Landschaft mit Lagern

Medientagebuch 199 Tage Niederschlag, 107 davon mit Schnee: Eine Sibirien-Serie im Deutschlandfunk

Die Buchmesse in Frankfurt war ein Erfolg! Wegen der russischen Literatur? Eine Sibirienserie des Deutschlandfunk verlängert nun die Zeit und den Raum dieser Literatur, sieben Zeitzonen weiter, 8.000 km nach Osten bis Wladiwostok, bis Sachalin und macht uns deutlich, was Heiner Müller zu Sibirien sagte: "Es ist so etwas wie eine Zeitreserve".

Gesendet werden vom Deutschlandfunk Zeitreisen zurück bis zu den Klängen der Urbevölkerung und dem Schamanenglauben in Tunguska guska, und weit voraus in eine angeblich wieder kultisch-asketisch bestimmte Zukunft, so im Feature Licht aus Sibirien von Alexander Ikonnikow. Eine Sekte stellt sich dar, die auf so etwas wie "Außeridische" oder eine "neue Rasse" hofft. "Ökopolis", ein Lager in sibirischer Wildnis.

Sibirien! Unermesslicher Reichtum: Wälder, Wasser, Wild, Gold, Gas, Öl! Ein Land der Wunder, in dem, großzügige, zähe, opferbereite Menschen, Jäger und Fischer, Archäologen und Geologen, Goldsucher und Schachtingenieure, Ethnologen, Lehrer und Dichter, Elektrifizierer, Bauarbeiter und Neulandgewinner Wunder vollbracht haben und noch vollbringen. Aber versanken nicht wieder im "sibirischen Sumpf" die großen Pläne der "Kultivierung"? Überall stillgelegte Fabriken, brachliegende Landwirtschaften, im Nichts endende Trassen, leere Häuser mit schwarzen Fensterlöchern, "neschil", unbewohnt. Sibirien, der Ort, an dem menschliche Anstrengungen durch die "höllische" lebensfeindliche Kälte, durch den Mangel und die Verbrechen immer wieder in Agonie fallen. Im Flugzeug überfliegt man riesige Wälder, mächtige Flüsse, keine Lichterketten von Siedlungen stundenlang nicht. "Abgehängte Regionen", sagt Prof. K. Schlögel. An der Bahnstrecke der berühmten Transsib die alten Gefangenenlager. Was heißt uns immer noch Sibirien? Das Lager an sich.

Das Wissenschaftsstädtchen Akademgorodok in der Nähe von Irkutsk, einst von bewundernden Besuchern aus aller Welt belebt, ist heute entvölkert und bedeutungslos geworden durch den Mangel an Forschungsgeldern und durch Erschöpfung der Geduld der Menschen. Sie waren der Losung : "Go East" gefolgt in der Hoffnung auf besondere Förderung und Erfolge. Viele sind fort, sind in Israel, in Deutschland, in Amerika. Das Feature von V. Balon erzählt davon, wie die "sibirische Utopie Akademgorodok" ein geistiges Zentrum war, wie Freiheit der Forschung und Freiheit der Literatur aufblühte, wie sie wiederum der Regression und der Resignation zum Opfer fielen und jetzt in verklärter Erinnerung an den berühmten Klub "Integral" fortleben.

Tief in Sibiriens Schachten sollt/ Ihr stolz das schwere Schicksal tragen./ Denn nicht vergeht, was ihr gewollt,/ Nicht eures Geistes hohes Wagen. Puschkin, 1827

Schön, wie das Russische tönt in Puschkins Erinnerung an eine Jugendfreundin: Doch von Maria sprach kein Mund. In der Regie der Autorin Ch. Nagel im Hörspiel Deiner fernen Wüste Trauer spricht Maria (H. Schmahl) selber zu uns aus ihren Memoiren, informativ, aufrichtig im Gefühl und unsentimental. Maria Wolkonskaja war eine schöne junge Frau, die ihrem Mann, einem Dekabristen, 1827 in die Verbannung gefolgt war, die nach Sibirien ihre Liebe, ihre Kultur, ihre Musikalität, Ihre Menschlichkeit brachte, weder Entbehrungen noch Erniedrigungen scheute, die 5 Jahre,10,15, 20, 25 Jahre dort blieb. Das sind bis heute die Zeitschritte, in denen Verbannung nach Sibirien gezählt wird. Maria half ihrem Manne, Gemüse in Gewächshäusern in dieser unwirtlichen Welt zu ziehen, pflegte Kranke, zog ihre Kinder auf, begründete eine Bibliothek und ein Theater in Irkutsk, bevor sie 1855 wieder nach Hause durfte.

Lothar Trolle schrieb das Hörspiel Sachalin - die Insel nach Tschechow. Da werden die Tausenden von Werst einer Sibirienreise gezählt. Träge Dampfer, rumpelnde Karren, Schnee und Kälte, Überschwemmungen, Morast, Sümpfe, hart gefrorener Schlamm, Suppe aus schlecht gereinigten Entenmägen. "Als ob ich in den Krieg zöge". "1566 Werst von Kasnojarsk bis Irkutsk, Taiga, Taiga,... Rauch von Waldbränden, ... Staub auf der Zunge." Der Regisseur K. Buhlert stimmt das Stück auf einen Ton, auf das Thuut, thuuut, mit dem Tschechow die Flussschiffe nachahmt, ausatmend, tief tönend, lang anhaltend, man hört die Einsamkeit, den Nebel, die Leere, die Bedrohlichkeit in diesem Thuuut.

Die Fakten, die Erlebnisse, die Gefühle bedrängen den Hörer, wie sie Tschechow 1890 bedrängt haben. Die Stimmung wird durch drei Stimmen bestimmt. Manfred Zapatka, der vor sich hin sprechende Beobachter, leise entsetzt das Unerträgliche beschwörend, Bernhard Schütz, rücksichtsloser, verständnisloser, gleichgültiger die Unerbittlichkeit der Tatsachen vorlegend. Jeannette Spassowa lässt in einem Deutsch mit slawischem Akzent sowohl den fatalistischen Genuss am Schrecklichen als auch schmerzhafte Verwunderung und Empörung aufklingen. Eine sperrige Poesie der Beschreibungen wurde von Trolle aufgenommen, "der Dampfer tutet, ein Ton zwischen Eselsgeschrei und Äolsharfe".

Vorgetragen wird der Text mit eintöniger Eindringlichkeit, so als ob das Entsetzen über die Zustände so groß ist, dass jede engagiertere Wertung zu sehr anstrengen würde. Ohne Rücksicht auf chronologische Folge verschränken sich die Teile: die gequälten Stimmungen des Reisenden unterbrechen die andere Textteile mit den erschreckenden Informationen "199 Tage Niederschlag auf Sachalin, davon 107 Tage Schnee". Der Augenzeuge berichtet von einer Auspeitschung, von der Ankunft von "frischen" Zuchthäuslerinnen auf Sachalin, von deren Verteilung und Verkauf an Beamte, in Bordelle, in die Haushalte der Strafkolonisten. Der Arzt ist entsetzt über den Zustand der Ambulanz, "zwei Spritzen, davon eine zerbrochen".

Tschechow fuhr ohne Auftrag nach Sachalin, nahm eine Volkszählung vor, übernahm Aufgaben, die Inspektoren, Ärzte und Journalisten hätten übernehmen müssen und schrieb den "groben Sträflingskittel in meiner belletristischen Gaderobe." Er wollte wissen, "was das ist Kolonisation durch Verbrecher". "Hier wächst kein Gras mehr, nichts Lebendiges. Kein Vogel, keine Fliege", so endet das Hörspiel von Lothar Trolle. Man befürchtet bei diesen Beschreibungen des unsinnig Menschenleben vergeudenden Strafvollzugs, bei der Beschreibung der Natur Sachalins eine Löschung von Kultur und Leben überhaupt.

Viele Menschen in Sibirien haben einen besonderen sibirischen Kommunismus überlebt. Manches war wie im Zarismus geblieben, vieles ist wieder wie im Zarismus geworden. Und wie sieht heute die "Kolonisierung" Sibiriens aus? Globalisiert es sich, oder entzieht sich Sibirien in seinen Raum- und Zeit -Weiten?

Licht aus Sibirien..., 28.10.,19.15 Uhr; Sachalin- die Insel, 8.11., 20.05 Uhr; Tunguska-guska, 11.11., 20.10 Uhr; Akademgorodok - eine sibirische Utopie, 25.11., 20.10 Uhr; Deiner fernen Wüste Trauer, 14.12., 20.05 Uhr - im DLF.

00:00 24.10.2003

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