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Berlin Art Week Bauhaus, No!art, Kryptokunst: Bei der „Positions Berlin Art Fair“ in Tempelhof gibt es ein interessantes Angebot
Saïdou Dicko arbeitet mit starken Kontrasten: Untitled yet, 2022
Saïdou Dicko arbeitet mit starken Kontrasten: Untitled yet, 2022

Courtesy of Artco Galerie & the Artist

Nun beginnt er, der Berliner Kunstherbst. Eingeleitet wird er nicht zuletzt durch die neunte Ausgabe der „Positions Berlin Art Fair“ als Partner der Berlin Art Week. Mit dabei im Hangar 5 – 6 des Flughafens Tempelhof: 88 Galerien aus 20 Ländern mit zeitgenössischer und moderner Kunst. Dazu ein Rahmenprogramm mit Sonderausstellungen, Preisverleihungen und Talks.

Vor allem die Schau mit Arbeiten des 2008 verstorbenen US-amerikanischen NO!art-Künstlers Boris Lurie sticht dabei heraus – aber auch die Sonderpräsentation „NFT Positions“ in Zusammenarbeit mit der Frankfurter Galerie Greulich könnte vor dem Hintergrund einer immer schwieriger werdenden Marktsituation für die noch vor wenigen Monaten arg gehypte Kryptokunst interessant werden. Launig könnte auch der „Trash Talk“ am Samstag, dem 17. September, um 17 Uhr werden, bei dem die Messedirektoren Heinrich Carstens und Kristian Jarmuschek über „alles außer Kunstmarkt“ sprechen.

Zu sehen und zu kaufen gibt es einige Höhepunkte der Kunst. Darunter sind auch wiederentdeckte Klassiker, wie etwa das Werk der Schweizer Künstlerin Petra Petitpierre (1905 – 1959), zu sehen bei der Berliner Galerie Zellermeyer: Die Bauhauskünstlerin und Schülerin Paul Klees, lebenslang eine Einzelgängerin, steht dem Werk ihres berühmten Lehrers in nichts nach: Abstraktionen und klassische Moderne in intensiver Farbigkeit.

Marlon Wobst, geboren 1980, der seit Kurzem an der Berliner Universität der Künste Malerei lehrt, stellt die Berliner Galerie Schwarz Contemporary aus: In seinem malerischen Werk steht der Mensch im Vordergrund, den er in typischen Alltagsmomenten zeigt. Ziemlich groß können Wobsts Malereien sein, kleiner und intimer seine keramischen Arbeiten.

Zwischen den Medien der Malerei und der Bildhauerei liegt das Werk des 1965 geborenen Niederländers Geerten Verheus, vertreten durch die Berliner Galerie Georg Nothelfer. Er ist immer auf der Suche nach der Umkehrung: Seine skulpturalen Wandarbeiten versteht er als Ergebnis von Untersuchungen zur Objekthaftigkeit der bemalten Leinwand.

Oder die 1994 geborene Künstlerin Dominika Bednarsky, vertreten durch Anita Beckers in Frankfurt am Main und die Berliner Galerie Kornfeld. Ihre glasierten Keramiken ziehen ihre Kraft aus dem uralten Phänomen des Grotesken, sind aber inhaltlich ganz in der digitalen Gegenwart angesiedelt: Sie zeigt Popkulturelles oder Pflanzen und Tiere beim Liebesspiel, macht voyeuristische Vergnügungssucht und Konsumgier, Binge-Watching und Pornografie zum Thema.

Höhepunkt Laserstein

Mit Lotte Laserstein (1898 – 1993) vertritt die Galerie Dr. Nöth Kunsthandel mit Sitz in Ansbach und Potsdam einen Klassiker der Kunstszene der Weimarer Republik. Ihr Werk gehört zu den großen Wiederentdeckungen der vergangenen Jahre. Laserstein, die den Nazis als „nichtarisch“ galt, ging 1937 nach Schweden, wo sie eine Einladung zu einer Ausstellung in Stockholm hatte. So konnte die Künstlerin den Großteil ihres Werkes in Sicherheit bringen. Sie war Absolventin der Berliner Hochschule für die Bildenden Künste, hatte als eine der ersten Frauen ihr Meisterstudium abgeschlossen und 1931 ihre erste Einzelausstellung in der Berliner Galerie von Fritz Gurlitt gezeigt. In Schweden geriet ihr Werk abrupt aus dem Blick der Öffentlichkeit.

Ungewöhnlich ist Lasersteins Stil, ihr Duktus. In diesem Werk verschmelzen auf ungesehene Weise Elemente der Neuen Sachlichkeit und eines späten Impressionismus. Im Mittelpunkt steht stets: der Mensch. Vor allem Frauen hat Laserstein porträtiert: moderne, emanzipierte Frauen ihres Alters. Es sind diese Porträts, die ihr Werk bestimmen, die in ihrem Detailreichtum zum Allerbesten gehören, was die deutsche Kunst des 20. Jahrhunderts kennt. Warum war sie so lange vergessen? Die Antwort ist einfach: Lasersteins Kunst wurde in Deutschland vergessen, weil man nach dem Krieg in den Museen viel zu lange auf das müde Pferd der Abstraktion gesetzt hat. Laserstein konnte in der Bundesrepublik nicht mehr reüssieren. Wie schön, dass ihr Werk wieder präsent ist und in großen Museumsausstellungen gezeigt wird.

Mit Vera Molnar, 1924 in Budapest geboren, zeigt DAM Projects Berlin eine der bedeutendsten frühen Medienkünstlerinnen. Sie ist eine Ikone der konstruktiv-konkreten Kunst, die bereits in den 1960er Jahren mit einem Großrechner gearbeitet hat. Dabei benutzte sie einfache Regeln der Kombinatorik und nur wenige geometrische Formen, eine Art malerische Forschung. Ihr ist eine Einzelausstellung gewidmet.

Eduard Bargheer (1901 – 1979), präsentiert von Thole Rotermund Kunsthandel Hamburg, ist ein hanseatischer Meister der klassischen Moderne. Der vor allem im Norden hochgeschätzte und gesammelte Hamburger Sezessionist malte und aquarellierte unter anderem auch in Nord- und Zentralafrika, wo er eine fremde Welt entdeckte. Die Farb- und Lichtphänomene in Tunesien beschrieb er als „Licht-Erlebnis“.

Janis Sneiders, 1995 geboren, gezeigt von Māksla XO, Riga, spielt in seinen Arbeiten mit den Gegensatzpaaren Dunkelheit und Licht, Hintergrund und Vordergrund, Schwarz und Weiß – immer dabei, der „Leere der Welt“ künstlerisch habhaft zu werden. Auf der „Positions“ 2020 wurde er von der Secco-Pontanova-Stiftung mit dem Claus-Michaletz-Preis als bester junger osteuropäisch-baltischer Künstler geehrt.

Der 1981 geborene japanische Künstler Yuki Yamamoto, der von der Hamburger Mikiko Sato Gallery präsentiert wird, ist ein wunderbarer Minimalist. Ihn interessiert die Figur des Kreises und er schafft Bildräume von erstaunlicher Tiefenwirkung aus hauchdünnen Farbschichten.

Oder schließlich Saïdou Dicko, geboren 1979 in Burkina Faso, den die ARTCO Gallery mit Sitz in Aachen, Berlin und Kalifornien präsentiert. Schon als junger Fulani-Hirte soll der fünfjährige Dicko die Schatten seiner Schafe in den Sahelsand gezeichnet haben, steht in einer Pressemitteilung. Was als mythischer Ursprung eines Künstlerlebens ein wenig kitschig klingen mag, ist doch zum Stilmittel seiner Arbeit geworden: Die Arbeit mit Schatten, der Schwarz-Weiß-Kontrast, ist das große Thema dieser Kunst. Seine neue Serie The Shadowed People kann jetzt in Berlin bestaunt und erworben werden.

Positions Berlin Art Fair Flughafen Tempelhof, Hangar 5 – 6, 15. bis 18. September 2022

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