Lady Schäfer

Berliner Abende Ich finde das Haus einfach nicht wieder. Schon seit einer halben Stunde irre ich die Danziger Straße entlang, aber es scheint wie vom Erdboden ...

Ich finde das Haus einfach nicht wieder. Schon seit einer halben Stunde irre ich die Danziger Straße entlang, aber es scheint wie vom Erdboden verschluckt. Langsam beginne ich, an mir selbst zu zweifeln. Aber ich habe es mir doch nicht eingebildet, auch wenn es gestern sehr spät geworden ist und ich einige Gläser Wodka getrunken hatte. Irgendwo hier muss es doch sein. Über einer Treppe, die ein paar Stufen hinunter zu einem Kellerraum führte, hing ein Schild, auf dem in lackglänzenden, geschwungenen roten Buchstaben Lady Schäfer geschrieben stand. Das Schild war eingerahmt von blühenden Herzen und hängte sich wie ein Magnet auf meine Netzhaut, so sehr leuchtete es.

In der Nacht träumte ich von einer Bergwiese, auf der eine thailändisch aussehende Frau Schafe schor, um sich daraus Handschuhe und eine Wollmütze zu stricken. Das ergibt natürlich überhaupt keinen Sinn. Und deshalb möchte ich jetzt verdammt noch mal wissen, was sich wirklich hinter diesem Schild verbirgt. Wer ist diese Frau? Und was für Dienste bietet sie an? Vielleicht kann man bei ihr ein Schäferstündchen auf einem Stück Kunstrasen buchen, während man auf eine Fototapete mit Schafen blickt und aus Lautsprechern das Gebimmel von Kuhglocken zu hören ist. Vielleicht betreibt sie auch einfach nur ein ganz züchtiges Epilierungsstudio für Frauen. Ich bin jetzt mindestens zwei Kilometer die Danziger Straße entlanggelaufen. Wahrscheinlich werde ich dieses Haus niemals wiederfinden. Ich werde wohl nie erfahren, womit die mysteriöse Frau Schäfer ihren Lebensunterhalt verdient.

Doch plötzlich sehe ich das Schild. Tatsächlich. Bei Tageslicht wirkt es eher unscheinbar. Fast hätte ich es übersehen. Ich blicke mich um und sondiere die Umgebung. Dann stelle ich mich unauffällig hinter einen Mülleimer, der an einer Laterne festgeschnallt ist. Eine ziemlich dumme Tarnung, deshalb zünde ich mir noch eine Zigarette an, um beschäftigt auszusehen, und beobachte den Eingang.

Als erstes sehe ich zwei Bauarbeiter. Kurz danach hüpft ein kleiner Junge die Treppen hinunter. Dann geschieht eine ganze Weile nichts. Schließlich öffnet sich die Tür von innen, und eine mindestens 90jährige Frau mit lila Haaren und einem glücklichen Gesicht kommt heraus. Sie hat eine Voliere mit einem Wellensittich in der Hand und steigt in ein Taxi, das bereits an der Straße auf sie wartet. Ist das die Lady? Oder ist sie eine Kundin?

Keine zwei Minuten später geht die Tür noch einmal auf. Sieben junge Frauen, die alle einen weißen Daunenmantel tragen, treten auf die Straße. Aus ihren Mündern steigen gutgelaunte weiße Atemwölkchen in den Himmel. Die beiden Bauarbeiter mit ihren schmutzigen Hosen und der kleine Junge sind noch immer drinnen. Das passt doch alles nicht zusammen. Was geht da drinnen bloß vor sich?

Na los, find es heraus, sagt eine Stimme in mir.

Ich drücke meine Zigarette am Laternenpfahl aus und lasse sie auf den Boden fallen, wo sich schon ein kleiner Zigarettenfriedhof befindet. Ich hole tief Luft und setze mich in Bewegung. Ich gehe die Treppen hinunter und zähle mit den Fußsohlen die Stufen. Vier, fünf, sechs, sieben. Dann bin ich unten.

Und öffne die Tür.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare