plötzlich einen beatlesverdächtigen Scheitel trägt, der ihm bis auf die Schultern reicht.

"Vom Scheitel bis zur Sohle, arbeiten wir zu Ihrem Wohle", sagen die beiden mit einer Stimme, und dann darf ich eine Scheibe von der thüringischen Hofsalami probieren, die diese Woche im Angebot ist. Anschließend nimmt Frau Wenke ihr Haar wieder an sich, steckt es zu einem Vogelnest zusammen und reicht mir noch ein Stück französischen Schafskäse.

In der Tiefkühlkostabteilung sehe ich Frau Schaller oder besser gesagt einen Teil von ihr, denn mit ihrem Oberkörper ist sie in einer der Kühltruhen verschwunden. Frau Schaller ist weit über achtzig, und sie ist immer mit ihrem Hund Max und ihrem Rollator unterwegs. Ich stelle mich neben sie und tauche mit meinem Kopf zu ihr hinunter in die neonerleuchtete Kühle.

"Hallo, Frau Schaller", sage ich.

Frau Schaller dreht ihren Kopf zu mir und strahlt mich an. "Ich lege meinen BH jetzt zuhause über Nacht in das Gefrierfach." Diese Frau überrascht mich immer wieder aufs Neue.

"Wie in dieser Fernsehwerbung?", frage ich.

Frau Schaller nickt. "Genau. Wie in der Fernsehwerbung. Meine Enkeltochter hat mir den Tipp gegeben. Es ist wirklich angenehm. Sie sollten das auch mal probieren."

Ich trage zwar keine BHs, aber es ist trotzdem ein netter Rat. Wann ihre Enkeltochter ihr wohl den Tipp gegeben hat? Wenn ich mich nicht täusche, ist dieser Werbespot schon sechs oder sieben Jahre alt. Und da waren es auch keine BHs, sondern drei Grad kühle Slips. Aber egal. Ich betrachte das Tiefkühlgemüse und die Schlemmerfilets vor unseren Augen und stelle mir dazwischen Frau Schallers BH vor.

"Die Hitze ist spitze, aber unsere Pizza ist spitzer."

Die Supermarktdurchsage reißt mich aus meinen idyllischen Phantasien. Ich nehme mir ein Schlemmerfilet aus der Truhe, verabschiede mich von Frau Schaller und gehe zur Kasse.

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