Lamento mit Glitzereffekt

Nicht in Berlin Tief im Süden Italiens trifft man sich abends zur Passeggiata, zum Sehen und Gesehenwerden
Lars Reimers | Ausgabe 31/2015

Abenddämmerung in Bari. Tagsüber ist in der Neustadt, rund um die quirlige Via Sparano, viel los. Nun, da der Mond aufzieht, lassen die Edelboutiquen und Elektronikmärkte die Rollläden herunter. Dafür kommt jetzt Leben in die Altstadt, die unter der Sonnenglut des Tages zu schlafen schien. Wirte stellen Barhocker vor die Pubs, klapprige Imbissbuden werden auf die Piazza geschoben. Im dämmrigen Zwielicht wird Baris mittelalterliche Stadtlandschaft zum Bühnenbild, das strahlend weiße Straßenpflaster zum Catwalk. Und Baris Bewohner verwandeln sich in Stars. Nebenrollen sind nicht vorgesehen. Die passeggiata beginnt.

Die Luft ist mild, Gaslaternen tauchen die weißen Kalksteinwände der alten Kirchen und Paläste in orangefarbenes Licht. Eine Kulisse zum Glücklichsein. So einfach kann das nur der Süden, denke ich. Auf der Piazza del Ferrarese am Hafen sind die Straßencafés bis auf den letzten Stuhl besetzt. Familien mit Kindern, Gruppen von Freundinnen oder Freunden, verliebte oder zerstrittene Paare bewegen sich über die Piazza und weiter in die Altstadt hinein.

Passeggiare ist das italienische Wort für „gehen“. Aber mit „Spaziergang“ ist die passeggiata nicht hinreichend übersetzt. Denn dem Spaziergang fehlt der Zauber, die Magie. Die passeggiata schlendert, flaniert, scharwenzelt, verweilt. Sie macht die Gesellschaft des Südens als soziale Skulptur sichtbar. Eine dauerhaft um sich selbst kreisende Bewegung. Ti va di andare a fare una vasca in centro? – „Kommst du mit auf eine Runde im Zentrum?“ So klingt die Einladung zum Totschlagen der Zeit mit Freunden. Eine leichte Unterhaltung beginnt, schauen wir mal, was geht.

Gebügelte Jeans, viel Strass

Ich bin mit meinem Freund Michele unterwegs. Den Nachmittag hat er an der spiaggia, dem Badestrand, verlungert. Nun treffe ich ihn am Teatro Margherita nah am Hafen. Michele kommt in elegantem Schwarz. Wildleder-Loafers, Jeans, Shirt mit V-Ausschnitt. Im Vergleich zu ihm stehe ich in meinem kofferknittrigen Hemd eher abgerissen da. Das ist nun wirklich blöd. Denn: Das Prinzip vedere e farsi vedere – sehen und gesehen werden – gehört wesentlich zur passeggiata dazu. Genauso wie das Prinzip fare bella figura – eine gute Figur abgeben. Alles soll nicht nur prima aussehen, sondern auch vom Verhalten her einen guten Eindruck hinterlassen. Bella figura: Italien hat eine eigene ästhetische Kategorie fürs Verhalten. Irre!

Für die passeggiata werden blütenweiße T-Shirts und makellose Jeanshosen penibel aufgebügelt. Halsbrecherische High Heels werden an schlanke Füße geschnallt. Üppige Körper werden in gewagte, manchmal abenteuerliche, oft vor Strasssteinen nur so glitzernde Konfektionsware gezwängt. Viel hilft viel! Oder: Knapper geht immer! Das sind zwei der zeitgenössischen, vielleicht etwas vulgären bella-figura-Gesetze auf der Piazza.

Dieses Jahr tragen auch die Männer quietschgrelles Pink. Etwa am Bündchen eines T-Shirts, oder als knallige Streifen an der Kragenpaspel. Pralles Rosarot: Das ist am Abend in Bari einfach eine beliebte Farbe, ganz ohne Gender-Botschaft.

Michele und mich treibt es in Richtung lungo mare, zur Strandpromenade. Wir schauen auf das schwarze nächtliche Meer. Er fängt an zu schimpfen, auf die „korrupte Politik“. Seiner Meinung nach könnte Apulien, die Region am Absatz des italienischen Stiefels, ein blühendes Tourismusparadies sein. Doch die Politik versage da völlig, findet Michele. Dabei sei doch alles da: die Sonne, das Wasser, die Geschichte und die reiche Kultur. Doch was passiert? Nichts!

Dann schimpft Michele auf Deutschland, das einzige Euro-Land, das von der Einheitswährung profitiere, weil es billig exportiere und so den Wohlstand anderer Länder abschöpfe. Und er schimpft auf Bari – weil er die Zerstörung seiner Heimat durch die miese Architektur, die hier hochgezogen werde, nicht ertragen könne. Ja, Michele ist ein wütender, enttäuschter junger Mann. Wie wir da so stehen, drehe ich mich um, statt aufs Meer blicke ich nun auf die Stadt. Perspektivwechsel: Jetzt zieht die passeggiata an uns vorbei.

Dann schlendert Andrea heran. Einige Jahre war er in Rom, hat als Flugbegleiter für Alitalia gejobbt. Bis die Krise kam. Aus der Hauptstadt kehrte er zurück an den Stiefelabsatz. Familie und Freunde in Bari bieten die soziale Sicherheit, die er in Rom nicht finden kann. Nun arbeitet er als Teilzeittrainer in einem Yoga-Studio, für ein Mini-Einkommen. „In Bari hat sich eine negative Stimmung breitgemacht“, sagt Andrea. „Schau dich um, Geschäfte machen zu. Zukunft? Hier?“ Er lacht. Lustig hört sich anders an.

Lieber abhauen als lernen

Auch Stefano und Luca gesellen sich zu uns. Sie stimmen in das Lamento ein. Stefano hat sich nie mit einer Ausbildung beschäftigt. Zwar hat er sein Abitur gemacht. Aber studieren, weiterlernen? „Theorie liegt mir nicht. Ich mach lieber was Praktisches.” Nur was? Auswandern vielleicht. Mit Freunden nach London gehen. Oder nach Berlin. Etwa Neues anfangen. Das wäre ein Projekt. Womöglich. Es wirkt, als ob eine Angst ihn paralysiert.

Luca ist Student. Letztes Semester Medizin. Optisch entspricht er dem Typus Schwiegermutters Liebling. Aber er ist schwul. Das darf im erzkatholischen Bari bloß niemand wissen. Nichi Vendola, der Präsident Apuliens, ist ebenfalls schwul. Vendola gehört der linksökologischen Partei SEL an. Doch gegen die Diskriminierung Homosexueller habe er nichts getan, sagt Luca. Eben ein Politiker, der denke doch auch wieder nur an sich. Eine seltsame Sache, diese bittere Verdrossenheit. Auch das ist wohl der Süden, überlege ich.

Die drei Jungs ziehen weiter. Zurück bleibt ihr Frust. Still sitzen Michele und ich nun da und schauen wieder aufs Meer. Immerhin hat er einen festen Arbeitsplatz. Bei einer Bank. In der Kreditabteilung. Auch kein schöner Job, denke ich, so mitten in der Krise. Und frage mich, ob der Süden mich mit seinem Lamento schon angesteckt hat.

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06:00 12.08.2015

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