Angelika Nguyen
26.05.2011 | 14:00

Kühler Blick auf die Atomenergie

Film Der Dokumentarfilmemacher Volker Sattel zeigt in "Unter Kontrolle" in großen Panoramen die atomindustrielle Landschaft – und stößt auf eine technische Welt von gestern

"Tschernobyl hat uns das Genick gebrochen“, sagt der Wachmann des stillgelegten Brüters Kalkar mit tragischem Gesicht. Fast möchte man mit ihm weinen. Die atomare Verheißung der fünfziger Jahre, die saubere Utopie der Zukunft – jetzt ist sie futsch. Der Film Unter Kontrolle erzählt eine kleine Historie der deutschen Atomenergie auf besondere Art: ohne Polemik.

Regisseur Volker Sattel, zugleich auch Kameramann, erkundet die Atomkraftwerke räumlich, architektonisch, technisch und lässt diese Eindrücke auf uns wirken. Angesichts der Kernschmelze im AKW Fukushima und der eilig verfügten Aussetzung des Ausstiegs aus dem Ausstieg durch die Union-FDP-Regierung ist dieser Film hochaktuell, aber auch zeitlos. Kühl entzieht er dem Thema die Leidenschaft und macht eine vor allem visuelle Bestandsaufnahme. Was war, was ist und was wird sein?

Er zeigt Betriebsabläufe in Echtzeit, das langwierige Herunterlassen der Brennstäbe, die Duschen der Belegschaft, Dekontaminierungsschleusen, Hakenleisten für gebrauchte Mäntel, Betriebsversammlungen und die Atomkuppel von innen, besucht die gespenstische Investitionsruine und den seltsamen Rummelplatz von Kalkar. Still und aufmerksam fährt die Kamera die Atomkraftwerke ab.

Atomkraft ist sicher

Durch diese filmische Unvoreingenommenheit bekommen wir eine Ahnung davon, wie alles begann: gigantisch, selbstbewusst, optimistisch. Auch die Faszination des Regisseurs von der Architektur und Technologie der Atomkraftwerke und sein Respekt vor den Mitarbeitern der AKWs bestimmen den Film. Aber wer kann heute noch im Ernst behaupten, Atomkraft sei sicher und sauber? Höchstens die Atomindustrie selbst. Indem Mitarbeiter im Film ihren Standpunkt erläutern, setzen sie sich ganz allein dem Spott und besseren Wissen des Publikums aus. Sattel verzichtet auf eigenen verbalen Kommentar. Das ist subtil und erzeugt mehr als einen Lacher.

So erschließt sich am Ende der Filmtitel in dreifacher Bedeutung: Unter strenger Kontrolle fanden die Dreharbeiten statt, "unter Kontrolle" wähnen Beschäftigte und Fürsprecher der Atomindustrie die Radioaktivität noch immer, "unter Kontrolle" schließlich als ironischer Kommentar, denn gerade die erwiesene Unkontrollierbarkeit der Atomenergie macht sie zur größten Zeitbombe der Geschichte. Eigene Skepsis teilt uns der Regisseur still mit, beispielsweise über das intensive Gefühl der Beklemmung, das die Kamera minutenlang in 600 Metern Tiefe im unterirdischen Endlager Morsleben erzeugt.

Der Film ist auch ein Zeitdokument. Er fängt die Stimmung in den Jahren vor Fukushima ein, die seltsame Normalität, mit der Atomkraftwerke in Deutschlands Landschaften gehörten. Es bedurfte der Katastrophe von Fukushima, damit die Ablehnung der Atomkraft aus der Protestbewegung in die Mitte der Gesellschaft gelangte und heute sich mehr Menschen für den Film interessieren als noch zur Berlinale.

Im Film ist oft der Kühlturm zu sehen, das Symbol für Atomkraftwerke. In seiner geometrischen Geschlossenheit wirkt er geradezu konspirativ. Das passt zur Aussage eines Mitarbeiters, eine Art AKW-Credo: „Was hier drinnen ist, bleibt auch drinnen.“ Jetzt ist es draußen.