Laboratorium des Schlechteren (1)

ATTAC/GENUA Mauro Berardi, Produzent des Films "Un altro mondo é possibile"

Das Projekt war lange geplant. Über 30 Regisseure und zahlreiche weitere italienische Filmschaffende schlossen sich zusammen, darunter Ettore Scola, Mario Monicelli, Francesco Maselli, Gillo Pontecorvo, Damiano Damigiani, die Brüder Taviani, Woody Allens Kameramann Carlo di Palma und der frühere Biennale-Leiter Carlo Lizzani. Ihr Ziel: Die Aktivitäten der ATTAC-Bewegung rund um den G8-Gipfel in Genua zu erfassen und davon ein anderes Bild zu zeigen, als es die Massenmedien bis dahin meist verbreitet hatten. Durch sie - und durch die suggestive Bezeichnung ATTAC - war der Eindruck von einer Horde Krawallmacher entstanden. Der Film sollte die andere Seite zeigen - Menschen, die Genua zum Ort eines friedlichen Happenings machen, die nach Alternativen zum Liberalismus und der fortschreitenden Verarmung der dritten Welt suchen. Statt der 40.000, die die Polizei erwartet hatte, kamen 300.000 Teilnehmer. Der Film, der fast ohne Worte auskommt, zeigt Momentaufnahmen aus der Stadt. Der Hafen von Genua scheint plötzlich das Malecon von Havanna zu sein, dann wieder fühlt man sich in den Karneval von Rio de Janeiro versetzt. Man sieht tanzende, fröhliche Menschen. Alle handeln sie aus einer einzigen Motivation heraus: Sie wollen eine andere Welt, und sie behaupten: "Un mondo diverso è possibile", eine andere Welt ist möglich. "Wir sind die erste weltweite Bewegung", sagt eine Teilnehmerin, "die einzig für eine bessere Welt kämpft, frei von Interessen und Ideologien". Bekanntlich wurde das Filmprojekt von einer anderen Wirklichkeit eingeholt - der zweite Teil zeigt Bilder von der Eskalation der Gewalt und vom Tod des Demonstranten.

Wer hatte die Idee, diesen Film zu drehen? Mauro Berardi: Citto Maselli, der schon früher Erfahrung gesammelt hatte mit solchen Kollektivunternehmen.

Hatte er die Idee schon vor den Ausschreitungen auf dem Genua-Gipfel?
Ja, vorher! Da wussten wir absolut noch nicht, was passieren würde. Zwei Wochen vor Genua haben wir die Teams zusammengestellt.

War es schwer, so viele Filmschaffende für das Projekt zu gewinnen?
Im Gegenteil, es wurden zu viele. Vielen mussten wir absagen.

Wie gingen Sie praktisch vor? Wie sammelten Sie das Material?
Wir haben für die 35 Regisseure 25 Miniteams gebildet, je bestehend aus einem Regisseur, einem Kameramann und einem "Runner", der sich vor Ort auskannte. Die Drehorte suchten wir nach thematischen Gesichtspunkten aus und gingen dann zum Filmen hin. Jeden Abend kam das Material herein und wurde geordnet und katalogisiert. Wir hatten ein Hauptquartier, wo sich alle versammelten und von wo die Teams wieder hinausgeschickt wurden. Insgesamt haben wir 300 Stunden Material verdreht.

Oft hat man den Eindruck, dass die Ereignisse im Film gar nicht in Genua stattfinden, sondern beispielsweise in Südamerika. Alles wirkt sehr multikulturell ...
Sicher, es sind ja auch Leute aus der ganzen Welt bei diesen antiglobalen Veranstaltungen. Das macht ihren Reiz aus. Jetzt wieder in Porto Allegre. Nein, alles was man im Film sieht, ist in Genua passiert. Aus dem Material haben wir zwei Filme gemacht. Der erste, Genua per noi, ist ein anklagendes Video, darin finden sich die härtesten Szenen und die Auseinandersetzungen. Der andere ist Un altro mondo è possibile, der mehr den verbindenden internationalen Charakter betont.

Ist dieser Film ein Pro-Attac- oder ein Anti-Berlusconi-Film?
(lacht) Ein Film gegen den G8-Gipfel, nicht gegen Berlusconi. Wenn man aber jetzt liest, dass dieselben Leute, die sich daran beteiligten, nun zum Widerstand gegen die italienische Kulturpolitik der Disziplinierung aufrufen, könne man meinen, dass dieses politische Stellungbeziehen mit dem G8-Film begonnen hat.
Der Film war jedenfalls gegen etwas gerichtet, das die ganze Welt betrifft. Ettore Scola und andere schlagen dann natürlich auch ihre eigenen Schlachten.

Wie ist die Situation für die Filmschaffenden jetzt? Gerade wurde der Direktor der nationalen Filmschule Italiens, Lino Micciché, vorzeitig abgelöst.
Die Rechte tauscht zur Zeit die Film- und Fernsehspitzen aus. Nur: leider haben sie zuvor eben die Wahlen gewonnen. Wir protestieren und tun, was wir können, aber ob es viel hilft, wissen wir nicht.

Die italienische Botschaft in Berlin wollte die Veranstaltung "nicht ausdrücklich" unterstützen. Verstehen Sie das?
Ich verstehe das schon. Sie erinnern sich vielleicht, dass ich den Film Il caso Moro produziert habe. Den hat Moritz de Hadeln damals gegen den Willen der italienischen Regierung ins Programm genommen. Ich kenne die Mechanismen also! Es ist nicht das erste Mal, dass mir so etwas passiert. Aber der Film ist politisch, weil er gegen den G8-Gipfel gerichtet ist.

Das Gespräch führte Ulrich Müller-Schöll

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00:00 08.02.2002

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