Lanz zu Gast bei Fremden

Wetten, dass...? Auch Vorschuss-Häme muss man sich erarbeiten. Das hat Markus Lanz getan. Er kocht, er talkt, er läuft zum Südpol. Nun hat er zum ersten Mal „Wetten, dass ..?“ moderiert
Lanz zu Gast bei Fremden
Markus Lanz hat es getan

Die ersten Sekunden verraten alles: Dieser Neuanfang ist feige. Lanz kommt nicht mit eigener Geste die Showtreppe hinab, nein, er lässt sich von einem Schumacher-Bruder vor die Halle fahren und von einem Klitschko-Bruder einlassen, von Show-Vater Frank Elstner und TV-Koch-Kollegen aufhalten und von Cindy aus Marzahn ins Jackett helfen. Markus Lanz gibt es gar nicht.

Äußerlich simuliert er Hemdsärmligkeit. Irgendwann – war es nach den Liegestützen mit Bierkasten auf dem Rücken? – hat er die Jacke abgelegt und steht fortan in weißem Hemd und Weste herum, zu oft mit dem Rücken zur Kamera. Dabei darf er so kreuzbrav sein wie die Wetten (Wasser-Ski mit Ruderachter, Morse-Zeichen durch Ohrenwackeln …). Auf der Bühne sitzen nach wenigen Minuten neun Gäste der Kategorien Volkssport (Familie van der Vaart), Politik (Hannelore Kraft), Spaß (Bülent Ceylan), Populärkultur (Rolando Villazón) oder Regionalprominenz (Campino) in einer fahrbaren Couch-Landschaft, in der querbeet gesmalltalkt wird, wie es schon beim MDR-Riverboot zu nichts führt. Ein Sätzchen nach links, eine Frage nach rechts machen noch kein Gespräch.

Die Hölle der guten Laune

Dennoch: Zunächst kocht der Saal in Düsseldorf. Vielleicht hatte das Live-Publikum ein anderes Warm-up als die Leute da draußen, für die im „Countdown“ ab 19.25 Uhr die Hölle der schrecklich guten Laune beheizt und mehrfach klargestellt wurde: Lanz fährt Ski wie ein junger Gott, spielt Klavier, kann toll fotografieren, sieht verdammt gut aus und ist ein furchtbar netter Kerl.

Mindestens so dringend wie einen neuen Moderator hat diese Sendung, Jahrgang '81, ein neues Konzept gebraucht. Also gibt es beim 200. Mal weniger Musik und mehr Raum für Wetten, die Wettkandidaten werden in Kurzfilmen vorgestellt und haben die ganze Zeit, es sind über drei Stunden, Kontakt zu ihren Bewährungshelfer aka Wettpaten. Außerdem tritt Lanz gegen einen Zuschauer an - das war die Sache mit den Liegestützen, die er verlor.

Das klingt gar nicht so schlecht, würde diese öffentlich-rechtliche Samstagabend-Unterhaltung für die ganze Familie nicht gleichzeitig den Raab schlagen und sich im Comedy-Style tieferlegen wollen. Außenwetten-Moderator Michael „Switch“ Kessler erinnert mit seiner Günther-Jauch-Parodie an bessere Zeiten und Formate.

"Sind Sie sich nicht sicher?"

„Woran hat's denn gelegen?“, fragt Lanz um Fassung ringend den Herrn Redl, der in einer der Außenwetten seinen Traktor auf zwei Rädern Slalom fahren lassen wollte, jedoch zügig patzte. Der Boden war rutschig, und er hat aus Sicherheitsgründen abgebrochen. Guter Plan. Redl wird trotzdem bei der Wettkönig-Krönung Letzter.

Im Durcheinander zwischen Wetten, Show und Talk zeigt Schauspieler Wotan Wilke Möhring, wie's funktionieren könnte. Frau Thaler will am Hundehaar die Rasse erkennen. Möhring ist für sie da mit distanzierter Einfühlung. Ganz anders Lanz: „Frau Thaler, stören wir Sie, wenn wir sprechen?“ Thaler: „Bitte nichts fragen im Moment, wenn das geht.“ Lanz: „Sie sind sich nicht sicher?“ Da lacht der Saal, die Stimmung kippt.

Ende der Probezeit?

Was sich von Anfang an bei Twitter und Facebook und in den Live-Tickern Bahn bricht, erreicht die Halle: Befremden und Langeweile. Regisseur Volker Weicker, erprobt in Katastrophen-Szenarien (2002 Grimme-Preis für die Bildregie am 11. 9. 2001) scheint einzugreifen, denn die eingeblendete Überziehungszeit von fast 30 Minuten reduziert sich final auf etwa 15. Vielleicht endet ja auch 23.30 Uhr die Probezeit des Ton-Regisseurs.

Doch am schlechten Ton liegt es nicht, dass niemand Lanz zuhört. Wohl eher daran, dass unter „großartig“, „perfekt“, „hervorragend“, „sensationell“, „herrlich“, „unglaublich“ gar nichts geht. Dabei fehlt nicht nur den Superlativen die Würde, sondern der Dauer-Begeisterung auch der Charme eines galanten Gastgebers wie, dann doch, Gottschalk einer war. Lanz wirkt spätestens nach zwei Stunden genervt und überfordert. Zunehmend fältelt er die Augenpartie, als schaute er gegen die Sonne.

Muse, Pampelmuse

Doch die geht an diesem Abend nur selten auf. Einmal, man wagt es kaum zu sagen, in Gestalt von Cindy aus Marzahn, die schon Gottschalk zur Seite gestellt wurde, um mit Stullen für dessen Betreuerin Michelle Hunziker zu amüsieren. Allerdings chargiert auch sie – zwar mit der Lockerheit, die ansonsten meist fehlt, aber auch ohne das, nunja, Gewicht, das Pointen in so einer Sendung haben sollten. „Ick bin Ihre Muse“, sagt sie zu Karl Lagerfeld, „Ihre Pampelmuse“.

Überhaupt Lichtblick Lagerfeld, der sich zwar Butter vom Brot, nicht aber das Heft aus der Hand nehmen lässt. Weniger, weil er feststellt, dass ein Hosenband nicht lügen kann und Kinder keine Haustiere sind. Auch nicht, weil er die Frage, ob er Jennifer Lopez Rabatt geben würde, abbügelt mit dem Hinweis, er sitze nicht an der Kasse. Sondern: Weil er sich für Gesprächspartner interessiert, ohne Begeisterung zu heucheln.

Nach einer Ewigkeit wird Cihan Calis Wettkönig mit Fallrückziehern auf der Slackline. Das den Berliner S-Bahn-Streckenplan auswendig aufsagende Kind wird nicht vom Jugendamt abgeholt, und Düsseldorf gewinnt die Stadtwette mit nicht ganz 500 Nackten, die weiß und rot bepinselt das Vereinsemblem von Fortuna nachstellen respektive -legen. Der Wetteinsatz: Lanz läuft. Nach Köln. Wetten, dass sich daraus eine neue Lanz-Show machen lässt?

12:37 07.10.2012

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