La Borinqueña, hilf!

Nicht in Berlin Puerto Rico ist pleite, doch eine Superheldin soll Hoffnung geben
Marie Pohl | Ausgabe 28/2016

Eine Schuldenwolke von 72 Milliarden Dollar überschattet die Karibikinsel Puerto Rico. 45 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze, in Krankenhäusern wird manchmal der Strom abgestellt. Man spricht von der größten Auswanderungswelle aller Zeiten. In New York marschiert die National-Puerto-Rican-Day-Parade über die 5th Avenue. Die Veranstalter hatten überlegt, den jährlichen Festzug abzusagen. Aber man war sich einig, besser auf den Zustand der Insel aufmerksam machen als schweigen. Das Wetter scheint mithelfen zu wollen. Munter flattert der Wind in den puerto-ricanischen Fahnen unter einer glückverheißenden Junisonne. Ein Prachttag zur Feier der puertoricanischen Kultur und Gemeinde.

1,5 Millionen Zuschauer jubeln von der 44. bis zur 79. Straße den Central Park entlang. Jeder schwenkt eine Fahne. Rot-weiß-blauer Stolz, so weit das Auge reicht. Die puertoricanische Flagge sieht der kubanischen zum Verwechseln ähnlich. Sie wurden gemeinsam entworfen, Hoffnungsträger von Freiheitskämpfern, die einst in New York gegen eine spanische Kolonialherrschaft konspirierten. Aber im Unterschied zu Kuba ist Puerto Rico heute kein unabhängiges Land. 1898 wurde es von Spanien an die USA abgetreten und ist seither deren Territorium.

Nebliger Sonderstatus

In den 50ern war es den Puerto Ricanern unter einem Maulkorbgesetz strengstens verboten, ihre Fahne zu hissen oder gar zu besitzen. Zehn Jahre Haftstrafe gab es für das Summen der Nationalhymne. Das Gesetz wurde 1958 abgeschafft. Ein Jahr später feierte die Diaspora in New York ihre erste Puerto-Rican-Day-Parade mit 150.000 Zuschauern. Heute ist sie der größte Straßenumzug der Vereinigten Staaten.

Ein Mann auf Stelzen wirft rot-weiß-blaues Konfetti in die Luft. Aus Lautsprechern eines Wagens intoniert der bekannte Salsa-Sänger Ángel Canales: „Puerto Rico, yo nunca dejaré de amarte“. (Puerto Rico, ich werde nie aufhören, dich zu lieben.) Die Zuschauer wippen im Rhythmus. Manche schlummern auf mitgebrachten Klappstühlen. In frühen Morgenstunden sind sie gekommen, um sich die guten Plätze zu sichern, mit Kindern und Proviant.

Rund fünf Millionen Puerto Ricaner leben in Amerika, 1,5 Millionen mehr als auf der Insel selbst. Sie sind US-amerikanische Staatsbürger. Aber nur die, die in den USA wohnen, dürfen wählen. Auf der Insel gelten andere Bedingungen. Puerto Rico ist kein amerikanischer Bundesstaat. Sein Abgeordneter hat im Kongress kein Stimm-, und die Insulaner haben kein Wahlrecht. Estado libre asociado, Freistaat, taufte man Puerto Rico im Jahr 1952 und gab ihm einen direkt gewählten Gouverneur. Daraufhin strich die UNO das Territorium von der Liste kolonisierter Länder.

Aber der Freistaat blieb Amerika untergeordnet, seine Gesetze können mit Vetos zunichte gemacht werden, und gerade jetzt, da die Schulden ihm den Hals zuschnüren, wird ihm dieser neblige Sonderstatus immer mehr zum Verhängnis. „Wasser, Wasser“, ruft einer. Er schiebt hinter den Zuschauern eine Mülltonne auf Rädern vor sich her, aus der er Plastikflaschen verkauft – „und einen doppelten Schuss Wodka“. Am 1. Juli musste Puerto Rico zwei Milliarden Dollar an die Gläubiger zahlen. Genügend Geld ist trotz massiver Kürzungen nicht vorhanden. Als die Stadt Detroit vor nicht allzu langer Zeit eine ähnlich verheerende Pleite traf, meldete sie Konkurs an. Das darf Puerto Rico als Freistaat nicht. Es darf aber auch nicht im Ausland Geld borgen. Ein selbsterlassenes Umschuldungsgesetz erklärt der höchste Gerichtshof der USA für ungültig. Aber was dann?

Koloniale Konnotationen

Der Kongress verabschiedete ein Rettungsgesetz mit nahezu zynischem Namen: P.R.O.M.E.S.A. (Versprechen). Ein in Washington ernannter Vorstand verwaltet die Finanzkrise und veranlasst Reformen. Dem Gouverneur von Puerto Rico ist jegliche Mitsprache untersagt. Der Mindestlohn für Menschen unter 25 Jahren sinkt von 7 auf 4,25 Dollar. Eine wuchtige Aufsicht aus Washington mit kolonialen Konnotationen.

„Boricua sí. Promesa no!“,ruft eine Gruppe von Aktivisten, die auch mitmarschiert. Die Puerto-Ricaner nennen sich boricua nach Borikén, der Name der Insel in der Sprache der Taíno-Ureinwohner. „Wir brauchen einen Helden“, sagt der Comickünstler Edgardo Miranda-Rodríquez, „heute mehr denn je.“ Deshalb schuf er La Borinqueña, eine Superheldin, die er bei der Puerto-Rican-Day-Parade erstmalig präsentierte und die im Oktober als Comicheft erscheint. La Borinqueña heißt auch die Nationalhymne.

Die Superheldin studiert Umweltforschung in New York, wo sie als Tochter puertoricanischer Eltern geboren ist. Während einer Studienreise in Puerto Rico gelangt sie zu magischen Kräften. Sie kann fliegen und das Wetter rufen. Ihr Heldenkostüm trägt die rot-weiß-blauen Farben. Ein Faden ist darin eingenäht von der ersten puertoricanischen Fahne, die Widerstandskämpfer in 1868 in der Stadt Lares an einem Kirchturm hissten, bevor ihre Revolte niederschlagen wurde. La Borinqueña soll die Puertoricaner an ihre Geschichte erinnern und ein Symbol sein für die Überlebenskraft, die in der Natur und der Kultur ihrer Insel steckt.

In Anwesenheit von kubanischen Vertretern tagt in der UNO das Komitee für Entkolonisierung. Man bespricht Puerto Rico. Bundesstaat oder Unabhängigkeit? Nur nicht diese Wirrnis. Ein Mädchen lehnt über den Absperrungszaun und flirtet mit einem Polizisten. „Dein Zopf leidet“, sagt sie. Er hat seine Dreadlocks ungeschickt zusammengebunden. Der Zopf, der unter seiner Mütze hervorquillt, scheint tatsächlich zu leiden. Sie drückt sich mit den Armen auf der Absperrung hoch und lacht: „Viel zu eng geschnürt. Mach deine Haare auf und lass den Wind durch.“

Marie Pohl ist gebürtige Hamburgerin, lebt derzeit in New York und wurde als Autorin mit dem Erzählband Maries Reise (2002) bekannt

06:00 27.07.2016

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