Landschaft mit großem Glück

Grosse Sprünge Ein Band mit Gedichten aus dem Nachlass von Nicolas Born

Mit vierzehn schloss er die Schule ab und arbeitete als Chemigraph. Das heißt, er lernte, Druckplatten für mehrfarbige Plakate und Fotos zu ätzen. In seinen frühen Gedichten ging es um Berg-Invaliden, arme Teufel, kleine Affären in Köln-Knappsack und darum, was das alles mit ihm zu tun hatte, Nicolas Born. Wir wohnten damals, Mitte der sechziger Jahre, nicht weit voneinander am Bahnhof Wannsee, ließen uns fast täglich mit der S-Bahn für 30 Pfennig in die Stadt baumeln, spielten in ausgesucht leeren Lokalen mit Hans Christoph Buch Mau-Mau, flipperten, kickerten, redeten über Literatur und immer neue, alte Mädchengeschichten und leerten die Getreidekaltschalen.

Zum Herbst 1970 hin kehrte der 1937 geborene Born nach einem USA-Aufenthalt mit seiner Familie nach Deutschland zurück. Sein Wesen, sein Ausdruck hatten Spiel und Farben bekommen. Seine nun schwebenden und schweifenden Verse hatten teilgehabt am bisher letzten kulturellen Aufbruch in den "Staaten", an Beat-Poeten wie Ted Berrigan, Richard Brautigan und Frank O´Hara. Wie jeder Hansel hatte er mit einer gebrauchten Schleuder - westward,ho! - den Kontinent durchquert, schrieb das gallige Gedicht Landschaft mit großem Auto dazu und ging, zurück in Deutschland, - aufs Land; denn wer sich soviel Welt geöffnet hatte: wie sollte der Gefahr laufen, danach noch einmal "auf die Dörfer" zu gehen? Vor seinem Vaterhaus stand keine Linde. Darauf bestand er. Und sogar seine immer etwas zu großen, zu schweren Schuhe trug er jetzt, als passten sie nur ihm.

Plötzlich tauchte in seinen Gedichten das Wort "Glück" auf. Glück, das war das Aufplatzen des Wahnsystems Realität in einem unvermuteten Augenblick des Alltags, des Ausgeschlafenseins am Morgen, einer unverhofften Zärtlichkeit als Vorgefühl auf ein ganz anderes Leben, über das die Realität nicht länger hinwegtäuschte. "Heute wollen wir einmal nicht hinauskommen/über dieses Frühstück am Samstagmorgen/ auf dem sonnigen Balkon, der jetzt die Welt ist/über dieses wahrhaft diebische Frühstück, das zugleich der Anfang vom Frühling ist./" Das war auch Zeitstil. Aber wo Kollegen am Eigelb auf dem Küchentisch sich lyrisch hochstemmten für den kurzen Weg der politischen Aktion gegen die "Herrschaftsverhältnisse", verweilt Born. Und sinnt in einem historischen Moment, vergleichbar vielleicht nur den Julitagen von 1790 in Paris, auf das "Üben größerer Sprünge".

Er will überhaupt kein "Leben, wo unten die Maschinen laufen und oben die Filme." Beruft sich in den Nachbemerkungen zum Auge des Entdeckers auf Sartre, wonach die Empörung über eine Ungerechtigkeit erst ermöglicht wird von der Vorstellung einer Gerechtigkeit. Und beschwört Gegenbilder, Utopien gegen die "gräßliche Bescherung" dessen, was uns als "Realität" an- und zugerichtet ist. Den Externen ruft er zurück in die Öffentlichkeit gegen den Common sense einer Wirklichkeit, die immer schon zur Räson derer gebracht ist, die die Macht haben zu definieren. Und fragt den Alltag, in dem er zuhause ist wie niemand sonst, das Alltäglichste mit breiter Hand, verblüffend sanft und unbeirrt nach Zukunft aus, die sich nach der Decke der alten Utopisten sowenig streckt wie nach der der sich eben etablierenden Futurologie. "Auf der anderen Seite von ›1984‹" schreibt er mit Blick auf Orwells Zukunftsroman " ist die Ruhe/sie ist voll von schöner Unruhe, die wir wegen der Krümmung der Jahre/ noch nicht sehen können."

Das Auge des Entdeckers erscheint 1972. Und war "Glück" für Born bis dahin Augenblick, Epiphanie gewesen, so versucht er, es jetzt in seinem Leben selbst fest zumachen. Nur noch selten sahen wir uns. Aber warum auch? Jeder war inzwischen da angekommen, wo er hinwollte und der andere herkam: er ein bisschen oben, ich ein bisschen unten.

Danach erscheinen die Romane. Und als er in letzten Gedichten eine "Zu Tode erschrockene Gesellschaft" konstatiert, hat er selbst nur noch wenige Jahre zu leben. Es ist übel, unter Menschen gesetzt zu werden. Und besonders übel, mit 41 Jahren schwer und lange sterben zu müssen. Habt Erbarmen, Erzeuger! möchte ich schreiben; dass sie es uns in Zukunft ersparen! Und bin schon wieder in Zweifel, wo ich das Buch mit Borns sämtlichen Gedichten in Händen halte, das jetzt seine Tochter Katharina aus Anlass seines 25. Todestages herausgegeben hat. Was für ein Glücksfall: Eine textkritische Ausgabe mit noch einmal hundert Seiten unveröffentlichter Gedichte und Fragmente aus dem Nachlass hat sie, inzwischen selbst Literaturwissenschaftlerin, vorgelegt. Und wie sie, im Nachwort, sozusagen vom (Vater)haus aus, das Private und das Öffentliche, Begreifen und Ergriffensein, Distanz und Zuneigung auszubalancieren versteht, das hätte man sich schöner, besonnener nicht wünschen können.

Nicolas Born: Gedichte. Hrsg. Von Katharina Born. Wallstein, Göttingen 2004, 658 S. 34 EUR


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00:00 14.01.2005

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