Lass die Iraner den Job erledigen

Schwachsinnig, aber doch sehr rational Die Mullahs hätten keine Angst vor eigenen Verlusten und würden die Gefahr für immer beseitigen

Wir müssen Saddam beseitigen, weil er Massenvernichtungswaffen hat und sie auch einsetzen wird. Diese Bedrohung muss prophylaktisch ausgeschaltet werden. Wenn diese Einschätzung der Bush-Regierung richtig ist, dann ist ihre Strategie falsch. Mein Vorschlag ist in jeder Hinsicht besser und konsequenter. Statt selbst den Job zu erledigen, sollten wir Iran zu einer Invasion ermutigen. Unsere logistische und militärische Hilfe wäre wohl nötig, wie üblich aus sicherer Distanz (Raketen, Bomben aus großer Höhe), aber den Rest sollten wir Iran überlassen. Die Mullahs und ihre Soldaten vorzuschicken, hätte ohne Zweifel viele Vorteile.

Sie wären, um zunächst das Wichtigste zu nennen, wesentlich motivierter als amerikanische GIs. Wir könnten sicher sein, dass Saddam und alle, die ihm nahe stehen, tatsächlich beseitigt werden. Das iranische Militär würde aus eigenem Interesse jede Spur von Massenvernichtungswaffen eliminieren, nicht nur für den Augenblick, sondern auch für die Ära nach Saddam.

Die Iraner hätten keine Angst vor eigenen Verlusten. Tote Soldaten, die bei uns die öffentliche Meinung negativ beeinflussen könnten, würden dort als Helden gefeiert. Saddams Scud-Raketen wären ebenfalls kein Problem. Wenn er sie auf Israel abfeuert, wird man das in Teheran als willkommenen Kollateralschaden begrüßen, während wir bei einem eigenen Angriff gezwungen wären, auf Israel Rücksicht zu nehmen.

Selbstverständlich würden viele Iraker und Iraner sterben. Aber das dürfte die Verantwortlichen in Washington, bei denen es sich schließlich um recycelte Reagan-Funktionäre handelt, eigentlich nicht interessieren. Denn vor 20 Jahren, als Saddam hofiert, mit Waffen ausgerüstet und zum Krieg gegen die Mullahs in Teheran überredet wurde, haben sie sich um den enormen Blutzoll auch nicht gekümmert. Sogar die Chemiewaffen, die Saddam gegen iranische Soldaten und gegen die Kurden im eigenen Land einsetzte, waren in Washington kein Anlass zur Sorge. Schließlich haben wir unsere Landsleute, etwa die Cherokees, nicht anders behandelt als Saddam seine Kurden.

Selbst nachdem das Biest von Bagdad die schlimmsten Verbrechen begangen hatte, haben wir den Aufbau von Produktionsanlagen für ABC-Waffen unterstützt. "Verpflichtung gegenüber unseren Exporteuren", nannte das Anfang 1990 John Kelly, der damalige Staatssekretär im Außenministerium. Noch im März 1991 haben Bush senior und Cheney den irakischen Diktator autorisiert, die Schiiten im Interesse der Stabilität des Landes abzuschlachten. Die Zahl der Toten kann für einen echten Bush also keine Rolle spielen.

Iran ins Feld zu schicken, hätte auch den Vorteil, dass wir nicht ständig die Vereinten Nationen brüskieren müssten. Es wird nicht notwendig sein, der Welt zu erklären, dass die Vereinten Nationen nur dann wichtig sind, wenn sie unsere Anweisungen befolgen. Im Unterschied zur US-Regierung, der man unlautere Motive unterstellen könnte, würden die Iraner in jeder Hinsicht glaubwürdig handeln. Sie haben Saddam eben nicht mit Waffenprogrammen unterstützt. Im Gegenteil, sie waren die ersten Opfer.

Zumindest im Süden des Landes, auf den Straßen von Basra und Karbala, wird man den schiitischen Befreiern zujubeln. Unsere Presseleute könnten sich den iranischen Journalisten anschließen, um den Edelmut und das gerechte Anliegen der Befreier zu würdigen. Und warum soll Iran nicht genau so wie wir berufen sein, für Demokratie im Lande zu sorgen? In diesem Punkt ist die Bilanz der Mullahs schließlich nicht schlechter als unsere eigenen energischen Anstrengungen, in Saudi-Arabien und anderswo demokratische Verhältnisse durchzusetzen.

Mein bescheidener Vorschlag, das muss ich zugeben, hat auch einige Nachteile. Die Vereinigten Staaten könnten nicht ihre gewaltige Militärmacht einsetzen, um ihre Weltdominanz zu demonstrieren. Wir müssten den Preis, den wir gewinnen könnten, mit anderen teilen, und zwar weit über das Maß hinaus, das die Administration zu akzeptieren bereit ist. Darüber hinaus wäre die innenpolitische Strategie unserer rechtslastigen Oligarchie gefährdet. Denn die wesentlichen Probleme blieben ungelöst, und die Bevölkerung könnte sich, frei von Angst, den wirklichen Problemen zuwenden.

Letztlich ist mein bescheidener Vorschlag also schwachsinnig, und trotzdem hat er seine Verdienste. Er ist viel vernünftiger als all die Planungen, die gegenwärtig umgesetzt werden. Um es präziser zu sagen: Mein Vorschlag ist wesentlich vernünftiger, wenn es tatsächlich um die Ziele ginge, die in der Öffentlichkeit beschworen werden. Da es aber um ganz andere Ziele geht, muss ich wohl zugeben, dass die Strategie Washingtons wesentlich plausibler ist.

Aus dem Englischen übersetzt von Hans Thie

00:00 13.12.2002

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