Lass mich ein Pirat sein

Projektionsfläche Gabriel Kuhn räumt auf mit falschen Vorstellungen: Die Piraten des "Goldenen Zeitalters" waren nicht nur Freibeuter, sondern Sklavenhändler und Wegbereiter des Empire

Sind Piraten verbrecherische Schurken oder sozialrevolutionäre Helden? Einfach zu beantworten ist diese Frage auf keinen Fall. Die Bandbreite des Piratenphänomens reicht von Johnny Depp alias Captain Jack Sparrow bis hin zu den bewaffneten Gangs, die derzeit von der somalischen Küste aus Schiffe kapern. Wie sehr sich dabei popkulturelle Fiktionen und kriminelle Realität überlagern können, zeigt eine Episode aus dem beginnenden 18. Jahrhundert, als Piraten ein Handelsschiff kaperten und sich dem verdutzten Kapitän als „Robin Hoods Männer“ vorstellten. Zu dieser Zeit erlebte die Piraterie eine regelrechte Blüte, aus der auch unser Bild des Augenklappen tragenden, hinkebeinigen Seeräubers stammt.

Man spricht vom „Goldenen Zeitalter der Piraterie“, einem Begriff aus einer der wichtigsten frühneuzeitlichen Textquellen zum Thema, der General History of the Pyrates aus dem Jahr 1724, verfasst von einem Captain Charles Johnson. Mit dieser etwa vier Jahrzehnte währenden goldenen Ära von 1690 bis 1730 beschäftigt sich Gabriel Kuhn in seinem Buch Unter dem Jolly Roger. Piraten im goldenen Zeitalter. Was waren die Piraten wirklich? Wo endet ihre soziale und kulturelle Wirklichkeit, und wo beginnt der Mythos? Und welche politische Rolle als Vertreter einer frühen demokratischen Bewegung kommt den Piraten zu? Anhand dieser Fragen fächert Kuhn, der vor einigen Jahren mit seinem Buch über den US-amerikanischen „New Anarchism“ Aufsehen erregte, die ganze Bandbreite der aktuellen Forschung und der kulturellen Adaption des Piraten-Mythos auf.

Koloniales Lumpenproletariat

Die Quellenlage zum Thema Piraterie ist recht dünn, die Forschungsliteratur um einiges reichhaltiger. Captain Johnsons General History, die anhand von Piratenkapitänsbiografien das Thema breit abhandelt, ist die zentrale Textsammlung. Der erste Band gilt als faktenorientiert, ein zweiter Teil scheint eher fiktionalen Charakter zu besitzen. Schon die Vermutung, dass der Autor dieses Standardwerks der Schriftsteller Daniel Defoe sein könnte, belegt, auf welch problematischem Terrain sich eine seriöse historische Forschung hier zwangsläufig bewegt. Relativ eindeutig sind dagegen die weltpolitischen Rahmenbedingungen des goldenen Piratenzeitalters. Von den 1670er bis in die 1690er Jahre werden in verschiedenen Friedensverträgen zwischen den europäischen Dynastien die bis dahin weitverbreiteten Kaperbriefe abgeschafft. Das ganze 17. Jahrhundert hindurch sind für Frankreich, England und die Niederlande Kaperbriefe ein militärtaktisches Mittel im Kampf gegen das spanische Imperium, dessen Goldtransporte primäres Ziel der unter Vertrag stehenden Kaperfahrer sind.

Vor allem die Bewohner der karibischen Inseln Hispaniola und Tortuga, die so genannten Bukaniere, stellen anfangs die Mannschaften dieser zur See fahrenden Söldnertruppen. Die Bukaniere, deren Name sich von einem indigenen Wort für einen Räuchervorgang ableitet, besitzen selbst fast mythischen Nimbus. Von Zeitzeugen werden sie als Tierfell tragende und übelriechende Urwald-Trapper beschrieben, die mit dem Austritt aus der europäischen und kolonialen Zivilisation auch ihre christlichen Namen ablegen. Dieses koloniale Lumpenproletariat, die „Ausgestoßenen aller Nationen“, wie sie ein englischer Kolonialbeamter nennt, sind „Sträflinge, Prostituierte, Schuldner, Vagabunden, entlaufene Sklaven und Zwangsarbeiter, religiöse Radikale und politische Gefangene“. Während die Bukaniere einen festen Bezug zu ihren Inseln behalten und von dort aus operieren, sind Piraten für gewöhnlich länger, womöglich sogar dauerhaft auf See unterwegs. Ein weiterer Einschnitt der großpolitischen Wetterlage ist der spanische Erbfolgekrieg von 1700 bis 1715, der zwar einen neuerlichen Schub an Kaperfahrten mit sich bringt, an dessen Ende aber eine Vielzahl von Bukanieren und Piraten quasi arbeitslos wird. Sie beginnen auf eigene Rechnung Schiffe und Häfen zu überfallen. Etwa 2.500 Piraten segeln und kapern in der Hochzeit der goldenen Ära zwischen 1720 und 1730 in der Karibik, im Atlantik und auch im indischen Ozean.

Neben den militärischen Auseinandersetzungen der europäischen Großmächte spielen die sozialen Begleiterscheinungen einer neuen Schifffahrtsindustrie für die Piraterie eine große Rolle. Der amerikanische Historiker Marcus Rediker spricht in diesem Zusammenhang von der Entstehung des „atlantischen Kapitalismus“. Technische Neuerungen in der Seefahrt, eine Intensivierung der transatlantischen Handelswege und nicht zuletzt der Sklavenhandel, wie ihn England im großen Stil betreibt, verändern die koloniale Welt. Die zahlreichen Handelsschiffe, die auf festen Routen den Atlantik überqueren, sind für Rediker Prototyp einer neuen, hierarchisierten Arbeitswelt, quasi die Vorwegnahme der kontrollierten Arbeitsgänge der Industrialisierung und somit auch Entstehungsort eines neuen Proletariats.


Profiteure des Sklavenhandels

Die Piraten bilden das radikale Gegenstück zu dieser autoritär geführten, nicht selten – wie knapp hundert Jahre später auf der legendären Bounty – mit der Peitsche durchgesetzten Ordnung. Während auf einem 100-Tonnen-Handelssegelschiff etwa ein Dutzend Matrosen Dienst tut, sind es auf einem gleich großen Piratenschiff an die hundert. Die Arbeitsbelastung ist also vergleichsweise gering. Piraten organisieren sich in Räten, die Kapitäne, ebenso wie die Quartiermeister, werden gewählt und sind absetzbar. Nicht selten sind es ehemalige Besatzungsmitglieder von Handelsschiffen, die unter anderem gegen ihre ehemaligen Arbeitgeber, wie die in Fluch der Karibik zum Ur-Bösen hochstilisierte East Indian Company, zu Felde ziehen. Immer wieder wird in Quellen von Piraten berichtet, die beim Kapern der Schiffe einfache Mannschaftsmitglieder verschonen, mit den Kapitänen aber nicht zimperlich umspringen.

Von linken Historikern wird gerade der gerne als klassenkämpferisch interpretierte Gestus einer vordemokratischen Gemeinschaft betont. Die Piraten praktizieren demokratische Grundstrukturen einhundert Jahre vor der Französischen Revolution, die im Schlagwort der „schwimmenden Republik“ als Bezeichnung für ein Piratenschiff ihren direktesten Ausdruck findet. Die übliche strikte Aufteilung der Beute und des Besitzes wird gerne als primitiver Kommunismus interpretiert. Gabriel Kuhn zweifelt daran, nicht zuletzt weil diese demokratischen Regeln – mit einem Konzept der „Bruderschaft“ verbunden – nur den Mitgliedern der Piraten-Crews zugutekommen. Piraten haben auch Sklaven und verdienen am Sklavenhandel mit. So wird einer der ersten Häfen auf Madagaskar von einem Piraten zusammen mit einem New Yorker Geschäftsmann gegründet, um gewinnbringend in den Sklavenhandel einzusteigen. Die als multi-ethnisch charakterisierten Mannschaften sind laut einer Studie vor allem Weiße mit einem Durchschnittsalter von 27 Jahren. Die simple Übertragung heute gängiger politischer oder kultureller Identitätsschemata, um das Phänomen Piraterie zu verstehen, reicht also nicht aus.

Der Pirat nach Deleuze/Guattari

Vielversprechender ist da schon Gabriel Kuhns Griff in die philosophische Theoriekiste. Gilles Deleuze und Felix Guattari unterscheiden in Tausend Plateaus den glatten Raum, der ametrisch, azentrisch und rhizomatisch ist. Dem gegenüber stellen sie den gekerbten Raum, der von staatlichen Herrschaftspraktiken durchzogen und auf diese Weise „gekerbt“ wird. Das Meer ist für sie der glatte Raum schlechthin, die karibische Welt mit ihren tropischen Buchten und abgeschiedenen Flussläufen entspricht bilderbuchartig der rhizomatischen Vielfältigkeit, durch die sich die nomadische Kriegsmaschine der Piraten bewegt. Von Freiräumen, wie sie auch in der Terminologie der linken und autonomen Szene zu finden sind, schreibt ebenfalls Hakim Bey in seinem Buch Temporäre Autonome Zone. Seine pirate utopias sind abgelegene, autonome und widerständige Orte in einem globalen Netzwerk. Am piratischen Mythos als emanzipatorische Bewegung schreibt auch ein anarchistisches Autorenkollektiv entlang, das in seinem pointierten Text pirate utopias das „Goldene Zeitalter“ quasi zur vordemokratisch-kommunistischen Experimentierküche verklärt und in der Piraterie eine „Strategie des frühen atlantischen Klassenkampfes“ ausmacht.

Nicht zuletzt die Option, Piraten als Subkultur mit deutlichen Punk-Anklängen zu verstehen, mag zu dieser reflexartigen Interpretation führen. Piraten überfallen nicht nur Schiffe, sie gelten auch als äußerst trinkfest und partyfreudig. Laut historischen Quellen entspricht das durchaus der Realität. Dabei kleiden sie sich gerne ­mit dem erbeuteten edlen Zwirn, der als Ladung für die feine Kolonialgesellschaft bestimmt ist und die sie bei ihren Trinkgelagen auf karnevaleske Art karikieren – ob nur beim Landgang oder auch auf ihren Schiffen, ist unklar.


Aus dieser kulturellen Pose wurde unser tradiertes Bild des Seeräuberkapitäns mit Perücke, Dreispitz und samtenem Gehrock im Stil Captain Hooks. Der dionysische Piratenmythos kann aber auch über die Kehle und den Magen gehen. Und so listet Gabriel Kuhn eine ganze Reihe piratentypischer Mixgetränke auf, wie den „Sir Cloudsley“ (Brandy mit gewürztem Bier und Zitronensaft) oder den „Rumfustian“ (rohe Eier, Zucker, Sherry, Gin, Bier und kein Rum). Es verwundert nicht, wenn sich heute eine linke Fußballfankultur auf diesen Mythos beruft und die seit 1700 auf den meisten Piratenschiffen übliche Totenkopffahne, der Jolly Roger, als Logo in diversen Subkulturen Verwendung findet.

Steigbügelhalter des Empire

Bei allem lockeren Umgang mit Geld, Alkohol und Spielkarten sind die piratischen „Freiräume“ dennoch nichts anderes als kleine koloniale Seehäfen und keine hausbesetzerartigen Zonen mit Rum-Spelunken und Hängematten. Port Royal auf Jamaika und New Providence auf den Bahamas sind zwei der wichtigsten Häfen für Bukaniere und Piraten. Die in der General History vorgestellte Piratensiedlung „Libertaria“ eines gewissen Captain Mission, der bei William S. Burroughs auftaucht, ist reine Fiktion. In ihr fließen aber sämtliche Mythen der Piraterie zusammen: die egalitäre Gemeinschaft, das Teilen des Besitzes und die Kaperfahrt gegen jede autoritäre Macht. Für Marcus Rediker ist „Libertaria“ „fiktiver Ausdruck der realen Traditionen, Praktiken und Träume der atlantischen Arbeiterklasse“.

Gabriel Kuhn betont, dass dieses fiktive Heldenepos in der Textsammlung der General History vor allem als ein moralischer Antipode zu den anderen Piratengeschichten zu lesen ist. Wenn Kuhn auch aus einer explizit linken Perspektive heraus schreibt, so geht er mit dem emanzipatorischen Mythos der Piraterie sehr kritisch um. Denn die Bukaniere und Piraten sind auch die Steigbügelhalter des britischen Empire im Kampf gegen die koloniale Supermacht Spanien und sehr hilfreich beim Umbau der transatlantischen Handelswege. Insofern ist die Piraterie laut Kuhn fester Bestandteil des kolonialen Komplexes, innerhalb dessen sie aber durchaus wie Sand im Getriebe funktioniert.

Mit Kapitän Woods Rogers wird ein ehemaliger Kaperfahrer schließlich sogar Gouverneur der Bahamas, aber diese Personalie ist Teil einer Strategie der englischen Krone gegen die Piraten, von denen ein Großteil in Gefängnissen und schließlich am Galgen landet. Massenhinrichtungen wie zu Beginn von Fluch der Karibik 3 sind am Ende des „Goldenen Zeitalters“ grausige Realität. Um mit Deleuze und Guattari zu sprechen: die East Indian Company und die englische Krone sind im Kerben des Raumes recht erfolgreich. Was bleibt, ist der Mythos des Piratischen, der, ob verklärt oder nicht, nach wie vor seine Wirkung entfaltet. Gabriel Kuhns spannend erzähltes, gut recherchiertes und mit einer ausführlichen Literaturliste versehenes Buch bringt den interessierten Leser auf die unterschiedlichsten Spuren dieser komplexen Thematik und macht Lust auf mehr.

Unter dem Jolly Roger. Piraten im goldenen ZeitalterGabriel Kuhn Assoziation A, 232 S., 18

Florian Schmid schrieb im Freitag zuletzt über Osama bin Laden in der Popkultur

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11:00 02.06.2011

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