„Lasst uns Frauen in Ruhe“

Interview Marjane Satrapi will keine Comics mehr zeichnen. Sie sucht andere Herausforderungen
„Lasst uns Frauen in Ruhe“

Foto: Mike Marsland/Getty Images

Wie kaum ein anderer Comic eroberte Marjane Satrapis Persepolis die Welt. In dem Millionen-Bestseller und der späteren Kinoadaption erzählte die in Frankreich lebende Iranerin von ihrer Kindheit und Jugend zur Zeit der Mullahs. Zum 20-jährigen Jubiläum des Comics spricht sie über ihren damaligen Erfolg, die Kraft der Gefühlsmaschine Kino und die Bevormundung von Frauen.

der Freitag: Frau Satrapi, was hat Sie damals dazu bewogen, den Comic zu machen?

Marjane Satrapi: Als ich Mitte der Neunziger nach Frankreich kam, wussten die Leute natürlich nichts von mir und meiner Jugend in Österreich. Es herrschte auch viel Unwissen über den Iran. Also erzählte ich immer und immer wieder meine Geschichte. Irgendwann sagte ich mir: Marjane, vielleicht solltest du daraus etwas machen, und wenn es nur dafür gut ist, dass du dich nicht ständig wiederholen musst. Also begann ich, an dem Comic zu arbeiten.

Über vier Millionen verkaufte Exemplare weltweit sind für einen Comic auch wirklich ungewöhnlich. Wie kamen Sie auf die Idee, Ihre Geschichte als Comic zu erzählen?

Meiner Erfahrung nach wiegt das Bild schwerer als die Schrift. Menschen haben Vorstellungen und Überzeugungen, über die sie nur sehr schwer hinwegkommen. Wenn ich ein Buch darüber geschrieben hätte, dass wir eine ganz normale Familie waren, meine Mutter nie Kopftuch getragen und mein Vater keine 55 Nebenfrauen gehabt hat, hätte das wahrscheinlich nur bei wenigen Eindruck hinterlassen. Denn bei den meisten ist es so: Man sagt ihnen das eine, sie stellen sich aber etwas völlig anderes vor. Das ändert sich erst, wenn sie sehen, dass die Wirklichkeit anders ist, als sie sie sich vorstellen.

Wie sind Sie zum Comic gekommen?

Als Kind habe ich kaum Comics gelesen, es gibt im Iran keine Comic-Kultur. Zu meinem ersten Geburtstag in Frankreich schenkte mir ein Freund Art Spiegelmans Maus. Beim Lesen wurde mir bewusst, dass es sich hier nicht um ein eigenes Genre handelt, sondern dass Comics einfach ein Weg sind, sich auszudrücken.

In Ihren Comics wird nicht nur der autoritäre Staat gezeigt, es wird auch viel gelacht.

Es wird viel gelacht, weil Lachen zum normalen Leben gehört. Wer meint, dass die Leute aufhören, Witze zu machen, wenn um sie herum Bomben vom Himmel fallen, der täuscht sich. Das ganz normale Leben geht auch im Krieg weiter; und deshalb habe ich es gezeichnet. In Europa ist das aber in Vergessenheit geraten.

Wie war das, aus dem Comic einen Film zu machen?

Das war unglaublich. Ich entdeckte, was es heißt, Kino zu machen. Das Kino ist eine Gefühlsmaschine, wie es keine andere auf der Welt gibt. Die amerikanische Kultur hat sich ja nicht durchgesetzt, weil sie die beste Kultur der Welt ist, sondern weil sie so verkauft wurde, dass jeder gesagt hat: Wow, das will ich auch. Eine solche Kraft hat nur der Film.

Während man einen Comic allein zeichnen kann, ist ein Film – zumal einer, der es bis unter die Oscar-Kandidaten schafft – auf viele angewiesen.

Das stimmt, aber ich mag das. Wenn ich einen Comic zeichne, gibt es keinen Überraschungseffekt am Ende, denn ich habe ja jeden Strich selbst gemacht. Das ist beim Film vollkommen anders. Da muss ich jeden Gedanken teilen, Dinge aushandeln, Kompromisse finden. Das Endergebnis ist dann meist etwas völlig anderes als das, was ich anfangs im Kopf hatte. Und das mag ich, diese Herausforderung, mich auf Neues, Überraschendes einzulassen. Es ist eine wunderbare Übung für unser Gehirn, sich mit anderen Menschen, ihren Meinungen und Überzeugungen auseinanderzusetzen.

Zur Person

Marjane Satrapi wurde 1969 im Iran geboren. Als Schülerin wurde sie für vier Jahre nach Wien geschickt. Sie studierte in Teheran dann visuelle Kommunikation, 1994 zog sie nach Frankreich, wo sie heute in Paris lebt. Neben Persepolis hat sie auch ihren Comic Pflaumen mit Huhn verfilmt. Zuletzt erschien ihr Film über Marie Curie

Das fehlt dieser Tage. Viele sitzen zu Hause und bilden sich ihre Meinung, ohne Auseinandersetzung mit anderen.

Deshalb macht uns der Lockdown alle dümmer. Distanz lässt uns verdummen. Wenn wir vor die Tür gehen, treffen wir auf Leute, die wir uns nicht aussuchen können. Wir begegnen zwangsläufig anderen Meinungen und Ansichten. Allein das fordert uns heraus. Jetzt im Lockdown fällt das aber weg und wir suchen uns aus, mit wem wir reden. Wir sprechen fast nur noch mit Menschen, die genauso wie wir sind, denken und fühlen. Das macht uns alle dümmer. Deshalb mag ich das Kino inzwischen mehr als den Comic. Es zwingt mich, mit anderen zusammenzuarbeiten. Das fordert mich heraus, stellt mich auf die Probe und meine Ansichten infrage.

Comic, Film und inzwischen auch die Malerei sind die Mittel, mit denen Sie sich als Künstlerin ausdrücken. Was unterscheidet die Sprache dieser drei Medien voneinander?

Wenn man einen Comic liest, ist man immer aktiv. Man muss sich vorstellen, was zwischen den Bildern passiert. Man muss sich die Bewegungen vorstellen und der Geschichte einen eigenen Rhythmus geben. Im Gegensatz dazu ist man beim Film immer passiv, man bekommt alles serviert. Gemeinsam haben Film und Comic, dass ich auf den Zuschauer oder Leser Rücksicht nehmen muss. Nicht in dem Sinne, ob sie die Geschichte mögen, sondern ob sie das, was ich ihnen sagen will, verstehen können. Das ist bei der Malerei ganz anders. Wenn ich male, tue ich das im Bewusstsein, dass die Menschen es entweder auf den ersten Blick mögen oder interessant finden oder eben nicht. Es gibt hier nicht das richtige Mittel.

Sie leben in Paris, Ihre Eltern im Iran. Sie haben beide Staatsbürgerschaften, sind im Iran aber nicht gern gesehen. Ist der Iran für Sie noch so etwas wie Heimat?

Der Iran ist der Ort, an dem ich geboren bin. Ich bin wie eine Pflanze. Wenn man eine Pflanze aus ihrer natürlichen Umgebung entfernt und irgendwo anders einpflanzt, dann fehlt ihr etwas. Denn diese Pflanze ist einen bestimmten Boden und ein bestimmtes Licht gewohnt. Und so geht es mir auch. Es gibt Dinge, die werde ich immer vermissen. Zugleich lebe ich seit 30 Jahren außerhalb meines Landes. Paris ist inzwischen mein Zuhause, auch wenn ich hier nicht die Straßen meiner Kindheit habe. Aber das hat auch etwas Gutes. Ich fühle mich wohl, egal wohin man mich steckt. Ob zu Hause oder nicht ist für mich eine Entscheidung.

Nach dem Erfolg von „Persepolis“ waren Sie eine Weile als Botschafterin für Menschenrechte aktiv. Warum haben Sie dieses Engagement wieder eingestellt?

Um ehrlich zu sein, die Politik hat mir den letzten Nerv geraubt. Ich dachte immer, in der Politik könnte ich die Welt ändern, aber letztlich war es so, dass die Welt mich zu ändern begann. Dieses ständige Aushandeln von Deals und Kompromissen hat mich wahnsinnig zynisch gemacht. Ich mag weder Verhandlungen noch Kompromisse, ich bin kein Freund von Protokollen und diplomatischem Gehabe. All das ist ein Horror für mich, macht mich aggressiv. Ich bin nicht für das politische Parkett gemacht. Ich bin gern albern und witzig, aber in der Politik ist kein Raum für Spaß und Leichtigkeit.

Meine Vorstellung von Menschenrechtspolitik ist offenbar zu romantisch.

Ja, gerade dort ist viel Zynismus. Viele Menschen in dem Bereich wollen nur einen bestimmten Status erlangen. Nach dem Motto: Ich engagiere mich für Menschenrechte, ich bin ein guter Mensch. Dort arbeiten aber zum Großteil Leute, die selbst gar kein richtiges Leben haben. Und weil sie kaum eine Vorstellung von einem guten Leben haben, gelingt es ihnen auch nicht, das anderer zu verbessern.

Wenig spaßig ist auch die seit Jahren geführte Kopftuchdebatte. Die einen sehen darin ein Symbol der Unterdrückung, die anderen staatliche Bevormundung. Was sagen Sie, die Sie Kopftuch tragen mussten?

Ich habe es gehasst, das Kopftuch zu tragen. Ich hasse es bis heute und ich weiß genau, was es bedeutet, ein Kopftuch tragen zu müssen. Aber wer um Himmels willen bin ich, anderen zu erklären, was gut oder schlecht für sie wäre. Es gibt etwas, das sehr viel mehr wiegt als meine Überzeugung. Man nennt es die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Jeder Mensch hat das Recht, zu glauben, woran er will, sich zu kleiden, wie er will – und zu leben, wie er will. Ich mache mich für eine Gesellschaft stark, in der jeder Mensch soleben kann, wie er will. Warum sollen beispielsweise Frauen im Sommer nicht oben ohne auf den Straßen unterwegs sein dürfen? Männer machen das doch auch. Mir ist es ein Rätsel, warum die Nippel von Frauen eine größere Provokation darstellen sollen als die von Männern. Jedesmal trifft es uns Frauen! Mal sind wir zu sexy, dann wieder nicht sexy genug, mal dies, mal das. Verdammt noch mal, lasst uns Frauen in Ruhe! Warum reden wir nicht mal darüber, wie sich Männer kleiden oder ob der Hipsterbart nicht zu sehr an den Islam erinnert und deshalb verboten werden sollte? Ich habe diese Gesellschaften satt, in denen Frauen ständig vorgeschrieben wird, was sie tragen sollen und was nicht.

Ist es eigentlich aussichtslos, noch einmal auf einen Comic von Ihnen zu hoffen?

Ja, das ist es. Es mag arrogant klingen, aber meine Comics waren alle sehr erfolgreich. Ich weiß inzwischen, was ich machen muss. Und wenn ich weiß, wie etwas funktioniert, verliert es für mich an Reiz. Mir fehlt dann die intellektuelle Herausforderung. Klar, ich könnte weitermachen und meinen Stil perfektionieren, aber Perfektion interessiert mich nicht. Mich interessieren Vielfalt, Herausforderung, Neugier und Überraschung. All das reizt mich deutlich mehr als Erfolg.

Info

Eine Persepolis-Neuauflage erscheint zum Jubiläum bei Edition Moderne

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06:00 13.02.2021

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