Kühler Glanz des Banalen

Boulevard Die Dauerausstellung im "Literaturmuseum der Moderne" in Marbach am Neckar präsentiert Menschenleben in der Vitrine

Gut und hilfreich ist es, wenn ein Museum Kunst zeigen, noch besser, wenn es gleich selbst welche produzieren kann. Das in diesem Sinne herausragende Exponat des neuen "Literaturmuseums der Moderne" ist der von Hans Magnus Enzensberger entwickelte "Landsberger Poesie-Automat". Die mit literarischen Satzbausteinen und einem ausgewählten Vokabular gefütterte Maschine schreibt per Algorithmus und auf Knopfdruck immer wieder neue Gedichte, zum Beispiel dieses: Überflüssige Melancholie unter der Hirnrinde.

Dieser staubige Todeswunsch nach der Heirat./ Und diese zweideutigen Ohnmachten: das kennt man! Übrigens gelingt uns einfach zu viel./ Stattdessen schnell noch rasende Geräusche. Insgeheim absahnen!"

Das ist in seinem abgründigen Automaten-Humor auch nicht schlechter als ein großer Teil der bundesdeutschen Gegenwartslyrik. Und es passt zum "LiMo" - so lautet der spritzige Kosename der neuen Institution.

Abzusahnen gibt es genug in diesem Literaturmuseum. Der dunkel getäfelte Hauptsaal des Museums ist mit schrankhohen, innen auf mehreren Etageren sanft angestrahlten Vitrinen bestückt, eine kühle Piazza der Schaukästen, der gläsernen Skulpturen, ein leuchtendes, eiskaltes Op-Art-Kunstwerk in sich. Sakral sieht es aus, na klar, warum nicht, schließlich wird hier nicht irgendetwas ins Licht gerückt, sondern die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts. Das erfordert Konzentration aufs Wesentliche - und doch kann man in dieser auch vom Konzept her so positiv durchsichtigen Ausstellung sich assoziativ treiben lassen wie der Flaneur auf seinem Lieblings-Boulevard.

Vier thematische Straßen, zwischen denen man locker wechseln kann, haben die Kuratorinnen Heike Gfrereis und Katja Leuchtenberger konstruiert: auf der ersten sieht man Primär-Literatur, Manuskripte in all ihren Überarbeitungen, Verbesserungen, Konvolute, Mappen: das Schreiben als Entstehungsprozeß. Die zweite Schiene präsentiert die Ware, das Verlags-Produkt, den Gebrauchsgegenstand: das Buch, zumeist aus dem Besitz des Autors. Und auch das gibt Zeugnis über die Zeit: Umschlag, graphische Gestaltung, Format, Typographie - das ist epochentyisch und verändert sich im Laufe des Jahrhunderts erheblich, so wie sich die Manuskripte von Handschriften zu getippten Maschinenschriften und viel später zu Computerausdrucken verändern.

Die dritte Zeitachse zeigt Briefe, Postkarten, Korrespondenz, die vierte Erinnerungsstücke und Alltagsgegenstände - und alle vier Spuren zusammen erinnern uns daran, dass Literatur Arbeit ist, harte Arbeit, eingebettet in oft banale Alltagsvollzüge, in Freundschaften und Feindschaften, in Geschäftsbeziehungen und ideologische Kämpfe, in politische Wirren und - oft genug - in ökonomische Not.

Nun ist es für die Kuratoren die größte Schwierigkeit, eine Auswahl zu treffen, aber ein Gebot der Fairness, in der Präsentation alle gleich zu behandeln. Das könnte dazu führen, dass wir, die Betrachter, dann auch alle Schriftsteller gleich lieb haben, also: dass in der Nacht des Museums alle Katzen grau sind. Genau das ist aber nicht der Fall. Die Auswahl mischt sehr bewusst Bekanntes und weniger Bekanntes, sie hat keinerlei ideologische Scheuklappen - und sie misst dem Ausstellungsbesucher selbst die Aufgabe zu, sich zu entscheiden und von seinen Vorlieben und Interessen leiten zu lassen. Für den Spezialisten gibt es also heute nicht unbedingt zum Kanon gehörende Autoren wie Friedrich Gundolf, Karl Wolfskehl, Max Bense, während das große Publikum sich an die allbekannten Gebrüder Mann, Erich Kästner oder Martin Walser halten mag.

Längs der Vitrinen ist eine endlos scheinende, wahrscheinlich noch von Joseph Beuys selig mit Filz bezogene Sitzbank gezogen, auf der die Jahresdaten eines ganzen, des 20. Jahrhunderts eingezeichnet sind. Man kann sich also zum Ausruhen in einem Jahr seiner Wahl niederlassen, und man wird sehr schnell merken, wie nah uns die Literaturgeschichte auf den Pelz rückt, ins eigene Leben eingreift. Denn das, was da ausgestellt ist, ist ja auch das, was wir selber uns mühevoll angeeignet haben. Man kann sehr genau feststellen, wann man selbst angefangen hat zu lesen - und was. Man wird sehen, dass das eigene Geburtsjahr einen inneren Bezugspunkt bildet zu den Autoren, die einem wichtig waren - und wie mit den Jahren manche Beziehungen verblassen und andere, neue, aber auch entlegenere, immer prägender werden.

Die Zeitachse setzt mit Nietzsche und Fontane ein, also knapp vor 1900, und klingt mit der Gegenwart aus, mit der Totenmaske von Heiner Müller und mit Peter Handkes spanischsprachigem Lese-Exemplar des Don Quichote. Wichtig sind seltsamerweise weniger die philologisch ergiebigen Exponate, bei denen man zum Beispiel sieht, wie Norbert Elias oder Hans-Georg Gadamer, unnachsichtig mit sich selbst, in den eigenen bereits gedruckten Büchern herumredigieren. Entscheidend ist vielmehr das, was ein ganz neues Licht auf diese vom Kulturbetrieb oft in sauerstoffarme Höhen gepushte Schriftsteller wirft: dies sind bisweilen rührend banale, sentimentalitätsgeladene Objekte, die uns zeigen, dass auch der Geistesarbeiter ein in den Widernissen des Alltags wild herumruderndes Wesen ist.

Da sieht man eine Sanatoriums-Rechnung für Christian Morgenstern (1914), aus dem Besitz des Kuchenessers Kurt Tucholsky eine Tüte vom Café Kranzler (1923); Tablettendosen von Karl Wolfskehl (1945), einen Brief von Ingeborg Bachmann an einen Freund (1958), in dem sie sehr zögerlich mitteilt, sie lebe nun in Zürich mit Max Frisch zusammen. Paul Celan hinterließ unter anderem einen rumänischen Personalausweis und ein Metro-Billet, auf das Günter Grass bei seinem Wegzug aus Paris seine neue Berliner Adresse geschrieben hatte. Man kann auch eine Speisekarte der Stadthalle Hannover betrachten (Schweinebraten mit Roberttunke, gemischtes Gemüse, Kartoffeln) - wichtig ist auch da die Rückseite: auf die hat nämlich Gottfried Benn 1935 das Gedicht Ach, das Erhabene notiert.

Wichtiger als die Anwesenden sind ja bisweilen die Abwesenden: die Ausstellung etabliert auch einen Kanon, und man fragt sich natürlich, wer alles fehlt - und warum. Es fallen einem haufenweise Schriftsteller ein, die mit ebenso großem Recht unter die Vitrine gehört hätten wie die gezeigten. Wahrscheinlich auch ein Platz-Problem. Immerhin: von Bernward Vesper ist ein halbseitig verschimmeltes Manuskript von 1977 ausgestellt (der Mann ging bekanntermaßen nicht pfleglich mit sich um), und 1981 brachte der Zweitausendeins-Verlag eine hier würdig inszenierte Tragetasche (!) mit den Konterfeis von Alexander Kluge und Oskar Negt heraus. F. C. Delius war einer der ersten Schriftsteller, die tatsächlich einen Computer benutzten - nun steht man vor der verschmuddelten und vom offenbar reichhaltigen Nikotingenuss angegilbten Tastatur, ein museal inszeniertes Arbeitsgerät.

So erzählt diese Ausstellung nicht nur Literatur-, sondern auch Sozialgeschichte, unserer aller Geschichte, die der Bundesrepublik und ihrer deutschen Vorgänger- und Parallelwelten. Aus der gewesenen DDR ist erstaunlich wenig zu sehen, aber vielleicht ist das ja der Materiallage geschuldet: das Museum wird gespeist aus dem Marbacher Deutschen Literaturarchiv (unter seinem Leiter Ulrich Raulff), es will ganz bewusst dessen Schaufenster sein, das Archiv einer größeren Öffentlichkeit aufschließen, neugierig machen auf die Entstehungsprozesse von Literatur - aber es kann eben nur das zeigen, was es auch tatsächlich im Depot hat. Und das kommt in weiten Teilen aus Westdeutschland.

Natürlich ist die Ausstellung angreifbar. Ein nicht ganz aus der Luft gegriffener Vorwurf lautete, dass in Marbach zum Teil Kuriosa präsentiert werden, deren Bezug zum jeweiligen Werk nebulös bleibt. So kann man sich durchaus fragen, ob Thomas Manns Taufhemd oder Erich Kästners Aktentasche, jenseits der rührenden sozialhistorischen Authentizität, Wesentliches über diese Autoren erzählen. Wenn man aber weiß (oder nun erfährt), dass Kästner im Kaffeehaus schrieb und dort wie ein mittlerer Angestellter mit Aktentasche erschien, dann macht das diese Autoren-Figur plastischer. Das zweite Argument scheint stichhaltiger: die Literatur ist, wie eben an der Debatte um den Peter Handke zunächst zuerkannten Heine-Preis zu sehen, auch ein politischer und publizistischer Kampfplatz. Der ist im Museum kaum darstellbar; man kann das nicht nachinszenieren. Die bösesten Attacken, die Menschen auf Jahre hinaus verletzen, bekämen im Museum, als pure Schriftstücke, etwas Haptisches und Niedliches. Diese ganze Dimension: "wie gehen Schriftsteller miteinander um?" wird an eher harmlosen Beispielen abgehandelt: Wolfgang Hildesheimer begründet zum Beispiel in einem leidend-komischen Brief an Marcel Reich-Ranicki, warum er Hermann Brochs Tod des Vergil auch nach nächtelanger Anstrengung nicht rezensieren könne. Handke selber ist mit diversen Büchern (Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms) vertreten. Es ist sicherlich im Sinne dieses Museums, auch solche aktuellen Debatten in die Arbeit einzubeziehen - an Veranstaltungen und Begleitprogrammen ist ja kein Mangel, das ist der Ort dafür.

"Jemand musste Josef K. verläumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens gefangen." So (und in dieser Rechtschreibung) beginnt Kafkas Proceß, das teuerste (vor Jahren bei Sotheby´s ersteigerte) Manuskript des Museums. Kafka hat dann, wie wir nun sehen können, das "gefangen" durch das ungleich bessere "verhaftet" ersetzt. Das hat auch Folgen für den Roman. Solche Kleinigkeiten anschauen zu können, ohne die Kästen im Archiv mühsam bestellen zu müssen, seitenlang: das ist grandios. Und Brigitte Kronauer schreibt im Katalog einen ganzen Beitrag über "Kafkas erste Streichung im ›Proceߋ".

Ergo: die Frage, ob man Literatur ausstellen kann, ist mit Eröffnung des Literaturmuseums der Moderne in Marbach beantwortet: natürlich kann man; es muss nur ein überzeugendes Konzept da sein. Ein solches haben die Marbacher Kuratoren: Bescheidenheit vor dem Gegenstand, dem Manuskript, dem Buch. Zurückhaltende Präsentation. Das Exponat ist nur der Ausgangspunkt für weitere Erkundungen, die dem Museumsbesucher überlassen bleiben - hier bieten die Marbacher die handelsüblichen Medien, vor allem einen (so heißt das leider im Neudeutschen:) Audio-Guide, den Katalog, eine Multimedia-Installation und nicht zuletzt: das Deutsche Literaturarchiv selbst, in das sich jeder Wissbegierige auf Antrag Einlass verschaffen kann. Die Ausstellung aber verführt nicht nur zum Schauen, sondern auch zur Arbeit: man geht mit tausend Ideen wieder hinaus.

Literaturmuseum der Moderne, Marbach am Neckar. www.dla-marbach.de. Katalog zur Dauerausstellung: Denkbilder und Schaustücke. Marbacher Katalog 60, herausgegeben vom Deutschen Literaturarchiv Marbach/ Deutsche Schillergesellschaft. 20 EUR


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00:00 16.06.2006

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