Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Kommentar Alternativen für Afghanistan

Die Forderung, die Bundeswehr aus Afghanistan abzuziehen, ist gut begründet. Zum einen war die Intervention der USA 2001 ein klarer Bruch des Völkerrechts. Zum anderen sind die 2001 und in den ersten zwei, drei Jahren danach noch vorhandenen Möglichkeiten, das Land zu stabilisieren, gerade durch die Kriegführung der USA wie ihrer Alliierten, aber ebenso durch eine verfehlte Politik der internationalen Gemeinschaft verspielt worden.

Als ich kurze Zeit nach dem US-Einmarsch zum ersten Mal Afghanistan besuchte, war die Lage noch anders. Die Stammesältesten, die ich im paschtunischen Süden traf, der inzwischen wieder weitgehend von den Taleban beherrscht wird, waren einhellig der Meinung, dass nach 30 Jahren Krieg eine friedliche Alternative notwendig und möglich sei. Noch 2003 konnte ich als einziger Ausländer völlig sicher und umsorgt mitten unter Afghanen in einer Kabuler Pension wohnen und mich mutterseelenallein durch das Land schlagen, nach Mazar-i-Sharif und Sherberghan. Das alles ist heute undenkbar. Trotz der massiven internationalen Militärpräsenz gilt inzwischen fast die Hälfte der Distrikte als "feindselig" oder "gefährdet". Die von den USA und ihren Partnern in Kauf genommenen zivilen Toten, darunter zahlreiche Kinder und Frauen, sowie die koloniale Arroganz der US-Streitkräfte, haben Tausende afghanische Familien zu Feinden der Besatzer gemacht. Und Familie sind in Afghanistan Hunderte von Menschen.

92 Prozent der weltweiten Opium-Angebots kommen derzeit aus diesem Land - die Hälfte der nationalen Wirtschaftsleistung beruht auf Drogenanbau. Aus dieser Ressource finanzieren sich Feldkommandeure, Stammesführer, hochrangige Regierungsmitglieder, Terrorgruppen - darauf baut der Menschen- und Waffenhandel, davon erhoffen sich viele afghanische Bauern das Überleben ihrer Familien, damit bestücken Warlords ihre Kriegskassen. Bis heute finden sich in dieser Klientel übrigens etliche Kriegsverbrecher, mit denen sich die USA 2001 verbündet hatten. Diese Leute wurden nie entwaffnet, geschweige denn entmachtet oder bestraft. Sie halten stattdessen Machtpositionen in der Regierung, bei Armee und Polizei.

Weder mit der berüchtigten und zynisch als Operation Enduring Freedom benannten Kriegführung unter US-Kommando, noch mit den ISAF-Streitkräften sind diese Probleme lösbar. Das ändert aber nichts an der ernormen Verantwortung der internationalen Gemeinschaft für eine Stabilisierung, für Frieden und Wiederaufbau. Deshalb und weil die afghanischen Völker nach drei Jahrzehnten Krieg endlich eine lebenswürdige Perspektive erhalten müssen - und nicht wegen eines angeblich möglichen Sieges der Taleban - kann das Land am Hindukusch nicht einem erneuten Zusammenbruch und einem erneuten Bürgerkrieg überlassen werden.

Ich will nicht verhehlen, dass sich die Möglichkeiten, in diesem Sinne zu handeln, dramatisch verschlechtert haben. Spätestens 2002 hätten die Helfernationen mit massivsten finanziellen und anderen Anstrengungen eine einigermaßen funktionierende Armee aufbauen müssen und können. Es erscheint fraglich, ob das jetzt noch möglich ist. Spätestens 2002 hätten die Warlords entwaffnet sein müssen. Dieses Gebot besteht weiter - was davon noch realisierbar ist, bleibt offen.

Es gibt zwei weitere, völlig missachtete Probleme: Die afghanische Landwirtschaft braucht eine attraktive Alternative zum Opiumanbau, sie muss für lange Zeit und mit großem externen Finanzaufwand für Preisstützungen und Investitionen gegen den "freien" Weltmarkt abgeschottet werden, und sie muss eine Infrastruktur (Bewässerung, Lagerung, Verkehrswege) erhalten. Darüber hinaus sollte endlich die gesamte internationale Hilfe in die Hände der Afghanen selbst gelegt werden. Bis heute werden die meisten Programme von den Geberländern, der UNO, der Weltbank oder fremden NGOs geleitet.

Landwirtschaftsminister Mohammad Ehsan Zia hat es zum wiederholten Male gesagt: "Sie argumentieren, die Kapazitäten des afghanischen Staates seien noch zu schwach, um es anders zu machen. Aber die Kapazitäten werden schwach bleiben und unsere Ministerien werden nichts dazulernen, wenn sie nicht die Ressourcen bekommen, um selbst etwas zu unternehmen." Hier - nicht in weiterer militärischer Besetzung - liegt der eigentlich Schlüssel für die schwierige, aber hoffentlich noch nicht endgültig zerstörte Möglichkeit, das Land zu retten.

André Brie ist Europaabgeordneter der Linken.


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00:00 10.08.2007

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