Lass die Traumata poppen

Was läuft Unsere Kolumnistin über „Maniac“, die neue Serie von „True Detective“-Erfinder Cary Fukunaga. Spoiler-Anteil: 47 Prozent
Jenni Zylka | Ausgabe 40/2018

Bei Problemen einfach eine Pille nehmen, hach, das wäre praktisch. Nicht dass nicht viele Menschen längst genau das tun – Annie (Emma Stone) zum Beispiel, die im Tablettenrausch regelmäßig auf dem heruntergerockten Sofa ihrer WG-Wohnküche einschläft. Wenn sie wach ist, versucht sie, Kontakt zu ihrem Vater zu halten. Was dadurch erschwert wird, dass der Vater in einer Box im Garten zu hausen scheint, auf deren Displays man seinen Namen liest. Der Grund für Annies Verhalten, so legt es Maniac, das seit Ende September auf Netflix läuft, nah, ist ein durch den Tod von Annies Schwester induziertes Trauma. Annie ist süchtig nach einer Pille, die es ihr ermöglicht, den letzten Tag mit ihrer Schwester immer wieder zu träumen – dass sie im richtigen Leben kaputt wirkt, ist darob nicht verwunderlich.

Owen (Jonah Hill) dagegen ist schizophren, und wird nicht nur deswegen in seiner schwerreichen Industriellenfamilie wie ein Außenseiter behandelt. Er hat Probleme, Realität und Wahn auseinanderzuhalten. Unter anderem macht er sich Sorgen wegen einer Aussage, die er vor Gericht als Zeuge tätigen soll, und schleicht depressiv durch die Gegend. Annie und Owen treffen auf der Suche nach Pillennachschub, beziehungsweise einem gesünderen Leben bei einer Pharmastudie aufeinander. Dort, so erfahren es die Probanden, bekommt man in drei verschiedenen Phasen drei Tabletten verabreicht, nach denen man jeweils einschläft: Die erste lässt einen das Trauma wiederholen, die zweite soll es definieren, die dritte soll es ausschalten.

Es ist also durchaus eine neugierig machende, therapeutische Prämisse, die der soeben zum Bond-Regisseur gekürte Cary Fukunaga in seiner Serie vorgibt. Liebevoll inszeniert er dabei eine retrofuturistische Umgebung voller kleiner und größerer Hilfsroboter, die mal autark Hundehaufen aufsammeln, mal als Schachpartner zur Verfügung stehen, und allesamt aussehen wie aus dem Star-Trek-Roboterdepot. Der große Computer GRTA, an denen Annies und Owens Hirnströme (gemeinsam mit den anderen) angeschlossen werden, scheint dagegen eine Hommage an HAL 9000 aus 2001 – Odyssee im Weltraum zu sein. GRTA, genannt Greta, spricht, entscheidet und scheint eine Seele zu besitzen. Folgerichtig wird sie daher depressiv, als einer der Ärzte aus dem Wissenschaftsteam stirbt. Doch die Computerträne, die Greta weint, lässt ein paar Kabel korrodieren. Und die lebhaften Träume von Annie und Owen beginnen sich zu vermischen …

Fukunaga und sein Autorenteam hatten für ihre lose Adaption einer norwegischen Serie (2014 als Comedy-Format von Autor und Hauptdarsteller Espen PA Lervaag kreiert) rund 70 Ideen ausgearbeitet, das erzählte der Regisseur im Interview. In ein Set geschafft haben es unter anderem der Fantasywald, in dem Annie als spitzohrige, saufende Elfe herumgeistert, ein Sopranos-Mafia-Setting und eine Art UNO-Versammlung, in der Owen als isländischer Abgeordneter den Tod eines Außerirdischen verantworten muss. Doch, und das ist das große Problem an Fukunagas Schöpfen aus dem Vollen, letztlich ist es piepegal, in welcher Umgebung die Protagonisten ihre persönlichen Traumata suchen, finden und konfrontieren. Die „Welt“, der zeitliche und lokale Raum, in dem eine Geschichte spielt, ist zwar relevant für das Drehen von Szenen, aber nicht für die Dringlichkeit der Geschichte.

Der Routinier Fukunaga, dessen Erfahrung und Erfolg als Serien- und Filmregisseur bei True Detective, Beasts of No Nation und Jane Eyre ihn eigentlich davor schützen sollte, verfranzt sich bei Maniac nach einem furiosen Anfang immer tiefer in seinen poppigen Ideenwust und lässt dabei die Entwicklung seiner Figuren schleifen. Stattdessen präsentiert er in Nebenhandlungen Justin Theroux als neurotischen Arzt mit Toupet, dessen Liebesgeschichte zu einer kettenrauchenden Ärztin zwar lustig, aber völlig überflüssig ist. Oder er taucht so tief in eine 80er-Gangstergeschichte ein, dass das Blut bis auf die Kamera spritzt. Konsequent interessant bei Maniac ist irgendwann nur noch die Überraschung des neuen Settings. Dass man, wie der Regisseur erklärte, am Ende kurzfristig sogar die neunte und fünfte Episode einfach ausgetauscht habe, illustriert dieses Verschwinden der Dramaturgie: Was Annie und Owen suchen, spielt keine Rolle mehr. Ob sie es überhaupt finden, ist darum leider ebenso wurscht.

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