Kurier

A–Z Sie werden lässig „Riders“ genannt, aber die neuen Dienstboten leben prekär: Nicht nur Gorillas-Fahrer streiken deshalb. Unser Lexikon

A

Auslagerung „Hey, Sie haben nicht bezahlt!“, ruft mir der sichtlich erboste neue Postshop-Betreiber hinterher. Ich mache kehrt und versuche ihm zu erklären, dass wir Geschäftskunden sind und uns unsere DHL-Paketlabels einfach selber freimachen: Er brauche es nur zu scannen. „Nein, nein, 7,90 Euro!“, versucht er mir weiterhin den Sachverhalt zu erklären, bei dem er anscheinend noch Amateur ist. Seine Frau klärt das dann zu meinen Gunsten auf. Böse werde ich nicht mehr. Es sind eben prekäre Arbeitsverhältnisse, die sich durch die gesamte Prozesskette der „Delivery“ ziehen: Nicht nur der Kurier, sondern auch der lokale Kurierservice (Postshop) ist im Knechtmodus (➝ Dienstboten). Die Bäckerei-Ketten sind allerdings noch perfider: Sie spannen statt Einzelpersonen gleich Ehepaare ein, die sich dann gegenseitig massakrieren, bevor sie die Bude an die Wand fahren. Jan C. Behmann

D

Dienstboten Eines der Merkmale für das größer werdende Einkommensgefälle ist die neue Blüte des Dienstbotenwesens in den Städten. War es im 19. Jahrhundert noch üblich, dass bürgerliche Haushalte ein bis zwei Dienstboten in ihren Wohnungen und Häusern beherbergten, wo sie für den Haushalt und das Besorgen der Lebensmittel zuständig waren – und je nach Mentalität der Familien gut oder weniger gut behandelt und entlohnt wurden –, ist das heutige Personal in für alle gleichbleibend prekäre Arbeitsbedingungen eingebunden. Arbeitgeber sind Techkonzerne, die sich „Lieferservice“ nennen (Gorillas) und ihre unter Zeitdruck stehende, nur „halb“ angestellte Belegschaft durch die Straßen von Wohnung zu Wohnung hetzen.

Man kann erstaunlich viele Inder und Pakistaner mit diesen riesigen Boxen auf dem Rücken herumfahren sehen: moderne Sklaven in hippem Gewand, die scheinheilig „Drivers“ genannt werden – womit wir endgültig in der Antike angekommen wären. Marc Ottiker

E

Emser Depesche „Willst du mit mir Krieg? Ja – nein – vielleicht.“ Etwas komplexer war die Sache mit der Emser Depesche schon, auch wenn die Geschichte sich im Kern wie Kinderkram einer beleidigten Leberwurst anhört. Sie löste den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 aus, in dem Preußen über Frankreich siegte, was zur Gründung des Deutschen Reiches führte. Es ging um die Erbfolge: Am 2. Juli 1870 gab Leopold aus der Hohenzollern-Linie seine Kandidatur für den vakanten spanischen Thron bekannt. Frankreich sah die Inthronisierung eines Hohenzollern in Spanien als gefährlichen preußischen Machtzuwachs. Auch als Leopold verzichtete, wollte Frankreich eine Garantie, die jede zukünftige Bewerbung der Hohenzollern in Spanien ausschloss. Darum ersuchte der französische Botschafter den deutschen König Wilhelm I. in Bad Ems. Der lehnte ab und telegrafierte den Gesprächsinhalt an Otto von Bismarck. Dieser verknappte den Text radikal und veröffentlichte ihn als „Emser Depesche“.Frankreich fühlte sich vor den Kopf gestoßen und reagierte am 19. Juli mit der Kriegserklärung. In Europa galt der beleidigte französische Kaiser daraufhin als Friedensbrecher. Gelungener Coup – wären im Krieg nicht 190.000 Soldaten gestorben. Tobias Prüwer

G

Geheimsache Den Reiter im Galopp trifft eine Kugel. Als er vom Pferd stürzt, nestelt jemand an seinem Waffenrock, denn er führt eine geheime Botschaft bei sich. Für den Kommandanten des gegnerischen Heeres? Jedenfalls geht es um eine Information von politischer Wichtigkeit. Szenen aus Historienfilmen oder Spionagethrillern fallen einem ein, in der Verfilmung von Jules Vernes Der Kurier des Zaren soll Hauptmann Michel Strogoff eine geheime Botschaft in die Festung Irkutsk bringen. Zur elektronischen Übermittlung werden geheime Botschaften heute mit Kryptosystemen verschlüsselt. Die Spartaner nahmen dafür Holzstäbe (Marathon). Irmtraud Gutschke

Gorillas „Ihr nervt, geht woanders hin!“ Diese Anregung war im Sommer auf einem Transparent zu lesen, an einem Haus in der Muskauer Straße in Berlin-Kreuzberg. Im Erdgeschoss betreibt der Lebensmittelbringdienst „Gorillas“ eines seiner Lieferzentren. Den Nachbar*innen gefiel nicht, dass die Fahrer*innen vor dem Laden saßen und quatschten, während sie auf das nächste Paket Supermarktware warteten, das innerhalb von zehn Minuten per Fahrrad beim Kunden landen muss. Seitdem hat das Unternehmen vor allem mit Streiks Schlagzeilen gemacht. Fahrer*innen haben in mehreren Lieferzentren gegen Ausbeutung und willkürliche Kündigungen gestreikt. „We organize in 10 minutes“ steht auf den Plakaten der Kuriere. Weil sie sich ohne Gewerkschaft organisiert haben, ist von „wilden“ Streiks die Rede. Geklappt hat das, weil sie, anders als ihre Kolleg*innen von Lieferando (Sieger), mit den Zentren Orte haben, an denen sie sich treffen und verbinden können. Jan Ole Arps

H

Hermes Der Götterbote Hermes ist einer der am meisten dargestellten Götter der griechischen und römischen Mythologie. Im Frankfurter Liebieghaus – in der bedeutenden Skulpturensammlung – kann man ein schönes Exemplar bewundern, den Hermes-Ludovisi, die römische Kopie einer griechischen Statue von um 440 v. Chr. Der Marmorkopf zeigt den Sohn des Zeus und der Nymphe Maia, dessen Aufgabe es war, Kurier der Götter zu sein und Gäste in den Olymp zu begleiten. Sterbende erhalten von ihm die letzten göttlichen Botschaften.Als Schutzgott der Reisenden trägt er gern seinen geflügelten Hut und seine ebenfalls mit Flügeln ausgestatteten Sandalen, die es ihm ermöglichen, sich schneller als das Licht zu bewegen. Marc Peschke

M

Marathon Dass der Marathon-Lauf so heißt, geht auf Zeiten zurück, in denen Mythologie und Historie noch keine Gegensätze waren. Herodot berichtet erstmals von einem Botenläufer namens Pheidippides, der im Jahr 490 v. Chr. angesichts der Bedrohung Athens zum rund 245 Kilometer entfernt gelegenen Sparta geschickt wird, um Hilfe zu holen. Mehr als 500 Jahre später erwähnt Plutarch einen Boten, Thersippos, der nach der Schlacht von Marathon die etwas mehr als 40 Kilometer zurück nach Athen (➝Sieger) läuft, um die Botschaft vom Sieg über die Perser zu verkünden. Beiden Ereignissen haften Vergeblichkeit und Tragik an. Die Spartaner wollten eine gerade stattfindende Festivität nicht unterbrechen und ließen Athen (und den Boten) im Regen stehen, der Verkünder des Sieges brach tot zusammen. Viel hat sich für die Mehrheit der Läuferinnen und Läufer bei den heutigen Marathon-Events nicht geändert, nur dass sie keine Botschaften mehr überbringen, sondern sich selbst etwas beweisen wollen. Marc Ottiker

O

Oma Die Franzosen sind Meister darin, soziale Missstände als Komödie ins Kino zu bringen, sie verknüpfen Gesellschaftskritik mit schwarzem Humor. In dem Film Willkommen bei den Scht’is (2008) ging es um Vorurteile des Südens gegenüber dem Norden. Dann kamen Ziemlich beste Freunde (2011) und Paulette (2012). Die gleichnamige Alte ist eine Vertreterin des tiefen Frankreich, mit all seinen Ressentiments. Mit ihrem Enkel kann sie wenig anfangen, weil er dunkelhäutig ist. Sie ist angewidert von ihrer eigenen Lage, der schmalen Rente, dem Dasein am Rande von Paris. Für die arabischen Beurs, die vor ihrer Haustür lungern, hat sie allenfalls Abscheu übrig, „die sind an allem schuld“. Heimlich beobachtet sie deren Drogengeschäfte. Paulette ist klamm und war mal Konditorin, sie fängt an, selbst Haschkekse zu backen, und überredet den Boss, diese dann verticken zu dürfen. Mit Kopftuch und karierter Rentnertasche streift sie unverdächtig durchs Quartier. Die Kekse werden ihr bald aus der Hand gerissen. Je krimineller, desto liebenswürdiger wird sie. Maxi Leinkauf

P

Paperboy Er ist eine klassische Figur der 1980er-Popkultur. Kannte man zuvor aus Film und Literatur jene Zeitungsjungen, die in den Großstadtschluchten „Extrablatt, Extrablatt“ schrien, so trat nun ihr cooles Pendant in die Welt: der Paperboy. Er bewegte sich auf dem Fahrrad – gern ein schickes BMX-Bike – durch die Suburbs und warf seinen Kunden die zusammengerollte Zeitung lässig in die Vorgärten oder vor die Haustür. Besonders bekannt wurde der Paperboy durch das gleichnamige Computerspiel, das erstmals 1984 als Automatenspiel erschien. Hier bewegt sich der Zeitungen auswerfende Radler diagonal durchs Spielfeld, eine Draufsicht auf die Reihenhausidylle (Gorillas). Man muss ihn beim Ausliefern steuern, Hunden ausweichen und es vermeiden, Scheiben einzuwerfen. Das Spiel war beliebt, weshalb es in zahlreichen Neuauflagen auf C64, NES und Gameboy herauskam. Auch coole Papergirls gibt es – sie traten aber erst vor wenigen Jahren in Erscheinung. Stand by Me trifft Krieg der Welten in der 2019 abgeschlossenen Comic-Serie Paper Girls. Sie handelt von einer Zwölfjährigen, die am Halloween-Abend 1988 in einem Vorort Zeitungen austeilt. Von Monsterclown-Verschnitten wird sie belästigt, bis ihr ein Mädchentrio zu Hilfe kommt. Bald teilen die vier mehr aus als zusammengerollte Schlagzeilen. Denn eine extraterrestrische Alien-Kraft macht sich auf der Erde breit, die fieser ist als alle Highschool-Bullies – ein wahnwitziges Horror-Mystery-Abenteuer starker Mädchen. Tobias Prüwer

S

Sieger Exarchia ist das Szeneviertel Athens, vergleichbar mit Berlin-Kreuzberg: Laut und bunt, nur die Straßen sind viel steiler und enger. Es kann schon mal passieren, dass einem ein gestresster Fahrer der dortigen Lieferdienste knapp über die Zehen fährt. Die motorisierten Zweiradkämpfer sind allgegenwärtig – und nun Sieger der griechischen Arbeitswelt. Im September hatte der Anbieter efood 115 seiner Fahrer einen neuen, üblen Arbeitsvertrag angedient. Doch die traten in den Ausstand und organisierten die größte Demo von Essenszustellern Griechenlands, zweirädrig – und laut. Die Kundschaft zog mit, senkte den Bewertungsfinger von 4,7 auf 1 und drohte zu verzichten. Online Delivery, die Krake hinter efood, kündigte schließlich an, allen Fahrern Festanstellungen anzubieten. Und Zusatzleistungen. Wow!Es gibt auch geschäftliche Verflechtungen zwischen der Gattin des amtierenden Regierungschefs Kyriakos Mitsotakis und efood. Aber da wäre noch eine andere Geschichte namens Paradise Papers. Ulrike Baureithel

Z

Zeitung „Zidunge“ kommt aus dem Mittelniederdeutschen und bedeutet Nachricht, Neuigkeit. Kuriere oder Boten brachten sie an Königs- und Fürstenhöfe: „Er bittet, vorgelassen zu werden, er hab Euch eine wichtige Zeitung“, heißt es in Schillers Die Räuber. Der Dänenprinz Hamlet sagt zu Polonius: „Du warst stets der Vater guter Zeitung.“ Heute ist die Zeitung nicht mehr „Zeitung“ (Paperboy), sondern Botin für Massen von Nachrichten an die Konsument*innen. Die Titel mancher Zeitungen verweisen noch darauf. Corriere della Sera, Berliner Kurier, Schwarzwälder Bote. Die Botschaften aber sind – im Sinne der alten Bedeutung – nicht immer wichtige oder „gute Zeitung“. Magda Geisler

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