Lasst Euch nicht verführen!

Kommentar Benedikts Zuchtmeisterei in Brasilien

Geht man von der öffentlichen Begeisterung aus, die den Papst-Besuch in Brasilien begleitet hat, könnte man behaupten - er war ein großer Erfolg. Auch wenn Benedikt XVI. die charismatische Ausstrahlung seines Vorgängers fehlt, hat ihn der Kontakt mit den begeisterten Gläubigen sichtlich aufgelockert. Aber zu welchem Modell des Katholizismus steht der Papst? Bekanntlich gibt es am Amazonas zwei davon - den andächtig frommen und den ethisch engagierten. Der erste Typus verehrt Gebet und Wallfahrt - der ethisch engagierte Katholizismus ist von der katholischen Aktion inspiriert und gipfelt in der "Theologie der Befreiung". Sein Modell vermittelt soziale Analysen, weil es aus spirituellen Gründen interessiert ist, sich am sozialen Wandel zu beteiligen.

Schien Benedikt anfangs noch auf Äquidistanz zwischen beiden Modellen bedacht, so endete er mit einer Sympathieerklärung für den andächtigen Katholizismus, während die Bezüge zum Sozialen höchstens angedeutet, aber nie behauptet wurden. Dabei hörte man einen fundamentalistischen Ton heraus, wenn der Pontifex maximus die absolute Zentralität von Christus reklamierte und damit eine Theologie ohne Geist vertrat. Die ließe sich auch als "Christomonismus" beschreiben und läuft auf eine "Diktatur" von Christus in der Kirche hinaus, als gebe es nicht gleichsam den Geist, wie er in der Geschichte und den sozialen Prozessen erscheint, als Quelle von Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe.

Von daher sind die Aussagen des Papstes, die er über die erste Evangelisierung Brasiliens traf und als "Treffen zwischen den Kulturen" charakterisierte - nicht als Durchsetzung und Entfremdung - historisch unhaltbar. Kolonisierung und Evangelisierung waren Teile eines einzigen Vorgangs, der zu einem der größten Genozide der Geschichte geführt hat. Vergessen wir nicht die Aussage im heiligen Text der Mayas, dem Chilam Balama: "Unter uns wurde die Trauer eingeführt, und das Christentum war der Beginn unserer Trauer und unserer Versklavung - sie sind gekommen, um unsere Blüte zu töten und unsere Sonne zu kastrieren."

Auch wenn Benedikt den Versuch dieser Religionen, ihre uralte Weisheit zu retten, als "Utopie und Rückschritt" bezeichnet, beleidigt er die indigenen Bevölkerung Brasiliens und entmutigt vieler Missionare, die solche Versuche unterstützen. Seine These, dass Gott unbedingt notwendig sei, um eine gerechte Gesellschaft aufzubauen, steht theologisch auf wackligen Beinen. Katholische Staaten widerlegen ihn wie das Spanien Francos oder das Portugal des Diktators Salazar, die öffentlich Gott lobten und zugleich Menschen foltern ließen und zum Tode verurteilten.

Es verwundert kaum, wenn all dies den päpstlichen Diskurs in Moralismus und Spiritualismus abgleiten lässt. Fast melancholisch wiederholte Benedikt in Brasilien die alte Leier: Nein zu Verhütungsmitteln; nein zur Scheidung; nein zur Homosexualität; nein zur Modernität; ja zur traditionellen Familie; ja zu einer rigiden Sexualmoral; ja, zur Disziplin - als gebe es sonst keine wichtigen Themen. Diese Argumentation ist Zeichen einer "gleichgültigen Vernunft", wie sich die vom portugiesischen Denker Boaventura de Sousa Santos geschaffene Kategorie nennt und eine Vernunft reflektiert, die relevante Herausforderungen nicht erfasst.

So hat ein aufschlussreiches Verschweigen den päpstlichen Diskurs in Brasilien geprägt: Nur ein einziges Mal erwähnte er die Basisgemeinden und die Option für die Armen. Niemals berührt wurde die Theologie der Befreiung, ausgeklammert blieb die globale Erwärmung. Statt dessen hielt der Papst Vorträge wie aus den fünfziger Jahren über karitative Hilfswerke für die Armen. Verschweigen ist auch eine Form des Ablehnens und Negierens.

Die "gleichgültige Vernunft" - typisch für Institutionen wie die Kirche - ist eine kurzsichtige Vernunft, die auf den alten Trampelpfaden beharrt (mehr Katechismus, mehr Gehorsam), sie ist eine arrogante Vernunft, wenn sie darauf besteht, die einzig wahre Kirche zu sein. Und sie ist eine anti-utopische Vernunft, weil sie keinen Hoffnungshorizont mehr hat und so tut als wäre die Zukunft, die Verlängerung der Gegenwart. Der Papst merkt offenbar nicht, das zentrale Anliegen von heute ist nicht die Mission der Kirche in sich. Es geht um die Zukunft der Erde und der Menschheit und eventuell darum, was die Mission des Katholizismus dazu nachhaltig beitragen könnte.

Leonardo Boff ist Theologe der Befreiung, Umweltschützer und Schriftsteller


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00:00 25.05.2007

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