Kunst, Kultur, Kaserne

Die Bundesgartenschau in Potsdam Auf verschlungenen Wegen zurück in die Zivilgesellschaft

Die Ouvertüre ist vielversprechend: Das fotografische Spalier aus deutschen und russischen Soldaten, das den Eingangsbereich der Bundesgartenschau flankiert, vermittelt vielleicht am Stärksten die Geisterdebatten über die Umnutzung ehemaliger militärischer Areale. Lange Zeit aus dem Gedächtnis Potsdams gestrichen, signalisieren die gespenstischen Bilder von einst, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, militärische Hoheitszonen in Kulturlandschaften zu überführen und damit das Schweigen einer Landschaft endlich zu brechen. Verschönerung ist en vogue. Doch für die Altlasten aus den militärischen Sperrbezirken genügt ein vieldeutiger Code. Er lautet: Konversion.

Schöne Gärten und berühmte Parks schmücken sich häufig mit den Namen großer Philosophen. Im Park gedeiht die Poesie. Er ist Seelenlandschaft und Kontemplation, ein Gegenpol zur Hektik der Großstadt. Ein Ort der Hoffnung, der einem anderen Zeitrhythmus unterliegt und die Natur als eine empfindliche Ressource anmahnt.

Spötter behaupten, dass es der nachhaltigste Effekt der Bundesgartenschau sei, dass sie über Gelder verfügt, von denen Länder und Kommunen nur träumen. Die treue Klientel der Kleingärtner und Gartenliebhaber kann meist zufrieden sein. Auch die Potsdamer Bundesgartenschau, deren Blütenpracht bis Anfang Oktober 2001 währt, bearbeitet ein weites Feld. Dabei geht es ihr um mehr, als die Schrammen städtebaulicher Fehlplanung der letzten Jahre zu glätten. Ist es doch der Ruf, über eine der berühmtesten Kulturlandschaften zu verfügen, zu deren Pflege man verpflichtet sei. Ein kleines Fenster in die Zukunft, ein großes in die Vergangenheit?

Der thematische Bogen, den die Buga vom Bornstedter Feld zur Innenstadt spannt, ist imponierend, doch die Aufarbeitung einer Reihe städtebaulicher Fehlplanungen war wohl unvermeidbar.

Landschaften haben ein beharrliches Gedächtnis, das der Mensch meist erst dann respektiert, wenn Erosionen und Deformationen offen zu Tage treten. Doch was für Kulturlandschaften und Parks im übergreifenden Dialog fruchtbar wird, das scheint für das großräumige Denken von Militärstrategen nur bedingt zu gelten: Abgelegen und abgeschirmt von der Öffentlichkeit besitzt das Land Brandenburg mit seinen von Wäldern getarnten Truppenübungsplätzen noch immer riesige Altlasten aus jüngster militärischer Vergangenheit. Gut 150 Jahre Militärgeschichte haben sich in dem kargen Boden der Mark eingegraben, den märkischen Sand mit Unterständen unterhöhlt. Die ohnehin dünne Humusschicht wurde von Panzerketten und Granaten systematisch zerrieben. Ölrückstände und Benzin haben nachhaltige Schäden hinterlassen. Sanierungskosten, die die 20 Milliarden-Grenze streifen.

Resistente und widerborstige Bruchstücke deutscher Nachkriegsgeschichte, die nun in den Zeugenstand einer zivilen Gesellschaft treten. Dem Bornstedter Feld, in unmittelbarer Nähe zu Sanssouci gelegen, schenkte die Öffentlichkeit wenig Beachtung. Und auch die nachfolgenden sowjetischen Truppen sorgten dafür, dass dieses abgeschirmte Gebiet ein Niemandsland für die Bevölkerung blieb.

Der Abzug der Russen 1994 hinterließ ein wüstes Feld: leere ramponierte Kasernen, verwilderte Gärten und kontaminierte Landschaften. Doch Verbotszonen entfalten in der Phase der Auflösung einen eigentümlichen Reiz. Über dem verwahrlosten Areal liegt eine lähmende Stille, die einen schnellen Verwertungszugriff erschwert. Es ist der ins Stocken geratene Gleichschritt der drei großen K, der die vorgeblendete Harmonie zwischen Kunst, Kultur und Kaserne fragwürdig macht. Noch überdeckt der Ruhm Sanssoucis als Gesamtkunstwerk die militärische Deformation des Buga-Geländes. Zwei kontrastierende Landschaften mit unterschiedlichen Erlebnissphären, die hier eher einem Glaubensbekenntnis denn gärtnerischen Visionen folgen: das Schöne mit dem Nützlichen zu verbinden. Bedeutende Gartengestalten wie J. P. Lenné oder Fürst Pückler, die bei aller Detailkenntnis über Pflanzennachbarschaft, Boden und Klima stets den Parkraum als eine Art Gesamtkunstwerk betrachteten, sie sorgen letztlich dafür, dass die Messlatte für das Buga-Gelände hoch angesetzt wird. Doch es ist keineswegs zwingend, dass auf einen gut durchdachten Raumplan ein phantasievoller Volkspark folgen muss. Es sind bisweilen die Unwägbarkeiten der Zeit, die eine Identitätsbildung verhindern und den Volkspark aus dem "noblen Ensemble" ausschließen könnten.

Potsdams vermeintlicher Wandel vom Hort preußischen Militarismus zum feinsinnigen Gartenreich erweist sich als eine beliebte Metapher kunstliebender Intellektueller. Waren es früher ideologische Vorbehalte, so sind es heute pastorale Botschaften, die diesen Wandel freundlich begleiten. Zurück bleibt ein zwiespältiges Bild, das mit ästhetischen Eingriffen kaum zu korrigieren ist, sondern statt dessen einer Klärung von Widersprüchen bedarf.

Doch auch die Potsdamer Bundesgartenschau tritt nicht als maßvolle Aufklärerin der eigenen Geschichte hervor. Ihre Aufmerksamkeit gilt den zerschlissenen Stadtansichten, um einer restaurativen Verschönerungswelle zum Erfolg zu verhelfen.

Der neue Park im Bornstedter Feld ist als Volkspark angelegt; eine Parkvariante des 19. Jahrhunderts wurde damit in ein Kunstensemble eingefügt, das im Laufe der Jahre zum Bindeglied zwischen Sanssouci und dem nördlich gelegenen Waldbestand werden könnte. Potsdams historisch berühmte Parkanlagen, durch die UNESCO zum Weltkulturerbe geadelt, waren generationsübergreifend gleichermaßen Wunschbilder und Vorbilder für kreative Gartenkünstler.

Im Neuen Park im Bornstedter Feld wird das Praktische mit dem Nützlichen neu gemixt, die historische Altlast in ein geometrisches Konzept von pyramidenförmigen Wällen mit Treppenanlagen und Brücken übersetzt und die unterschiedlichen Höhenniveaus für Landschaftsperspektiven genutzt.

Im Gegensatz zu Bundesgartenschauen besitzen historische Gärten einen Reichtum an Formen und eine sinnliche Kraft in den Bildern. Solche Szenarien vermitteln eine nachhaltige Wirkung der Zeit, der Parkraum gewinnt an Tiefe. Die Anschaulichkeit bleibt zwar an die Jahreszeiten gebunden, doch sind es nicht zuletzt Sichtachsen und Bodenbewegungen, die aufgrund des Standortwechsels das Verständnis für Raum und Zeit schärfen. Die langwährende historische Amnesie des militärischen Areals zu durchbrechen, das war eine der unabdingbaren Voraussetzungen für jede Art Planung der Buga. Der Entwurf der Landschaftsplaner Latz und Partner beeindruckt durch Nüchternheit und Radikalität. Die grünen, zu Pyramiden abgestuften Wälle schlagen Schneisen und Sichtachsen in das weite, offene Feld. Sie sind das beherrschende strukturelle Element, analog einer geometrischen Ordnungsmacht, die mit unterschiedlichen Höhenniveaus, Treppen und Rampen die Blickrichtung auf die Räume variiert. Diesem strengen geometrischen Ordnungsmuster folgen auch die Blumenrabatten, die als feinabgestimmte Farbteppiche die Härte der Fluchten mildern. Freilich, wer hier auf die raumbildende Wirkung von Baumgruppen hofft, der folgt einer falschen Spur. Die frisch gepflanzten Bäume sind lichte Farbtupfer in einer offenen Parklandschaft, die erst an der Peripherie des Bornstedter Feldes - im Waldpark und im Remisenpark - an Dichte gewinnt.

Es ist bekannt: Berühmte Parks profitieren nicht zuletzt von der räumlichen Korrespondenz zwischen Parkraum, Skulpturen und Architektur. Der Volkspark der Buga setzt andere Prioritäten: Ein großes rechteckiges Wasserbecken, gesäumt von Weiden, Booten und Holzstegen dient hier als ein attraktives Freizeitangebot für Jugendliche und Kinder. Die rustikale, bisweilen materialverliebte Pavillonarchitektur beschränkt sich auf reine Dienstleistungsfunktionen.

Problematischer als die Integrationsversuche zwischen Parklandschaft und Architektur sind jene Riesenzelte, die als temporäre Architektur kulinarische Dienstleistung übernehmen. Welche Entfremdung zwischen Architektur und dem Volkspark besteht, belegt die wuchtige, 200 Meter lange und 72 Meter breite Biosphärenhalle, die unmittelbar am Haupteingang steht.

Im Erdreich noch vorwiegend Landschaftsskulptur, vollzieht sich unter dem Dach eine seltsame Wandlung: Schwere Betonträger betonen die enorme Spannweite der Halle, eine durchsichtige Wand aus Glas und Stahl stößt bis tief in die Erde hinein. Auch hier werden geschichtliche Reminiszenzen bemüht, um an eine militärische Vergangenheit zu erinnern. Bis zu acht Meter tief ist die Halle in die Erde gesenkt, aber die wallförmige Mauer, die sich aus dem Erdreich schiebt, erweist sich als purer Kraftakt, dem jede konstruktive Logik fehlt. "Je mehr die Gestalt der Landschaft von der Urform abweicht und der Kultur angehört, desto inniger müssen die Beziehungen der kunstgerechten Formen zu den Wohnstellen und desto kräftiger diese, als Zentralpunkte des Ganzen, herausgehoben werden." Überträgt man Lennés Resümee auf die städtebaulichen Ambitionen der Buga, so wird der Qualitätsabfall gegenüber dem billig-schematischen Siedlungsbau überdeutlich. Statt einer harten, klaren Raumbegrenzung zum Bornstedter Volkspark begnügten sich die Stadtplaner mit zweitklassigen Mehrfamilienhäusern, die beziehungslos dem Freizeitpark gegenüberstehen. Potsdams Planer, die sich so gerne auf die Weitsicht ihrer großen Vorgänger berufen, haben hier an einem entscheidenden Punkt versagt: dem Park ein lebendiges Wohnen gegenüber zu setzen, die Zukunft des Wohnens mit präzisen städtebaulichen Konzepten voranzutreiben.

Stärker und eigenständiger in der Form, raumbildend und sperrig zugleich, vermitteln die aus Muschelkalk gemauerten Pyramidengärten ein archaisches Bild aus der jüngsten militärischen Vergangenheit. Die 43 Tableaus, mit silbrig schimmernden Stauden bepflanzt, verleugnen keineswegs ihre martialische Grundformation. Doch ihr ästhetisches Konzept ist in einem Raumplan eingebettet, so dass ihre Botschaft eine doppelte ist: über die Vielschichtigkeit von Raumbildern nachzudenken und den Formanalogien eine eigenwillige Nutzung entgegenzusetzen.

So sind es bisweilen Randbereiche, die zielgerichteter und effektiver auf die militärische Vergangenheit anspielen: Große farbige Sitzkissen, die Künstler aus Tarnstoffen alter Heeresbestände schneiderten, wirken wie eine belebende Akupunktur auf den weiten Liegeflächen - ein spielerisches Element, dem sich die Planer aus Selbstdisziplin oder Mangel an Fantasie häufig verschließen und das doch im Umgang mit der Geschichte mehr als nur eine Fußnote ist.

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00:00 13.07.2001

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