Kurz vor der Ziellinie

USA Für Feministinnen ist Donald Trump keine Option. Dennoch tun sich manche mit Hillary Clinton schwer
Judith Langowski | Ausgabe 43/2016 11
Kurz vor der Ziellinie
Diese Trump-Gegnerin fährt für den Kandidaten der Republikaner die Krallen aus

Foto: Cordonpress/Imago

Die letzte Fernsehdebatte ist gelaufen, Hillary Clinton hat es beinah geschafft: In etwas mehr als einer Woche könnte sie zur ersten Präsidentin der Vereinigten Staaten gewählt werden. Ihr Wahlkampfmotto I’m With Her betont die geschichtliche Bedeutung ihrer Nominierung als erste weibliche Kandidatin der Demokraten. Junge und ältere Frauen im ganzen Land sollen so animiert werden, für Clinton zu stimmen, weil sie eine Frau ist.

Im Hinblick auf ihren Gegner Donald Trump und seine neuesten sexistischen Aussprüche ist die Wahl für viele Frauen klar: bloß nicht ihn. Doch noch während der Vorwahlen standen viele, besonders jüngere Frauen auf der Seite Bernie Sanders’ und unterstützten seine Forderungen nach Bankenregulierung und freier Hochschulbildung. Im Zieleinlauf vor dem 8. November stellt sich die Frage: Was erwarten Frauen, die selber politisch aktiv sind, von einer Geschlechtsgenossin im Oval Office? Was könnte eine Präsidentin Hillary Clinton für Frauen bewegen?

Für Heather Hurwitz viel. Sie nennt Clintons Nominierung einen „historischen Moment“ und sagt: „Ihr habt Angie, aber in unserem Land gab es das noch nie.“ Hurwitz ist 37 Jahre alt, sie unterrichtet und forscht am Frauencollege Barnard auf der Upper West Side von Manhattan. Es habe sie „unglaublich gerührt“, dass Clinton als Kandidatin nominiert wurde und damit die gläserne Decke durchbrochen habe.

Marktliberaler Feminismus?

Die Nominierung, so scheint es, ist der große Erfolg der US-amerikanischen feministischen Bewegung seit Susan B. Anthony und Betty Friedan. Doch noch ist die Gender-Gleichheit nicht besiegelt. „Hillary muss sich körperlich und sprachlich ganz anders verhalten, um zwischen den männlichen Mitstreitern ernst genommen zu werden“, sagt Cynthia Friedman, 25. Friedman ist in New York in verschiedenen politischen Gruppen aktiv. Sie hat im Vorwahlkampf Bernie Sanders unterstützt, doch nun schätzt sie Clintons Intelligenz und politische Erfahrung. Große Teile der Bevölkerung, meint sie, trauten Clinton aber nicht, da sie als Frau nicht in diese Position passe. In diesem Sinn sei die US-Politik noch weit von Gleichberechtigung entfernt.

Auch am anderen Ende des feministischen Spektrums wird Clinton kritisch gesehen. Für viele junge Frauen repräsentiert sie nicht den Feminismus, den sie vertreten, sondern einen marktliberalen Feminismus, wie ihn Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg in ihrem Buch Lean In propagiert. Ein Feminismus, der Mainstream geworden ist – leicht verdaulich, Buisness-kompatibel, die Wahlmöglichkeiten der individuellen Frau in den Vordergrund stellend.

Kayla Santosuosso, 25, arbeitet als Vizedirektorin bei der Arab Americans Association of New York (AAANYC). Der 25-Jährigen genügt es nicht, eine Frau an erster Stelle zu sehen, um das Gefühl zu haben, dass ihre Meinung vertreten wird. Dazu hat Clinton „zu viel Macht und gehört zu einer kleinen Elite an Frauen, die ihre Chancen haben“, sagt Santosuosso. „Ich möchte wirklichen Feminismus mit einem gesamtgesellschaftlichen Wandel, der auch Transmenschen und Women of Color mit einbezieht.“

Nicht nur als Feministin enttäuscht Clinton viele mit zu wenig Veränderungswillen. Auch ihr politisches Programm gefällt vielen Aktivistinnen nicht, die Bernie Sanders’ Politik unterstützt haben. Cynthia Friedman, die mit der progressiven jüdischen Organisation IfNotNow für ein Umdenken innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in den USA in Bezug auf Israels Besatzungspolitik wirbt, sagt: „Ich sorge mich um Hillarys Außenpolitik, denn sie ist im Israel-Palästina-Konflikt längst nicht so liberal, wie ich es möchte.“

Angesichts der Wahlmöglichkeiten ist ihr dennoch klar, dass Clintons Politik „keine globalen Infrastrukturen zerstören wird, wie es bei Trump der Fall sein könnte“. Auch Post-Doktorandin Hurwitz, die zur Occupy-Bewegung forscht und sich in globalisierungskritischen Gruppen engagiert, äußert vorsichtig Kritik an Clintons Bankenpolitik: „Ich wünsche mir, dass sie die Themen mit Priorität behandelt, die die Macht des einen Prozents beschränken – also der Leute, die am meisten Macht und Reichtum angehäuft haben.“

Während Friedman und Hurwitz trotz ihrer Kritik aber für Clinton stimmen werden, sind andere vom Wahlkampf weitaus desillusionierter. Shani Chabanski ist eine von ihnen. Sie wird im November für Jill Stein stimmen, die Kandidatin der Grünen Partei. Chabanski, eine Lehramtsstudentin aus Oakland, Kalifornien hat in den Vorwahlen noch für Sanders gestimmt. Clintons Ideen findet sie dagegen enttäuschend. Sie reflektierten nicht die Realität einer jungen Frau, die haushoch verschuldet von der Universität kommt.

„Es gibt einen tiefen Riss zwischen den Frauen der jüngeren und älteren Generation in dieser Hinsicht“, sagt Chabanski. „Hillary erinnert mich an meine Mutter: die Generation von Hippies, die alles bekommen hat und die jetzt zufrieden ist.“ Sie traut Clinton nicht, Trump aber noch viel weniger. Ihre Stimme für Jill Stein wird durch das amerikanische Wahlsystem zwar wenig Gewicht haben, aber für sie ist es ein Zeichen ihres Protests gegenüber den Kandidaten der beiden großen Parteien.

Einstehen für Frauenrechte

Mit dieser Meinung ist Chabanski nicht alleine: 17 Prozent der sogenannten Millennials, also der Generation der jetzt 18-34-Jährigen, würde laut einer Umfrage am 8. November für eine dritte Partei stimmen. Bernie Sanders’ Einfluss dabei ist groß. Mit kostenloser Bildung, Regulierung der Banken und einer transparenten Wahlkampffinanzierung hat er die Generation, die vor fünf Jahren noch bei Occupy gezeltet hat, auf seine Seite gebracht. Der Großteil der Millenials ist laut der Umfrage klar gegen Trump. Doch die Entscheidung dieser Wählergruppe von 70 Millionen Menschen, für Clinton oder stattdessen für eine dritte Partei, kann Clintons Ergebnisse entscheidend beeinflussen.

Trotz Kritik überzeugt Clinton aber in einem Punkt, dem der Slogan I’m With Her gerecht wird: Viele Frauen sind überzeugt, dass sie sich für die reproduktiven Rechte von Frauen und für die Gleichstellung einsetzen wird. Celina Alveraz, 31, ist Vizedirektorin eines Frauenhauses westlich von Sacramento, Kalifornien. Das Zentrum ist staatlich finanziert und abhängig von den Entscheidungen in Washington. Alveraz wird für Clinton stimmen, sie erhofft sich davon eine bessere Gesetzeslage zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen.

Sowohl Friedman, die ehrenamtlich Frauen bei Abtreibungen begleitet, als auch Alveraz wissen, wie viel es für ihre Arbeit bedeutet, eine Frau in der entscheidenden Position zu haben. Trump stellt dagegen mit Mike Pence einen Vize-Kandidaten, der als Gouverneur von Indiana eins der schärfsten Abtreibungsgesetze der USA unterschrieben hat.

„Ich erwarte von Hillary, dass sie die reproduktiven Rechte der Frauen schützt und ausweitet“, sagt Hurwitz. Viele Frauen hoffen, dass sich Clinton als Präsidentin gegen konservative Bewegungen stellen wird. Aber sie wissen, dass es nicht einfach sein wird. Auch die Zusammensetzung des Kongresses ist entscheidend für die tatsächlichen Ergebnisse Clintons.

„Die Präsidentin ist auch nur eine Person“, sagt Frauenhaus-Mitarbeiterin Alveraz. „Sie wird ihr Bestes geben, aber der Kongress ist zwischen Republikanern und Demokraten so gespalten, dass ich nicht erwarte, dass sie viel verändern kann.“

Andere sehen in einer starken Lokalpolitik den besten Weg, um politische Veränderung zu erreichen. „Egal wie die Wahlen ausgehen, die Trump-Unterstützer werden bleiben“, sagt Santosuosso. Das merkt sie in ihrer Arbeit für die AAANYC und in ihrer Arbeit gegen den Rassismus, dem arabischstämmige Amerikaner immer mehr ausgesetzt sind. „Wir müssen noch stärker als bisher kämpfen, da die amerikanischen Rechten durch Donald Trump aufgerüttelt wurden“, sagt Santosuosso. Lokale Politiker anzusprechen und mit der Bevölkerung direkt ins Gespräch zu kommen ist ihrer Meinung nach wichtig – fast wichtiger als das, was die Präsidentin ausrichten kann.

Für Clinton geht es in den nächsten Tagen darum, die Swing States und unentschlossene Wähler auf ihre Seite zu holen. Doch dafür muss sie der jüngeren Generation zeigen, dass sie einen Feminismus vertreten kann, der vielfältig ist. Dass sie für soziale Gerechtigkeit einstehen kann. Und dass sie es tatsächlich ernst mit den Idealen meint, die sie im Wahlkampf vertritt. Die Frauen sind vorbereitet: „Wir als Aktivistinnen werden sie genauso unter Druck setzen müssen, wie die vorherigen Präsidenten auch“, sagt Heather Hurwitz. Ein bisschen Stolz schwingt dabei in ihrer Stimme mit.

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