Langsamer, bitte!

Außer Atem Ilma Rakusas Streitschrift gegen die Beschleunigung

Ilma Rakusa ist eine Ausnahmeerscheinung. Sie schreibt Lyrik, Erzählprosa, Essays, ist eine hervorragende Übersetzerin und hat sich um die Propagierung zu wenig beachteter Schriftsteller verdient gemacht. Sie wirkt wie eine Diva, unnahbar, verschlossen, geheimnisvoll. Sie sucht nicht die Öffentlichkeit des Literaturbetriebs, macht sich rar, wo es lärmend zugeht. Eher trifft man sie in den bisweilen elitären Kreisen der Avantgarde an. Dass sie als Tochter einer Ungarin und eines Slowenen in der Slowakei geboren wurde und nach Kindheitsjahren in Budapest, Ljubljana und Triest heute in der Schweiz lebt, lässt sie interessant erscheinen wie eine exotische Grande Dame der Literatur des frühen 20. Jahrhunderts.

Es kann kaum verwundern, dass Ilma Rakusa, die die Langsamkeit der Hektik vorzieht, sich nun zu einem Plädoyer für die Langsamkeit in Essayform entschlossen hat. Ganz neu ist das Thema ja nicht. Spätestens 1987 hat Sten Nadolny es mit dem Titel seines Romans ins Gespräch gebracht. Milan Kundera, in mancher Hinsicht, zum Beispiel mit einigen literarischen Vorlieben, ein "Verwandter" Rakusas, hat einen Roman programmatisch Die Langsamkeit genannt. Aber auch die Filme Tarkovskijs, die Musik Arvo Pärts, die Entdeckung fernöstlicher kultureller Traditionen haben den Blick darauf gelenkt. An der zunehmenden Beschleunigung im Alltag und in den Künsten hat das freilich nichts geändert. Sie hat ihre benennbaren technologischen Ursachen. Sie liefert aber auch die Berechtigung, immer wieder und mit Nachdruck an die Alternative, die Langsamkeit eben, zu erinnern.

Der Titel von Ilma Rakusas Essay ist durch das Rufzeichen als Aufforderung, als Imperativ markiert. Und der Untertitel ist eine Kampfansage. Dieses schmale Buch ist eine Streitschrift, ein Manifest. Man spürt förmlich den Leidensdruck, der die Verfasserin zur Niederschrift gedrängt hat. Sie ist nicht mehr bereit, "Zumutungen" widerspruchslos hinzunehmen. Und das ist gut so. Denn sie spricht vielen Zeitgenossen aus der Seele.

Ein Essay verknüpft Argumentation mit literarischem Ehrgeiz. Der äußert sich bei Ilma Rakusa bereits in den Kapitelüberschriften. Die enthalten jeweils zwei einzelne Wörter, und die Anfangsbuchstaben dieser doppelten Überschriften ergeben zwei Mal das Wort "LANGSAMER". Eine Spielerei, und doch nicht bloß eine Spielerei. Denn sie fordert den Leser auf, sich Zeit zu lassen, um mehr als nur die Bedeutung von Wörtern wahrzunehmen. "Die Geduld des Lesens", sagt Ilma Rakusa, "besteht im Buchstabieren der Worte und Leerstellen, im Ertasten der Sätze und Rhythmen."

Ilma Rakusa nimmt Aussprüche von bedeutenden und weniger bedeutenden Denkern, Gedichte und Alltagsbeobachtungen zum Anlass für Überlegungen, die manchmal aphoristisch, fragmentarisch bleiben, manchmal entwickelt werden und plötzlich abbrechen, manchmal auf eine originelle Spur finden und manchmal auch bloß banal, tausendfach gedacht und formuliert sind. Sie lobt Christoph Marthalers Pathosimmunität und neigt selbst gelegentlich zu sentimentalen Anwandlungen.

Ilma Rakusa wird im kommenden Jahr sechzig. Wir müssen das erwähnen - und der Rezensent ist selbst noch einmal vier Jahre älter -, weil der Verdacht aufkommen könnte, die Nostalgie nach der (fast) verloren gegangenen Langsamkeit sei eine Alterserscheinung. Mag sein. Sicher ist, dass der Umgang mit Lebens-, Arbeits- und Verhaltensrhythmen auch eine Generationenfrage ist und stets war. Deshalb haben Ilma Rakusa Klagen ihre Vorläufer. Viele Autoren, auf die sich Ilma Rakusa liebe- oder ehrfurchtsvoll beruft, sind jungen (Nicht-)Lesern kein Begriff mehr.

Aber Zweifel sind berechtigt, ob die skizzierte Entwicklung linear, irreversibel ist. Es gibt, auch bei den Jungen, Anzeichen für eine Wiederentdeckung der Langsamkeit, die wohl anders aussehen mag als bei Robert Walser oder Elias Canetti. Computerbildschirme und Kontemplation müssen einander nicht ausschließen. Das Fließband war seinerzeit vielleicht ein größerer Feind der Langsamkeit als es heute das Internet ist. Wie will man es sich erklären, dass eine Videoclip-Generation, die Filme von Bresson oder Ozu kaum noch erträgt, der Langsamkeit eines Jim Jarmusch zujubelt? Es gibt Menschen und Unternehmen, die an der Atemlosigkeit, der Akzeleration und anderen Zumutungen schließlich handfeste ökonomische Interessen haben. Die sind nicht unbedingt jung. Aber die geraten der kapriziösen Ilma Rakusa kaum ins Visier. Da stößt ihre Reflexion an Grenzen.

Ilma Rakusa: Langsamer! Gegen Atemlosigkeit, Akzeleration und andere Zumutungen. Droschl, Graz - Wien 2005, 96 S., 12 EUR


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00:00 06.01.2006

Ausgabe 38/2020

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