Kurve gekriegt

Generation Porno Pavo Pejic hat es unter schwierigen sozialen Bedingungen geschafft: Er studiert. Und schreibt Romane. Was würde er gesellschaftlich verändern?

Gleich zu Beginn des Gesprächs macht Pavo Pejic deutlich, welche Fragen er nicht hören möchte: dass Dulsberg ein Ghetto ist, dass er eine schwere Kindheit hatte.

Der 25-jährige Student sitzt in einem Hamburger Szenecafé und möchte eine Fanta bestellen. So etwas gibt es hier nicht, nur Bionade. Er kenne nicht viele Cafés oder Orte, wo man sich treffen könne, hatte er in seiner Mail vor dem Treffen geschrieben. Er verbringt viel Zeit zuhause, mit seiner Familie oder seiner Freundin, mit der er seit sechs Jahren zusammen ist.

Im Herbst hat Pejic sein erstes Buch herausgebracht, Pussykiller: Es geht darin um vier 15-jährige Jungs aus dem sozial benachteiligten Hamburger Stadtteil Dulsberg. Sie dealen, klauen, gucken Pornos, haben Sex und filmen sich dabei mit ihren Handys.

In nüchterner Sprache erzählt Pejic, der selbst dort aufgewachsen ist und immer noch dort lebt, von Müttern, die sich mehr für ihre Liebhaber als für ihre Kinder interessieren, von Vätern, die prügeln, Lehrern, die aufgegeben haben, und Mädchen, die Sex anbieten, weil das die einzige Form der Bestätigung ist, die sie kennen.

Der Freitag: Herr Pejic, ist das ein Buch über Ihre Jugend?

Pavo Pejic:

Klar steckt auch ein Teil von mir in diesem Buch. Aber es sind überwiegend Geschichten von Freunden und Bekannten, die eingeflossen sind. Ich bin eher der nüchterne Beobachter und interessiere mich für Jugendliche, die machen, was sie wollen, denen praktisch nie Grenzen gesetzt wurden. In den Medien kommen diese Jugendlichen meist negativ vor. Es wird oft nicht nach den Ursachen gefragt, warum sie so sind, sondern nur danach, wie man sie bestrafen kann.

Was glauben Sie, warum klauen, prügeln, vergewaltigen sie?

Diesen Jungs hat niemand Werte und Regeln gegeben. Sie hatten keinen, der ihnen erklärt hat, dass man Menschen nicht weh tun, dass man Dinge nicht kaputt hauen darf. Es hat ihnen auch nie jemand vermittelt, wie man seine Freizeit sinnvoll gestalten kann. Das sind alles keine Dinge, die man bereits als Baby weiß. Wenn die Eltern kein Geld haben, um ihren Sohn beim Sport oder in der Musikschule anzumelden, dann langweilt der sich schnell, macht alle möglichen dummen Sachen und lotet so seine Grenzen aus.

Die Jugendlichen in Ihrem Buch scheinen sich vor allem über Sex zu definieren. Ist das der einzige Halt in einem Leben, das von Leere und Langeweile geprägt ist?

Sex ist für sie vor allem Ersatz für menschliche Zuneigung, weil eben manche Jungs und Mädchen aus Familien kommen, wo die Verhältnisse kalt sind. Weil die Erwachsenen keine Zeit, keine Lust und vor allem keine Kraft haben, um ihren Kindern Aufmerksamkeit zu schenken, suchen sie sich die woanders. Außerdem gibt es ja wenig Dinge, worauf diese Jugendlichen stolz sein können: Sie sind schlecht in der Schule und haben keine Perspektiven...

Sex ist ihre Freizeitgestaltung?

Einige sind emotional verroht, und Sex ist eben nur ein Neben­aspekt, so wie für andere Menschen Schachspielen eine Freizeitgestaltung ist. Sie definieren sich nicht darüber und ziehen daraus auch nicht den Sinn für ihr Leben. Aber es reguliert sie ein wenig. Sex aus Liebe hat einfach einen relativ unwichtigen Stellenwert.

Es sind ja fast noch Kinder, die sich im Alter von elf, zwölf Jahren schon so geben wie Erwachsene.

Ja. Als ich selbst in dem Alter war, habe ich das natürlich anders gesehen. Wenn ich zum Beispiel ein 14-jähriges Mädchen gesehen habe, das freizügig herum lief, fand ich das toll. Heute finde ich es bedenklich, in welchem Alter das beginnt. Da laufen bereits achtjährige Mädchen mit hohen Stiefeln und engen Hosen über die Straße. Und ihnen hinterher: kleine Jungs, die schon empfänglich sind für diese Reize.

Finden Sie, der Begriff „Generation Porno“ trifft auf sie zu?

Na ja, die Medien und wie die Menschen damit umgehen, das hat sich verändert. Die ständige Verfügbarkeit von Gewalt und Pornographie ist extremer geworden. Diese Dinge sind ständig abrufbar. Wenn einer 15 Stunden am Tag im Internet verbringt, da passiert es fast zwangsläufig, dass er sich solche harten Pornoseiten anschaut.

Und Kinder und Jugendliche halten das für selbstverständlich?

Vor zehn Jahren hieß es, die Gewalt bei Jugendlichen käme von Videos, von Videospielen und aus dem Fernsehen. Heute ist es eben das Internet, wo alle „bösen Einflüsse“ herkommen. Gewaltfilme auf Handys gab es vor zehn Jahren, als ich in dem Alter war, in diesem Maße noch nicht. Auch diese „Videomanie“, das Filmen mit dem Handy, war noch nicht so verbreitet. Aber Gewalt gab es trotzdem. Ich finde, auch der Voyeurismus in den Medien, die bereits im Nachmittagsprogramm nackte Menschen zeigen und Themen wie Sex total falsch aufgreifen, trägt dazu bei, dass die Hemmschwelle immer weiter sinkt.

Sie schreiben über eine Clique, in der vor allem deutsche Jugendliche sind. Warum nicht auch über Migranten?

Das hätte natürlich nahe gelegen, weil ich selber kein Deutscher bin und viele meiner Freunde auch Ausländer sind. Tatsächlich gibt es in dem Buch auch ausländische Figuren. Aber immer, wenn ich über sie geschrieben habe, hat sich das für mich nicht gut angehört.

Sie wollten nicht noch mehr zu den Klischees beitragen?

Ich habe nicht darüber nachgedacht, ob ich irgendwelche Klischees bediene. Ich habe mich eigentlich nie wie ein typischer „Ausländer“ gefühlt, und es war für mich einfach naheliegender, über deutsche Jugendliche zu schreiben. Aber es ist schon so, dass man beim Thema Migranten leicht in ­irgendwelche Klischees rutscht; Schulabbruch, Kriminalität, Gewalt. Bei deutschen Jugendlichen fragt man sich vielleicht noch eher, wie das passieren kann und was in unserer Gesellschaft nicht stimmt.

Diese Fragen nach den Gründen wollen Sie mit Ihrem Buch aufwerfen?

Also, ich habe das Buch nicht geschrieben, um zu moralisieren. Das kann man aus dem Buch herauslesen. Ich will nicht irgendwelchen schwierigen Jugendlichen sagen, was falsch läuft, oder der Gesellschaft, wie man es besser macht. Ich bin 25 Jahre alt, ich muss selbst noch weiter herausfinden, was ich für richtig halte. Aber wenn jetzt ein Jugendlicher, der sich sonst nicht mit Lesen beschäftigt, mein Buch liest und sich darin wieder erkennt, das wäre schon toll. Und wenn es ihn dazu bringt, noch ein zweites Buch zu lesen. Überhaupt, wenn es auch andere Leute dazu bringt, sich mit den Problemen dieser Jugendlichen auseinanderzusetzen und aufzuhören, sie alle als „Unterschicht“ abzuschreiben. Erstmal müssen sie überhaupt aufhören, diesen Begriff zu benutzen.

Unterschicht?

Ja, weil sich leider viele Leute dazu hinreißen lassen, dieses Urteil über sie anzunehmen. Wenn zum Beispiel jemand in Hamburg-Dulsberg aufwächst, keinen Schulabschluss macht und dann hört, er sei Unterschicht und nahe am kriminellen Milieu, dann ist der Schritt, tatsächlich kriminell zu werden, nicht mehr weit. Abgestempelt werden demotiviert ungeheuer. Und überhaupt, was bedeutet denn „Unterschicht“? Die Leute, die den Begriff immer wieder in den Mund nehmen, sind Menschen wie Politiker, die absolut nichts dazu beitragen, dass sich daran was ändert, denen scheinbar gleichgültig ist, dass die soziale Schere immer weiter auseinander klafft. Indem sie die ärmeren Leute in die Außenbezirke verfrachten, um die Innenstädte für die wohlhabenderen Menschen freizuräumen.

Wie sehen Sie das, wie durchlässig ist unsere Gesellschaft? Können Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen nach oben kommen?

Ich glaube, die meisten schaffen es nicht. Aber theoretisch betrachtet ist das natürlich möglich. In Deutschland sind die Chancen okay. Da müsste sich aber noch einiges ändern, das Schulsystem vor allem. Wenn man erstmal auf der Hauptschule ist, dann ist es schwierig, was aus sich zu machen. Du bekommst ständig zu hören, du seist Dreck. Wenn dann auch noch die Menschen auf den Arbeitsämtern einem vermitteln, man sei nichts wert und würde sowieso nichts hinkriegen, welchen Antrieb hat man da noch, sich und denen das Gegenteil zu beweisen?

Also erstmal die Hauptschulen abschaffen?

Schüler sollten noch viel deutlicher die Chance bekommen, den gleichen Abschluss zu schaffen. Ich denke da an das Prinzip der Gesamtschule. Hauptschulen haben einen miserablen Charakter und Realschulen sind nur noch bessere Hauptschulen. Es ist doch ganz klar, dass das System, wie es seit Jahrzehnten läuft, nicht mehr gut ist. Man muss sich den Zeiten anpassen. Schulformen als soziale Selektion ist fatal und unverantwortlich.

Sie selber waren auf der Realschule, sind dann auf die Höhere Handelsschule gegangen und studieren jetzt Soziale Arbeit. Waren Sie besonders fleißig?

Nein, bei mir ging nicht alles glatt. Einige Leute von früher wären sicher überrascht, dass ich jetzt studiere und ein Buch geschrieben habe. Ich bin zwei Mal sitzen geblieben, habe viel geschwänzt und miserable Noten gehabt. Aber ich hatte das Glück, dass immer Leute um mich waren, die mir in den Hintern getreten und an mich geglaubt haben.

Ihre Eltern?

Ja, obwohl sie selbst keinen akademischen Hintergrund haben – sie sind in den 1970er Jahren aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland gekommen. Aber sie haben mir und meinen beiden älteren Geschwistern immer gesagt, wie wichtig Bildung und hohe Schulabschlüsse sind. Auch meine Freunde haben mich immer wieder ermutigt, dass ich weitermachen und nicht stehen bleiben soll. Immer im Tritt bleiben.

Hatten Sie auch Lehrer, die sie motiviert haben?

Ja, es gab welche, die wirklich okay waren. Aber ich hatte auch Lehrer, die sich für die Schüler mit schlechten Leistungen gar nicht interessierten. Die hatten ihre paar erfolgsversprechenden Kandidaten, bei denen sie dachten, dass aus ihnen was wird – und die anderen sollten sich irgendwie durchschlagen. Auf der Hauptschule ist das noch viel schlimmer. Ein Freund hat mir erzählt, dass er zu seinem Lehrer gesagt hat, er würde nach dem Hauptschulabschluss gerne auf die Handelsschule, da haben sie nur die Nase gerümpft und meinten: Nö, ich traue dir das nicht zu. Klar, dass das dann nichts wird.

Was ist aus Ihren Freunden von früher geworden?

Die meisten haben die Kurve gekriegt. Es ging hoch und runter, aber sie haben es zum Glück fast alle geschafft, etwas aus ihrem Leben zu machen. Im erweiterten Freundes- und Bekanntenkreis gibt es schon einige, die noch heute Schwierigkeiten haben. Bei denen hat es nicht Klick gemacht, die sind jetzt 24 oder 25 Jahre alt, und die Zeit wird knapp. Das sind welche mit Migrantenhintergund, aber auch mindestens genau so viele Deutsche. Gerade bei Migranten ist oft das Problem, dass man ihnen nie erzählt hat, was es für Möglichkeiten gibt, und dass man sich nie wirklich mit ihnen auseinander gesetzt hat. Eher wurden sie kriminalisiert. Und klar, wenn selbst die Eltern nie gehört haben, dass Bildung der Schlüssel ist, woher sollen die Kinder das dann wissen?

Das Gespräch führte Ulrike Linzer

Brauchen wir etwa eine neue Sexualmoral?, so lautete die Ankündigung des Arte- Themenabends Generation Porno aus dem vergangenen Jahr. Für die Jugendlichen von heute sei Pornografie eine nicht mehr wegzudenkende Realität, bereits 60 Prozent aller Jugendlichen hätten Hardcore-Pornos gesehen, die für viele Erwachsene immer noch tabu sind.

Auch die ZDF-Doku Generation Porno vom Frühjahr 2009 zeigt, wie Kinder hartem Sex begegnen und vor welchen neuen Herausforderungen Eltern und Pädagogen stehen. Experten schätzen, dass bis zu zehn Prozent der Jugendlichen sexuell völlig desorientiert seien.

Der Filmemacher, Arzt und Psychologe Manfred Bölk hat für seine ARD-Reportage Letzter Halt Sex Kids am Abgrund junge Menschen zu ihrem Leben befragt; bei den meisten ist es offensichtlich ausschließlich sexuell definiert.

In dem Buch Deutschlands sexuelle Tragödie von Bernd Siggelkow warnt der Jugendpfarrer vom Berliner Kinderhilfswerk Arche vor einer frühreifen, hypersexualisierten Jugend, die nicht mehr zu Partnerschaften fähig sei. In 30 wahren Geschichten, erzählt Siggelkow von Achtjährigen, die mit ihren Müttern Pornos anschauen, von 14-Jährigen, die Liebhaber an ihre Mütter weiterreichen und von Kindern, die auf dem Spielplatz statt Räuber und Gendarm Gangbang spielten.

Durch die vielen Sexseiten im Internet oder Porno-Filmchen fürs Handy könnten Kinder können die vielen Infos gar nicht einordnen. Die Kluft zwischen körperlicher und geistig-psychischer Sexualreife werde immer größer, so Siggelkow. Er befürchtet mehr Gewalttaten und eine beziehungsunfähige Generation.

09:00 04.12.2009

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