Christian Füller
27.08.2009 | 05:00 144

Lasst die Schulen los!

Landtagswahlen Bildung ist das bestimmende Thema im Wahlkampf. Doch der Föderalismus-Streit ist nur noch bizarr. Ein Plädoyer für eine Bildungsstiftung, freie Schulen und neues Lehren

In Jena klettert Christoph Matschie (SPD) auf die Ladefläche des Wahlkampftrucks und verspricht erstmal Millionen von Euro für die Kindergärten in Thüringen. In Sachsen behauptet ein ansonsten kluger Ministerpräsident, die Einteilung 10-jähriger Schüler nach Begabung sei richtig. Und im Saarland wird ein regelrechter Unterbietungswettbewerb geführt: Studieren – am kostenlosesten bei SPD, Linken, Grünen!

Es ist Wahlkampf, da ist „der einzige deutsche Rohstoff“, also Wissen und Bildung wieder ganz oben auf der Agenda. Seit Roland Koch vor zehn Jahren die Landtagswahl in Hessen auch mit Hilfe einer absurden Unterrichtsgarantie gewann (die er nie einlösen konnte), ziehen die Parteien gerne mit Schulthemen in den Wahlkampf. Und schicken hinterher machtlose und einfache Gemüter als Kultusminister ins Rennen. Bildungswahlkampf – eine große Lüge. Viele Politiker ahnen gar nicht, wie viel Demokratieverdrossenheit sie bei Schülern mit ihren falschen Bildungsparolen auslösen.

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Auslese mal ganz anders
Eine Replik auf die Thesen von Christian Füller von Karl-Heinz Heinemann

Bestes Beispiel dafür war Angela Merkels Bildungsreise im vergangenen Jahr. In den Schulferien, stets Boomzeit für folgenlose Bildungsversprechen, reiste sie durch Kindergärten, Schulen und Hochschulen. Am Ende führten die Ministerpräsidenten die Kanzlerin beim Bildungsgipfel vor. Kein Wunder. Die Zuständigkeit des Bundes liegt bei nahe Null. Nähme man den Ländern ihre Kulturhoheit, würde sich fix die Frage stellen: Wozu noch Bundesländer?

Trotzdem weiß heute jeder Vater: Auch die Kultusministerkonferenz ist ein Modernisierungsrisiko. Denn die Republik steckt mit ihren ungelösten Bildungsfragen in der Zwickmühle. Der Bund ist de jure handlungsunfähig, die Länder sind es de facto. Der Bund ist es, da ihm die Verfassung jede Einmischung in Schulfragen verbietet. Die Länder sind es, weil sie in ihrer Konferenz der Kultusminister zur Einstimmigkeit verdammt sind. Heraus kommt der kleinste gemeinsame Nenner. Der aber ist zu teuer für das Land – trotz leichter Erholung der Pisa-Werte. Deutschland leistet sich den Luxus, in Zeiten von Kinderschwund und Überalterung massenweise Bildungsverlierer zu produzieren. Die Zahl der Abiturienten ist vergleichsweise kümmerlich, die pädagogische Qualität der Gymnasien eine Schande, die Zahl der Studienabbrecher horrend.

Ein modernes Bildungswesen braucht heute weder die Bundesbildungsministerin noch ihre Länderkollegen. Dünne Lehrpläne, ein starker zentraler Schul-TÜV und so viel Kompetenz wie möglich für die Einzelschule heißen die Instrumente bei den Pisa-Siegern wie Kanada oder Finnland.

Hoffnungszeichen gibt es. Während oben die Kakophonie der Kultusfritzen tobt, haben sich unten exzellente Schulen entwickelt – gegen die Regeln der Schulbehörden. Symbol dafür ist der erste Gewinner des jungen Deutschen Schulpreises. Jüngst rückte in die Grundschule an der Kleinen Kielstraße in Dortmund eine Delegation aus Finnland ein. Sie wollte sehen, wie man mit 85 Prozent Zuwandererkindern neues individuelles Lernen praktiziert.

Wer Schulen heute auf die Lern- und Arbeitswelt von morgen fit machen will, darf nicht mehr Lehrer versprechen oder Gratis- Studium – er muss die Schlüsselfragen beantworten: Wie sieht modernes, selbständiges Lernen aus? Wie kann man die wichtigsten Akteure der Schulreform stärken, die Schulleiter? Und wie kommen Geld und Kompetenz dorthin, wo sie gebraucht werden – in die Schule vor Ort?

Die Antwort könnte ein intelligentes Design von zentraler und lokaler Verantwortung sein – bei der man die Vertreter aus Bund und Ländern aus dem Spiel nimmt. Wichtigste Agentur wäre eine starke, unabhängige und zugleich wohlhabende Stiftung auf Bundesebene. Sie vergibt Prämien für die besten Schulreformen. Allerdings schießt sie das Geld nicht mehr in die Länder, wo es oft versickert, sondern in die Schulen, die sich direkt darum bewerben. Eine solche Stiftung müsste auf einem zweistelligen Milliardenvermögen sitzen – und drei Themen behandeln.

Erstens fände sich dort eine Führungsakademie für Rektoren, die mit der Wirtschaft und den besten Governance-Schools zusammen arbeitet. Rektoren sind die pädagogischen Köpfe, Moderatoren und Manager vor Ort. Nur sie können eine Schule drehen. Solche Rektoren laufen den Schulen aber gerade in Scharen davon.

Zweitens braucht das Land eine großangelegte Fortbildungsstrategie für selbständiges Lernen, eine Alternative zum Frontalunterricht Marke Feuerzangenbowle. Modernes Lernen heißt, den Schülern große Lern- und Expermentierfreiheit zu schenken – mit Freiarbeit, Lernbüros, Werkstätten und großen Projekten. Die müssen Lehrer erst lernen.

Das alles macht nur Sinn, wenn es, drittens, endlich auch Freiheit für die Schulen gibt. Das fordern ohnehin alle, seit Jahrzehnten. Ein Modell dafür sind so genannte Vertragsschulen. Sie vereinen die Vorteile der Privatschulen – Personal-, Budget- und pädagogische Freiheit – mit der sicheren und angemessenen Bezahlung durch den staatlichen Arbeitgeber. Sie wären etwas ganz neues, frei-öffentliche Schulen. Sie würden gut funktionieren. Weil die Verantwortlichen gute Schulen entwickeln können – egal was die Pseudozuständigen aus Bund und Ländern im Wahlkampf gerade wieder aushecken.

Christian Füller ist einer der besten Kenner der deutschen Bildungslandschaft. Seit 1997 leitet er das Bildungsressort der taz. Eben ist von ihm erschienen: "Die gute Schule: Wo unsere Kinder gerne lernen"

Kommentare (144)

Chryselers 27.08.2009 | 17:28

Füller verlangt hier die von außen straff getüvte Schulleiterschule, in der Schüler von nachgepassten Lehrern neolib gouvernementiert werden, gar in PublicPrivatePartnership, damit ihre Employability gewährleistet wird. Das ganze Programm des Mainstreams.

Da gilt dann nur die neolibbe Ansage, jeder, Schüler oder Lehrer, möge Unternehmer seiner selbst werden und das eben auch in der Schule. Und wenn einer nicht will, dann muss er eben von der Leitung, dem höheren Menschentum des Schulleiters, dazu getreten werden.

Bildung als Prozess von Selbstaufklärung zum Zwecke von Vermenschlichung von Individuum und Gesellschaft- perdu.

Literaturempfehlung:
JOCHEN KRAUTZ Ware Bildung
Schule und Universität unter dem Diktat der Ökonomie
www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=299434

Ludwig A. Pongratz
Bildung im Bermuda-Dreieck:
Bologna-Lissabon-Berlin
Eine Kritik der Bildungsreform
www.schoeningh.de/katalog/titel/978-3-506-76728-8.html

Horst Leps

Ludwig Hasselberg 27.08.2009 | 17:52

(Kann man jetzt doch kommentieren, ja? Vorhin ging es nicht...)

In der Tat, da ist diese eine Stelle im oben skizzierten Programm:
"Erstens fände sich dort eine Führungsakademie für Rektoren, die mit der Wirtschaft und den besten Governance-Schools zusammen arbeitet. Rektoren sind die pädagogischen Köpfe, Moderatoren und Manager vor Ort."
Solche Töne kenne ich von Herrn Füller (hat man ihn jetzt abgeworben?) bislang nicht. Wenn er das ernst meint, wäre das der faule Apfel, der das Fass wertlos macht.

Christian Füller 27.08.2009 | 18:22

so sind sie, die schnellschießer. eine frei-öffentliche schule ist keine privatschule (und auch das wäre, pardon, nicht so schlimm wie manche tun.) machen sie sich kundig, meine herren! die schulen befinden sich tief im bürokratischen gestrüpp. von emanzipatorischer bildung keine spur - außer im hohlen pathos der über-bildung-schreiber, wie chryselers einer zu sein scheint.

habe gerade so einen fall live erleben dürfen: eine der besten deutschen schulen, die jenaer jenaplan-schule, soll von der stadt kommunalisiert werden. denn die staatliche schulaufsicht zieht die schlinge immer enger. niemand an dieser schule hätte etwas dagegen, über die kommune eine bessere personalentwicklung treiben zu können. der beste thüringer mathe-referendar will und soll an der schule bleiben - der staat versetzt ihn woanders hin. eine kommunalisierte schule könnte ihn aufnehmen.

chryselers plappert: "Da gilt dann nur die neolibbe Ansage, jeder, Schüler oder Lehrer, möge Unternehmer seiner selbst werden (...) Und wenn einer nicht will, dann muss er eben von der Leitung, dem höheren Menschentum des Schulleiters, dazu getreten werden." völlig weltfremd, hat mit der realität von schule nix zu tun.

kleine gegenfrage zur "Bildung als Prozess von Selbstaufklärung zum Zwecke von Vermenschlichung von Individuum und Gesellschaft" - wo wird die im herrschenden staatlichen system der haupt- und sonderschulen betrieben?

ich schätze mal: da sind einige froh, dass sie im gymi ihren bildungsphantasien nachgehen können, während die doofen hauptschüler in verliererschulen gesperrt werden.

das herrschende system ist eine art pädagogischer apartheid: die dürfen wir nciht verteidigen! grüße von pisaversteher (www.pisa-versteher.de)

wwalkie 27.08.2009 | 19:25

Fast hätte ich nicht bemerkt, dass Herr Füller eine Parodie des Diskurses der Bildungsexperten von Bertelsmannstiftung, McKinsey und deren "willing executioners" in den Schuliminsterien geschrieben hat. Füller zeigt sich nur scheinbar pisagläubig, verlangt maliziös "dünne Lernpläne", einen zentralen "Schul-TÜV" (herrlich - diese Ironisierung der sozialtechnologischen Sprache unserer Bildungsmanager!). Auch die Narratologie der Reformschulbesuche zieht er durch den Kakao. Köstlich die verbale Hypostasierung der Schulleiter. Nur so kann man die Notwendigkeit demokratischer Position in unseren Schulen darstellen.

Nur ein kleiner Kritikpunkt: "ein intelligentes Design von zentraler und lokaler Verantwortung", schreibt Herr Füller. Ist das nicht etwas zu dick aufgetragen? Satire ist eher fein, das kommt gar zu grob-bertelsmannianisch.

Aber ansonsten: allererste Sahne. Das Postulat einer milliardenschweren Bildungsstiftung - super! Zumal wir alle wissen, wie die heißt! Führungsakademien für "Rektoren" (er meint wohl "Direktoren")- tolle Entlarvung undemokratischer Tendenzen (Topdown-Prozesse!). Propagierung des "selbständigen Lernens". Nie ist dieses Lehrereinsparen klarer demaskiert worden. Und dann das Public-Private-Partnership-Modell der "Vertragsschulen". Sehr schön wird hier vom Autor das liberalistische Hire-and-fire-Prinzip blossgestellt.

Oder hat er die von H. Leps erwähnten Autoren doch nicht gelesen? Sondern nur die einschlägigen Texte von Bertelsmann et consorts? Hat er das alles etwa ernst gemeint?

Mühlenkamper 27.08.2009 | 20:59

Also eine große Stiftung mit zweistelligem Milliardenvermögen. Woher das Stiftungsvermögen kommen soll, das verrät der Autor nicht. Wohl von der öffentlichen Hand. Dort liegt aber kein Geld rum. Also muss man sich das leihen (Schulden!). Kostet jetzt vier Prozent. Jahr für Jahr. Bei zwanzig Milliarden also rd. achthundert Millionen Zinslast jährlich und für immer. Das Vermögen wird der Stiftung übertragen, die das mündelsicher anlegen muss. Bringt grad mal ein Prozent. Ergebnis: Der grandiose Vorschlag verbrennt völlig sinnlos rd. 600 Mio. EUR im Jahr zur Freude der Bankenwirtschaft. Tolle Idee. Geht es nicht mal etwas bescheidener? Der ganze Wissenschaftsrat kostet z.B. jährlich rd. 4,5 Mio. EUR. Der funktioniert schön unabhängig. Mit Bund und Ländern.

Christian Füller 27.08.2009 | 23:29

als die umts-lizenzen versteigert wurden, kam ein dreistelliger milliardenbetrag zustande, den man um ein haar in eine bildungsstiftung gelegt hätte.

die stiftung wären selbstverständlich nicht die bertelsmäuse. allenfalls die deu. kinder- und jugendstiftung, denn die hat erwiesermaßen know how in bildungsfragen und macht bereits jetzt den job der blauhelmtruppe für zerstrittene bund-länder-themen wie etwa die ganztagsschulen.

ich verweise mal auf das neue lernen in lernbüros, mit freiarbeit etc. ich bitte auch, weniger misstrauen zu mobilisieren und sich die beispiele anzusehen, die es bereits gibt: die schulpreisträger seit der grundschule kleine kielstraße sind praktisch allesamt eine art frei-öffentlicher schulen. die kann man doch nicht als marionettenschulen des kapitals bezeichnen, die kinder auf den arbeitsmarkt drillen? hallo! montessori potsdam, helene-lange wiesbaden, max-brauer hamburg, winterhude hamburg, wartburgschule münster, laborschule bielefeld usw. usf. - das sind werkstätten des offenen unterrichts und des selbständigen lernens.

warum so ängstlich, lieber freitagleser. soll etwa alles so bleiben, wie es ist? ;-)
www.pisa-versteher.de

Chryselers 27.08.2009 | 23:33

Hm, ich parafrasiere Füllers Wunschliste ins neolibbe Governance-Konzept (mit zwei schönen Büchern) und werde gefragt, wo es das jetzt gibt. Und bislang dachte ich, Wunschlisten sind dazu da, was aufzuschreiben, was es bislang nicht gibt.

Und weil Bildung als Aufklärung ein schwieriges Geschäft ist, darf sie abgeschafft werden. Statt in ihren Schwierigkeiten angegangen zu werden. Weil die Realität doof ist, soll sie zum Konzept veredelt werden. Außer für Schulleiter.

Man lernt nie aus. Nie. Lebenslang.

Horst Leps

Milton 28.08.2009 | 00:49

Ich habe den ersten Teil gelesen und nur genickt, dann den zweiten Teil und auch etwas mit dem Kopf gewackelt. Müssen den Schulen und vor allem Rektoren noch allmächtiger werden? Mir reicht schon, wie sich der an der Schule meines Sohnes aufführt. Dass Beamte gute Schulen entwickeln können ... Ihren Optimismus möchte ich haben, lieber Herr Füller.

Bildungswirt 28.08.2009 | 01:22

Christian Füller stellt die richtigen Fragen, benennt und erläutert nachvollziehbar die seit Jahren bekannten Problemfelder der Bildungs- und Schulpolitik und gibt einige etwas wacklige Antworten. Immerhin. Was haben die Kritiker dagegen zu bieten?
Ich ergänze hier mal mit
www.freitag.de/community/blogs/bildungswirt/lob-der-paedagogisch-gastronomischen-vernunft

www.bildungswirt.de/2008/06/26/bildungsgipfel-humor-ist-wenn-man-weiterklatscht/
Gruß BW

Bildungswirt 28.08.2009 | 01:41

Zur weiteren Stützung Ihrer Position
www.freitag.de/community/blogs/bildungswirt/bildungspolitik-zukunft-fuer-alle

Allerdings bedenken Sie die noch ungelöste Frage, wie die Macht der Bürokratie zu brechen wäre und den Kultusministern die Angst vor der Bedeutungslosigkeit genommen werden könnte.
"Auch die Kultusministerkonferenz ist ein Modernisierungsrisiko." - Das ist aber noch sehr freundlich formuliert.

"ein starker zentraler Schul-TÜV" - die tatsächliche Bedeutung wird in der deutschen Öffentlichkeit überschätzt, auch von Journalisten.

Gruß BW

Christian Füller 28.08.2009 | 01:57

hallo milton,

alle, die sich mit schule näher befassen, wissen, dass der rektor nur eine sehr relative position hat: er kann eben gute lehrer nicht einstellen, wenn er sie will, und er kann andere nicht hinauswerfen, wenn er sie nicht mehr will.

es geht ohnehin nicht um eine diktatur der schulleiter. sondern um den/die rektorIn als primus in einem schulleitungsteam, das mit den lehrerInnen ein konzept für eine schule entwirft.

gegen einen schulleiter geht so gut wie keine entwicklung der schule. mit ihm aber auch nur relativ, da er eben sehr geringe personalhoheit hat.

am wichtigsen ist die leadership und der spirit, den ein rektor verbreitet.

aber das ist vielleicht ein bisschen zu differenziert für debatten a la chryselers :-(

www.pisa-versteher.de

Streifzug 28.08.2009 | 02:25

Ist ja richtig Stimmung hier.

Aber Oha.

-Führungsakademie
-Governance-Schools
-Moderatoren
-Manager
-Fortbildungsstrategie
-Weil die Verantwortlichen gute Schulen entwickeln können

"Freiheit" für die Schulen.
Der neoliberale Ladenhüter hier als Renner angepriesen, Freiheit für ...

Kommt mit sehr vertraut vor. Die ewig gleichen Phrasen. Die immer gleichen Ergebnisse. Wird als Nächstes der Bildungssektor von arbeitslosen Ratingagenturen des Finanzsektors bewertet? Von ausgemusterten Managern betreut? Schwappt nun der Märklin-Effekt in die Schule? Kinder von Klugschwätzern gemanagt?

Preisrätsel: Auf welchem Gebiet kommt dann wohl die nächste große Krise?

Ein Halbsatz klingt immerhin ganz vernünftig. Haben ihm bestimmt seine Kinder heimlich ins Script geschrieben ;)

"Modernes Lernen heißt, den Schülern große Lern- und Expermentierfreiheit zu schenken ..."

Mein Tipp:
Holt Eltern ins Boot. Holt Marsmännchen ins Boot. Holt Aliens ins Boot. Aber gestattet niemals, wirklich niemals halbgebildeten Managertypen den Zugriff auf Schüler.

Nachtrag:

"er kann eben gute lehrer nicht einstellen, wenn er sie will, und er kann andere nicht hinauswerfen, wenn er sie nicht mehr will."

"am wichtigsen ist die leadership und der spirit, den ein rektor verbreitet."

Na super.

mklingma 28.08.2009 | 02:35

Warum ist es so schwer zu verstehen, dass es für 'die Schule' genauso wenig wie für 'das Wirtschaftsunternehmen' die eine Patentlösung gibt. Wenn ich lese: „Lasst die Schulen los!“, denke ich, endlich komme mal jemand auf den entscheidenden Punkt zu sprechen. Wenn ich dann weiterlese: „Wie sieht modernes, selbständiges Lernen aus? Wie kann man die wichtigsten Akteure der Schulreform [welcher eigentlich?] stärken, die Schulleiter?“ Dann verstehe ich, da weiß mal wieder jemand, was die anderen zu tun hätten, damit alles gut würde. Schließlich stoße ich in Füllers Artikel auf solche Stellen: „ ... Führungsakademie für Rektoren, die mit der Wirtschaft und den besten Governance-Schools zusammen arbeitet“. Und finde mich unversehens bei Bertelsmann und den Evaluatoren wieder, die sich an den Schulen landestweit eingenistet haben und die sich für alles interessieren, nur nicht für etwas so Banales wie Pädagogik.

Füller schreibt auch, die pädagogische Qualität der Gymnasien sei eine Schande. Das sehe ich ähnlich. Als Gymnasiallehrer kann ich sagen, mit Pädagogik im Sinne von Erziehungsstilen wurde ich in meiner Ausbildung nicht belästigt. Psychologische Grundkenntnisse, Umgang mit Schülern, die nicht tun, was ich von ihnen erwarte, alltägliche Gewalt durch Schüler und Lehrer, ADHS, da soll sich bitte jeder selbst mit herumschlagen. Antworten finden sich bei Bueb und Winterhoff, denn die akademische Pädagogik gibt sich mit solchen Fragen kaum ab; sie beschäftigt sich lieber mit Lerntheorie und Evaluation.

Ein paar einfache Erkenntnisse aus meiner Sicht:
Lasst die Schulen los. Das könnte heißen: Es müssen und sollen eben nicht alle das Gleiche machen. Nicht jede ländliche Gemeinde braucht eine Ganztagsschule, aber es wäre wünschenswert, wenn die Möglichkeit bestünde, vernünftig ausgestattete Ganztagsschulen und auch Gesamtschulen da einzuführen, wo sie gebraucht werden.

Lehrer können zwar viel, aber vieles können andere besser. Das gilt nicht nur für das Schulnetzwerk, sondern auch für die pädagogisch-psychologische Betreuung. Trotzdem sollten Lehrer in diesen Bereichen kontinuierlich geschult werden.

Eine Schule ist ein Unternehmen, nicht nur eine freie Schule, sondern jede. Und dieses Unternehmen muss im Rahmen unseres Wirtschaftslebens finanziert werden, sofern es eine Nachfrage befriedigt. Die Finanzierung ist die Grundvoraussetzung für ein gerechtes Bildungswesen. Es macht keinerlei Sinn hier zwischen freien Schulen und staatlichen Schulen zu unterscheiden. Bildung braucht in erster Linie und in jedem Fall Freiheit. Das darf nicht weiter den freien Schulen vorbehalten bleiben, die sich ihre Freiheit durch Schulgeld erkaufen, sich gewissermaßen freikaufen müssen.

Und dann kann man ja Standards definieren: Das sollen sie können nach Klasse 2, 4, 6, 8, 10, 12. Und es ist auch sinnvoll das zu überprüfen und zwar nicht als Pisa-Multiple Choice, denn auch damit lässt sich nur ein Bruchteil erfassen. Es geht nicht nur um kognitive Fertigkeiten und um Testfähigkeit.

Christian Füller 28.08.2009 | 10:59

vielen dank,

das ist doch im kern das, was wichtig ist: die schulen sollen die freiheit haben, sich ihre lehrer zu wählen, ihr pädagogisches programm zu fahren.

ich finde nur, dass man den unterschied privat/staatlich nicht zu leicht nehmen soll, wenn wir umbauen wollen, dann brauchen wir die freie schule als schnelles experimentierboot.

ich frage mich aber: wieso haben alle angst vor den bertelsmännern? die sind doch total unwichtig. ich habe keine der wirklch exzellenten schulen kennengelernt, die sich von den mohns den schneid abkaufen lassen

mein stiftungsvorschlag hat nichts mit bertelsmann zu tun. es ist ein eigenes ding, und die gütersloher wären die letzten, die das administrieren dürften.

grüße vom pisaversteher (www.pisa-versteher.de

mklingma 28.08.2009 | 11:29

Ergänzung

Zur Frage der Unterrichtsmethoden möchte ich noch etwas ergänzen: Ein Phänomen, dass so gut wie jeder aus seiner eigenen Erfahrung als Lernender kennt (ich nutze diesen Einstieg, ohne demagogisch sein zu wollen – manchmal ist Lebenserfahrung tatsächlich aussagekräftig), besteht darin, dass unterschiedliche Lehrer mit völlig unterschiedlichen Unterrichtsmethoden sehr erfolgreich sein können. Ich sehe wenige wissenschaftliche Ansätze, die es unternehmen würden, das zu erklären; wahrscheinlich ist es für eine auf quantifizierende Evaluationsmethoden aufbauende Wissenschaft ein eher sperriger Ausgangspunkt.

Hier kommen nach meiner Auffassung zum einen Erziehungsstile ins Spiel und dann noch etwas sehr Grundsätzliches, nämlich der emotionale Kontakt zwischen Lehrenden und Schülern: Ist der Lehrer / die Leherin übehaupt am Erfolg der Schüler interessiert? Werden Schüler ernst genommen?

Ein Lehrer kann streng sein oder lax, er kann offene Lernprozesse initiieren, kann produktionsorientiert arbeiten oder er kann Frontalunterricht betreiben und sich auf das Schulbuch und die Tafel beschränken; er kann motivieren, informieren, kann auf thematische Schülerinteressen eingehen oder nicht, das alles sagt wenig darüber aus, ob er erfolgreich unterrichten wird. Die Mehrzahl derer, die heute diskutieren, hat ganz überwiegend „klassischen“ Frontalunterricht genossen und war außerhalb der Schule sehr wohl befähigt, selbständig zu arbeiten. Das soll nur heißen, was Füller als „modernes Lernen“ bezeichnet, stellt eine Möglichkeit dar unter vielen. Altersstufen, Stufen der kognitiven und emotionalen Entwicklung bleiben hier sowieso völlig außen vor. Es bedeutet etwas anderes, in der Grundschule, in der Orientierungsstufe oder in der Oberstufe auf die Persönlichkeit und die Bedürfnisse der Schüler einzugehen.

Kommen wir endlich weg, von der – ich sage jetzt mal – naiven Propagierung von Patentlösungen, die gerade angesagt sind.

Und noch ein kleiner Nachtrag, nur zur Sicherheit: Ich denke nicht, dass Bueb und Winterhoff angemessene Antworten bieten für Erziehungsstile im 21. Jahrhundert.

Chryselers 28.08.2009 | 12:13

Das mit Spirit und Leadership war schon immer so. Selbstverantwortete Schule aber macht den Schulleiter zum DisziplinarVorgesetzten, zum Einsteller und Entlasser. Er ist dann gerade kein primus inter pares mehr, sondern ein Kleinkönig.

Aber das ist auch nicht ernst gemeint, er soll in der Schule nach vorgegebenem Qualitätsrahmen arbeiten, dessen Erfüllung der Schul-TÜV abscheckt. Was vorgegeben ist, soll er "autonom" abarbeiten und die Lehrer zur "autonomen" Erfüllung dessen, was sich andere als Ziele gedacht haben, anhalten.

Diese Art von Autonomie verlagert die Kontrolle von einer zurückhaltenden Schulaufsicht in die Schule, in die kontrollierte Selbstkontrolle der Lehrer.

Und das alles mit dem Sound von Freiheit und Autonomie: Entprofessionalisierung systemweit.

Ohne dass es den geringsten empirischen Hinweis darauf gibt, dass da was bei rauskommt. Denn das, was im Klassenzimmer geschieht, wird eben nicht ins Professionelle gehoben, der Umbau des Steuerungssystems hat die dazu nötigen Kräfte schon vorher gefressen.

HL

h.yuren 28.08.2009 | 14:58

lieber christian füller, die schulen loslassen, ist bestimmt eine richtige parole. denn der bürokratische zugriff und die politische verkettung sind wirklich ein täglicher ballast von außen, der nichts bessert. aber wem sollen wir dann die schulen überlassen? den damen und herren (di)rektor/innen? das ist eine schnapsidee! das familienoberhaupt ist abgeschafft, die monarchie auch seit kurzem, aber nun sollen ausgerechnet die schulleiter/innen die schulen halten und retten als die guten hirten?
nichts gegen Ihre reformbeispiele aus dortmund und jena etc. auch sollte es hierzulande viel mehr versuchs- oder modellschulen geben (wie etwa im nachbarland dänemark). aber die schule ist doch kein schiff. sie ist vor allem keine schafsherde, die einen leithammel braucht und einen guten hütehund. darf ich vielleicht daran erinnern, dass wir in einer verschwendergesellschaft leben? ivan illich konnte schon damals ein lied davon singen. darum wäre meine devise erst einmal, die schulen zu entrümpeln, wobei auch die alten strukturen zum gerümpel gehören.

Ursa 28.08.2009 | 16:00

Einigermaßen fassungslos war ich über diesen Artikel, der es im Freitag auf die erste Seite geschafft hat. Auch ich fühlte mich an die Bertelsmänner und ihresgleichen erinnert. Indem Herr Füller etwas abwertend über die Stiftung spricht, will er den Stallgeruch los werden. Aber Herr Füllers Ratschläge zur Zukunft der Schulen sind von gleicher Qualität wie seine vor acht Jahren bezüglich der Hochschulreformen gemachten. Damals sang er das Hohe Lied der Bertelsmänner und ihres neuen Centrums, von denen er sich jetzt so leichtfüßig distanzieren will. Das Chaos und die Scherben der Hochschulreformen alla CHE sind heute zu besichtigen. Sein Loblied von vor acht Jahren auf die gerade beginnenden Reformen hier:
www.taz.de/index.php?id=archivseite=2001/10/20/a0225
seine Tjost für Studiengebühren hier:
www.taz.de/index.php?id=archivseite=2007/02/02/a0253
Public-Private-partnership im Bildungswesen, darauf habe ich schon lange gewartet. Dass ich es ausgerechnet im Freitag serviert bekomme, nicht etwa kritisch, sondern ernst gemeint, empört mich.

rama 28.08.2009 | 16:49

Ich habe, interessierte ich mich für Bildungsthemen, Herrn Füller bisher meist vermeiden können - obwohl er "einer der besten Kenner der deutschen Bildungslandschaft" sein soll. Daran wird sich nach dieser Lektüre nichts ändern. Wer einen Satz denkt und dann noch schreibt, der mit "Wer Schulen heute auf die Lern- und Arbeitswelt von morgen fit machen will" beginnt, der hat was gegen Kinder und seine Leser.

Chryselers 28.08.2009 | 17:08

Nein, diese Kenntnisse werden in allgemeiner Öffentlichkeit nicht wahrgenommen. In den Fachöffentlichkeiten ist das alles bekannt. Da schütteln viele nur ungläubig den Kopf ob des grassierenden Rationalitätsverlustes.

Aber da ist ein Bruch zwischen diesen beiden Öffentlichkeiten, der es möglich macht, dass die neolibben Mantren dem Publikum nicht als interessierte Meinung, sondern als begründete Erkenntnis erscheinen.

Wenn etwas aus gegenwärtigen Miseren hilft, dann das Gespräch über Unterricht unter Lehrern, die gemeinsame kritische Arbeit am konkreten Unterricht. Auch dazu gibt es ja Konzepte, die in Deutschland so gut wie ganz ignoriert werden: Lesson Studies und Lehrkunstdidaktik. www.sowi-online.de/journal/2004-1/editorial_grammes.htmwww.tc.edu/lessonstudy/lessonstudy.htmlwww.lehrkunst.ch/ Aber das hat alles nicht den Glanz der großen Phrase, die die große Organisationsreform begleitet. Und brächte mit den Lehrern eine Gruppe in die Reformen, die sie bislang nur unter Schimpf und Schande ausführen sollen, würde also nicht nur die Inhalte des Diskurses ändern, sondern auch noch die Kräfteverhältnisse.

HL

Chryselers 28.08.2009 | 17:43

Was die Freiheit der Wahl der Lehrer durch die Schulen angeht: Jede Schule darf heute dankbar sein, wenn es einen ausgebildeten mathnat-Lehrer überhaupt und irgendwie bekommt, Auswahl gibt es da nicht, nach besonderen pädagogischen Kriterien schon gar nicht. So auch bei anderen Mangelfächern. (Ich bin an sowas beteiligt.)

Hier läuft die schon gegebene Autonomie völlig leer. Und sie wird an dieser Stelle angesichtts von Lehrermangel weiter ohne Inhalt bleiben.

Die Schule kann dann ihr Profil nur noch nach den vorhandenen Lehrern ausbilden, aber das war ja auch immer schon so, wurde bloß nicht so genannt.

HL

Christian Füller 28.08.2009 | 18:21

sorry,

das ist mir zu beliebig. solange im klassenzimmer frontbeladung vorherrscht (und dasa tut sie, siehe die ergebnisse der videostudien von timss und desi), werden lernprozesse der schüler durch den lehrer eher behindert als befördert.

also: erst muss die lehrmethode feuerzangenbowle "einer-an-alle" gegen ein individuelles konzept mir freiarbeit, wochenplänen etc. getauscht werden - dann können wir die frontale instruktion wieder retten. (viererkette spielt man ja auch nicht mit libero!)

ich wundere mich, dass so getan wird, als sei das alles geheimwissen. seht euch die schulpreisträgerschulen an, werft einen "blick über den zaun" (www.blickueberdenzaun.de) oder zieht euch mal die treibhäuser der zukunft rein, z.b. diesen ausschnitt von kahl: www.youtube.com/watch?v=DjoV5d1CdN8 - dann verstehen wir uns besser.

best, pisaversteher (www.pisa-versteher.de)

christian füller

Christian Füller 28.08.2009 | 18:24

darf ich sagen, dass die angst vor den bertelsmäusen kollosal nervt!

darf man mal fragen,, yuren, wem die ganzen freien schulen - wie sie sagen - "überlassen sind". ja gott, seit 150 jahren gibt es freie schulen und die machen zum teil einen superjob und sie sind, sorry, nur ganz selten böse kapitalistdenläden, die nur auf profit aus sind.

wie kann man 2009 noch mit ivan illich kommen?

Chryselers 28.08.2009 | 19:06

Hm, ich hab ein paar Jahre gebraucht, um mir das anzulesen. Wie macht man das, in einer Viertelstunde die Beliebigkeit didaktischer Konzeptionen festzustellen, die gänzlich unbeliebig jahrelang um die beste Gestaltung von bloß einer ganz einer ganz bestimmten Viertelstunde Unterricht ringen?

Vermutlich ist es dazu förderlich, einen Film zu sehen, der nicht zeigt, wie die Kinder ins Verhältnis zum Gegenstand kommen, sondern dieses Zeigen bloß behauptet. Rumwieselnde Kids mit Strahleglanzaugen jedenfalls dürften an fast jeder Schule vor die Kamera zu kriegen sein.

HL

h.yuren 28.08.2009 | 20:31

lieber füller, über sogenannte freie schulen habe ich kein wort verloren. vielmehr sagte ich, mir sei wichtig, die schulen von altem ballast zu befreien. darüber kein wort von Ihnen.
von "kapitalistenläden" reden Sie, nicht ich. Sie werden wissen, warum Sie das tun.
die stärkung der schulleiterposition ist ein alter hut, auf den Sie noch einen draufsetzen möchten.
bei soviel fortgeschrittenheit ist Ihre frage nur zu verständlich: "wie kann man 2009 noch mit ivan illich kommen?"
gegenfrage: wie sind Sie in dieses forum gekommen?

wwalkie 28.08.2009 | 22:21

Christian Füller spielt die "verfolgende Unschuld". Sein Text könnte als Muster für das Spiel " Das Bingo des neoliberalistischen Bildungsdiskurses" dienen. Nach 20 Zeilen 10 Punkte! Mindestens.

Er versteht angeblich nicht, was daran falsch sein soll, die junge Generation (er spricht reformbewegt von "Kindern" -ich hätte kinderfazig "Kids" erwartet) "fit" zu machen "für die Lern- und Arbeitswelt von morgen". Entweder hat er die genauso platten und wortidentischen Texte der Brain-Ökonomen und Testtechnokraten nicht gelesen (was unwahrscheinlich ist) - oder - wie gesagt - er spielt den Naiven. Wie auch immer - beides wäre betrüblich. Es gibt kaum eine Aussage zur Schulbildung - ob von Politikern

Füller scheint an Reflexivität, an Autonomie und Solidarität nicht gelegen zu sein. Das wird er natürlich weit von sich weisen und das Gegenteil behaupten - nur: warum kommen diese Begriffe in seinem Lob auf die "gute" selbstverwaltete Vertragschule (was natürlich wieder original Bertelsnmann ist, monsieur!), in der die durch "Führungsakademien" (was für Begriffe! Ich muss immer an die "Führungsakademie der Bundeswehr" denken, an den elitären Habitus eines Ernst Jünger, an Bueb u.v.a.m.)gegangenen "Rektoren" die Direktiven der in der zukünftigen "Lern- und Arbeitswelt" wohl immer noch Herrschenden (oder denkt er an eine humane Zukunft?) exekutieren, nicht vor?

Eins scheint aber gewiss. Die TAZ ist zumindest im Bildungsressort "fit für die Zukunft".

Bildungswirt 28.08.2009 | 22:23

@chryselers
"Ich bin da nicht draus schlau geworden: Was will uns der Bildungswirt denn in den verlinkten Texten sagen?"
Können wir nicht einen bewährtes Verfahren gebrauchen, durchaus üblich in der SChule? Du sagst mir, was du gelesen und verstanden hast (Subjektivität) und ich sage dann, ob ich es so gemeint habe (2. Subjektivität, im Idealfall bestimmen wir zusammen eine Intersubjektivität für einen bestimmten Moment)
z.B. Bildungsgipfel, Humor ist, wenn man weiterklatscht mit weitere Links...
Gruß BW

Chryselers 28.08.2009 | 22:40

Ja, die für neolibbe Denke typische Doppelanthropologie: Da gibt es einerseits die Leistungsträger, die niemand kontrollieren muss, denn ihre unbezweifelbare Leistung allein trägt sie, andererseits jene, die zum Leisten getragen, nein, getreten werden müssen: Vom Lehrer abwärts bis zum HartzIVler, der in die nächste Trainingsmaßnahme muss, so sinnlos sie auch sein mag. Und wer da tritt, der muss natürlich behaupten, er kenne die Zukunft, den Weg, der Getretene sei nur halt uneinschtig, alles zu seinem Besten.

Und dazwischen gibt es noch eine Schicht von Vermittlungsoffizieren, jene, die mit der Aufgabe geehrt werden, von oben nach unten durchreichen zu dürfen: Die Rektoren!

Dabei wird in der Sache nichts gezeigt, jedenfalls nichts im Filmchen und in der Literatur kenne ich auch nichts: Wo ist denn nun der bildende Unterricht, seine Entwicklung, die Arbeit an seiner Entwicklung? Wer macht ihn, wer macht die Entwicklung? (Der Rektor gewiss nicht...)

Das Elend dieser neolibben Tuerei: Schaut man genau hin, zeigt sie nichts, was standhielte. Sowenig wie die neolibbe Ökonomie den Volkswohlstand gesteigert hat.

HL

Bildungswirt 28.08.2009 | 22:43

Hier kommen wir nur weiter, wenn wir die jeweiligen ideologischen Balken abräumen und konkret über die Konsequenzen reden, u.a.:
- Trias von neuen Lernkulturen, Bildungsstandards und moderne Prüfungsdidaktik
- Landesprüfungen mit modernem Kompetenzprofil
- kompetenzorientierte Aufgaben konkret, Aufgabentypen und Illustrationen
- Versäumnisse in der Lehrerausbildung
- faktisches Scheitern der Lehrerfortbildung (von einigem Vorzeigeprojekten abgesehen)

Eine Sache will ich gleich vorweg kurz beantworten:
Der Schnellschuss der KMK zu Bildungsstandards ab 2003/2004 ist gescheitert. Die Vorlagen für die Grundschule und Sekundarstufe I (SEk II liegt noch nichts vor, frühestens 2011)haben fast nichts mehr mit positiven Ansätzen im Klieme-Gutachen "Zur Entwicklung nationales Bildungsstandards"(2003) zu tun.

Bildungswirt 28.08.2009 | 22:48

@ streifzug @kabisch
Logbucheinträge verlängern? Unbedingt!

wachsende Artikel? Ich befürchte zurzeit eher eine Zerfaserung beim Thema Schulpolitik.
Wir bräuchten wenigstens einen Konsens über die kontroversen Themen und Formen und die Bereitschaft hier klärend weiterzuarbeiten. Dazu wurde allein im Freitag schon viel geschrieben und diskutiert , vgl. Archiv. Erst im Konkreten trennt sich die Streu vom Weizen.

Mühlenkamper 28.08.2009 | 22:54

Die Stiftungsidee von Füller ist fiskalisch blanker Unsinn, solange ihm als Quelle für das Stiftungsvermögen nur öffentliche Kassen einfallen. Ihm geht es bei der Stiftungsidee ausschließlich um den ziemlich autoritären Gedanken, ohne parlamentarische Kontrolle öffentliche Mittel - und zwar aus dem Bundeshaushalt, so mußte man ihn verstehen - an Schulen zu geben. Wieviel, das weiß er nicht. Wer warum darüber entscheidet, weiß er auch nicht. Wir wissen aber, was die Schulen kosten, die er "loslassen" will: 50,2 Mrd. EUR jährlich, davon die Länder 40,5 Mrd. EUR (Datenstand 1995; aktueller Bildungsfinanzbericht), Rest von Bund und Gemeinden. Wer soll hier was loslassen? Das sind Beträge, für die man demokratische Legitimation durch die gesamte Gesellschaft benötigt. Und zwar auch hinsichtlich der konkreten Verwendung. Das geht nicht ohne geordnete Verwaltung. Bleibt die Frage nach den Prämien oder Preisen die Füller auf Kosten des Bundes verteilen will. Das dürfte im Rahmen des heutigen Engagement des Bundes in den Schulen - wohl knapp zwei Milliarden - kein Problem sein. Vielleicht laufen derartige Sachen schon durch das Bundespräsidialamt oder bei Frau Schavan. Könnte man sich mal danach erkundigen. Aber das ist nicht mein Bier, dafür gibt es Fachjournalisten...

Bildungswirt 28.08.2009 | 23:03

Nehmen wir an, du hast Recht und Füllers Idee einer gigantischen Bildungsstiftung ist naiv und nicht durchsetzbar.Gut, was dann, wie weiter?
Mit der glorreichen KMK und dem wirren Förderalismus auf der Oberfläche, der ständig die abschottene "Einheit" propagiert und jeden ernsthaften Wettbewerb zwichen den Ländern torpediert?
Ich erinnere an Altbundeskanzler Helmut Kohl: "Die reaktionärste Einrichtung der Bunderepublik ist die Kultusministerkonferenz; im Vergleich dazu ist der Vatikan nochweltoffen." Was meinst du?
Gruß BW

Chryselers 28.08.2009 | 23:22

Ich halte in der Tat Systemdebatten für nicht besonderes hilfreich. Man kann, wie jetzt in HH, eine 6jährige Grundschule machen und sich davon eine geringere Selektivität des Schulwesens erhoffen, man kann das auch bleiben lassen, denn die Begünstigten aus den bessern Vierteln werden auch dann wissen, wie sie für ihren Vorteil sorgen. Die gegenwärtigen Änderungen der Governance sind dagegen viel gefährlicher, sie entkernen nicht nur die Demokratie und den Sozialstaat, sie beseitigen Bildung gleich mit, indem sie ganz philanthropisch auf deren bloße Verwertbarkeit zielen.

Oder einfach Indoktrination zum Wohlverhalten, ein kleines Beispiel: Die Einführung von Wirtschaft als Fach/Teilgebiet von Politikunterricht läuft schlicht als Verkündung von Neolib-Wirtschaftslehre im Sozialkunde-Buch, da weiß der Educandus zwar nichts Vernünftiges, aber doch das, was er gefälligst zu wissen hat. Alles inhaltlich so eng, wie eben möglich.

Dagegen ist schlicht auf Bildung, Allgemeinbildung zu insistieren, Klafki und die Menschheitsprobleme, Unterricht dafür und daran entwickeln, ordentliche Unterrichtseinheiten sind ein verdammt schweres Ding, unter Rückgriff auf alle methodischen Möglichkeiten, natürlich auch frontal, da ja begründbar.

Keine großen Politik- und Schul-Inszenierungen, keine dicke Rede, die eh nicht halten kann, was sie verspricht, sondern einfach ordentlicher Alltag, was gar selten ist, weil in diesem auf Verschleiß fahrenden System Schule dazu gar nicht die Kraft da ist. Und als Träger dieser Reform des Unterrichts jene, die das können, die besseren unter ihnen, die die Maßstäbe für andere mitsetzen, durch das Beispiel. Standards dann also bottom-up. Und das ist der Kern, Bildung, Vernunft und Demokratie (in der Bildungswelt) können der Tendenz nach zusammen fallen.

Dass dies eine andere Ausstattung erfordert, das sei nur nebenher bemerkt, aber nicht vergessen.

HL

Mühlenkamper 28.08.2009 | 23:25

Erstmal muss ich mich korrigieren, der Datenstand natürlich nicht von 95 sondern von 2005. Aktuellere Zahlen gibt es derzeit noch nicht. Zu deiner Frage: Es geht nur ganz klassisch durch Politik und durch Mehrheitsbildung. Schulpolitik muss Sache der Parlamente sein, man muss halt die richtigen Leute da rein wählen. Der einzige Ratschlag, den ich der progressiven Linken geben könnte: Gründet Reformschulen! Denn die wachsende Zahl der Privatschulen wird den öffentlichen Schulbereich spätestens in zehn Jahren zur Restschule gemacht haben. Dann sollte es zumindest auf diesem "Markt", den heute die Kirchen dominieren, einige wenige Reformschulen geben. Man kann freilich auch diese Perspektive verpassen. (Privatschulen leben im übrigen auch aus öffentlichen Mitteln!).

Bildungswirt 28.08.2009 | 23:37

Keine Angst vor Privatschulen.
a)in Deutschland:ca. 93% öffentliche Schulen und 7% privat, damit im untersten Drittel in Europa.
b) Als "Ersatzschulen" erhalten die privaten etwa 75% ihrer Finanzmittel aus öffentlichen Steuereinnahmen, unterstehen defacto der öffentlichen Kontrolle, passen sich zum großen Teil den gesetzten Inhalten an etc.
c) Einige Privatschulen sind wirkliche Reformschule, z.B. Montessori, da können die öffentlichen durchaus einiges lernen
d) Viele Privatschulen kochen auch nur mit lauwarmen Wasser, viel Wind, wenig dahinter.

Also, mehr Gelassenheit in der Sache.

Christian Füller 29.08.2009 | 00:21

lieber chryselers,

sie drehen sich im kreiseler: KEINE verlängerung der grundschule in hamburg? und zugleich KEINE stärkung der rektoren und der didaktischen kompetenz der lehrer?

da hat der bildungswirt wohl recht, wenn er konstatiert: die chryselers sehen "keine schulkrise, nirgendwo". alles paletti - 20 prozent risikoschüler in d; in den hauptschulen von hamburg, berlin, bremen, hessen MEHR ALS DIE HÄLFTE 15-jährige, die auf grundschulniveau lesen; 80.000 schulabbrecher; 420.000 sonderschüler ohne perspektive; eine übergangssystem, das rund 300.00 jugendlichen alles bietet - außer abschlüssen. aber gleichzeitig an der emanzipatorischen funktion von bildung festhalten.

das ist 100pro kaiser wilhelms schulpolitik!

gehe ich recht in der annahme, um mal grob zu werden: chryseler, sie sind die 5. kolonne von josef kraus, heinz-peter meidinger und der wir-sehen-keine-krise kultuskamarilla.

aua, das ist bitter. vielleicht passt die prinz heinrich mütze besser auf ihre birne als sie ahnen.

eine schwadronierende pseudo-linke macht sich kenntlich.

ratlos - der pisaversteher

Chryselers 29.08.2009 | 00:48

Ach, meinetwegen kann man Organisationsreformen machen bis zum Abwinken, so habe ich es gesagt. Und solange das Geld dafür in irgendeinem Lotto gewonnen wird, warum nicht.

Es kommt nur nichts von Bedeutung bei raus.

Ja, mach nur einen Plan
sei nur ein großes Licht
und mach dann noch 'nen zweiten Plan
gehn tun sie beide nicht.
- Bertolt Brecht, Dreigroschenoper

Reformen, die beim Schüler was bewirken sollen, müssen das ins Zentrum, was der Lehrerstudent im ersten Semester als das "didaktische Dreieck" erfährt: Im Verhältnis von Schüler-Lehrer-Gegenstand, auch schreibbar als Lehrer-Gegenstand-Schüler, wie beliebt.

Unterricht nennt man dieses Geschehen.

Und da gibt es in der Breite, gar in der Tiefe so gut wie nichts an Arbeit, Reform und Entwicklung, gar Ressourcen, was solche Folgen im Klassenzimmer hat, dass der Schüler anschließend klüger rausgeht, als er vor solchen Reformen wäre.

Bildung nennt man sowas, aber, belehrt, weiß ich nun, dass das in manchen Schulen nicht geht, weshalb man es abschaffen sollte und das nennt man dann eine Bildungsreform.

Aber ob da der Rektor noch ein Sternchen mehr auf der Schulterklappe hat oder vorne auf der Brust, meinetwegen, gemessen an der Aufgabe, die ernsthaft anzugehen ist, ist das Pillepalle - ich schenk Ihnen Ihren Wunschkatalog.

(Über Mützen sollten Sie sich aber kundig machen: Ein Prinz-Heinrich sieht ganz anders aus: www.muetzenmacher.de/item_list.php?maingroup=M%FCtzen=M%FCtzen, da hab ich sie her, da kauft man in Hamburg.)

Und dieses Missverständnis vom linken Konservativen oder konservativen Linken traf schon andere, die die Eifrigen davor warnten, sich zu verstolpern, dass sie (ungewollt) das Geschäft der anderen Seite betreiben. Auch dazu ein schönes Buch: www.schoeningh.de/katalog/titel/978-3-506-76768-4.html Wenn auch die, die Heydorn warnte, wenigstens noch ihre eigenen Figuren hatten. Soviel Aufwand wird heute ja nicht mehr getrieben.

Selbst das Plastikvokabular ist heute dasselbe.

HL

h.yuren 29.08.2009 | 01:11

lieber herr füller, ich habe heute zum ersten mal von Ihnen gehört und mich gefragt, was Sie wohl an voraussetzungen mitbringen, um über schule und bildung große reden zu schwingen, bücher zu verfassen etc.
google weiß, dass Sie politik studiert haben und journalistisch tätig sind. Sie kennen schule also nur aus der schülerperspektive und im übrigen von außen. das sagt alles.

Chryselers 29.08.2009 | 01:55

Ach, Herr Füller, da habe ich was übersehen: Was ist der Zusammenhang zwischen der Rektors-Akademie und der didaktischen Kompetenz des je einzelnen Lehrers, der vielen, vielen einzelnen Lehrer?

Denn: Didaktische Kompetenz ist immer, wie man neuerdings sagt, domainspezifisch, Leitungskompetenz aber gerade nicht.

Wie transformiert man das eine ins andere?

Oder anders gesagt: Ihre Reformvorschläge sind ungefähr so trefflich wie ein ja in den gegenwärtigen vernunftreduzierten Zeiten denkbarer Vorschlag, gegen Bauchweh hülfe das Schneiden des Haupthaares, dann würde der Magen vom Gewichte befreit.

Ihr Vorschlag.

HL

Chryselers 29.08.2009 | 02:50

Nachgelesen:

Ich kann keinen Zusammenhang zwischen "blick" www.blickueberdenzaun.de/02aufruf.html#anchor6, gefällt mir sehr, und der tüv-geprüften autonomen Rektorenschule erkennen.

Wunderschön:

Wir sind überzeugt:

Schulen haben die Aufgabe, die Heranwachsenden mit den Grundlagen unserer Kultur vertraut zu machen: Wissenschaft und Technik, Religion und Philosophie, Kunst, Musik und Literatur. Bildung heißt, sich diese Grundlagen je individuell und gemeinsam mit anderen erschließen zu können, sich Sinn- und Wertfragen zu stellen, sich in der Demokratie zu bewähren, die Verfahren der Wissenschaft und die Formen und Wirkungen ästhetischen Gestaltens zu erproben und zu verstehen. Lernen ist umso wirksamer, je mehr es an Erfahrung, (Selbst-)Erprobung, Bewährung und Ernstfall gebunden ist. Lernen ist umso weniger wirksam, je stärker es nur rezeptiv, fremdgesteuert, einseitig kognitiv bleibt: „paper and pencil” sind wichtige Hilfsmittel, aber schlechte Lehrmeister. Lernen braucht Erlebnis und Erfahrung ebenso wie Übung und Systematik; seine Qualität hängt davon ab, wie sich beide ergänzen. Lernen ist ein individueller Prozess, der sich im sozialen Kontext vollzieht, ist angewiesen auf kooperatives Handeln, Erforschen und Erproben. Neugier, „Forschergeist”, Lernfreude und Ernst sind die Voraussetzung für die aktive „Aneignung von Welt”, die den Kern von Bildung ausmacht. Die wichtigste Aufgabe der Schule ist, Lernen so anzulegen, dass daraus Bildung werden kann.

Wunderschön und obendrein richtig, nur eben nicht neolib.

HL

Streifzug 29.08.2009 | 02:58

@h.yuren,

Wie schon weiter oben bemerkt ist Christian Paul Füller wohl der Oswald Metzger der Schulprivatisierung. Wie es scheint mit weniger Fachkenntnis dafür aber noch flotter mit Worten. Man wird ihn bald in allen einschlägigen Sendungen als "Fachmann" bewundern können. Medial gut gemacht und sehr wirksam beim Publikum da entsprechende Gegenpositionen von "lahmen Enten" besetzt sind. Mediale Öffentlichkeit ist wieder Trumpf.

Neustart 29.08.2009 | 08:07

Eine freimütige Selbstentlarvung von Herrn Füller war bei "Hart aber fair" am 17.06.2009 zu sehen.

Zum Thema "Zweiklassen-Gesellschaft schon im Kindergarten?"
www.wdr.de/tv/hartaberfair/sendungen/2009/20090617.php5
(dort unter Multimedia: webTV aufrufen), unbedingt von 61:30 min bis 65:00 min ansehen!

Frage Plasberg: "Ich möchte nicht so viele Ausländer in der Klasse haben. Wie gehen Sie mit diesem Zwiespalt in Ihrem Kopf um?"
Antwort Füller: "Das ist kein Zwiespalt in meinem Kopf. Ich sage diesen Satz und ich stehe zu diesem Satz."

Da ist selbst die Oberbürgermeisterin von Frankfurt, Petra Roth (CDU), fassungslos: "Von Solidargemeinschaft haben Sie auch noch nichts gehört?" Antwort Füller "Ich verstehe nicht, was Sie damit meinen"

Mehr müssen Sie von Herrn Füller nicht wissen, wollen Sie danach sicher auch nicht mehr. Ich halte sein Menschenbild, vorsichtig ausgedrückt, für sehr bedenklich.

Grüße aus Berlin
Neustart

PS.: Im Gegensatz zu Herrn Füller bin ich nicht weggezogen, um meine Söhne auf eine andere Schule zu schicken, sondern engagiere mich dort in der Schule.

Streifzug 29.08.2009 | 12:14

@Christian Füller,

Benehmen ist keine Frage von anonym oder nicht anonym, wie man durchaus lesen kann. Ich habe mir den Verweis zu "Hart aber fair" von neustart angehört: der stimmt. Was soll falsch sein?

Hier bei derFreitag gibt es Regeln, die auch anonymen Personen erlauben, ihre Meinung zu sagen. Diese Regel passt ihnen nicht? Solle es extra für Sie geändert werden? Erkennt man da einen Zwang? Alle Regeln, egal ob an Schulen oder in Foren müssen so geändert werden, dass sie Herrn Füller passen?

Wenn es ihnen hier nicht gefällt, ähnlich wie bei Schulen mit Migrationshintergrund, dann ziehen sie doch weiter. Das würde ja passen und das Bild abrunden.

Jakob Augstein 29.08.2009 | 12:47

Liebe Community,
die Idee des Freitag liegt unter anderem darin, dass Autoren sich der Diskussion der Leser stellen. Wir wollen uns dadurch von herkömmlichen Medien unterscheiden, in denen es immer noch üblich ist, dass Artikel in den Leserraum gefeuert werden, dass aber Reaktionen, Meinungen der Leser den Autor nicht erreichen und nicht interessieren.

Das setzt Respekt voraus, der grundsätzlich ohnehin Voraussetzung jeder Kommunikation ist. Ich kann nicht mit jemandem kommunizieren, den ich nicht respektiere.

Ich kenne unseren Autor Füller nicht persönlich. Ich finde seinen Artikel gut und klar geschrieben. Ich bin kein Bildungsexperte. Ich habe Schulerfahrungen über meine Kinder und die Kinder von Freunden. Darum ist Bildung ja ein Thema, das viele Leute bewegt - weil es viele Leute betrifft.

Natürlich kann und muss man über Füllers Thesen streiten. Das tut er ja auch hier. Und dafür danke ich ihm. Denn das ist, wie gesagt, die Idee des Freitag: Autoren stellen sich dem Leser.

Solche Debatten funktionieren aber nicht wenn der Ton durch Beleidungen, Misstrauen, Herabsetzungen, Beschimpfungen, und Aggressivität geprägt ist.

Wie wollen wir Autoren bewegen, sich den Lesern zu stellen, wenn die Leser anfangen, die Autoren zu beschimpfen? Das leuchtet mir nicht ein. Weder als Leser noch als Autor.

JA

Jakob Augstein 29.08.2009 | 12:58

.... und noch eine Anmerkung zu der Hart aber Fair Sendung.
Danke an Neustart für den Link.
Das ist interessant. Weil die Verlogenheit unserer PC-Debatten da deutlich wird.

Es ist natürlich ein Witz, wenn die Oberbürgermeisterin zu Füller sagt: "Von Solidargemeinschaft haben Sie auch noch nichts gehört" Man kann das auch Chuzpe nennen: Ich werfe meine Eltern die Treppe runter und plädiere dann auf Vollwaise. Ich bin in einer Partei, die jahrzehntelang geleugnet hat, dass Deutschland ein Zuwandererland ist und dass es eine Pflicht der Politik ist, sich um diese Zuwanderer zu kümmern. Und dann werfe ich den einheimischen Bewohnern der innerstädtischen Vierteln vor, dass sie ihre Kinder nicht in Schulen unterbringen wollen, in denen sie die einzige deutschen Muttersprachler sind. Irre.

Und Füller hat nun unzweideutig Recht, wenn er sagt, man könne doch nicht die integrationspolitischen Versäumnisse der vergangenen Jahrzehnte von den Kindern kompensieren lassen.

JA

Streifzug 29.08.2009 | 13:09

@JA,

jetzt wird es spannend. Haben Sie schlecht gefrühstückt?

"Wie wollen wir Autoren bewegen, sich den Lesern zu stellen, wenn die Leser anfangen, die Autoren zu beschimpfen?"

Haben Sie mal gelesen, was der werte Herr Christian Füller hier so alles an "sachlichen" Argumenten von sich gegeben hat? Das ist nicht von Pappe und hat mit sachlicher Argumentation stellenweise so gut wie nichts zu tun.

Stellen Sie sich gegen die Community und geben Ihre Neutralität auf, nur weil ein Journalistenkollege beleidigt spielt?

"Weil die Verlogenheit unserer PC-Debatten da deutlich wird."

Sehr interessant. Was hat Ihre persönliche Sicht der Dinge mit dem zu tun, was Neustart angeführt hat? Was bitte ist verlogen? Herr Füller hat das gesagt, was zitiert wurde.

Christian Füller 29.08.2009 | 13:15

@streifzug @augstein (merci)

hallo streifzug,

zur form:

ich nehme prinzipiell nicht an foren teil, in denen leute wie neustart ohne identifikation falschaussagen verbreiten.

wenn neustart sich nicht identifiziert, werde ich hier nicht mehr diskutieren. vor allem deswegen nicht, weil ich meine söhne nicht den kommentaren von leuten wie neustart oder streifzug aussetzen kann.

zur sache:

die frage bei plasberg lautete nicht: "finden sie, dass zu viele ausländer im wedding sind". und ich habe - anders als "neustart" anonym suggeriert - darauf nicht mit Ja geantwortet. ich würde eine solche frage nicht mit ja beantworten, denn ich bin kein rassist.

ich habe gesagt, ja, ich möchte nicht, dass mein kind DER EINZIGE NATIVE SPEAKER SEINER KITA ODER KLASSE IST. das vertrete und begründe ich - auch vor 2,3 millionen zuschauern.

genau dieser feine unterschied in den fragen von plasberg und meiner antwort, den neustart bewusst uminterpretiert, zeigt, was er will: er möchte mich zum rassisten stempeln.

die vermeintliche "enthüllung", die neustart und sie feiern, war übrigens teil eines vorgesprächs mit der redaktion von "hart aber fair". ich stehe selbstverständlich zu dieser ansicht: ich würde niemandem raten, seine kinder einer verfehlten schul- und stadtteilpolitik auszusetzen. sie können dies ausführlich auf meinem blog "www.pisa-versteher.de" nachlesen (tinyurl.com/pisaversteherplasberg) es gab nämlich schon einmal so einen investigativen helden wie sie.

beste grüße

fueller, pisaversteher

Jakob Augstein 29.08.2009 | 13:30

Lieber Streifzug,

verlogen war die TV-Debatte. Nicht die, die wir hier führen.

Bin ich neutral? Ich sage hier meine Meinung, wie jeder andere auch. Die ist manchmal klüger, manchmal dümmer. Manchmal besser fundiert, manchmal schlechter.

Ich habe zu dieser Bildungsfrage eine Art rudimentärer Meinung. Die ist nicht so klug, dass ich sie stundenlang ausbreiten würde. Sie beruht mehr auf den Anschauungen bei meinen Kindern und denen meiner Freunde und auf den Erinnerungen an meine eigene Schulzeit.

Ich sage noch mal: Es ist überaus billig, jemanden in die Tonne zu treten, der offen ausspricht, dass er seine Kinder nicht in einen Kindergarten geben würde, in dem es keine oder kaum deutsche Muttersprachler gibt. Ich würde das gewiss nicht tun. Denn meine Kinder sollen nicht gleichsam allein die integrationsleistung erbringen, die die deutsche Gesamtgesellschaft und die Migranten selbst in den vergangenen Jahrzehnten versäumt haben. Und wenn dann ausgerechnet eine CDU-Politikerin (ich glaube, sie war es, ich habe den Satz mit der "Solidargemeinschaft" nur gehört und meine, es sei Roths Stimmte gewesen") wenn also eine CDU Politikerin sich darüber mokiert, dann ist das, um es mal im modernen Deutsch zu sagen, echt krass. Denn wir haben den Schlamassel mit der gescheiterten Integration zu guten Teilen dem Versagen dieser Partei und der von ihr vertretenen Ideologie zu verdanken.

Mir ging es, was unsere Debatte hier angeht, um dem Ton. Ich finde es wichtig, dass der hier, sagen wir mal, heiter gelassen bleibt. Auch wenn es inhaltlich hart zur Sache geht.

Und wir - also wir als Leser - sollten uns darüber freuen, wenn Autoren sich uns stellen. Das meine ich ganz ernst.

Ich kenne ja Ihre Beiträge hier und weiß darum, dass Sie ein ziemlich klares Bild von der publizistischen Landschaft und der medialen Kultur haben, wenn ich das mal so sagen darf. Und Sie wissen, wie sehr am Anfang wir hierzulande mit so einer neuen diskursiven Kultur sind. Normalerweise feuert der Autor seinen Text ab und das wars. Wenn er sich, wie Füller, ins Gefecht begibt, dann finde ich das gut.

Dann muss sich natürlich jeder Autor in der Debatte rechtfertigen. Klar. Aber, wie gesagt: Respekt füreinander.

(Frühstück war eigentlich gut: Tee, Brötchen, Obstsalat. Wie immer. :) )

JA

Streifzug 29.08.2009 | 13:30

@Christian Füller

interessante Argumentation. Erst persönlich danach unsachlich.

Bevor Sie sich zusammen mit JA in verschwurbelten Ausweichmanövern verlieren, bleibt eine Frage zu klären:

Frage Plasberg: "Ich möchte nicht so viele Ausländer in der Klasse haben. Wie gehen Sie mit diesem Zwiespalt in Ihrem Kopf um?"
Antwort Füller: "Das ist kein Zwiespalt in meinem Kopf. Ich sage diesen Satz und ich stehe zu diesem Satz."

Haben Sie das gesagt? Interpretieren kann ich es schon für mich selber.

Recht erhellend ist auch für mich, dass nun gerade Sie das Wort "rassist" ins Gespräch bringen. Ich kann es vorher nicht hier entdecken. Ist ihnen da was aus der Feder gerutscht? Muss ich nun die Kinder vom PC nehmen, weil es schmutzig wird?

Mühlenkamper 29.08.2009 | 13:33

An Gelassenheit ist kein Mangel, aber man darf sich auch durch die vermeintlich niedrige Zahl von 7% Schüleranteil der Privatschulen nicht zu Fehleinschätzung verführen lassen. Der Anteil der Privatschulen wächst sehr schnell und organisiert eine nahezu migrantenfreie Sozialauslese. Wenn dieser Anteil in zehn Jahren zwischen 15 und 20 % liegen wird, dann lautet die Elternentscheidung nicht mehr Gymnasium oder Realschule, sondern "öffentlich" oder "privat". Diese Entwicklung ist dann nicht mehr reversibel. Die Schulbürokratie wäre damit entmachtet (Hurra, Hurra), aber man denke mal über Standards und Steuerung von Personalauswahl nach. Das ist dann nämlich auch privatisiert - auf der Basis von Milliarden öffentlichen Mitteln. Es wäre schön, wenn in diesem Meer autoritärer und konservativer Privatschulen dann wenigstens noch einige Inseln der Aufklärung existierten.

SPB 29.08.2009 | 13:43

So anerkennenswert der Ansatz von Herrn Füller auch ist, in einer Zeit, in der die gesamte linke Szene zu Anhängern der Einheitsschule verblödet, so weit ab vom Kern der Sache ist er auch.
Bei aller Macht die Schulleiter in unserem Bildungssystem schon haben (und die in Gottes Namen nicht ausgebaut werden darf, die tragenden Figuren sind immer noch diejenigen, die vor der Klasse stehen. Kein Bildungskonzept kann funktionieren ohne kompetente Lehrer - und da reicht eine kleine Fortbildung im "Selbstständigen Lernen" nicht. Lehrer müssen sorgfältig nach psychologischen Kriterien und fachlicher sowie vor allem pädagogischer Kompetenz ausgewählt werden und sie müssen anständig bezahlt werden. Lehrer muss wieder ein respektierter Beruf sein können und nicht der Abfall der studierten Gesellschaft.

hest 29.08.2009 | 14:02

Es ist nicht leicht, dieser Diskussion zu folgen, wenn man weder Bildungsexperte noch Profi-Debattierer ist. Als Vater von zwei schulpflichtigen Kindern (Grundschule und Gymnasium, derzeit) und Medien-Journalist interessiert mich sowohl die Schulpolitik als auch das „Nachwachsen von Artikeln“ (wie es Freitag-intern wohl heisst).

Was die Schulen und den dortigen Reformbedarf betrifft finde ich Füllers Ideen durchaus plausibel. Stiftungen scheinen ohnehin immer größere Bedeutungen zu bekommen, als Finanzierungsmodell für gesellschaftlich ebenso notwendige wie schützenswerte Institutionen, etwa auch für Medien/Journalismus: Sicher finanziert, mit staatlichem Mandat und doch unabhängig und mitbestimmt und rechenschaftspflichtig ... naja, weshalb denn nicht? Zumal es nach einem Modell klingt, das sich in überschaubaren Zeiträumen (zumindest vereinzelt) umsetzen liesse, sodass sogar meine Kinder noch davon profitieren könnten, und nicht etwaige Enkelkinder.

Doch wenn meine Kids wenigstens einen deutlichen Wandel ihrer Schule in ihrer Schulzeit mitbekämen, ja, womöglich daran teilhaben könnten, würde ihnen das für's Überleben nach der Schule viel mitgeben, denke ich. Insofern frage ich mich (beziehungswiese die dies Lesenden), ob es Schulen gibt, die heute, hier und jetzt ihr Schicksal selbst lenken und mit ihren Bezugsgruppen offen diskutieren: In einer von der Schule moderierten (Web-)Community aus Lehrern, Eltern, Schülern und konkret zuständigen Bildungspolitikern. Das wär' doch mal was. Hier ist meine Realität als Eltern die von aus meiner eigenen Schulzeit (70er Jahre): Es werden Elternvertreter gewählt, die zu Gremiensitzungen gehen und dann Protokolle schreiben und verteilen. Das geht zwar durchaus elektronisch von statten, dauert aber bei den Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozessen unendlich lange. Elternversammlungen sind gut und wichtig, aber als Gesprächs-Institution viel zu behäbig. Das muss und kann doch besser gehen. Schulen sind eine Community, zu der ich als Eltern und Kind fester gehöre als zu irgend einem anderen Social Network.

Will sagen: Utopische Reformprojekte à la Füller sind schon und gut genug, um sie auf Medien und Politik loszulassen. Mir und meinen Social Network-affinen, „digital native“ Kids würde es genügen und gefallen und nützen, wenn die vorhandene, jetzt reale Schule noch konsequenter in der Gegenwart agiert – was auch immer es dafür an Reförmchen oder Aktivisten oder Stiftern braucht.

Henry Steinhau, Berlin

Streifzug 29.08.2009 | 15:47

I'll be back

@JA, (auch Füller)

Ihre Beiträge hier vermitteln ein ziemlich klares Bild von der publizistischen Landschaft und der medialen Kultur, die Ihnen vorschwebt, wenn ich das mal so sagen darf. ;)

Als stetiger Konsument von FAZ, Süddeutscher, Spiegel, ... ist es wenig verwunderlich, dass Ihnen die von Füller vorgetragenen, mir als teils gehaltlose, abwertend neoliberal erscheinende Phrasen wie Argumente vorkommen.

Auf diese Realitätsverzerrung der "Medien" hinzuweisen ist mir ein Anliegen, welches Sie ja schon erkannt haben.

Füller kann seine "Argumente" als Journalist, Buchautor und Gast bei Fernsehsendungen und nun hier vielen Menschen unterbreiten. Allerdings sind es nicht nur Sachargumente, sondern darin ist auch eine Abwertung der vorhandenen Strukturen und der Personen, die in ihnen arbeiten und sie unterstützen enthalten. Diese öffentlich abgewerteten Personen haben keine Möglichkeit sich zu wehren.

Diese Vorgehensweise wird seit Jahren von bestimmten Kreisen praktiziert, um im Zuge der Privatisierung vorhandene Strukturen zu zerstören. Oft mit Erfolg, allerdings nicht für den normalen Bürger, wie man gerade wieder erfahren kann.

Sie setzt an vorhandenen Kritikpunkten an, hebelt denn aber den gesamten Komplex zu ihren Gunsten aus.

Wenn nun der liebe Herr Füller mal in eine Situation gerät, in der dies thematisiert wird, wie ist dann seine Reaktion? Er tut beleidigt, rennt zu Mami derFreitag um sich über die ach so unfaire Behandlung zu beschweren und dass obwohl seine Art der Argumentation den Boden der Sachlichkeit weit hinter sich läßt:

Zitat Füller:
"die schulen befinden sich tief im bürokratischen gestrüpp. von emanzipatorischer bildung keine spur - außer im hohlen pathos der über-bildung-schreiber, wie chryselers einer zu sein scheint."

Solche Sätze findet man genügend.

Jetzt nicht mehr mit "anonymen" Personen diskutieren zu wollen empfinde ich einfach nur als feige Flucht, wenn die eigene Position nicht so ungleich vorteilhaft ist wie sonst.

Das schreibe ich nicht als Betroffener, sondern weil mir diese Art nicht gefällt. So ein scheinreformistisches Gerede mit eingebautem Abwertungsmechanismus haben wir schon zu lange. Bedenklich scheint mir, dass diese Art der Argumentation wohl zur Normalität geworden ist.

Chryselers 29.08.2009 | 16:07

An JA:

ich hab hier von Herrn Füller in der Sache noch nichts von Kenntnis zu dem gefunden, was ich zu seinem Artikel geschrieben habe. Scheint so, er kennt weder diese Kritik noch die Literatur dazu.

Aber ich habe von ihm erfahren, dass ich eine Prinz-Heinrich-Mütze trage - ist mir neu, aber man muss von solchen Mützen, die man in HH neben dem Spiegel-Haus bekommt, keine Ahnung haben - , kaiserliche Schulpolitik mache - davon sollte man aber was wissen, zB über die Reichsschulkonferenzen und die Rolle Wilhelms2 dabei, wenn man da eine Anspielung macht - und ein schwadronierender Pseudolinker bin.

Statt zur Sache ad personam.

Kann man sowas hier schließen? In der Form entgleist und in der Sache wird es nicht weiter gehen.

HL

Bildungswirt 29.08.2009 | 16:16

@alle
Warum so ruppig, so giftig?
Mehrere Diskutanten haben u.a. persönlich ausgeteilt, Ebenen verwechselt, sind auf Nebenschauplätze ausgewichen. Das ist beim Großthema Schule-Bildung-Ausbildung eher normal, da ideologisch überfrachtet und selbstverständlich interessensgeleitet. Können wir zum Normaloton der Community zurückkehren? - m.E.eine durchaus leichte Aufgabe. Im Freitag ist man flexibel.

Ich hatte an andere Stelle schon einmal gefragt: Wie weiter in der Diskussion?

Wir sollten uns für eine kurze Zeit entscheiden:
a) Reflexion über unterschiedliche Schulkonzepte und deren bildungsphilosophischen, rechtlichen und sozioökonomischen Implikationen (z.B. das Konzept der Selbstverantwortlichen Schule)

b) Diskussion konkreter Einzelmaßnahmen wie "Personal- und Budgethoheit", "starke Schulleiter?" "Schule als Polis" - Maßnahmen, Auswirkungen ...Lehrerfortbildung ...

c) Differenzierte Beschreibung des Zustands des Bildungssystems ("wie krank ist der Patient?")
Unterscheidung in ausweisbare Fakten, Meinungen bis hin zu ideologischen Nebelbomben

Hier mal ein Anfang:
www.bildungswirt.de/2008/07/01/bildung-in-deutschland-2008-harte-fakten/
www.bildungswirt.de/2008/09/04/faz-blubbert-bildungspolitisch-durchs-land/

d) Unterrichtsverbesserungen konkret (Was ist guter Unterricht, ein guter Lehrer, neue Lernkulturen nur Propaganda? Moderne Prüfungsdidaktik - Auswirkungen für Schüler und Lehrer ...)
Hier ein Anfang:
www.bildungswirt.de/2008/09/18/zehn-prufsteine-fur-einen-guten-unterricht-eine-alternative-zu-spickmich/

Wenigstens für eine kurze Zeit sollten wir nicht alles durcheinander disktieren, sag ich mal als ausgewiesener Rhizomatiker.

Gruß BW

micha74 29.08.2009 | 16:30

So - möchte auch mal meine Meinung abgeben. Wie soll Schule sein? Darauf zu antworten ist schwierig, sehr schwierig. Klar ist: Jede Schule beinhaltet Vorgaben und Ziele. Wer Vorbereitung auf Wirtschaft und Beruf etc. ablehnt, hat dann halt andere Ziele. Ist dies moralisch besser? Und noch wichtiger: Gibt es überhaupt eine Alternative zu Zielen? Selbst Schulen, die ihren Schülern geradezu anarchistische Freiheiten einräumen, ohne Frontalunterricht auskommen etc. arbeiten ja mit einem Konzept, haben eine Vorstellung von dem Menschen, der ihre Schule einmal verlassen soll.
Kann Schule anders überhaupt funktionieren? Und wer entscheidet, was gut oder schlecht ist?

Die Lösung scheint mir einzig und allein Wahlfreiheit verschiedener Schulformen zu sein. Problem: die Finanzierung. Und - Der Staat müsste immer eine „Grundversorgung“ absichern. Und wie soll die aussehen?
Tja ...
micha

hest 29.08.2009 | 16:39

@Streifzug,
als Anhänger sowohl des Online-Publizierens und -Kommunizierens als auch von Print-Produkten (Wochenzeitungen, Magazine, Bücher) interessiert mich, wie die Online nachgewachsenen, besser: kollektiv und diskursiv „handgezogenen“ Artikel in eine nahrhafte Form oder auch Essenz überführt werden.
An sich ist das ja redaktionelle Disziplin: Thesen, Argumente, Quellen sammeln, diskutieren, verdichten, weitergeben. Dies findet hier nun gläsern, in Echtzeit und offen zugänglich statt. Und ist darum umso wertvoller und, wie sich zeigt, auch viel sensibler.
Hieraus inhaltlich die Erkenntnis-Nährwerte zu ziehen und diese dann – für Print und/oder Online – sprachlich, erzählerisch und visuell so attraktiv darzubieten, dass sie verlangt werden und dass dafür auch messbar bezahlt wird (auch wenn der Prozess dahin ja teilweise transparent und daher nachvollziehbar ist), genau das scheint mir das Gewerk und die Herausforderung des modernen Journalismus zu sein (zu werden).

Jakob Augstein 29.08.2009 | 16:39

Lieber Streifzug,

Füllers Kritik an den "anonymen" Schreibern geht fehl, da bin ich Ihrer Meinung. Denn innerhalb dieser Community sind die Schreiber mit ihren nomes de guerre eben nicht anonym.

Aber nur raus mit der Sprache. Ich habe ja ein dickes Fell: Was meinen Sie denn, was der stete Konsum der FAZ mit mir gemacht hat?
(Vorsicht: Das Lesen dieser Zeitung kann neoliberale Ideen befördern)

JA

Bildungswirt 29.08.2009 | 16:57

"ob es Schulen gibt, die heute, hier und jetzt ihr Schicksal selbst lenken und mit ihren Bezugsgruppen offen diskutieren: In einer von der Schule moderierten (Web-)Community aus Lehrern, Eltern, Schülern und konkret zuständigen Bildungspolitikern."

Das gibt es nicht. Allerdings einige Ansätze in einer ganz kleinen Minderheit von Schulen. Zum Vergleich: In Deutschland haben wir etwa 50.000 Schulen, 12 Millionen Schüler und 700 Lehrer.

Bildungswirt 29.08.2009 | 18:14

Wir sollten uns konzentrieren, welchen Strang in der Diskussion wir weiter vertiefen wollen. Vgl. dazu auch meine Vorschläge plus weitere Links weiter unten.(Zur Kultusbürokratie, Kap.9 meines Buches, dazu findet sich bei C.Füller fast nichts. Will dich aber nicht weiter in diese Richtung zuschütten, vgl. auch www.bildungswirt.de )

Gern auch zum Kern der Sache, nämlich dem Unterricht vor Ort, seine implizite Didaktik und verborgenen Potenziale, ganz in deinem Sinne:
1. in ihren Wurzeln zeigen,
2. an Beispielen demonstrieren und
3. zu einer vertieften Ausgestaltung ihrer Theorie beitragen.
Gruß BW

Bildungswirt 29.08.2009 | 18:25

@chryseler
"Das ist doch alles viel zu viel. Das kriegt doch eh keiner gebacken."

Wir können das ja "portionieren".Fangen wir mit meiner ersten Nennung an:
- Trias von neuen Lernkulturen, Bildungsstandards und moderne Prüfungsdidaktik

@mklingma
Bei Herrn Bueb ist nichts Gescheites zu holen.
vgl. auch
www.freitag.de/community/blogs/bildungswirt/der-kaelberfluesterer/?searchterm=Der+K%C3%A4lberfl%C3%BCsterer

Gruß BW

Christian Füller 29.08.2009 | 18:44

peace now, freitag-blogger!

@JA

hallo jakob augstein: hat der anonyme schreiber, "neustart" ein profil? ich finde: das geht nicht, sorry.

@streifzug

sie schreiben:
"in der kooperativen Zusammenarbeit zwischen Redakteuren / Journalisten und Lesern / Bloggern (...) liegt meiner Meinung nach ein vielversprechender Ansatz."

da haben sie recht, das hatte ich erwartet und war mir von der redaktion des freitag auch so avisiert worden.

aber wieso tun sie, streifzug, es nicht?

erste äußerung von ihnen: "Der neoliberale Ladenhüter hier als Renner angepriesen (...) Die ewig gleichen Phrasen." den einzig vernünftigen halbsatz hätten ihm "seine kinder ins script geschrieben." sehr konstruktiv, danke.

in meinem text "lasst die schule los" finden sich elemente wie die rektoren- und lehrerfortbildung auf neuem niveau, eine unabhängige stiftung, welche die föderale zwickmühle überwindet; die charter school, die kommunalisierte schule oder das individuelle lernen; das wird hier praktisch durchgehend als "neolibbe" strategie herabgewürdigt - vom ersten beitrag an mit persönlicher stossrichtung. schade, wirklich schade.

die gesamte reformpädagogische szene vertritt diese ansätze mehr oder weniger explizit. im freitag-blog aber wird es abgetan als bertelsmännische strategie und pesönliche vorliebe eines kinder-faz-spinners.

also, mit mir können sie konstruktiv familiär zur sache sprechen, ich freue mich darauf!

tun sie es bildungswirt und hest nach, die sich mit der sache befassen OHNE persönlich zu werden.

pisaversteher, christian füller

Streifzug 29.08.2009 | 21:08

@Christian Füller,

lassen wir die persönlichen Sticheleien beiseite. (Vielleicht schleicht sich ja bei so viel medialer Öffentlichkeit zu viel Heldengefühl und zu wenig Offenheit für andere Gedanken abseits der eigenen ein.)

Mir persönlich gefällt der kooperative Ansatz von hest (Henry Steinhau)

"ob es Schulen gibt, die heute, hier und jetzt ihr Schicksal selbst lenken und mit ihren Bezugsgruppen offen diskutieren: in einer von der Schule moderierten (Web-)Community aus Lehrern, Eltern, Schülern und konkret zuständigen Bildungspolitikern."

gut. Er bringt alle Verantwortlichen in einer offenen Plattform zusammen, ohne erst künstliche Fronten zu schaffen. Ich traue solch offenen Strukturen viel zu.

-Offene Strukturen bereitstellen und stabil halten
-Sie mit Leben füllen (weniger Politiker, mehr Lehrer und Eltern)
-Kooperativ Lösungen erarbeiten
-Erzielte Ergebnisse schnell umsetzen
-Ergebnisse kontrollieren

Und nun noch zwei wesentliche Punkte:

Nicht privatisieren, sondern im Besitz der Bürger belassen.
(Auch keine Stiftungsabhängigkeiten schaffen)

Keine sachfremden "Manager" mit inhaltlichen Aufgaben betreuen.

(In meinem ersten Kommentar habe ich auf die Problematik von "Managementgedanken" und Managern im Schulwesen hingewiesen. Das war keine persönliche Kritik an Ihnen, da Sie meines Wissens keiner sind, sondern an der Vorgehensweise und den Auswirkungen.)

Und nun können in diesen BürgerSchulen Lösungsmodelle "Füller" und "Chryselers" zeigen, wie gut sie wirklich sind.

Die Kinder werden bestimmt genau so erfreut über die (stetig wechselnden) verschiedenen Modelle sein, wie Angestellte es heute schon sind. Eine Lehre fürs Leben ;)

Chryselers 29.08.2009 | 23:35

Gerne, aber woanders. Dieses System hier ist ja völlig unübersichtlich, schlimmer noch als bei XING. Man muss ja ständig rumscrollen und findet sich anschließend selbst nicht wieder;-(( Das System der Usenet-Gruppen ist da viel günstiger, aber dann redet gleich jeder mit... Obwohl, in de.sci.paedagogik ist man einigermaßen ungestört.

Vorschlagsversuch: Ich nehme Deine 10 Thesen zum Unterricht, zitiere sie in meinem Freitag-Blog und sag was dazu. Oder Du machst das in Deinem.

Hm, dagegen spricht, dass das da wohl auch nicht übersichtlicher ist als hier...

HL

Jakob Augstein 29.08.2009 | 23:49

Liebe Community,
hier versammelt sich ja gerade zum Thema eine Menge Sachverstand.
Dann darf ich vielleicht mal ein paar Fragen stellen.

An Füllers Artikel scheint ja viele Leser u.a. das Vokabular zu stören: Zu Business-lastig. Die Kritik kann ich einerseits verstehen. Denn Worte prägen das Denken und umgekehrt. Und die Führungsakademie - die kenne ich tatsächlich aus Hamburg ...
Aber andererseits finde ich Füllers Ideen und Maßnahmen vollkommen einleuchtend: Sozusagen das Subsidiaritätsprinzip ins Schulwesen einführen; so viel Verantwortung nach unten verlagern, wie überhaupt nur geht; moderne Lernformen fördern, die auch den Schülern mehr Freiheit geben. Was die Aufwertung der Rektorenposition angeht halte ich mich zurück. Das müsste man mir noch genauer erklären bevor ich es unterstützen würde. Denn ein starkes Lehrerkollegium erscheint mir eher noch wünschenswerter als ein starker Rektor.

Ich verstehe auch Füllers Modell der Stiftung als den Versuch, mehr Kompetenz, mehr Mut zum Experiment, weniger Denken in Traditionen in die Schulen zu bekommen.
Kommentatoren wie Bildungswirt und Chryseler sind ja offenbar vom Fach. Ich würde mir gerne erklären lassen, warum diese Zeilen von Füller neoliberaler Bertelsmännerei verdächtigt werden?

Ich habe eben einen Leserbrief bekommen, der Füller sozusagen beschuldigt, die Schulen an die "Wirtschaft" ausliefern zu wollen. Der nächste Schritt sei dann, heisst es in dem Brief, wirtschaftsnahe Schulvorstände und Schulgeld einzurichten ...

Ich lese das aus Füllers Artikel alles nicht heraus. Offenbar lesen das aber auch hier viele Community-Mitligeder so. Und das ist interessant. Weil ja jedes Fachgebiet über Codes und Subtexte verfügt, die dem uneingeweihten Leser nicht so ohne weiteres auffallen. (Ich habe den Beitrag von hest so gelesen, als ahne er, dass es hier in der Debatte vor allem um solche Codes und Vorveständnisse geht)

Also noch mal: Ich sehe in Füllers Text lauter vernünftige Idee, die Schulen und die Schüler zu stärken, freier und selbstverantwortlicher zu machen. Ich bitte um Aufklärung, was daran kritikwürdig ist.

JA

Jakob Augstein 30.08.2009 | 00:01

Liebe Community,
hier versammelt sich ja gerade zum Thema eine Menge Sachverstand.
Dann darf ich vielleicht mal ein paar Fragen stellen.

An Füllers Artikel scheint ja viele Leser u.a. das Vokabular zu stören: Zu Business-lastig. Die Kritik kann ich einerseits verstehen. Denn Worte prägen das Denken und umgekehrt. Und die Führungsakademie - die kenne ich tatsächlich aus Hamburg ...
Aber andererseits finde ich Füllers Ideen und Maßnahmen vollkommen einleuchtend: Sozusagen das Subsidiaritätsprinzip ins Schulwesen einführen; so viel Verantwortung nach unten verlagern, wie überhaupt nur geht; moderne Lernformen fördern, die auch den Schülern mehr Freiheit geben. Was die Aufwertung der Rektorenposition angeht halte ich mich zurück. Das müsste man mir noch genauer erklären bevor ich es unterstützen würde. Denn ein starkes Lehrerkollegium erscheint mir eher noch wünschenswerter als ein starker Rektor.

Fortsetzung folgt

Jakob Augstein 30.08.2009 | 00:01

Fortsetzung

Ich verstehe auch Füllers Modell der Stiftung als den Versuch, mehr Kompetenz, mehr Mut zum Experiment, weniger Denken in Traditionen in die Schulen zu bekommen.
Kommentatoren wie Bildungswirt und Chryseler sind ja offenbar vom Fach. Ich würde mir gerne erklären lassen, warum diese Zeilen von Füller neoliberaler Bertelsmännerei verdächtigt werden?

Ich habe eben einen Leserbrief bekommen, der Füller sozusagen beschuldigt, die Schulen an die "Wirtschaft" ausliefern zu wollen. Der nächste Schritt sei dann, heisst es in dem Brief, wirtschaftsnahe Schulvorstände und Schulgeld einzurichten ...

Ich lese das aus Füllers Artikel alles nicht heraus. Offenbar lesen das aber auch hier viele Community-Mitligeder so. Und das ist interessant. Weil ja jedes Fachgebiet über Codes und Subtexte verfügt, die dem uneingeweihten Leser nicht so ohne weiteres auffallen. (Ich habe den Beitrag von hest so gelesen, als ahne er, dass es hier in der Debatte vor allem um solche Codes und Vorveständnisse geht)

Also noch mal: Ich sehe in Füllers Text lauter vernünftige Idee, die Schulen und die Schüler zu stärken, freier und selbstverantwortlicher zu machen. Ich bitte um Aufklärung, was daran kritikwürdig ist.

JA

h.yuren 30.08.2009 | 00:21

@streifzug
"-Offene Strukturen bereitstellen und stabil halten
-Sie mit Leben füllen (weniger Politiker, mehr Lehrer und Eltern)
-Kooperativ Lösungen erarbeiten
-Erzielte Ergebnisse schnell umsetzen
-Ergebnisse kontrollieren"
darf ich daran erinnern, was regieren heißt (nicht bei herbart, sondern ganz gewöhnlich)?
regieren heißt: die bildungsanstalten bauen und unterhalten samt personal etc., also bezahlen und das programm bestimmen (nach dem schönen motto: die musik bestimmt, wer zahlt. egal, wer das ist)
das ist es doch, was lehrer/innen und eltern gleichermaßen frustriert. offene strukturen habe ich noch nicht erlebt, kann ich mir unter den gegebenen umständen auch nicht vorstellen.
sollten wir nicht bei der gesellschaft beginnen? denn die schule ist ein abbild derselben. über die schulen die gesellschaft verändern zu wollen, war mal eine illusion.
ohne solche grundsatzfragen geklärt zu haben, lässt sich nur über i-punkte und kommata diskutieren. zum beispiel über "leadership" und "spirit" der "headmaster".

Nelly 30.08.2009 | 01:06

Sehr guter Beitrag.
Auf den Frontalunterricht einzudreschen ist im Moment sehr angesagt.
Wer weiß, vielleicht passiert das in einigen Jahren mit den Lerngruppen, Projektarbeit usw. Vielleicht wird man feststellen, daß sich dort immer die stärksten durchsetzen. Vielleicht werden die Akademikerkinder in den Gruppen den Ton angeben, während die anderen passiv bleiben usw.

Mir hat der böse Frontalunterricht häufig großen Spaß gemacht. Ich hatte das Glück, einige sehr engagierte Lehrerinnen zu haben, die ihre Schüler mochten und ihr Fach liebten. Diese Begeisterung hat sich übertragen.

Und wenn das nicht der Fall ist, hilft die schönste freie Struktur überhaupt nichts.

merdeister 30.08.2009 | 01:08

Nach 113 Kommentaren am Stück, bin ich nur unwesentlich schlauer. Zwei Dinge sind mir aber im Kopf geblieben.

"ich frage mich aber: wieso haben alle angst vor den bertelsmännern? die sind doch total unwichtig."

Wer Bertelsmänner für unwichtig hält, bekommt eine private Altersvorsorge verpasst.

"wieso soll man kinder NICHT fit machen für die lern- und arbeitswelt von morgen - was soll daran falsch sein?
please, tell me why

www.pisa-versteher.de

Chryselers schrieb am 28.08.2009 um 17:59
Der Nachteil der Zukunft ist, habe ich mal irgendwo gelesen, dass sie unbekannt ist."

Eben, denn sonst wären die 4 Millionen Arbeitslosen heute besser ausgebildet. Oder gleich gar nicht?

Chryselers 30.08.2009 | 02:41

Tja, JA, das ist der Sound von Freiheit und Subsidiarität: Die Schulen suchen sich ihre Lehrer sagen und meinen "Der Schulleiter sucht sich den Lehrer, der ihm passt." Ein Jargon, der nur irgendwie metaphorisch, man könnte auch sagen manipulativ, meint, was er gar nicht sagt. Und selbst dann nicht trifft: Ein Schulleiter kann oft nur den einstellen, der gerade vorbeikommt.

Und da Füller "fit machen" will für die Zukunft, also eine Welt, die er gar nicht kennt, kann er nur "fit machen" für eine Welt, die es gar nicht geben wird.

So ist Füllers Welt doppelt falsch: Zum einen fehlen ihr in Zeiten heruntergekommener Bildung und Bildungsfinanzierung schlicht die guten Leute, die er auswählen lassen möchte, denn die können bei der Bank zigfach mehr verdienen, selbst in den gegenwärtigen arbeitslosen Zeiten gibt es für Schulleiter oft gar keine Wahl, wer Rechnen kann, wird als Mathelehrer eingestellt, zum anderen ist ihm der Zusammenhang von Bildung, Freiheit und Demokratie völlig unklar, Bildung macht nämlich nicht fit, sondern lässt die Wahl, wie einer leben will, so er es vor sich ordentlich begründen kann, Mündigkeit nennt man das.

Ach, es gibt noch ein Drittes: Füller lässt nicht erkennen, dass er weiß, wie schwer es ist, eine einzige Unterrichtseinheit anständig zu planen, zu machen, zu bedenken, neu zu planen etc und zwar so, dass was bei rauskommt, dass sich einem Kritiker, gar einem öffentlichen Publikum stellen könnte. Und so schwatzt er den Sound vom selbständigen Lernen, als ob Lernen je anders als selbständig-subjektiv geschehen wäre.

Sie haben schon Recht, da sind fachliche Codes berührt, mir als gelerntem Allgemeindidaktiker tut dieses kenntnisfreie Geschwatze des Masters of Public Administrations einfach weh.

HL

Achtermann 30.08.2009 | 11:05

Ich habe alle Beiträge dieses Forums gelesen. Es scheint wie immer: Überall sind sie zu finden, die Experten für Schulen, die sich dezidierte Urteile zutrauen, weil sie dezidierte Erkenntnisse gewonnen zu haben glauben, jedoch eher nicht zu denjenigen gehören, die den Bildungsalltag in der Schule erleben. Das sind dann die Bildungsexperten, die von außen immer wissen wie’s besser geht. So auch der so titulierte Schreiber von der Taz. Er bedient sich eines Argumentationsstils, der wenig belegt, doch viel – auch polemisch – behauptet. Insbesondere auf der Klaviatur des Madigmachens spielt er in barocker Manier. So stellt er den lehrerzentrierten Unterricht auf Heinz-Rühmann’sches Pennälerfilmniveau aus der Nazi-Zeit, wenn er im Freitag schreibt: „… das Land (braucht) eine großangelegte Fortbildungsstrategie für selbständiges Lernen, eine Alternative zum Frontalunterricht Marke Feuerzangenbowle.“ Er belegt nicht, weshalb lehrerzentrierter Unterricht schlecht sein soll. Er behauptet es einfach. Auf dieser Annahme baut er seine bildungspolitischen Forderungen. Das ist nicht unbedingt als seriös zu bezeichnen. Dass seine Behauptungen zumindest fragwürdig sind, ist bei Prof. Dr. Rainer Dollase, Universität Bielfeld, nachzulesen:

„Worüber nach PISA nur selten geredet wurde, ist die Unterrichtsqualität, d.h. die Methoden, mit denen die Siegerländer wie z.B. Japan, Korea oder Finnland ihre Superergebnisse erzielt haben. Wenn es denn daran liegen sollte, an der richtigen Methode des Unterrichtes also („one shot designs“ oder Querschnittsuntersuchungen wie PISA erlauben keinerlei kausale Schlussfolgerungen auf die Ursachen für das gute oder schlechte Abschneiden), dann hätte man schlicht und einfach festhalten müssen, dass der Frontalunterricht allen anderen Mätzchen im Unterricht überlegen ist. In Japan und Korea ist trotz gelegentlicher Problemstellungen im Unterricht, die die Kinder dann alleine bearbeiten müssen, der Frontalunterricht des Lehrers dominant.“

Jakob Augstein 30.08.2009 | 14:59

Lieber Streifzug,
ja, nicht wahr? Habe ich mir auch gedacht.
Es ist nur so, dass ich glaube, dass ein Großteil des Unmuts hier auf Vorverständnissen und Reflexen beruht und nicht auf dem, was in dem Füller Text stand ...

Aber mal abgesehen davon: Jetzt haben wir hier also eine Fülle von Kommentaren. Einige davon sehr kundig und klug. Was machen wir jetzt damit? Läppert das jetzt einfach so aus, alle gehen nach Hause und das war's?

Oder sammeln wir die klügsten Sachen und packen sie in ein wachsendes Dossier "Bildung"

Wie könnte das aussehen? Also ganz praktisch.
Was meinen Sie?

Ihr JA

Chryselers 30.08.2009 | 16:39

Gibt keinen Zusammenhang zwischen den Problemen und Füllers Reformen, kann man da nur zu dem bösen Ergebnis kommen, dass PISA der Türöffner für eine ganz andere Reform ist: Die Schulen mit dem NewPublicManagement privatisierungsreif machen. Eine Schock-Strategie (Naomi Klein de.wikipedia.org/wiki/Die_Schock-Strategie): Die Katastrophe zu einem Umbau nutzen, der andere Interessen bedient.

HL

Bildungswirt 30.08.2009 | 19:09

Hallo Chryselers
Stimmt, ab einer bestimmten Diskussionslänge mit einigen Verschachtelungen wird es hier unübersichtlich.

Ich bin mit dir einig, das der größte Teil der sog. "Organisationsentwicklungen" und "Politdebatten" völlige Nebenschauplätze sind. Auch C.Füller lässt sich da zu stark beeindrucken.
Auf den Unterricht kommt es an, genau dort liegt die Hauptmisere. (Die Reformpädagogen haben hier nur bedingt gute Antworten, teile hier Walkies Ansicht zum Enja Riegel-Buch)Ich spitze sogar noch zu. Einige Millionen Stunden wären besser nicht gehalten worden.
Reformen, die im Untericht aber aufs "Methodenkasperle" setzen, bloß nicht über Inhalte, geeignete "Bildungsgüter" diskutieren und was es wirklich heißt: Subjekt zu sein - können wir vergessen.DA war man Anfang der 70er in Teilbereichen schon weiter.

Mein Vorschlag: wir bleiben vorläufig beim Freitag. Ich stelle einen erweiterten Beitrag zu gutem Unterricht ein (mehr als die 10 Prüfsteine), wir diskutieren mit und ohne C.Füller, mit und ohne die Redaktion in der Community.
Anschließend bist du dran mit "Lehrkunst", das sehe ich übrigens eng verzahnt mit dem, was ich seit vielen Jahren vertrete.

Unabhängig davon sollte die "Machtfrage" mitdiskutiert werden. Erst dann gibt es Sinn, sog. "starke Schulleiter als Dienstvorgesetzte"abzulehnen.
Das war der Hinweis auf Kap. 9 meines Buches. Ich habe trotz vieler Recherchen dazu im pädagogisch-didaktischen Blätterwald nicht Gescheites gefunden - ausser etwa Luhmannsches Verdrechseltes oder reine Betroffenheitsgeschichten. Beides ist zu wenig.(später dazu ausführlich. Plane einen Artikel zur "Innenansicht der Macht")

Gruß BW

Bildungswirt 30.08.2009 | 20:37

Lieber JA,
vieles sieht einfacher aus, als es ist. Auch gut gemeinte Reformvorschläge können eine Rolle rückwärts bedeuten, ohne dass die Betroffenen es im Akt der Entscheidung begreifen. (Daher auch der teils heftige, auch verständliche Ton angesichts des ausufernden Neusprechs in der Pädagogik, die Mißverständnisse lauern an jeder Ecke, leider auch die gezielte Meinungsmache im Gewande von "Freiheit und Verantwortung")- Daher auch ein Schotten-dicht-machen auf ganz verschiedenen Seiten, teils panische Reflexe auslösend, auch von der sog. "Linken", von der konservativen Schulaufsicht ganz zu schweigen.(Die verborgene Dialektik müßte herausgearbeitet werden)

Wir kommen nur weiter, wenn wir die Felder eindämmen, die wir diskutieren wollen. Alles zugleich funktioniert nicht.
Alle waren in der Schule, haben ihre subjektiven Erfahrungen (oder neu vermittelt über ihre Kinder), können mitreden - und das ist gut so, wider die Experten- und Technokratenherrschaft. Dennoch erleichtern diese subjektiven Erfahrungen nicht von vornherein das Verständnis für die komplexen Probleme.(Allein komplizierte schulrechtliche Fragen versteht der Laie nicht, da muss man sich Zeit nehmen und diese nachvollziehbar als bildungspolitische Variablen erläutern)

Ich hatte in dieser Diskussion schon einige Unterscheidungen, für alle hoffentlich nachvollziehbar, vorgeschlagen. Mit Chryseler bin ich übereingekommen, dass ich erstmal "nur" zum pädagogisch-didaktischen Feld einen Blogbeitrag schreibe und er (und hoffentlich viele in der Community) mit in die Diskussion einsteigen. Anschließend wird er einen neuen Beitrag liefern (Chryseler so okay?)
Dann sollten wir zur "Machtfrage" diskutieren, die eng mit "Personalhoheit, Bugethoheit", neue Funktionen des sog. "starken Schulleiters" "Demokratie in der Schule"zusammenhängt.
Die Förderalismusdebatte bezogen auf die Schulpolitik wäre davon ein Nebenast. Hier würden wir den Vorschlag "nationale Bildungsstiftung" mitdiskutieren usw. usw. (wachsende Artikel)
Gruß BW

Streifzug 30.08.2009 | 21:03

@JA,

genau das ist der Grundgedanke. Es wäre schade, wenn so Diskussionen einfach versanden. Den Artikel, die verschiedenen Kommentarstränge, durchaus komprimiert, zusammen mit Hintergrundinformationen, warum nicht auch regional, Literatur und Links zu den angesprochenen Verbänden, Institutionen, Stiftungen würden eine gute Basis abgeben, um beim nächsten "Gespräch" nicht im luftleeren Raum beginnen zu müssen.

Ich denke, wenn Jörn Kabisch sich der Sache annimmt, wird das was.

Streifzug 30.08.2009 | 21:36

@JA,

mögliche Vorteile:

Personen wie hest fühlen sich schon etwas zu Hause und müssen nicht wieder von vorne beginnen.

Gerade bei sehr kontroversen Standpunkten werden nicht wieder die ersten 70 Kommentare dazu benutzt, sich grundlegende "Nettigkeiten" an den Kopf zu werfen. Es kann eher zur Sache gehen oder auf Kritikpunkte eingegangen werden.

Standpunkte können vertieft, erläutert und unterlegt werden.

Durch die stetige Anwesenheit des Themas können sich interessierte Personen unabhängig von einer gerade stattfindenden Diskussion einlesen. Dadurch wird die Hemmschwelle niedriger beim nächsten Mal "mitzureden".

...

Jörn Kabisch 31.08.2009 | 02:00

@Bildungswirt
ein guter Vorschlag. Und ich bin sehr gespannt auf Ihre und Chryselers Artikel. Ich schlage vor, wir einigen uns auf ein zusätzliches Schlagwort, das jedem Beitrag zugeordnet wird. Ich schlage vor "Bildungsdossier".
Unter www.freitag.de/community/blogs/themen/bildungsdossier wären dann schon mal alle Blogbeiträge zum Thema versammelt.
Das sind erst einmal die Bordmittel um ein Dossier zu bauen.
Grüße, JK

mklingma 01.09.2009 | 13:24

@Bildungswirt
Ich habe Bueb über weite Strecken gelesen und halte seine Aussagen für völlig unbrauchbar; ich habe ihn nur erwähnt, weil ich die Popularität seiner Werke für symptomatisch halte; symptomatisch dafür, dass es in Deutschland zu wenig konstruktive öffentliche Diskussionskultur gibt. Die Experten bleiben unter sich und die öffentliche Meinung lässt sich gezielt manipulieren, und die Politiker richten sich nach der öffentlichen Meinung. Hier kommen wir zur Frage der Demokratie.

mklingma 01.09.2009 | 13:39

@merdeister, @Achtermann
Es wurde vorgeschlagen die Diskussion nach Sachgebieten (demokratische Schulleitung, Unterrichtsmethoden, Finanzierungsmodelle, ...) neu zu gliedern (@Bildungswirt, 29.08.2009 um 14:16), was ich für eine gute Sache halten würde, um zu versachlichen und das Verständnis zu erleichtern. So kann für einzelne Aspekte Spezialwissen entwickelt, erörtert und verfügbar gemacht werden (siehe auch die wertvollen Links von Chryselers).
Allerdings hat Herr Füller auch eine andere Diskussion angestoßen, nämlich die über das große Ganze, was meiner Meinung nach auch eine Berechtigung hat. Leider hat nicht nur Herr Füller die übergeordneten Gesichtspunkte und die Einzelaspekte vermischt, was zur allgemeinen Verwirrung beiträgt. Ich finde es wichtig zu diskutieren, in welchem übergeordneten Rahmen solche Einzelaspekte realisiert werden können.

Ein wesentlicher übergeordneter Gesichtspunkt ist aus meiner Sicht die Finanzierung. Öffentliche Schulen sind Zuschuss-Unternehmen, das gilt im Prinzip auch für viele Privatschulen (z.B. Walldorfschulen). Primär gewinnorientierte Privatschulen mit entsprechenden Gebühren, sind notwendigerweise elitär, daher lasse ich sie für diese Diskussion außen vor. Hier kommen wir zur Frage des Wirtschaftssystems und ich will sie hier nicht vertiefen, sondern nur einen Aspekt andeuten. Zuschuss-Unternehmen sind auch Unternehmen. Schulen sollten deshalb aus dem Bereich der Wirtschaft finanziert werden (z.B. über entsprechende Steuern). Unser Wirtschaftssystem tut so, man kann das in vielen Bereichen beobachten (s. Bankenkrise), als sei es nur da zuständig, wo Profit gemacht wird. Wenn daher Arbeitnehmer im Zuge der fortlaufenden Rationalisierung entlassen werden, wächst der Profit, aber der Staat verliert mit der Zeit so viel Geld, dass Bildung und andere notwendige aber nicht profitable Unternehmungen nicht mehr finanziert werden können und so kommen wir in die unselige Privatisierungsdebatte hinein, die dazu zu zwingen scheint, alles profitabel zu gestalten, auch wenn das Ziel (allgemeine Bildung) dabei verloren geht.

Als zweiten wesentlichen übergreifenden Aspekt sehe ich die Frage der Autonomie an. Autonomie der Schule heißt für mich zunächst, dass alle Schulen finanziell gleich behandelt werden, egal ob staatliche oder aus privater Initiative gegründete Schulen. Die Finanzierung sollte davon abhängen, welchen Bedarf die Schule befriedigt (Schülerzahl). Jede einzelne Schule setzt bedeutende inhaltliche Schwerpunkte, entscheidet über ihr pädagogisches Konzept, sie favorisiert bestimmte Unterrichtsmethoden, und sie kann sich, je nachdem ob es sich um eine Privatschule oder eine öffentliche Schule handelt, für ein angemessenes Führungsmodell entscheiden.

Missverständnisse in der öffentlichen Debatte (auch in diesem Forum) entstehen aus meiner Sicht vor allem dann, wenn die übergeordneten Bereiche der Regelung des Schulwesens in der Gesellschaft mit den konkreten Entscheidungen über Unterrichtskonzepte etc. vermischt werden.
Deshalb: keine Einheitsschule, keine einheitlichen Unterrichtsformen und Inhalte für alle, keine Patentlösungen, sondern Arbeit für eine zeitgemäße Verankerung der Schule in der Gesellschaft und autonome Entwicklung vor Ort, an der konkreten Schule im konkreten Unterricht! Mit Letzterem kann jeder Lehrer sofort beginnen.

h.yuren 01.09.2009 | 13:40

merdeister:
"Nach 113 Kommentaren am Stück, bin ich nur unwesentlich schlauer."
das kommt davon, wenn nicht praxis und theorie der schule und die darunter leidenden miteinander diskutieren, sondern externe (philosophen, sophisten, journalisten, politiker) und blogger.
darum war nicht von kleineren klassen und kursen die rede, auch nicht von der didaktik und pädagogik der lehrerausbildung z.b.
die externen können allenfalls gescheite fragen stellen. impulse geben. aber sie möchten mehr. die medien geben ihnen die möglichkeit zu mehr.

schkid 01.09.2009 | 15:15

Passender Kommentar auf den NDS über diesen Artikel:
"Es ist überall die gleiche Methode der neoliberalen Reformer: Sie nutzen den Frust an den vorhandenen (staatlichen) Institutionen aus, machen das kaputt gesparte öffentliche Angebot schlecht und setzen an den real vorhanden Problemen an, um ihre Konzepte der Entstaatlichung und unternehmerischen Leitungsstrukturen als Befreiung anzupreisen.
Statt auf diejenigen zu hören, die täglich ihren pädagogischen Auftrag erfüllen und die Bildung vermitteln, sollen die Lehrerinnen und Lehrer einem bildungsfernen autoritären Management-Konzept untergeordnet werden. Es ist die Übertragung des Bildes vom „guten“ Tyrannen auf ein demokratisches Schulwesen. Und daraus sollen dann selbstständig denkende, mündige Bürger herauskommen?
So stellt sich die Wirtschaft Bildung vor [PDF]. Dass solche Modelle von der Bertelsmann Stiftung oder den Unternehmensverbänden propagiert werden, ist nicht erstaunlich, dass sie nun auch vom langjährigen Leiter des Bildungsressorts der taz, Christian Füller, propagiert und im „Freitag“ publiziert werden, lässt erkennen, wie sehr ehemals linksliberale Blätter in die Netzwerke der neoliberalen Reformer verstrickt sind."
www.nachdenkseiten.de/?p=4162

Bildungswirt 01.09.2009 | 18:45

@ alle
Ich hadere mit mir selbst, ob das hier noch einen Sinn hat zu diskutieren. Das Terrain ist dermaßen ideologisch überfrachtet, ja geradezu vermint, das eine freie Diskussion, die um neue Erkenntnisse und Selbstverständnisse ringt, kaum noch möglich erscheint.

"Chryslerer schrieb am 29.08.2009 um 17:20
Hallo Bildungswirt,

alles interessante Themen, aber ich glaube, dass das hier jetzt nicht mehr geht. Da kommt zuviel Stimmung dazwischen, die hier ja ihre eigene Geschichte hat."

Dann hatte ich mich mit Chryseler darauf verständigt, die Diskussion etwas zu strukturieren, d.h. nicht "alles zu gleich und zwar sofort", sondern sich zuerst genauer mit dem engen Kern von Schule - alltäglicher Unterricht und dessen Verbesserung - zu beschäftigen.(Halte ich für einen wirklichen Lichtblick, nachdem Chryseler massiv C.Füller kritisierte und ich ihn in einigen Punkte dezent verteidigte). Dann von hier aus, immer diesen Kern im Blick, sollten die sog. übergeordneten und nebengeordneten "Bildungsfragen" (Bildungstheorien, Hintergrundtheorien,Bildungsphilosophien,Bildungspolitiken,Förderalismusgestrüpp, Finanzierungsmodelle, Organisationsentwicklung, Lehraus- und -fortbildung, Demokratie in der Schule, Schulrecht, zentrale Prüfungen, Bildungsstandards, Schulinspektion etc.etc.)erörtert werden. Das übersteigt normalerweise auch das Niveau von Bildungsjournalisten in den Massenmedien.
Alles sollte so sein, dass auch ein interessierter Laie mit Durchhaltevermögen folgen kann, sich mit seinen Fragen und momentanen Standpunkten und subjektiven Erfahrungen einbringen kann - eben nicht ständig ins Fachchinesisch ausweicht.

Nun, ich hadere, ob sich dieses Engagement rentiert?
Chyseler, was meinst du?
Was meint die Gemeinde zum geplanten Weg und zur Möglichkeit, mal fast ohne Polemik solch eine Diskussion der Teilgebiete zu beginnen?

Gruß BW

mklingma 01.09.2009 | 18:50

@ h.yuren
Ich bin Gymnasiallehrer. Ich klage trotzdem nicht über zu große Klassen, mangelhafte Rhythmisierung, räumliche Ausstattung (inklusive Gestaltung der Räumlichkeiten), Entindividualisierung, Lernen um der Zertifikate willen, weil die meisten dieser Teilaspekte nur durch ihr spezifisches Zusammenwirken ihre fatale Wirkung entfalten. Solange die Schulen keine Autonomie erhalten, sondern von Politikern im Sinne politischer Interessen bis ins Kleinste ferngesteuert werden, wird Schulentwicklung zu nichts Gutem führen. Das ist meine persönliche Überzeugung nach 15 Jahren Schulpraxis.

Ebenfalls notwendig für eine erfolgreiche Schulentwicklung wäre natürlich auch eine sachgemäße pädagogische und didaktische Ausbildung bzw. Fortbildung der Lehrer, was, wie ich schon früher erwähnt habe, zumindest am Gymnasium sehr im Argen liegt. Das reicht von so zentralen Feldern wie Erziehungsstilen und verbaler Gewalt von Lehrern und Schülern bis hin zum Umgang mit auffälligen Schülern (AD(H)S), denen nach meiner Beobachtung heute zunehmend weniger Toleranz entgegengebracht wird; eine Vielfalt an Unterrichtsmethoden wird heute noch am ehesten in der Ausbildung vermittelt, das bringt allerdings wenig wenn die äußeren und inneren Bedingungen an der Schule unter der Aufsicht der Kultusbürokratie Kreativität ersticken.

Chryselers 01.09.2009 | 20:13

Also, Bildungswirt, ich kenne mich hier in dieser Umgebung nicht so aus, aber ich denke mal, wenn nicht hier, wo dann?

Vor allem muss das langsam gehen. Sachen, die mit Bildung und Unterricht zu tun haben, sind zwar auch oft überfrachtet, und wenn da dann auch noch, wie ich das ein paar Mal in anderem Rahmen erlebt habe, eine "Konstruktivismus ist modern und hat Recht und Du bist doof versus Konstruktivismus ist selber doof"-Debatte draus wird, dann rutscht das natürlich auch weg. Aber das muss ja nicht sein.

Langsamkeit ist wichtig. Und dann kann das auch losgehen.

Gruß, HL

Bildungswirt 01.09.2009 | 22:55

Lieber Jörn Kabisch,
habe mich von dir noch auf den Heinemann-Artikel locken lassen. Denke, das war nicht so geschickt, will nicht hin und her springen und die Sache weiter zerfasern. Dort wird auf die allgemeine "Machtfrage" in den Kommentaren rekurriert. Wichtig, aber später und soll gern von anderen eröffnet werden. Kleine Unterthemenliste habe ich beigesteuert.vgl. meinen Kommentar dort.

Lieber Chyseler,
wenn, dann step by step, schwierig, aber als Vorgehensweise klar. Hintergrundtheorien des Lernens wie der Radikale Konstruktivismus oder Habitustheorien sind wichtig, aber zu BEGINN fehl am Platz.Werde ich jedenfalls vermeiden.
Gib mir noch etwas "Langsamkeit", ich bin noch nicht entschieden.
Gruß BW

Bildungswirt 01.09.2009 | 23:06

hmmm - wo ist mein Kommentar?
In Kürze nochmal:
Klar, wenn, dann step by step. Hintergrundtheorien wie Radikaler Konstruktivismus oder Habitustheorien sind zu BEGINN fehl am Platz. Ich werde das vermeiden. Nur gib mir noch etwas "Langsamkeit", bin noch nicht entschieden.
Ein Teil der Community will lieber über allgemeine "Machtfragen" diskutieren. Vgl. Kommentare Heinemann-Artikel als Replik auf Füller.Ich habe da schon kommentiert, das zerfasert mir schon wieder zu stark.
Gruß BW

w.Smith 01.09.2009 | 23:20

Das Problem, dass denke ich viele Freitag-Leser und auch ich mit diesem Artikel haben, ist das verwendete Vokabular von Christian Füller.
Mit dem Hintergrundwissen (nach dem Lesen der Kommentare), dass er auch noch in der TAZ Studiengebühren als sozial verteidigt, wird mir noch mulmiger.
Aber zunächst zum Vokabular:
-"Wichtigste Agentur wäre eine starke, unabhängige und zugleich wohlhabende Stiftung auf Bundesebene. Sie vergibt Prämien für die besten Schulreformen."
- "Wer Schulen heute auf die Lern- und Arbeitswelt von morgen fit machen will, darf nicht mehr Lehrer versprechen oder Gratis- Studium"
- "Erstens fände sich dort eine Führungsakademie für Rektoren, die mit der Wirtschaft und den besten Governance-Schools zusammen arbeitet."
- "die schulen befinden sich tief im bürokratischen gestrüpp"

Das hört sich für mich doch alles sehr nach dem Vokabular an, das von FDP-Politikern oder Personen mit der selben Ideologie benutzt wird.
Im Bildungsbereich ist hier nunmal Bertelsmann führend. Die Phrasen sollen sich anhören also ob dadurch für die Mehrheit alles besser würde, doch versteckt sich dahinter leider meist die Ideologie des heute so genannten Neoliberalismus: Das heißt eine Politik für die Elite.
So soll zum Beispiel diese Stiftung Prämien für die beste Schulreform ausrufen. Das wäre dann wohl parallel zur Uni-Landschaft die "Elite-Schule", denn die Elite muss ja nochmal mehr gefördert werden, damit der Unterschied zum Rest noch ein Stück größer wird, anstatt ähnliche Reformen in die breite Masse zu tragen.
Ebenso ist es mit dem "bürokratischen Gestrüp". Selbst wenn dies in vielen Bereichen möglicherweise sogar zutreffen mag, so ist dies einfach eine vollkommen abgedroschene Phrase die man in jedem Artikel und jeder Rede eines Politikers der ein Anhänger des Neoliberalismus ist nicht fehlen darf.
Womöglich wird im Bereich der Bildung unter einer Kritik (geäußert von oben erwähntem Personenkreis) des selben weniger die dadurch fehlende Freiheit der Schule verstanden, als die Hürden für private Schulen mit denen Gewinne und Renditen erwirtschaftet werden sollen.
Das lieber JA sind die Probleme, die ich und viele andere mit diesem Artikel haben.

f.j.neffe 03.09.2009 | 01:30

Es geht doch überhaupt nicht um den künstlich konstruierten Gegensatz von "Frontalunterricht" und "Gruppentischen". Es geht darum, dass aus formal überperfektionierten Unterrichtsvollzugsanstalten endlich SCHULEN im Sinne des Wortes werden. Selbst die Wissenschaftler fantasieren darüber bisher nur "Definitonen" zusammen, die jeder sachlichen Grundlage entbehren.
Es geht darum, dass aus Du-musst-"Schulen", in die man sich einzufügen und die eigene Entwicklung zugunsten des vorgeschriebenen Unterrichtsablaufs aufzugeben hat, endlich ICH-KANN-SCHULEN werden, in denen schon einmal der Lehrer KANN und nicht bloß den Büttel der Staatsgewalt und Ausfüller einer Planstelle abgibt. Mit seinem KÖNNEN - und nicht mit stupidem MÜSSEN wie in der DMS - soll der Lehrer a) sich selbst und b) seine Schüler mitreißen: das bedeutet (von germ. LAISTI = FÄHRTE) LEHREN.
Es geht überhaupt nicht darum, diesen toten Abklatsch von "Schule" immer noch perfekter aufzumotzen, es geht darum, SCHULE endlich einmal LEBEN ZU LASSEN. Dazu müssten die, die "Schule machen", ohne einen blassen Schimmer davon zu haben, um was es dabei geht, erst einmal LERNEN, über: LEBEN, LASSEN, LEHREN, LERNEN, SCHULE, TALENTE,..... Ein erster Schritt wäre, wenn sie wenigstens einmal im Herkunftswörterbuch nachschauten, was das Wort bedeutet. Das ist ja das große Problem der Schule: dass ständig Leute, die gar nicht wissen, was sie tun, diese Schule verändern. "Schule" ist bei uns schon lange so ziemlich das Gegenteil von Schule.
Die Ich-kann-Schule zeigt, dass der Mensch nicht in Häusern lernt sondern in sich selbst: DA ist Schule.
Wenn der Mensch mit allen seinen Talenten gut kommuniziert, dann kann er alles für seine Talente tun und sie alles für ihn. Gemeinsam mit allen seinen Talenten ist er stark und kann auch in dem Dschungel, den wir immer noch irreführend als "Schule" bezeichnen, überleben und mehr als das. Der gute Umgang mit ALLEN Talenten ist deshalb in der IKS das A und O. Mit seinen Talenten kann jedes kleine Kind immer mehr an Souveränität gewinnen und mit seinen klug genutzten Talenten ein Gewinn für alle sein.
Es stimmt MENSCHLICH nicht in unseren "Schulen", drum greifen alle sachlichen Verbesserungen nicht. Wir lügen und betrügen, erdrücken und erpressen immer noch im Namen der Unterrichtung = der Nachuntenrichtung in den Du-musst-Schulen. Die Ich-kann-Schule LEBT davon, den Talenten die Wahrheit zu sagen und ihnen ihre Güte zu bestätigen und dieser angemessene Profilierungsaufgaben zu bieten.
Die Nöte, in die wir Schule hineinperfektioniert haben, schreien nach Wahrheit, Ehrlichkeit, Achtung, Güte und all den KRAFTQUELLEN FÜR SEELE UND GEIST, die wir in der Schule immer mehr verraten und für perfekt erscheinende Leerformen verdrängt haben. Je mehr wir die Lawine kpnstlich zurückstauen, detso radikaler muss sie uns irgendwann überrollen. Darum: Ja, Lasst die Schulen los!
Ich grüße freundlich.
Franz Josef Neffe

f.j.neffe 03.09.2009 | 01:40

Es geht gar nicht um den künstlich konstruierten Gegensatz von "Frontalunterricht" und "Gruppentischen". Es geht darum, dass aus formal überperfektionierten Unterrichtsvollzugsanstalten endlich SCHULEN im Sinne des Wortes werden.
Es geht darum, dass aus Du-musst-"Schulen", in die man sich einzufügen und die eigene Entwicklung zugunsten des vorgeschriebenen Unterrichtsablaufs aufzugeben hat, endlich ICH-KANN-SCHULEN werden, in denen schon einmal der Lehrer KANN und nicht bloß den Büttel der Staatsgewalt und Ausfüller einer Planstelle abgibt. Mit seinem KÖNNEN - und nicht mit stupidem MÜSSEN wie in der DMS - soll der Lehrer a) sich selbst und b) seine Schüler mitreißen: das bedeutet (von germ. LAISTI = FÄHRTE) LEHREN.
Es geht nicht darum, einen toten Abklatsch von "Schule" immer noch perfekter aufzumotzen, es geht darum, SCHULE endlich einmal LEBEN ZU LASSEN.
Dazu müssten die, die "Schule machen", erst einmal LERNEN, über: LEBEN, LASSEN, LEHREN, LERNEN, SCHULE, TALENTE,.....
Ein erster Schritt wäre, wenn sie wenigstens einmal im Herkunftswörterbuch nachschauten, was das Wort bedeutet. Das ist ja das große Problem der Schule: dass ständig Leute, die gar nicht wissen, was sie tun, diese Schule verändern. "Schule" ist bei uns schon lange so ziemlich das Gegenteil von Schule.
Die Ich-kann-Schule zeigt, dass der Mensch nicht in Häusern lernt sondern in sich selbst: DA ist Schule.
Wenn der Mensch mit allen seinen Talenten gut kommuniziert, kann er alles für seine Talente tun und sie alles für ihn. Gemeinsam mit allen seinen Talenten ist er stark und kann auch in dem Dschungel, den wir irreführend als "Schule" bezeichnen, überleben und mehr als das. Der gute Umgang mit ALLEN Talenten ist deshalb in der IKS das A und O. Mit seinen Talenten kann jedes kleine Kind an Souveränität gewinnen und mit seinen klug genutzten Talenten ein Gewinn für alle sein.
Es stimmt MENSCHLICH nicht in unseren "Schulen", drum greifen alle sachlichen Verbesserungen nicht.
Wir lügen und betrügen, erdrücken und erpressen immer noch im Namen der Unterrichtung = der Nachuntenrichtung. Die Ich-kann-Schule LEBT davon, den Talenten die Wahrheit zu sagen, ihnen ihre Güte zu bestätigen und angemessene Profilierungsaufgaben zu bieten.
Die Nöte, in die wir Schule hineinperfektioniert haben, schreien nach Wahrheit, Ehrlichkeit, Achtung, Güte und all den KRAFTQUELLEN FÜR SEELE UND GEIST, die wir in der Schule immer mehr verraten und für perfekt erscheinende Leerformen verdrängt haben. Je mehr wir die Lawine künstlich zurückstauen, desto radikaler muss sie uns irgendwann überrollen. Darum: Ja, Lasst die Schulen los!
Ich grüße freundlich.
Franz Josef Neffe

f.j.neffe 03.09.2009 | 01:41

Es geht gar nicht um den künstlich konstruierten Gegensatz von "Frontalunterricht" und "Gruppentischen". Es geht darum, dass aus formal überperfektionierten Unterrichtsvollzugsanstalten endlich SCHULEN im Sinne des Wortes werden.
Es geht darum, dass aus Du-musst-"Schulen", in die man sich einzufügen und die eigene Entwicklung zugunsten des vorgeschriebenen Unterrichtsablaufs aufzugeben hat, endlich ICH-KANN-SCHULEN werden, in denen schon einmal der Lehrer KANN und nicht bloß den Büttel der Staatsgewalt und Ausfüller einer Planstelle abgibt. Mit seinem KÖNNEN - und nicht mit stupidem MÜSSEN wie in der DMS - soll der Lehrer a) sich selbst und b) seine Schüler mitreißen: das bedeutet (von germ. LAISTI = FÄHRTE) LEHREN.
Es geht nicht darum, einen toten Abklatsch von "Schule" immer noch perfekter aufzumotzen, es geht darum, SCHULE endlich einmal LEBEN ZU LASSEN.
Dazu müssten die, die "Schule machen", erst einmal LERNEN, über: LEBEN, LASSEN, LEHREN, LERNEN, SCHULE, TALENTE,.....
Ein erster Schritt wäre, wenn sie wenigstens einmal im Herkunftswörterbuch nachschauten, was das Wort bedeutet. Das ist ja das große Problem der Schule: dass ständig Leute, die gar nicht wissen, was sie tun, diese Schule verändern. "Schule" ist bei uns schon lange so ziemlich das Gegenteil von Schule.

Christian Füller 04.09.2009 | 23:12

Das Potenzial einer demokratischen Selbstreformschule #

Wer frei-öffentliche Schulen mit Bertelsmännern verwechselt, hat wenig von der älteren und neueren Reformpädagogik verstanden VON CHRISTIAN FÜLLER#

Ich habe ein paar Tage in diesem Leserblog geschwiegen, wiewohl ich überwältigt war von der Reaktion auf meinen Text „Lasst die Schulen los!“. Überwältigt von dem Wellenschlag, den das Thema „gute Schule“ immer wieder auslöst. Und zugleich ein wenig ratlos, wie kleinherzig und verstockt Freitagleser neues Lernen diskutieren. #

Aber ich will nicht in Vorwürfe gehen, sondern versuchen, positiv zu umreißen, welches enorme emanzipatorische Potenzial in einer entschieden entstaatlichten Schule steckt, die ihre gesellschaftiche Verantwortung endlich wieder wahrnimmt ...

Die ganze Antwort gibt es an dieser Stelle als Blogbeitrag:

http://www.freitag.de/community/blogs/christian-fueller/das-potenzial-einer-demokratischen-selbstreformschule