Kultur, Geschlechter

Konzeptmangel Eine Tagung offenbart feministische Hilflosigkeit im Zeitalter der Globalisierung

Kritik an den herrschenden Verhältnissen zu üben ist recht leicht, Systemalternativen zu entwickeln aber ist heute schwieriger denn je. Das, so spürte man auf der Tagung Gender Politik Wissenschaft am letzten Wochenende an der Freien Universität Berlin, ist derzeit auch das größte Problem kritischer Feministinnen. Und so blieb der vom Fachbereich Politikwissenschaft ausgerichtete Kongress trotz bekannter Namen und mancher guter Beiträge seltsam zahnlos.

Den Anfang machte die renommierte Harvard-Professorin Seyla Benhabib, hierzulande vor allem durch ihr Buch über Hannah Arendt bekannt geworden. Selbst Amerikanerin jüdisch-libanesischer Herkunft, schreibt sie derzeit an einem neuen Buch über die Folgen multikultureller Konflikte für die Frauen und trug daraus ein Kapitel vor. Eines ihrer Beispiele: der Kopftuch-Konflikt in Frankreich. Drei Mädchen maghrebinischer Herkunft, die 1989 mit Kopftüchern in der Schule erschienen, wurden nach einem Spruch des Obersten Gerichtes schließlich vom Unterricht ausgeschlossen. Die Mädchen hätten gegen den Willen ihrer Familien die öffentlichen Autoritäten herausgefordert, deshalb sei es falsch, darin nur einen Kniefall vor den islamischen Autoritäten zu sehen, kritisierte Benhabib. Kulturen seien keine separaten Entitäten, sondern funktionieren wie Erzählungen. Doch mehr als ein paar trockene Grundprinzipien - die Zuschreibung zu einer kulturellen Minderheit müsse freiwillig geschehen, und frau müsse sie auch wieder verlassen können - hatte auch Benhabib nicht zu bieten. Vielleicht weil ihr Buch noch nicht fertig ist?

Susanne Baer, Juristin an der Berliner Humboldt-Universität, war das denn auch zu wenig. Man könne nicht gleichzeitig Gruppenrechte und individuelle Rechte stärken, wenn diese doch gerade miteinander kollidieren, kritisierte sie in ihrem Vortrag zum Thema Menschenrechte und Frauenrechte. Ihre Alternative: In einer multikulturellen Demokratie müssten die individuellen Freiheits- und Gleichheitsrechte gleichzeitig gestärkt werden. Aber auch hier blieb vage, wie das geschehen soll und welche Konsequenzen das für Kopftuchträgerinnen zeitigen würde.

Dessen ungeachtet konstatierte die "Dritte Welt"-Kennerin Claudia von Braunmühl, trotz aller von Coloured Women formulierten Kritik am "hegemonialen" Feminismus des Westens würden in der internationalen Frauenbewegung die Gemeinsamkeiten als größer empfunden als die kulturellen Unterschiede. "Obwohl wir von Rasse, Klasse, Kultur und Geographie her unterschieden sind, liegen unsere Hoffnungen doch in unseren Gemeinsamkeiten", so habe es Peggy Antrobus aus Barbados auf einer UN-Konferenz 1991 formuliert. "Ob reich oder arm, wir sind verwundbar durch Gewalt. Wir teilen das Schicksal, die ›Anderen‹ zu sein, d. h. den Ausschluss von Entscheidungsfindung auf allen Ebenen."

Die Entwicklungsexpertin setzt deshalb auf den Prozess des "Gender Mainstreaming" in den UN-Gremien. Die Politologin Ingrid Kurz-Scherf hingegen hatte zwar "nichts prinzipiell" gegen diese neue, via EU-Gremien auch über Westeuropa hereingebrochene Form von Gleichstellungspolitik, sah jedoch die Gefahr, dass die geringen feministischen Kapazitäten sich restlos darin verschleißen würden, "Männern nahe zu bringen, dass es zwei Geschlechter gibt".

Und Brigitte Young, einzige weibliche Sachverständige in der Bundestags-Enquetekommission "Globalisierung der Weltwirtschaft", machte darauf aufmerksam, dass jedes nationale "Gender Mainstreaming" innerhalb der EU durch deren knallhart neoliberale Geldpolitik konterkariert werde. Seit Maastricht, so die Ökonomin, sei die Preisstabilität oberster Maßstab der EU-Staaten und der Europäischen Zentralbank, was einseitig die Interessen der privaten Geld- und Aktienbesitzer berücksichtige. Die Neuverschuldung des Staates dürfe drei Prozent nicht übersteigen. Die Folge sei eine EU-weite Sparpolitik zu Lasten sozial Schwacher, also vor allem Frauen.

Young konstatierte hier eine Spirale sich gegenseitig verstärkender Effekte: Alters- und Krankenversicherung werden privatisiert, also werden Pensionsfonds eingerichtet, deren Halter an Preisstabilität interessiert sind, also werden weitere öffentliche Bereiche eingespart und privatisiert, also ... Brigitte Young hatte aber auch den Mut, das zentrale Dilemma des kritischen Feminismus direkt anzusprechen: "Wenn ich heute als einzige Frau in der Europäischen Währungsunion sitzen würde - who cares, wenn wir nicht eine alternative Konzeption von Ökonomie haben?"

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00:00 18.05.2001

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