Kunst und daneben

Bühne Das Künstlerduo Herbordt/Mohren fordert in den Berliner Sophiensaelen den Besucher
Andreas Wiebel | Ausgabe 45/2013

Ich betrete den Raum, in dem Die Aufführung stattfinden soll. Der Raum ist in verschiedene Stationen aufgeteilt. Auf den ersten Blick: ein Kräuterbeet, ein Tisch mit Koch dahinter, bunte Markierungen auf dem Boden und verschiedene Sitzgelegenheiten. Um mich herum bewegen sich andere Besucher, ebenfalls mit Fragezeichen in den Augen. Was soll das alles? Wir sind neugierig und aufgeschlossen, aber die Spielregeln der Aufführung sind uns nicht vertraut. Wir bleiben Beobachtende und werden erst im Verlauf irgendwie Teil der Aufführung. Es gibt keinen Text, keine Handlung, keine offizielle Version.

Das Licht geht an, Die Aufführung beginnt. Vier Performance-Künstler treten an das Publikum heran und laden zur Interaktion mit den begehbaren Bühnenbildern ein. Der Zufall entscheidet, wo ich mich anschließe und was ich mitbekomme. Manchmal sagen die Performer Metasätze: „Ich bin genauso wie Sie Protagonist hier.“ Und „Die Aufführung ist Ihre Aufführung“.

Stimmt. Nach 30 Minuten weiß ich nicht mehr, wer hier „offiziell“ zur Aufführung gehört und wer Gast ist. Die Grenzen verschwimmen. Ein Blick ins Gesicht der anderen Besucher verrät mir, dass es ihnen ähnlich geht. Beim Teller Suppe, den es später an der Station mit Koch gibt, fragt mich einer, von welcher Institution ich komme. Ich bin irritiert, gehört das zur Performance?

Kulturbetriebstafel

Melanie Mohren und Bernhard Herbordt, die beiden hinter der Aufführung, schaffen es mit ihrer Komposition aus Theater, Konzert und Performance die häufig beschworene Trennung zwischen Kunst und Leben aufzuheben. Durch das kontingente Mäandern des Publikums werden Orte neu besetzt, nachdem sie verlassen wurden und höchst individuelle Erfahrungen gemacht.

Als Kontrast dazu wirkt das Arbeitsgespräch, das eine Handvoll Kulturschaffende an einem langen Tisch führt. An dieser Station wird durchgehend über Kategorien aus dem Kunst- und Kulturbetrieb und der Lebens- und Arbeitswelt debattiert. Man hört, dass es um die unzureichende Förderung von zeitgenössischem Tanz geht oder um die Frage, was das Theater als Institution vom Bundestag unterscheidet. Die Aufführung ist die Aufführung einer Institution, inklusive der Diskussionen, die in ihrem Inneren geführt werden. Ein Blick in den Maschinenraum der darstellenden Künste, konkrete Zusammenhänge werden spürbar.

Mit dem Begriff der Institution verbindet sich aber auch die Erfahrung von unvertrauten Räumen, von autoritären Strukturen, von sinnlosen Warteschleifen. Und genau so ergeht es mir. Trotz angebotener Partizipation an der Aufführung, komme ich von meiner Passivität nicht los. Ich fühle mich als Objekt unter Objekten, auf einen distanzierten Beobachterstatus reduziert. Weil ich die Regeln dessen, was da gespielt wird, nicht verstehe. Andererseits: Jeder hätte (da)mit spielen können. Jeder hätte eine Performance machen können.

Plötzlich ertönt ohrenbetäubender Krach. Der Musiker spielt sein Solo. Es heißt Fallen #4, sagt der Performer, dem ich gerade zuhöre. Der Musiker lässt einen Ziegelstein auf ein Schlagzeugbecken fallen. Später wird er leisere Töne anschlagen, indem er Erbsen in Becher, Gläser, Behälter wirft. Manches geht daneben. Narrationsbemühungen.

Die Aufführung
Melanie Mohren, Bernhard Herbordt

Weitere Infos auf www.die-institution.org

06:00 20.11.2013

Ausgabe 08/2020

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