Kulissenschieben am Putin-Prospekt

Tschetschenien In Grosny schreitet zwar der Wiederaufbau voran, doch der innere Frieden der Kaukasusrepublik ist trügerisch, die terroristische Gefahr noch längst nicht gebannt

Unsere Maschine von Moskau nach Grosny trägt einen symbolisch wenig geeigneten Namen – Bombardier. Auf dem Flughafen der tschetschenischen Kapitale heißen uns riesige Porträts des ehemaligen Präsidenten Achmad Kadyrow willkommen, der 2004 bei einem Attentat getötet wurde. Auch an Bildern des russischen Staatschefs Dmitri Medwedjew fehlt es nicht. Damit keine Zweifel aufkommen, wohin die Kaukasus-Republik gehört. In der Stadt selbst schmücken Poster des Präsidenten Ramsan Kadyrow, des Sohnes von Achmad, viele Wände und Fassaden.

Es ist Samstagabend und Zeit für den Subbotnik, freiwillige Arbeit am Wochenende wie zu Sowjetzeiten. „Versuch mal den Subbotnik zu umgehen. Erfährt es Ramsan, wirst du entlassen“, meint unsere Begleiterin Ajbika. Deshalb nähmen so viele teil, sei manches Stadtquartier dank Subbotnik auf Vordermann gebracht. Auch wenn Ajbika Ramsan Kadyrow lobt, senkt sie beim Aussprechen seines Namens die Stimme.

An einer Fassade prangt in großer Schrift: Ramsan, wir danken dir für Grosny! Der Boulevard zu dieser Botschaft heißt Putin-Prospekt, wie es Ramsan Kadyrow im Oktober 2008 bestimmt hat. Die Namensgebung sollte ein Dank an Russlands Premier für „besondere Verdienste im Kampf gegen den Terrorismus, für den ökonomischen und sozialen Wiederaufbau“ sein.

Nehmen und zahlen

Die nicht weit davon liegende Moschee nennt man das Herz Tschetscheniens. Dieses Prunkstück im heutigen Grosny erhielt noch zu Zeiten der Sowjetunion Ende der achtziger Jahre den Grundstein gelegt. Die Architektur geht auf einen türkischen Auftragnehmer zurück, so dass es nicht weiter überrascht, wenn Ähnlichkeiten mit der Blauen Moschee von Istanbul ins Auge springen. Erst im Oktober 2008 wurde das Gotteshaus eingeweiht, das 10.000 Gläubigen Platz bieten soll und als größtes seiner Art in Europa gilt. „Neulich“, erzählt Ajbika, „betrat Ramsan die Moschee zusammen mit einem Hund, obwohl dies verboten ist. Er entließ daraufhin ein paar Muftis. Begründung: er sei ein gewöhnlicher Mensch wie alle anderen auch, man hätte ihn am Betreten hindern sollen.“

Zwischen der Moschee und ihrem riesigen Parkplatz verläuft die vierspurige Hauptstraße. Ein Planungsfehler (und solche gibt es im scheinbar wunderbar wiederaufgebauten Zentrum eine Menge), der bei Gottesdiensten prompt behoben wird: Die Trasse wird kurzerhand blockiert, da man an Straßensperren in Grosny ohnehin gewöhnt ist. Selten werden die vorher bekannt gegeben. Nicht nur diese Praxis sorgt für ein merkwürdiges Gefühl. Es ist, als wäre alles in bester Ordnung, rekonstruiert und hübsch, aber kleine Unvollkommenheiten und sinnlose Details sind auch für russische Verhältnisse hoch.

Wir stoßen auf eine Sperre, bewaffnete Uniformierte patrouillieren, und die sind in Grosny zahlreich. Polizisten, Einheiten des Innenministeriums, Spezialkräfte zur Terrorabwehr – jeder Dienst trägt eine andere Farbe der Uniform, alle sind gleich bärtig und erinnern an Kämpfer aus den Bergen. Ein etwa 20-jähriger Bursche hantiert mit seiner Kalaschnikow, eine Weile zielt er auf uns und hat wohl Spaß daran. Bis Ajbika etwas auf Tschetschenisch sagt. Wir dürfen vorbei. Schon nähern wir uns der nächsten Patrouille, die Bewaffneten zanken sich laut und jemand ruft uns zu, wir sollten in der Straßenmitte gehen. „Kein Wort auf Tschechisch“, raunt Ajbika nervös. Wir passieren auch diesen Posten unbeschadet und stehen plötzlich in einem Gelände, wo die Silhouetten verwilderter Hunde an uns vorbei fliegen.

Schmieren müsse man für alles, meint der Unternehmer Chamid. „Willst du Arbeit? Dann gib zuerst zehn Monatsgehälter her, erst dann redet überhaupt jemand mit dir. Musst du ins Spital? Willst du ein Geschäft aufmachen? Brauchst du einen Schein vom Steueramt? Alle nehmen und zahlen. Wer ganz unten ist, der gibt dem darüber, dieser seinem Chef, und an der Spitze der Pyramide steht Ramsan Kadyrow. Irgendwie muss er doch den Wiederaufbau bezahlen“. Im gleichen Atemzug lobt er Kadyrow dafür, mit welchem Elan der den Wiederaufbau persönlich kontrolliere. Wer Termine nicht einhalte, den entlasse und bestrafe der Präsident. Dank Kadyrow herrschten Sicherheit und Ruhe. Und – wieder im gleichen Atemzug – fügt Chamid hinzu, solange Russland im Kaukasus bleibe, gebe es nie Ruhe. Es seien noch drei Jahre bis zu den Olympischen Winterspielen in Sotschi. Solange werde der Kreml den Frieden in Tschetschenien mit allen Mitteln erhalten – dann drohe Chaos.

Diese Schizophrenie ist für das heutige Tschetschenien bezeichnend. In einem Satz wird erzählt, wie schlimm alles sei – im nächsten über das ganz und gar Großartige geredet. Als ob sie nicht wüssten, wem und was sie glauben sollen. Den eigenen Gefühlen oder allgegenwärtiger Propaganda, dass alles in bester Ordnung sei. Optimismus schwindet im Dunst unerfüllter Hoffnungen. Herumlungernde Männer sieht man überall. Über Jobs stolpern sie nicht. Und wer sich mit der Jugend länger unterhält, wird von ihrer Ausweglosigkeit ganz ratlos. Der junge Sulejman, der in Tschechien studiert hat, bewarb sich um eine Arbeit beim Stadionbau, den die slowakische Firma NFS Consulting betreibt. Sulejman glaubte, er könne hier mit seinen Tschechisch-Kenntnissen nützlich sein. Es gab nur ein Hindernis, der Arbeitsvermittler verlangte als Gegenleistung einen mehrfachen Jahreslohn.

Jeder Tag bringt einen zähen Kampf darum, ob der andere das Schmiergeld senkt, ob man Kontakte zu jemandem knüpft, dem man natürlich auch wieder etwas zahlen muss. Alle setzen sich vor den Fernsehapparat und wollen schrecklich gern das glauben, was dort gezeigt wird: Wie erfolgreich der Wiederaufbau voranschreitet, wenn Ramsan persönlich einem Künstler oder Sportler die Schlüssel zur neuen Wohnung oder zum neuen Wagen überreicht. Und schon glauben sie in Grosny für eine Weile daran. So gern möchten sie in dieser positiven Welt leben. Sie rennen in den Kulissen umher und gebärden sich, als wäre es eine beleuchtete Bühne. Dann aber geraten sie unweigerlich mit der Realität aneinander. Durch die Kollisionen wachsen Frustration und Nervosität, die auf den ersten Blick unsichtbar sind und sich doch in alle Ecken der Gesellschaft fressen.

Unterm Kopftuch

Das Fernsehen ist in Tschetschenien ein mächtiges Instrument. Auf dem Bildschirm des Hauptkanals dominiert Ramsan Kadyrow die Tagesnachrichten. Als Republikchef (so die offizielle Bezeichnung) sitzt er zuoberst am Tisch rupft seine Minister, tadelt sie von seinem Sessel aus für die Nichteinhaltung seiner Befehle. „Ramsan macht es großartig“, sagt Machdan. Und es ist schwer zu beurteilen, ob er dieser Show wirklich glaubt. Die Fernsehansagerin verschwindet neuerdings in einem Kopftuch, kein Härchen ist zu sehen.

Falls Fernsehbilder aus Grosny gezeigt werden, finden sich Passantinnen mit großen Kopftüchern bevorzugt, auch wenn die rar sind, aber die Islamisierung ist eine Realität und kommt von oben. Es gibt ein von Kadyrow eingerichtetes Spital, wo vom Teufel Besessene mit Gebeten behandelt werden. Auf jeden Fall ist das einst multikulturelle Grosny ethnisch rein geworden. Hier einst ansässige Russen haben die Stadt während des Krieges verlassen. Russisch hört man nicht mehr, auch wenn Slogans, die Ramsan Kadyrow und eine unverbrüchliche Freundschaft mit Moskau preisen, in Russisch gehalten sind.

Des Präsidenten im Oktober erlassener Ukas, nach dem traditioneller Brautraub mit einer Geldstrafe geahndet wird, ist ein Thema, das jeden betrifft. Nach den Fernsehnachrichten sieht man Videos, in denen ein Mädchen von der Straße weg von Männern in einen Wagen gezerrt wird, dazu gibt es traurige Musik und eine Stimme belehrt, dass es mit diesem grausamen Brauch ein Ende haben müsse. Während der Übertragung des Fußballspiels Terek Grosny gegen ZSKA Moskau läuft unten das Textband Ihre Meinung zum Brautraub über den Monitor und transportiert Versatzstücke wie: „Das Arbeitskollektiv aus der Automobilfabrik in Schali ist kategorisch für ein Verbot“ – „Ramsan, wir halten dir in deinem Kampf den Daumen“ – „Tschetschenen aus Dagestan sind mit Ramsan“. „Es gefällt mir, dass Ramsan Brautraub verbietet“, sagt Machdan, und seine Frau Zainab fährt ihn an: „Und warum hast du mich vor 30 Jahren geraubt?“

Auf einer Kreuzung versperrt eine Wagenkolonne die Straße, alle Fahrzeuge haben verdunkelte Fenster, eine lange weiße Limousine fährt im Tross – wir sind Zeugen einer tschetschenischen Hochzeit. Aus einem Pkw hält jemand eine Kalaschnikow heraus und schießt ein paar Mal in die Luft. „Das ist offiziell nicht mehr gestattet. Kürzlich wurde auf diese Weise eine junge Frau getötet, die sich gerade aus einem Fenster hinauslehnte. Danach hat es Ramsan verboten“, sagt Zainab. „Aber das hier sind irgendwelche wichtigen Leute.“

Štěpán Černoušek ist Mitarbeiter des Institutes zum Studium der totalitären Regimes in Prag Übersetzung: Irena Brežná

10:00 29.01.2011

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