Künstliche Krallen

Maniküre Je bunter, desto schöner. Nagelstudios boomen – und mit ihnen eine eigenwillige Ästhetik. Aber was macht den Reiz der Kunstnägel aus? Ein Besuch in einem Nagelsalon

Während Chrissys Zukunft als Unternehmerin geboren wurde, lief im Fernsehen Marienhof. Chrissy saß auf dem Sofa und betrachtete die sterile Nadel, die sie in der Apotheke geholt hatte. Vom Frauenarzt hatte sie grünes Licht. 200 Mark hätte ein Intimpiercing beim Profi gekostet, das waren damals zwei Drittel von Chrissys Monatslohn als auszubildende Zahntechnikerin. Und der Profi, das war damals in den Neunzigern noch zwangsläufig der knurrige Biker-Typ im Tatowiersalon, dem die wenigsten Frauen gern ihre geöffneten Schamlippen präsentierten. Chrissy war lieber ihr eigener Profi.

Weil 300 Mark Lohn nicht zum Leben reichten, jobbte Chrissy nachts in der Videothek, und am Wochenende in einem Nagelstudio. Zähne und Nägel haben einges gemeinsam – beides liefert die Natur nicht immer in der Qualität, die man sich vielleicht wünscht, deshalb gibt es Zahntechnikerinnen, die Brücken und Prothesen anpassen und Nagelstudios, in denen künstliche Nägel auf die echten geklebt werden. Zähne und Nägel – für beides braucht man handwerkliches Geschick. Die Umstellung war für Chrissy gar nicht so groß.

Für die Nägel sprach, dass man sich währenddessen mit den Leuten unterhalten konnte. Eines Tages machte dann die Kneipe „Zum Dicken“ gegenüber der Videothek pleite. Und weil Leute, die abgebrüht genug sind, sich selbst ein Intimpiercing zu verpassen, sich noch ganz andere Sachen zutrauen, reifte in Chrissy eine Idee. Ein halbes Jahr später hatte sie die braune Latexfarbe samt der fingerdicken Schicht aus Fett, Staub und Zigarettenrauch von den Wänden gekratzt, dann unten weinrot und oben hellgelb gestrichen, und zu guter Letzt mit Schwung den Schriftzug „Have a nice Day“ aufgetragen. Der neue Laden hieß CJBodystyle, und es gab das, was Chrissy am besten konnte: Nägel und Piercings.

An einem Herbstmorgen acht Jahre später ist Chrissy erkältet. Christiane Vitek mit bürgerlichem Namen, aber man ist per Du bei CJBodystyle. Regina, der ersten Kundin des Tages, geht’s auch nicht gut. Aber sie braucht neue Nägel, das ist lebensnotwendig, und dafür hat sie sich gern den Wecker gestellt, auch wenn sie erst vor ein paar Stunden die letzten Gäste aus der „X-Bar“ nebenan gekehrt hat, wo sie für fünf Euro die Stunde kellnert. Seit kurzem nicht mehr fünf, sondern sieben Nächte pro Woche. Seit jenem Tag, an dem der Chef die Kollegin rausgeschmissen hat, die bisher die Wochenenden übernommen hat.

Die X-Bar ist nämlich offen, solange Gäste da sind, und nur wenn keine da sind, dürfen die Mädels um vier dicht machen. Aber wenn um drei Gäste kommen, und die Kollegin dann sagt: „No way, Jungs, ich schließe“, und einer der Gäste ist der Neffe vom Chef, dann ist das dumm gelaufen, sehr dumm sogar, denn das bedeutet, dass der Chef am nächsten Tag zur Kollegin sagt: „Brauchst nicht wieder zu kommen.“ Und deshalb darf Regina den Laden jetzt jede Nacht schmeißen, und deshalb sieht sie so scheiße aus und ist totmüde.

An Schönheit spart keiner

„Oh Süße“, sagt Chrissy. „Komm, kriegst erstmal einen Tee.“ Regina kuschelt sich in ihren schwarzen Kapuzenpulli und zeigt den künstlichen Diamanten an ihrem Schneidezahn. „Es gibt zwei Bereiche, wo die Leute nicht sparen“ sagt Chrissy. „Und das sind Gastronomie und Kosmetik. Das ist zwar beides purer Luxus, aber sie gönnen sich das einfach.“

Es kommen, sagt Chrissy, Kundinnen jeden Alters und jeder Einkommensschicht. Es kommen 12-jährige Schülerinnen und 80-jährige Omas. Die Sängerin Vanessa von den No Angels war schon da, aber auch viele „Hartz-Leute“ aus dem Kiez. „Auch ganz viel Laufkundschaft. Toi, toi, toi“, sagt Chris­sy. „Die Müllerstraße, auch wenn man’s gar nicht glauben mag, hat auf dieser Höhe ganz viel Laufkundschaft.“ Die Müllerstraße ist eine vierspurige Achse mit Grünstreifen in der Mitte, die den Wedding durchschneidet, ein ehemaliges Arbeiterviertel im Norden Berlins. Links neben CJBodystyle ist ein Hochzeitsladen, dessen Schaufensterdeko aussieht, als habe man sie seit den Siebzigern nicht gewechselt. Gegenüber liegen zwei Gebrauchtmöbelgeschäfte. Chrissys Kundinnen sparen lieber an den Möbeln als an den Fingernägeln.

Eine Vollmodellage beginnt bei 48 Euro. Dabei wird der Plastiknagel, der sogenannte „Tip“, auf den Naturnagel geklebt, über den verschiedene Schichten Gel gepinselt werden. Dann wird alles mit farblosem Gel überpinselt, und dann erst kommt die Farbe. Klassisch ist Rosa mit weißer Spitze, die French Maniküre. Aber die meisten von ­Chrissys Kundinnen suchen sich extravagantere Farben aus, außerdem Strass-Steine, Glitzer, abstrakte Muster oder gegenständliche Motive. Alle vier Wochen muss „aufgefüllt“ werden, dann hat sich zwischen Nagelhaut und Kunstnagel ein hässlicher Graben gebildet, in den neues Gel gehört. Für das Geld, das eine regelmäßige Kundin im Jahr bei Chrissy lässt, könnte sie sich einen zweiwöchigen Urlaub leisten. „Theoretisch ja“, sagt Chrissy, „aber so läuft das nicht.“ Dafür bräuchte man das Geld ja auf einmal.

Sogar Chrissys Angebot für treue Kunden, fünf Mal „auffüllen“ für 110 Euro, nehmen nur die wenigsten in Anspruch, weil kaum einer soviel auf einmal hinlegen kann. Es gibt Kundinnen, die kommen mit einem Tütchen voller gesparter 2-Euro-Stücke. Es gibt Kundinnen, die gehen nachts putzen, um sich künstliche Nägel leisten zu können. „Und es gibt Kundinnen, die haben Männer, die sagen: ‚Ich hab’ dich lieb, ich spendier dir das.‘“

Reginas Freund sagt: „Du spinnst. So viel Geld für Nägel.“ Aber wenn Regina krank ist, sagt er auch nur: „Leg’ dich halt ins Bett.“ Weil Regina sich solche Lieblosigkeiten nur jeden zweiten Tag anhören will, ist sie nicht gleich mit ihm zusammengezogen wie mit all seinen Vorgängern. „Ich hab’ ihm gesagt: Hier ist ein Schlüssel, kannst immer kommen. Wenn der Schlüssel von innen steckt, will ich dich nicht sehen.“

Chrissy hat ihren Freund kürzlich rausgeschmissen, aber wenn sie erkältet ist, wie jetzt, bringt er ihr immer noch Tee und Tiefkühlpizza ans Bett. Und sein Husky darf die Vormittage gemeinsam mit Chrissys Husky bei CJBodystyle verbringen. Solche Sachen wissen Chrissy und Regina voneinander. „Du kriegst eine private Atmosphäre mit den Leuten, auch wenn du sie nur alle vier Wochen siehst“, sagt Chrissy. „Ich kenne einen Teil ihrer Lebensgeschichte und sie kennen einen Teil meiner.“

Hier lassen sich die verwöhnen, die sonst rumgeschubst werden

Nägel machen dauert alles in allem zwei Stunden. Schon in der Zeit kann man einiges besprechen. Aber es gibt ja auch noch Birgit, die Kosmetikerin und Petra, die Frisörin, die sich bei Chrissy eingemietet haben. Viele Kundinnen lassen sich nicht nur die Nägel, sondern gleich auch die Haare und das Gesicht machen. So kann man locker einen halben Tag hier verbringen. Einen Wellness-Tag, den man sich einmal im Monat gönnt. Sich wenigstens einmal verwöhnen lassen, gerade weil man den Rest des Monats ständig herumgeschubst wird. Chrissys Laden ist eine freundliche Insel im feindseligen Alltag. „Komm, mach’s Handy leise“, sagt Chrissy zu den Kundinnen. „Das hier ist für dich.“

Regina war schon sieben Wochen nicht mehr da. In der Nagel-Zeitrechnung ist das unverzeihlich lang. Der Salamander, den Chrissy ihr das letzte Mal auf den Mittelfingernagel gepinselt hat, ist zwar noch deutlich zu erkennen, aber die rosaglitzernde Gelplatte ist so weit herausgewachsen, dass sie sich an den Enden vom Nagel abhebt. Die Kunstnägel sind kurz vor dem Abfallen. Beim Gedanken daran schüttelt es Regina. „Ich dreh durch, wenn mir ein Nagel abfällt. Ohne die komm ich mir nackt vor. Als würd’ ich nur mit einem Schuh rausgehen.“ Sie hat dann das Gefühl, dass ihr jeder auf die Nägel guckt. Sie selbst guckt bei Anderen schließlich auch zuerst auf die Nägel.

Schon als Regina noch in der Tankstelle in ihrer Heimatstadt Landshut in Bayern gearbeitet hat, und Frauen bei ihr bezahlt haben, war das so: Immer auf die Finger geguckt, ganz automatisch. Chrissy sagt: „Klar. Leute die Nägel haben, achten auf die Leute, die auch Nägel haben.“ „Nägel“ steht bei Chrissy und Regina für künstliche Nägel. Die normalen Nägel heißen hier „Naturnägel“.

Leute mit Naturnägeln wirken im besten Fall unauffällig, im schlechtesten ein bisschen ungepflegt. Wer aber einmal mit Kunstnägeln angefangen hat, für den gibt es kein Zurück. Warum sind ausgerechnet Nägel so wichtig für die Leute? „Löcherige Unterwäsche sieht keiner“, sagt Chrissy. „Hände sieht jeder.“ Vor allem: man selbst. „Die eigenen Hände hat man den ganzen Tag vor sich. Man sieht sie auch ohne Spiegel. Und jedes Mal, wenn man auf die Nägel guckt, freut man sich, wie schön es aussieht.“ Dazu kommt die Vorfreude auf das nächste Motiv. Regina hätte diesmal gern Sterne oder chinesische Schriftzeichen.

Zuerst muss aber der alte rosa Glitzer runter. Regina setzt sich in den schwarzen Sessel und legt ihre Hände auf die Arbeitsfläche. Chrissy nimmt gegenüber Platz, schaltet die Halogenlampe an und beginnt zu feilen. Im Lichtkegel tanzt der Nagelstaub, und alles außer Reginas Nägeln scheint plötzlich sehr weit weg zu sein. Die Frauen summen leise mit, als Spandau Ballet aus den Radio-Boxen kommt. Erst als das Lied fertig ist, schaltet Chrissy das Tisch-Gebläse an, das den Staub absaugt.

Das Gel muss in UV-Licht härten. Dafür schiebt Regina die Hände in weiße Kästen links und rechts, wo sie bestrahlt werden. Nach ein paar Sekunden jault sie auf, das gehört zum Ritual. Das Gel wirkt wie ein Prisma, das die UV-Strahlen bündelt. Und das brennt für einen Moment im Nagelbett. Das heißt: Eigentlich brennt es nicht, „Regina ist bloß zimperlich“, sagt Chrissy.


Weh, sagt Chrissy, tut es normalerweise nur bei den Asiaten. Die Asiaten, das sind Nagelstudio-Ketten, die überall, auch in der Müllerstraße, wie Pilze aus dem Boden schießen. Was den Nägeln dort angetan wird, hat nichts, aber gar nichts, mit dem zu tun, was man bei Chrissy bekommt.

Noch sei jede wiedergekommen, die dort fremdgegangen sei, sagt sie. Von den Asiaten lässt Chrissy sich genauso wenig unterkriegen wie von den Missgünstigen, die versuchen, sie beim Gesundheitsamt anzuschwärzen, wegen der Hunde.

„Man sagt nicht umsonst, der Neid der Besitzlosen“, sagt Chrissy. Und Regina sagt: „Die haben einfach zu viel Zeit.“ Wie ihre Gäste in der X-Bar, „90 Prozent auf Hartz IV“, die immer öfter bis morgens um sieben hocken bleiben wollen. Ab heute Nacht wird Regina ihnen Tatzen zeigen. Zwei kleine, weiße Tatzen auf schwarzem Nagel und zwei kleine schwarze Tatzen auf weißem Nagel, immer abwechselnd. Regina spreizt die Finger und sagt: „Schöööööön.“

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

18:40 13.10.2009

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 6