Kundus oder Bagdad

Kommentar Bundeswehr in Afghanistan unterwegs

Militärische Logik kann heutzutage eine leicht verderbliche Ware sein, sofern sie für Entscheidungen beansprucht wird, die angeblich dazu dienen, die "Anti-Terror-Front" zu begradigen. Schon Wochen bevor der Transfer von 450 deutschen Soldaten nach Kundus beschlossen war, sah Verteidigungsminister Struck Afghanistan "vor einem Wendepunkt". Das klang dramatisch und reflektierte - ohne sich im so lästigen wie vielleicht anschaulichen Detail zu verlieren - den Zustand eines Landes, das nach dem Krieg von 2001 den vom Sieger versprochenen inneren Frieden schuldig bleibt und stattdessen ein wundersames Doppelleben führt. Einerseits ist Afghanistan punktuell - nicht flächendeckend - besetzt, von außen alimentiert und insofern mit all dem bedacht, was für Protektorate typisch sein kann, die eine auf Hierarchien bedachte Weltordnung bevölkern. Andererseits ist dieses Protektorat kaum regierbar, zerfällt es doch in Bestandteile, mit denen im wahrsten Sinne des Wortes kein Staat zu machen ist. Die vorzugsweise ethnisch grundierten Warlord-Biotope in den Provinzen sorgen für eine Doppelherrschaft, die je nach Interessenlage ihrer regionalen Autoritäten zwischen Kooperation und Konfrontation mit der Zentralregierung - zwischen Waffenruhe oder Waffengang - pendelt. Der "Wendepunkt" ist erreicht, wenn die innere Balance dieser bizarren Landschaft verloren geht.

Als Besatzungsmacht gehen die USA mit dieser Lage vorzugsweise militärisch um - was nahe liegt, da es ein erfolgversprechendes politisches Konzept, das diesen Realitäten gerecht wird, nicht gibt. Eine durchschlagende militärische Lösung liefe freilich auf die große Flurbereinigung hinaus, um den Warlords ihre Armeen und Schattenwirtschaften zu nehmen. Dazu fehlt den USA, die gerade im Irak an ihre Grenzen stoßen, das Potenzial, und der NATO als dem Rückgrat der ISAF-Verbände das Mandat. Der Ausweg besteht in dem Versuch, die Doppelherrschaft kontrollierbar zu halten und wird nicht zuletzt mit dem Label Provincial Reconstruction Teams (PRT) versehen. Dabei lässt sich schwer sagen, ob die PRTs der Amerikaner bisher in Kundus eher den Terrorismus bekämpften oder eher das Aufsichtspersonal stellten, um den beschriebenen Status quo zu managen. Fest steht nur, dem Opiumhandel wie den Warlords haben sie offenbar nicht geschadet. Diese Erfahrung steht am Horizont, wenn die Bundeswehr dort nachrückt. Insofern werden die 450 Mann im Norden Afghanistans genau das zu erhalten haben, was dessen staatlicher Integrität insgesamt mehr schadet als nützt und durchaus terroristische Züge tragen kann. Das klingt einigermaßen absurd, solange das übergreifende politische Motiv der Kundus-Mission unbeachtet bleibt. Der Entsatz von US-Truppen in Nordafghanistan kompensiert die bisherige Weigerung zum Entsatz von US-Truppen im Irak. Kundus oder Bagdad hieß die Alternative, bei der es sich verbietet, von einer Entscheidung für das kleinere Übel zu sprechen.


00:00 31.10.2003

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