Lasst die Nazis, wo sie hingehören

Deutsche Bischöfe kritisieren Israel Doch bestimmte Vergleiche sind nicht hinnehmbar

Dürfen deutsche Bischöfe Israel kritisieren? Viele sagen, sie dürfen es nicht. Sie dürfen - ja, sie müssen - die Ereignisse in Darfur und im Irak kritisieren, sie dürfen sich über Kurden und Basken aufregen, aber über Israel müssen sie den Mund halten. Warum? Wegen der einzigartigen Verbrechen, die Deutsche an den Juden vor mehr als sechs Jahrzehnten verübt haben. Sie waren so ungeheuerlich, dass Deutsche für alle Ewigkeit schweigen müssen, wenn es um Juden geht. Und da Israel der Staat der Juden ist, dürfen Deutsche auch über Israel nichts sagen, was nicht schmeichelhaft ist. Stimmt das? Nein, ich glaube, dass es nicht stimmt.

Ich bin ein Israeli. Ich betrachte mich als israelischen Patrioten. Als solcher bin ich dafür, dass man mich und meinen Staat so behandelt wie jeden anderen auch. War es nicht das Motiv der zionistischen Bewegung, die einst Israel gründete, die religiös-ethnische Diaspora in eine moderne Nation zu verwandeln? Wollen wir Israelis kein normales Volk sein, mit allen Rechten und Pflichten eines normalen Volkes? Das bedeutet auch: Man soll uns mit den gleichen moralischen Maßstäben messen wie andere Völker. Kommt jemand und sagt: Aber Israel ist doch etwas Besonderes - wegen der Pogrome, der spanischen Inquisition, des Holocaust, dann sage ich: Bitte, nein! Keinen Sonderstatus, auch wenn es gut gemeint ist!

Wenn nun deutsche Bischöfe während ihres Besuches in Israel etwas gesagt haben, das auch nur andeutungsweise Israel mit Nazideutschland vergleicht, ist das absolut inakzeptabel. In gewissen Kreisen ist es heutzutage Mode wie folgt zu argumentieren: Israel ist der Staat der Juden, die Nazis haben die Juden misshandelt, die Juden misshandeln jetzt die Palästinenser - ergo, sie sind alle gleich. Alle haben die gleiche Schuld, also hat keiner Schuld. Das ist bequem. Wäre ich der Sohn eines SS-Offiziers, könnte mich das vielleicht trösten. Wenn die Juden genauso sind - woran ist dann mein Vater schuld?

Aber dieser Vergleich ist nicht nur unmoralisch, er ist verrückt. Nichts in Israel/Palästina erinnert an Auschwitz. Keiner denkt an Ausrottung. Auch unsere schlimmsten Faschisten - und leider haben wir die auch - wollen keine industrialisierten Vernichtungslager errichten.

Man kann die Besatzung in den palästinensischen Gebiete mit erschütternden Beispielen in der Geschichte vergleichen - mit den Franzosen in Algerien, den Briten in Irland, der Apartheid in Südafrika. Wir haben den Palästinensern Schlimmes angetan und tun es noch - aber es ist kein Holocaust.

Gewiss, ich kann den Bischof irgendwie verstehen, der gesagt hat: "Es ist schwer zu ertragen, wenn man am Morgen in der Shoa-Gedenkstätte Yad Vashem die Bilder aus dem Warschauer Ghetto sieht, und am Nachmittag durch Stacheldraht und Mauer in ein Ghetto wie Ramallah fährt."

Wenn ein erschütterndes Erlebnis das andere ablöst, mögen leicht die Proportionen verloren gehen, doch einem Bischof sollte das nicht passieren. Das Warschauer Ghetto war ein Vernichtungslager. Juden starben dort massenhaft an Hunger und Seuchen. Wer es überlebte, wurde in die Gaskammern von Auschwitz geschickt. Was hat das mit Ramallah zu tun? Man kann unsere Trennungsmauer mit einer Ghettomauer vergleichen. Wir selbst tun das seit Jahren. Die Friedensbewegung Gush Shalom, der ich angehöre, hat bei ihren Demonstrationen oft ein großes Transparent gezeigt: "Die Mauer - ein Gefängnis für die Palästinenser, ein Ghetto für die Israelis." Israelische Friedensaktivisten veranstalten seit zwei Jahren jede Woche eine Demonstration gegen die Mauer im Dorf Bil´in, und sind jedes Mal Tränengas, Gummipatronen und Wasserkanonen ausgesetzt. Falls uns die deutschen Bischöfe dabei unterstützen wollen, sind sie willkommen.

Wenn man jede Kritik an Israel als Antisemitismus bezeichnet, ist das verwerflich - der Holocaust darf nicht als Mittel der Außenpolitik verwendet werden. Wenn man sagt, der Iran will einen "zweiten Holocaust" veranstalten, ist das eine Verfälschung des Holocaust - er war einmalig. Wenn man Hamasführer Maschal oder Irans Präsidenten Ahmadinedschad mit Hitler vergleicht, ist das ein politischer Trick und als solcher widerwärtig. Ich würde meiner Regierung vorschlagen, auf alle Vergleiche dieser Art zu verzichten. Gleiches würde ich allen Freunden der Palästinenser und allen Gegnern der Besatzung raten. Wir sind keine Nazis. Die Palästinenser sind keine Nazis. Die Muslime sind keine Nazis. Und die deutschen Bischöfe sind es auch nicht. Lassen wir die Nazis dort, wo sie hingehören. In der Hölle.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 16.03.2007

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare