Lasst die Schulen los!

Landtagswahlen Bildung ist das bestimmende Thema im Wahlkampf. Doch der Föderalismus-Streit ist nur noch bizarr. Ein Plädoyer für eine Bildungsstiftung, freie Schulen und neues Lehren

In Jena klettert Christoph Matschie (SPD) auf die Ladefläche des Wahlkampftrucks und verspricht erstmal Millionen von Euro für die Kindergärten in Thüringen. In Sachsen behauptet ein ansonsten kluger Ministerpräsident, die Einteilung 10-jähriger Schüler nach Begabung sei richtig. Und im Saarland wird ein regelrechter Unterbietungswettbewerb geführt: Studieren – am kostenlosesten bei SPD, Linken, Grünen!

Es ist Wahlkampf, da ist „der einzige deutsche Rohstoff“, also Wissen und Bildung wieder ganz oben auf der Agenda. Seit Roland Koch vor zehn Jahren die Landtagswahl in Hessen auch mit Hilfe einer absurden Unterrichtsgarantie gewann (die er nie einlösen konnte), ziehen die Parteien gerne mit Schulthemen in den Wahlkampf. Und schicken hinterher machtlose und einfache Gemüter als Kultusminister ins Rennen. Bildungswahlkampf – eine große Lüge. Viele Politiker ahnen gar nicht, wie viel Demokratieverdrossenheit sie bei Schülern mit ihren falschen Bildungsparolen auslösen.

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Auslese mal ganz anders
Eine Replik auf die Thesen von Christian Füller von Karl-Heinz Heinemann

Bestes Beispiel dafür war Angela Merkels Bildungsreise im vergangenen Jahr. In den Schulferien, stets Boomzeit für folgenlose Bildungsversprechen, reiste sie durch Kindergärten, Schulen und Hochschulen. Am Ende führten die Ministerpräsidenten die Kanzlerin beim Bildungsgipfel vor. Kein Wunder. Die Zuständigkeit des Bundes liegt bei nahe Null. Nähme man den Ländern ihre Kulturhoheit, würde sich fix die Frage stellen: Wozu noch Bundesländer?

Trotzdem weiß heute jeder Vater: Auch die Kultusministerkonferenz ist ein Modernisierungsrisiko. Denn die Republik steckt mit ihren ungelösten Bildungsfragen in der Zwickmühle. Der Bund ist de jure handlungsunfähig, die Länder sind es de facto. Der Bund ist es, da ihm die Verfassung jede Einmischung in Schulfragen verbietet. Die Länder sind es, weil sie in ihrer Konferenz der Kultusminister zur Einstimmigkeit verdammt sind. Heraus kommt der kleinste gemeinsame Nenner. Der aber ist zu teuer für das Land – trotz leichter Erholung der Pisa-Werte. Deutschland leistet sich den Luxus, in Zeiten von Kinderschwund und Überalterung massenweise Bildungsverlierer zu produzieren. Die Zahl der Abiturienten ist vergleichsweise kümmerlich, die pädagogische Qualität der Gymnasien eine Schande, die Zahl der Studienabbrecher horrend.

Ein modernes Bildungswesen braucht heute weder die Bundesbildungsministerin noch ihre Länderkollegen. Dünne Lehrpläne, ein starker zentraler Schul-TÜV und so viel Kompetenz wie möglich für die Einzelschule heißen die Instrumente bei den Pisa-Siegern wie Kanada oder Finnland.

Hoffnungszeichen gibt es. Während oben die Kakophonie der Kultusfritzen tobt, haben sich unten exzellente Schulen entwickelt – gegen die Regeln der Schulbehörden. Symbol dafür ist der erste Gewinner des jungen Deutschen Schulpreises. Jüngst rückte in die Grundschule an der Kleinen Kielstraße in Dortmund eine Delegation aus Finnland ein. Sie wollte sehen, wie man mit 85 Prozent Zuwandererkindern neues individuelles Lernen praktiziert.

Wer Schulen heute auf die Lern- und Arbeitswelt von morgen fit machen will, darf nicht mehr Lehrer versprechen oder Gratis- Studium – er muss die Schlüsselfragen beantworten: Wie sieht modernes, selbständiges Lernen aus? Wie kann man die wichtigsten Akteure der Schulreform stärken, die Schulleiter? Und wie kommen Geld und Kompetenz dorthin, wo sie gebraucht werden – in die Schule vor Ort?

Die Antwort könnte ein intelligentes Design von zentraler und lokaler Verantwortung sein – bei der man die Vertreter aus Bund und Ländern aus dem Spiel nimmt. Wichtigste Agentur wäre eine starke, unabhängige und zugleich wohlhabende Stiftung auf Bundesebene. Sie vergibt Prämien für die besten Schulreformen. Allerdings schießt sie das Geld nicht mehr in die Länder, wo es oft versickert, sondern in die Schulen, die sich direkt darum bewerben. Eine solche Stiftung müsste auf einem zweistelligen Milliardenvermögen sitzen – und drei Themen behandeln.

Erstens fände sich dort eine Führungsakademie für Rektoren, die mit der Wirtschaft und den besten Governance-Schools zusammen arbeitet. Rektoren sind die pädagogischen Köpfe, Moderatoren und Manager vor Ort. Nur sie können eine Schule drehen. Solche Rektoren laufen den Schulen aber gerade in Scharen davon.

Zweitens braucht das Land eine großangelegte Fortbildungsstrategie für selbständiges Lernen, eine Alternative zum Frontalunterricht Marke Feuerzangenbowle. Modernes Lernen heißt, den Schülern große Lern- und Expermentierfreiheit zu schenken – mit Freiarbeit, Lernbüros, Werkstätten und großen Projekten. Die müssen Lehrer erst lernen.

Das alles macht nur Sinn, wenn es, drittens, endlich auch Freiheit für die Schulen gibt. Das fordern ohnehin alle, seit Jahrzehnten. Ein Modell dafür sind so genannte Vertragsschulen. Sie vereinen die Vorteile der Privatschulen – Personal-, Budget- und pädagogische Freiheit – mit der sicheren und angemessenen Bezahlung durch den staatlichen Arbeitgeber. Sie wären etwas ganz neues, frei-öffentliche Schulen. Sie würden gut funktionieren. Weil die Verantwortlichen gute Schulen entwickeln können – egal was die Pseudozuständigen aus Bund und Ländern im Wahlkampf gerade wieder aushecken.

Christian Füller ist einer der besten Kenner der deutschen Bildungslandschaft. Seit 1997 leitet er das Bildungsressort der taz. Eben ist von ihm erschienen: "Die gute Schule: Wo unsere Kinder gerne lernen"
05:00 27.08.2009

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