la ópera

Barcelonaer Abende Kolumne

Paul hat von Berlin aus für Pagliacci in der Regie von K.B. und mit E.S. als Nedda eine Karte hinterlegen lassen.

Jetzt stehe ich mit S., B. und Paul auf der Dachterrasse des Hotels Rambla und sehe über die Stadt. Auf das Gaudíhaus, das sich der Herr von Guell als Stadtwohnung erbauen ließ, und auf den Montujic. Wir stehen auf gleicher Höhe mit Columbus auf seiner Säule. Ich kann nicht sagen, Aug in Aug. Er weist mit seinem ausgestreckten Arm auf das offene Meer hinaus. Uns wendet er sein Hinterteil zu. Die Kronen der Platanen liegen unter uns.

Ich erschrecke über die körperliche Nähe und das Gewöhnliche der Situation. Ich fühle mich unwürdig, und aus diesem Grund will ich diese Frau demütigen. Ich will keine Gelegenheit auslassen, bin aber geübt darin, die Gelegenheiten geflissentlich zu übersehen.

Diese Regung muss ich erklären. Der Gesang scheint mir bewundernswerter als jede andere künstlerische Äußerung. So eine Stimme (der Körper, der die Luftströme ordnet und der Geist, der den Klang beseelt) ist anbetungswürdig. Wenn mehr als 1.000 Menschen verstummen. Wenn stumm manche Sorge des Lebens vergessen wird. Wenn manche Entscheidung gefällt, mancher Lebensentwurf verworfen wird. Ein neuer aufgegriffen wird. Wer erwartet da nicht einen besonderen Menschen hinter Maske und Kostüm. Einen Menschen, der einen lehrt, dass die Phänomene dieser Welt eines bestimmten Blickwinkels bedürfen. Von welchem Standort aus er möglich ist. So ein Mensch muss voller Überraschungen, Geheimnisse und unvermuteter Wendungen sein. Welch ein Irrtum!

"Sie armer Mensch!", ruft die S. über die Dächer von Barcelona, "Sie saßen gestern eingekeilt zwischen den Mumien der hiesigen Gesellschaft. Weiber, in einem Alter, in dem ihre Männer längst verstorben sind und ihnen der Haaransatz auf den Schädelkamm hochgekrochen ist." "Es ist Ihr Publikum, und es hat sie geliebt", wende ich ein. "Ihr Spiel war bezwingend. Mir blieb der Atem stocken, als Tonio Nedda vergewaltigen wollte. Und die Blicke, mit denen Sie Sylvio anflehten, dass es kein Spiel mehr ist, als Canio seine Maske abzieht. Und dieser Sylvio tat nichts, er wusste nicht zu unterscheiden zwischen Spiel und Realität. Die Personenführung war präzise und überzeugend." Damit wende ich mich an B.

"Siehst du, es hat ihn aufgegeilt, den Kleinen", sagt nun S., die kaum älter ist als ich, zu ihrem Mann, "und du wirfst mir vor, ich hätte gestern eine lächerliche Figur abgegeben. Dieses perverse Schwein", sagt sie nun zu mir, "wenn ich die Beine nicht breit genug mache, so dass er mir bis in die Eingeweide sehen kann, dann sagt er, ich mache keine gute Figur."

B., ein etwas zu kleiner und zu fetter Mensch, stemmt sich aus seinem Stuhl hoch, und als er endlich steht, schlägt er der S. ins Gesicht. "Du deutsche Hure, geh hinunter auf die Rambla und verdiene da dein Geld, du bist doch nur das, was du bist, durch mich."

Das Seltsame war, dass sie diese Ohrfeige zu erwarten schien, ja, man könnte fast vermuten, sie machte diesen kleinen Schritt, mit dem sie näher auf ihn zu trat, um ihm entgegen zu kommen. Sie versuchte nicht die geringste Bewegung einer Abwehr, und so schnell konnte meine Verblüffung über all das gar nicht weichen, schon sagte sie, als wäre nichts vorgefallen: "Liebling, ich mache mich fertig, dann können wir alle zusammen essen gehen. Wir haben ein wunderbares Lokal entdeckt", sagte sie zu Paul und mir.

Sie schüttelt ihr Gefieder, er reibt seinen Lockenkopf an ihrem Hals, und beide gurren wie zwei verliebte Täubchen.

Ob die Geschichte genau so vorgefallen ist, wie ich sie beschreibe, kann ich nicht genau sagen. Der Vorfall wirkte mehr theatralisch als wirklich, so, als wäre er einer literarischen Vorlage entnommen, einem Libretto.

Als wir schon in dem Lokal saßen, quälte mich die Versuchung, noch einmal auf die Szene im Hotel zu sprechen zu kommen. Ich nahm mir dann aber vor, Paul später darüber zu befragen und konnte mich endlich dem süßen Wein so hingeben, wie es die anderen von Beginn des Essens an taten.

Wir verließen das Lokal in heiterster Stimmung, und ich dachte mir nichts Schlimmes dabei, die anderen auf den Fisch hinzuweisen, der mir schon beim Hereinkommen aufgefallen war. Mit geradem Anschnitt lag auf einer Wurstschneidemaschine ein hechtgroßes Tier und zeigte sein Inneres im Querschnitt wie in einem Biologiebuch. Da wurde der Ton der S. auf einmal hart und feindselig. "Ich bin es gewohnt, dass meine Umgebung mich auf die schönen Dinge hinweist, halten auch Sie sich daran."

Und plötzlich stand ich allein in einer engen Gasse. Ohne Orientierung. Ich lief die Straße entlang, verließ die Hauptstraße und verlief mich im Gezweig der Stadt. Von S., B. und Paul war nichts mehr zu sehen.

Ich muss Paul anrufen und ihn fragen, wie alles war.


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00:00 18.03.2005

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