Lass uns ein Haus bauen

Baugruppen I Das Eigenheim auf dem Land hat Konkurrenz bekommen. Viele bauen heute lieber gemeinsam mit anderen individuelle Stadthäuser und verzichten auf kommerzielle Bauträger

Von außen fällt das Haus der Bjørnsens kaum auf. Ein Reiheneckhaus, aus Holz gebaut, klare Linien, Flachdach, riesige Fenster zum kleinen Garten und zur nächsten Reihenhauszeile. Das Besondere sieht man erst, wenn man durch die Tür tritt. Im Inneren breitet sich eine auffällig gestaltete, helle Wohnlandschaft aus. „Das Designerhaus“, sagen manche zu dem Baugruppenprojekt. Für Matthias Bjørnsen hingegen ist es ein Beispiel für zukunftsfähiges und erschwingliches Wohnen in der Stadt, mitten in München. Vor drei Jahren ist der Architekt mit Frau und Sohn an den Ackermannbogen in Schwabing gezogen. Mehr Platz, Freiräume für Kinder und trotzdem nicht in der Peripherie, sondern zentrumsnah.

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Die Bjørnsens haben sich einer Baugruppe angeschlossen und mit acht anderen privaten Bauherren gemeinsam eine Reihenhauszeile entwickelt. Sie haben zusammen das große Grundstück gekauft, die Finanzierung gestemmt, die Entwürfe der Architekten diskutiert und den Neubau bis zur Fertigstellung organisiert. Ein Weg zum selbstbestimmten Eigenheim, der derzeit Konjunktur hat: Mit der Renaissance der Innenstädte wächst die Zahl der Baugruppen. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber in Hamburg und Freiburg, Berlin und Köln schließen sich viele Privatleute zusammen und verzichten auf kommerzielle Bauträger. Auf speziellen Internetportalen gibt es zahlreiche Anzeigen, in denen Gleichgesinnte für neue Baugruppen-Projekte gesucht werden.

Ein gesellschaftliches Phänomen, das seine Vorzüge hat. Denn Wohnimmobilien von der Stange kosten durchschnittlich 20 Prozent mehr und sind austauschbar auf den Mainstream zugeschnitten. In Baugruppen-Häusern hingegen zeigt sich die ganze Vielfalt des selbstbestimmten Wohnens, wobei die verschiedenen Lebensstile der Bauherren auch in der Architektur zum Ausdruck kommen. Holzkonstruktionen und Passivhäuser, Altenwohngemeinschaften und Loft-Umbauten sind in den letzten Jahren als Baugruppen-Projekte entstanden. Kreativ und individuell.

Gegenentwurf zum Fertighaus

Der Baugruppen-Trend ist auch eine Antwort auf den standardisierten und seriellen Bau von Eigenheimen. Zwar machen Fertighaus-Anbieter weiterhin gute Geschäfte, aber zugleich gibt es offenbar ein steigendes Bedürfnis, mit Häusern die eigene Individualität auszudrücken. Führt die Gemeinschaft privater Bauherren damit aus der architektonischen Einfallslosigkeit, in der der Wohnungsbau heute steckt?

Das Haus der Bjørnsens mag von außen zwar kaum auffallen, doch bei genauem Hinsehen übertrumpft es jedes Serien-Modell: Sein Energiekonzept ist ressourcenschonend, in den hellen Innenräumen, die der Hausherr nach eigenen Plänen gestaltet hat, öffnet sich eine mondäne Wohnlandschaft, und im Sommer verwandeln sich die Gärten der Baugruppen-Zeile in einen großen Spielplatz für Kinder.

„Das Fazit einer Baugruppe: Wenn man es hinter sich gebracht hat, ist es toll“, sagt Bjørnsen. Über die Nachteile des Baugruppen-Abenteuers kann er im Rückblick nur schmunzeln. „Solange alles abstrakt blieb, waren alle in unserer Baugemeinschaft enthusiastisch.“ Doch mit dem Rohbau kamen die Probleme, und als die Decken von zwei Häusern auf der Baustelle feucht wurden, begann der Ärger. Sechs Parteien von insgesamt neun haben den neutralen Moderator der Baugruppe verklagt. „So eine Baugruppe ist ein diffiziles Gleichgewicht, an dem alle arbeiten müssen“, sagt Bjørnsen knapp.

Etliche Stunden aufreibender Diskussionen, Abstimmungen und Absprachen waren nötig, um das Projekt zu verwirklichen, obwohl die Baugruppe sozial homogen war. Junge Akademiker-Paare mit Kindern, die ähnliche Ziele hatten. Typisch für Baugruppen. Eine Umfrage der Fachzeitschrift Bauwelt zeigt, dass Baugruppen bei aller Individualität vor allem etwas für gut situierte Akademiker sind. Man gibt sich nach außen tolerant und weltoffen, bleibt aber letzlich doch unter sich

Wie es anders geht, kann man in Tübingen beobachten. Hier entstanden in den letzten Jahren ganze Baugruppen-Stadtviertel, mit bezahlbarem Wohnraum und hoher sozialer Mischung. „Es hängt viel vom politischen Willen ab“, sagt Cord Soehlke von der Projektentwicklungsabteilung der Tübinger Stadtverwaltung.

Die Baugruppen-Viertel in Tübingen zeigen eine besondere architektonische Vielfalt. „Als ich das Französische Viertel zum ersten Mal sah, war ich schockiert von diesem Durcheinander“, sagt ein Bewohner. „Aber heute bin ich fasziniert: Das ganze Quartier ist ungemein lebendig, wird von den Bewohnern angenommen und funktioniert als Stadtviertel einwandfrei.“ An vielen Häusern des ehemaligen Kasernengeländes ist der individuelle Gestaltungswille der jeweiligen Baugruppe deutlich ablesbar.

Wegen der starken Förderung der Stadt gibt es hier auch türkische Baugruppen, Seniorenbaugruppen, Gewerbebaugruppen und natürlich die jungen Mittelstandsfamilien. Bei der Neuentwicklung von Wohnungsquartieren setzt die Kommune mittlerweile zu 90 Prozent auf Baugruppen.

Eine Frage des Willens

Architekten machen mit privaten Baugemeinschaften meistens anstrengende, aber positive Erfahrungen. „Der Planungsprozess mit Baugruppen erfordert extrem viel Kommunikation. Das ist nicht immer einfach, aber wir lieben das“, sagt Stefan Mayerhofer. Sein Architektur-Büro plant derzeit ein größeres Stadthaus für eine Baugruppe in Augsburg. „Im Wohnungsbau für anonyme Käufer herrschen andere Gesetze, da wird der Architekt schnell zum Dienstleister des standardisierten Marktes.“ Bei Baugruppen hingegen sei der beratende Aspekt viel größer – ein bisschen gleiche das einem Volkshochschulkurs, mit dem Ergebnis, das die Bewohner ihr Haus kennen und lieben, noch bevor es gebaut ist.

Eine Form zu finden, die die verschiedenen Lebensentwürfe und Weltbilder der einzelnen Beteiligten einer Baugemeinschaft aufnehmen kann, ist ein zäher Prozess. Im Idealfall steht am Ende ein Haus, mit dem sich die Bewohner identifizieren.

Baugruppen-Projekte stehen deshalb nicht zwangläufig für optisch anspruchsvollere Architektur. Ästhetisch sind die meisten Häuser nicht unbedingt Avantgarde. Aber letztlich gründet die Qualität eines Stadtviertels auch nicht im ästhetischen Perfektionismus, sondern in der Partizipation der Bewohner, in innovativen Konzepten jenseits des Bauträger-Standards und in Wohnungsgrundrissen, die auf die Bedürfnisse der Bewohner zugeschnitten sind.


Im Moment gibt es in vielen deutschen Städten die Tendenz, dass der Wohnungsmarkt sich in einen Billig- und einen Luxussektor aufteilt. Baugruppen könnten hier Abhilfe verschaffen, sogar als politisches Instrument für die Entwicklung der Stadt eingesetzt werden. „Die Mitte ist ein Segment, das zurzeit zu wenig bedient wird“, sagt Natalie Schaller. Die Architektin engagiert sich in München im „Forum für Baugemeinschaften“. Gerade in der bayerischen Hauptstadt hinkt man dem Trend hinterher. Das selbst gesteckte Ziel, 30 Prozent der Grundstücke von Baugruppen entwickeln zu lassen, ist bisher in weiter Ferne.

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11:45 06.05.2009

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