„Lärm gehört dazu“

Interview Der Sound-Künstler Emeka Ogboh kennt Berlins dominantestes Geräusch. Hier verrät er, welches es ist
„Lärm gehört dazu“
„Ámà: The Gathering Place“, hier im Cleveland Museum of Art, wird im Lichthof des Gropius Baus ausgestellt

Foto: Emeka Ogboh

Emeka Ogboh lebt zwischen Lagos und Berlin. Als er 2014 das erste Mal in die deutsche Hauptstadt kam, konnte er nicht schlafen. Es war zu leise. Der Geräuschteppich, in den Lagos gehüllt ist, fehlte. So begann er selbst Geräusche zu entwickeln, oft in Form von Chören und groß angelegten Sound-Installationen. 2017 war er mit seiner Arbeit The Way Earthly Things Are Going zur Documenta in Athen eingeladen. Jetzt wird sie im Zeiss-Großplanetarium in Prenzlauer Berg installiert. Man hört dort griechische Klagelieder und sieht die aktuellen Börsenkurse über das Himmelszelt gleiten. Gleichzeitig ist im Lichthof des Berliner Gropius Baus seine Installation Ámà: The Gathering Place zu sehen. Wir treffen uns, wie man das heute so macht, auf Zoom.

der Freitag: Herr Ogboh, können Sie kurz erklären, was bei „Ámà: The Gathering Place“ zu sehen sein wird?

Emeka Ogboh: Ámà ist ein Wort aus der Sprache der Igbo. Igbo ist eine von 250 verschiedenen Ethnien des Landes, die im Südosten Nigerias angesiedelt ist, wo ich herkomme. Ámà bedeutet so viel wie Dorfplatz. Der Ort, an dem Menschen zusammenkommen. Der befindet sich zumeist im Zentrum des Dorfes und wird von dem größten Baum markiert, weil der am meisten Schatten spendet. Dieser Ort ist ein multifunktionaler Raum. Dort werden Feste gefeiert, Handel betrieben und Klatsch ausgetauscht. Und es werden Musik, Gesang und Tanz aufgeführt. Heute ist das nicht mehr so üblich, weil die Elektrizität den Mond ersetzt hat. Im Gropius Bau gibt es eine große Skulptur, die den Baum abbildet, und eine 12-Kanal-Sound-Installation, bei der man Igbo-Sänger*innen traditionelle Lieder singen hört.

Eine interessante Komponente des Versammlungsortes ist die Frage nach dem sich verändernden privaten und öffentlichen Raum. Durch die Digitalisierung verschiebt sich das Konzept eines Marktplatzes, an dem man Klatsch austauscht. Wenn ich heute ohne mein Telefon rausgehe, kann das privater sein, als ich es zu Hause bin.

Ich glaube an die physische Interaktion zwischen Menschen. Trotzdem: Die Welt verändert sich, wird virtueller. Aber was Covid beschleunigt hat, ist, dass die physischen Orte, an denen man sich treffen kann, schrumpfen. Wenn alles digital wird, müssen wir uns fragen: Was macht uns eigentlich menschlich? Das ist eine Frage, auf die wir noch keine Antwort gefunden haben. Denn in dem Konzept vereinsamt der Mensch. Der Mensch ist aber nicht dazu gemacht, allein zu sein. Vielleicht entwickelt er sich evolutionär irgendwann dahin, aber das wird noch einige Jahrhunderte dauern.

Sie zeigen auch Textilien im Gropius Bau, die von traditionellen Weberinnen mit Motiven von Grafikdesigner*innen versehen wurden.

Die Textilien nennt man Akwete. Sie werden von den Igbo-Frauen hergestellt. Ich habe die Textilien auf den Ámà geholt, weil man sich innerhalb der Zeremonien, die dort abgehalten werden, festlich kleidet, mit leuchtenden Farben und besonderen Stoffen. Die Frauen weben abstrakte Interpretationen der Natur und ihrer Umgebung ein. Sie teilen die Designs untereinander und geben sie über Jahrzehnte weiter. Es funktioniert ein wenig wie eine Open Source Database, auf die jeder Zugriff hat. Die Grafikdesigner*innen, mit denen ich arbeite, finden jetzt zeitgenössischere Motive, aber ich habe auch den Raum gelassen, traditionelle Motive zu involvieren. Diese Art der Stoffproduktion gibt es nicht mehr so häufig. Sie erfordert viel Zeit und es gibt günstigere Stoffe aus China.

Zur Person

Foto: Emeka Ogboh

Emeka Ogboh, geboren 1977 in Lagos. Kam 2014 mit einem DAAD-Stipen- dium nach Berlin. 2015 nahm er an der Venedig-Biennale teil, 2017 stellte er bei der Documenta sowie den Skulp- turprojekten Münster aus

Gibt es darüber auch eine Verbindung zu den Liedern, die man bei der Sound-Installation hört?

Nein, die eigentliche Verbindung zwischen allem ist die reiche Igbo-Kultur. Aber natürlich wird man einige Referenzen in den Textilien auch in den Liedern finden. Die Lieder sind didaktisch. Sie haben eine lehrende Funktion. Sie sind sehr unterhaltsam, aber sie sollen zugleich Wissen weitergeben. Singen ist der einfachste Weg, sich Sachen zu merken und zu erinnern.

Wenn etwa bei „The Way Earthly Things Are Going“ der Chor auf Griechisch singt, oder wie im Gropius Bau auf Igbo, werden das viele Besucher*innen kaum verstehen können – stört Sie das?

Das ist die Schönheit von Musik. Man spürt die Emotionen im Gesang. Musik bewegt und berührt, ohne dass man die Sprache spricht. Man verbindet sich mit ihr, auch wenn man nicht weiß, was der Text beinhaltet.

Ist es richtig, dass Sie aufgehört haben, die Geräusche von Lagos aufzunehmen?

Außerhalb von Lagos zu sein hat mich zu immer anderen Aspekten von Sound inspiriert. Denn in Europa gibt es nicht so viel Sound. Die Städte produzieren nicht so viele verschiedene Geräusche, weil das Leben überwiegend drinnen stattfindet, und die Geräusche, die es gibt, sind sehr kontrolliert.

Könnte man also sagen, weil Sie in Europa keine Geräusche finden konnten, mussten Sie selber welche kreieren?

Das ist einer der Gründe. Die Geräusche des urbanen Raumes brauchen Jahrhunderte, um sich zu entwickeln, irgendwann hat man alle eingefangen. Berlins dominantestes Geräusch ist beispielsweise die Sirene. Was das Aufnehmen von Stadtgeräuschen angeht, muss man irgendwann die Pausetaste drücken. In Lagos mache ich gerade Pause. Da nehme ich keine neuen Geräusche mehr auf. Stattdessen schaue ich, was ich aus dem Archiv, das ich angelegt habe, Neues erschaffen kann.

In der Zukunft werden Städte stiller werden. E-Autos machen keine Geräusche, Feuerwerke sind nur noch eingeschränkt erlaubt. Was bedeutet das für Sie?

Ich nehme nicht einfach Geräusche auf, sondern das Leben von Menschen und deren Interaktionen, die alle zu einem bestimmten Sound beitragen. In Europa gibt es eine Menge Gesetze, die Geräusche verbieten. Das gibt es in Nigeria nicht. Wenn man Stille will, dann soll man aufs Land gehen und in die Natur, aber in der Stadt gehört Lärm dazu. Ich höre meine Nachbarn gern. Ich will wissen, dass sie da sind und ich nicht allein bin. In Nigeria lacht dich die Polizei aus, wenn du sie anrufst, weil deine Nachbarn zu laut Musik machen. Du beschwerst dich nicht, sondern guckst, wer die Leute sind, die da offensichtlich Spaß haben, und nimmst an der Party teil. Wenn diese ganzen Dinge nicht mehr zu hören sind, fehlt irgendwann die Verbindung zur Welt. Bei Elektroautos hat man bereits festgestellt, dass deren Lautlosigkeit gefährlich ist, weil Passanten sie nicht hören und einfach auf die Straße laufen. Jetzt hat man Sound-Designer engagiert, Geräusche für diese Autos zu designen, damit sie einen Signature Sound haben, an dem man sie erkennt. Ich finde die Vorstellung, dass Menschen sich an Stille gewöhnen könnten, problematisch.

Ab dem 17.9. präsentiert der Gropius Bau eine Lichthof-Installation von Emeka Ogboh.

Vom 17. bis 19.9. ist er mit einer Soundinstallation zudem Teil des Projekts The New Infinity der Berliner Festspiele im Zeiss-Großplanetarium

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06:00 12.09.2021

Ausgabe 37/2021

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