La Grande Motivation

Frankreich Alain Finkielkraut und andere Denker suchen nach einer neuen Erzählung für das multikulturelle Land
Kersten Knipp | Ausgabe 12/2015 2

Frankreich hat sich wieder. Das Land hat zum alten Rhythmus zurückgefunden, und auch das Feuilleton gibt sich entspannt. Die Angriffe auf Charlie Hebdo liegen einige Wochen zurück – genug, um sich wieder den Stars und Sternchen zu widmen, dem Who’s who des Augenblicks. So jedenfalls scheint es.

Doch ein, zwei Stufen unter der Oberfläche wird diskutiert. Die Anschläge haben einer Diskussion neuen Schwung verliehen, die bereits seit Jahren läuft. Im Kern dreht sie sich um die Frage: Was ist Frankreich? Und was will das Land, was verlangt es von sich selbst? Einige Wochen nach den Anschlägen veröffentlichte der junge französische Philosoph François-Xavier Bellamy auf seiner Website eine kühle These. „Nein, Frankreich ist nicht Charlie“, schrieb er dort. Und die Begründung, die er lieferte, führt ins Herz jener Identitätsdebatte, die die Franzosen, die nachdenklichen zumindest, quält wie kaum eine andere. Worauf gründet Frankreich, das Land der Revolutionen und der Aufklärung, heute sein Selbstverständnis?

Auf jeden Fall nicht auf eine Institution wie Charlie Hebdo, sagt Bellamy. Natürlich: Der Anschlag war furchtbar, die Solidarität mit den Opfern zwingend. Frankreich, findet Bellamy, ist trotzdem nicht Charlie. „Denn Frankreich ist nicht aus einer ätzenden Ironie hervorgegangen, die alles zersetzt, was andere vor uns und für uns errichtet haben. Frankreich hat keine Zukunft, wenn es seine Freiheit in einer aggressiven, besessenen und sterilen Verneinung seiner eigenen Identität findet.“

Der Kolonialismus

Nationale Identität: Wie in Deutschland gehört der Begriff auch in Frankreich zu den heikelsten und peinlichsten überhaupt. Was für die Deutschen der Nationalsozialismus, ist für die Franzosen der Kolonialismus, insbesondere die gut 130 Jahre dauernde, blutig begonnene und blutig beendete Besatzung Algeriens. Können und dürfen Länder mit einer solchen Vergangenheit das Wort von der nationalen Identität überhaupt noch in den Mund nehmen? Täten sie nicht viel besser daran, alle Verbindungen zur nationalen Vergangenheit zu kappen, auf Distanz zu sich selbst und ihrer Kultur zu gehen und noch einmal ganz von vorn anzufangen? Und sollten sie bei dieser Gelegenheit nicht auch die Kultur der ehemals Unterworfenen in den Blick nehmen, in ihre eigene einfließen lassen, sodass am Ende eine neue, postnationale, multikulturelle Identität entsteht?

Nein, sollten sie nicht, findet Bellamy. Der Scheu vor der nationalen Kultur setzt der 1985 geborene Philosoph in seinem Buch Les déshérités ou l’urgence de transmettre („Die Enterbten oder die Notwendigkeit zu vermitteln“) ein entschiedenes Bekenntnis zu ebendieser Kultur entgegen. Die in der Bildungspolitik zur Staatsräson erhobenen Distanz zur eigenen Kultur zeigt verheerende Auswirkungen: Ein Fünftel aller um die 20 Jahre alten Franzosen, zitiert er eine vom Bildungsministerium veröffentlichte Statistik, seien nicht mehr in der Lage, kurze Sätze zu lesen oder einfache Texte zu verstehen. Die Distanz zum kulturellen Erbe geht so weit, dass nicht einmal die Sprache angemessen unterrichtet wird. Ob dieser Weg in eine aufgeklärte Zukunft führt?

In seinem Zweifel weiß sich Bellamy einig mit dem Philosophen Alain Finkielkraut. Der, Jahrgang 1949, hat eine bewegte ideologische Laufbahn hinter sich. 1968 gehörte er zu jenen, die auf die Straßen gingen und gegen alles protestierten, was nach Erbe und Establishment roch. Die Demonstranten wollten eine neue Gesellschaft – und vergaßen darüber, sagt Finkielkraut in seinem Buch L’identité malheureuse („Die unglückliche Identität“), was sie der alten alles verdankten. Zum Beispiel eine gründliche Kenntnis der französischen Kultur, des nationalen Kanons.

Der aber hat auf dem Weg zur neuen, postnationalen und multikulturellen Gesellschaft, längst ausgedient. Und genau das ist das Problem, schreibt Finkielkraut. Denn nun geht es mit der Bildung nur noch in eine Richtung: nach unten. Hinter dieser Verfallsgeschichte, räumt er ebenso wie Bellamy ein, standen durchaus gute Absichten. So wollte man jenen unsichtbaren kulturellen und in der Folge auch ökonomischen Selektionsprozess unterlaufen, als den der französische Soziologe Pierre Bourdieu das Schulsystem seines Landes beschrieben hatte. Auf dem Unterrichtsplan stand der kulturelle Kanon des Landes, der allem den höheren Söhnen und Töchtern geläufig war. Die waren (und sind) mit diesem Erbe zutiefst vertraut, bewegen sich in ihm mit einer Leichtigkeit, die unmittelbar in die Notengebung einfließt. Der „Habitus“, wie Bourdieu die entsprechenden Verhaltensweisen nennt, ist zunächst ein symbolisches Kapital, das sich am Ende der Schul- und Studienjahre unmittelbar in ein ökonomisches verwandelt. Und an dem all jene nicht teilhaben, die als Kinder weniger beglückter Schichten über dieses Anfangskapital nicht verfügen. Studie um Studie bestätigt, dass sich daran bis heute nichts geändert hat.

So weit, so schlecht. Aber erschöpft sich der Unterricht in den Selektionsmechanismen? Ist er wirklich nur ein Instrument, mit dem die Elite sich gegen Neuankömmlinge von unten absichert? Finkielkraut hat andere Erfahrungen gemacht. In seinem Buch erinnert er, der Sohn kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nach Frankreich gekommener polnischer Juden, sich an seine ersten Schuljahre. Sonderlich interessiert habe man sich für seine Herkunftsgeschichte nicht, geschweige denn Rücksicht auf sie genommen. Vom jungen Migranten wurde derselbe Einsatz erwartet wie von den anderen Schülern auch – wofür Finkielkraut heute unendlich dankbar ist. Bildung, sagt Finkielkraut, verschaffe die Möglichkeit, auf Distanz zur Welt zu gehen; ein Anliegen, das in Zeiten gesteigerten Identitätsbewusstseins, um nicht zu sagen, bunter und vielgestaltiger Identitätsobsessionen, wie sie für multikulturelle Gesellschaften so typisch sind, wichtiger sei denn je. „Das heute so hoch bewertete Recht auf Differenz verspricht nur dann Freiheit, wenn es auch das Recht umfasst, auf Distanz zu seiner Differenz zu gehen.“

Ein Satz, den Bellamy sofort unterschreiben würde. Was ist Kultur, wenn nicht eine Technik, sich neue Welten zu erschließen oder die bekannte Welt mit neuen Augen zu sehen? Literatur, Kunst, Philosophie: alles Wege, zu wachsen, sich auf gesteigerter Ebene zurechtzufinden, durchdachte Positionen zu entwickeln. Und der Weg dahin führe über das kulturelle Erbe. Und da man in Frankreich lebe, eben das kulturelle Erbe Frankreichs. Chauvinistisch sei das nicht: Das Bekenntnis zur eigenen Kultur schließe die Achtung anderer Kulturen nicht aus, im Gegenteil: Es schaffe überhaupt erst die Grundlagen, sich andere Kulturen zu erschließen.

Ist eine solche Argumentation konservativ? Bellamy hat mit dem Begriff keine Schwierigkeiten. Die hätte er, würde man die Grenze zwischen konservativer und reaktionärer Haltung schleifen. Wo die verläuft, zeigen etwa die Schriften des Publizisten Renaud Camus. Der bekennende Homosexuelle sympathisiert mit dem rechtsextremen Front National. Und wie dieser greift er in seinem Buch Le changement du peuple („Austausch der Bevölkerung“) die Migranten offen an: Die wüssten gar nicht, was es bedeute, eine liberale Gesellschaft zu garantieren. Ihnen sei völlig unbekannt, welchen Einsatz man für deren Fortbestand zu zahlen habe. Wohlgemerkt: Camus spricht ausdrücklich von allen Migranten. Nicht von einigen, so wie auch einige Franzosen, deutsche oder sonstigen Europäer diesen Einsatz nicht kennen, nein, von allen. Da liegt es nahe, zu einer Konferenz über die Einwanderung auch die Bogida-Initiatorin und ehemalige Aktivistin der „Jungen Nationaldemokraten“, Melanie Dittmer, einzuladen.

Moderat modern

Diesen Rassismus hat Charlie Hebdo ebenso bekämpft wie den Islamismus und alle anderen Religionen. Auf diese Weise führte es den Franzosen regelmäßig vor Augen, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung, dass sich das Land seit 1789 auf die Fahnen geschrieben hat, auch wehtun kann. Doch sind Spott und Ironie hinreichende Bedingungen der Moderne? Nein, findet der Philosoph Rémi Brague: Die routinierte Kritik am Alten, die unentwegt fortgesetzten Abrissarbeiten am Bestehenden dienen als Grundlage einer zukunftsweisenden Verständigung nur bedingt. Modérément moderne („Gemäßigt modern“) nennt Brague darum sein jüngstes Werk – eine Anspielung auf ein Zitat des französischen Dichters Arthur Rimbaud, der 1873 der Überzeugung war, man müsse „résolument moderne“ („entschieden modern“) sein, um den Weg in die Zukunft zu finden.

Heute, nach zwei Weltkriegen und mehreren Diktaturen unterschiedlicher Richtungen, weiß man es besser. Denn die Abbrucharbeiten der Moderne mögen zwar Raum für Neues geschaffen haben. Fraglich ist nur, ob auf den Ruinen Prinzipien entstanden sind, nach denen sich Gesellschaften ausrichten können. Lange Jahre nach dem Erlöschen der „Großen Erzählungen“ suchen die Franzosen nun neue Erzählungen, von denen sich die Nation leiten lassen könnte. Den gedanklich Freiraum garantieren Institutionen wie Charlie Hebdo. Doch der Sturm gegen das Alte allein schafft noch keine neuen Ideen. So liegt es fast auf der Hand, dass Frankreich mehr ist und mehr sein muss als sein bekanntestes Satiremagazin.

Kersten Knipp, Jahrgang 1966, promovierter Romanist, lebt als freier Journalist in Köln

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06:00 23.03.2015

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