Lasst uns leiden

Kino Drei Männer, ein Unfall. Eine Kettenreaktion kommt in Gang. Bei Vahid Jalilvands „Eine moralische Entscheidung“ wird alles nur immer schlimmer

Es beginnt mit einer Kettenreaktion auf einer Schnellstraße im nächtlichen Teheran. Ein aggressiver Fahrer drängelt so lange, bis der Gerichtsmediziner Dr. Kaveh Nariman ansetzt, die linke Spur zu räumen. Doch dem Fahrer hinter ihm geht auch das nicht schnell genug. Also zwängt er sich an Dr. Narimans Wagen vorbei und streift ihn leicht. Reflexartig schert der Arzt nach rechts aus und touchiert dabei wiederum ein Motorrad. Dessen Fahrer verliert daraufhin die Kontrolle über sein Gefährt und stürzt mitsamt seiner Frau Leila und seinen beiden kleinen Söhnen auf den Seitenstreifen. Ein Unfall, wie er ganz schnell passieren kann. Eine Verkettung von Umständen, die in einem Zusammenstoß der Menschen wie der Fahrzeuge endet.

In Vahid Jalilvands Eine moralische Entscheidung prallen nicht nur ein Motorrad und ein Auto für einen Bruchteil einer Sekunde gegeneinander. Auch der Arzt und der Familienvater Moosa geraten erst einmal aneinander. Zwei Welten kollidieren. Ein Mann aus der gehobenen Mittelschicht hat eine Familie aus dem Teheraner Proletariat zu Fall gebracht. Aber es scheint noch einmal glimpflich abgegangen zu sein. Außer Moosas achtjährigem Sohn ist niemand verletzt, und auch der hat oberflächliche Kratzer abbekommen. Zu diesem Schluss kommt zumindest der Arzt nach einer gewissenhaften, aber natürlich unvollständigen Untersuchung des Jungen. Er, der auf keinen Fall die Polizei rufen wollte, drückt Moosa einen ansehnlichen Geldbetrag in die Hand, der den Schaden an dem Motorrad mehr als deckt. Außerdem empfiehlt er der Familie nachdrücklich, in ein Krankenhaus zu fahren und sich dort richtig untersuchen zu lassen. Doch das will Moosa nicht.

Schon in diesen ersten Filmminuten knüpft Vahid Jalilvand ein derart engmaschiges Netz aus spontanen Reaktionen und grundsätzlichen Entscheidungen, dass es für keine seine Figuren mehr ein Entkommen geben wird. Ein scheinbar harmloser Zwischenfall bringt alle Beteiligten in eine Situation, in der sie nach und nach die Kontrolle über ihr Leben verlieren. Als der von Amir Aghaee gespielte Arzt am nächsten Morgen ins gerichtsmedizinische Institut zurückkehrt, erfährt er, dass Moosas Sohn noch in der Nacht verstorben ist. Trotzdem erzählt er der zuständigen Pathologin nichts von dem Unfall. Die Obduktion ergibt schließlich als Todesursache eine Lebensmittelvergiftung, womit der Vater des Jungen zum Schuldigen wird. Er hatte aus finanzieller Not vergammeltes Fleisch gekauft. Aber auch Dr. Nariman findet keine Ruhe. Immer größer werdende Zweifel nagen an ihm. War vielleicht doch der Unfall der Grund für den Tod des Kindes? Die Vorstellung, die Schuld zu tragen, wird für den Arzt zur Obsession und treibt ihn schließlich zu „einer moralischen Entscheidung“.

Heroismus hilft nicht

Anders als der schwer fassbare internationale Titel No Date, no Signature, suggeriert der deutsche Verleihtitel so etwas wie Klarheit, vielleicht sogar eine Lösung. Es gibt einen Ausweg aus dem Geflecht zahlloser unüberlegter Handlungen, falschen Zögerns und hilfloser Reaktionen. Eine einzelne Entscheidung könnte dann alles wieder ins Lot bringen. Doch daran glaubt der iranische Filmemacher keineswegs. Er ist im Gegenteil davon überzeugt, dass große Gesten und heroische Handlungen letzten Endes alles nur noch schlimmer machen. Natürlich kann der Einzelne eine moralische Entscheidung treffen, doch das muss noch längst nicht die richtige Entscheidung sein.

Im Unterschied zu Abbas Kiarostami, Jafar Panahi und Asghar Farhadi, deren Filme nicht selten parabelartige Züge tragen und so verdeckt Kritik an Irans politischem und religiösem System üben, verzichtet Vahid Jalilvand auf Doppeldeutigkeiten. Bei ihm gibt es nichts zu entschlüsseln. Seine neorealistische Ästhetik, die nach Unsichtbarkeit strebt, will die materiellen Verhältnisse abbilden. Und auf die haben Politik und Religion höchstens indirekten Einfluss. Ihre finanziellen Möglichkeiten bestimmen sowohl das Verhalten von Dr. Nariman als auch die Reaktionen von Moosa, den Navid Mohammadzadeh als einen von seiner Armut in die Enge Getriebenen porträtiert. Für den wirtschaftlich abgesicherten Arzt werden seine Schuldgefühle zu einem quasi philosophischen Problem. Entsprechend abstrakt ist sein Verständnis von Schuld und Sühne. Insofern ist die Entscheidung, die er schließlich trifft, eher egoistisch als moralisch.

Solche Abwägungen kann sich Moosa im wahrsten Sinne nicht leisten. Also sucht er die Schuld nicht bei sich, sondern bei einem anderen, um so einen letzten Rest seines Selbstwertgefühls als Vater und Ehemann zu retten. Erlösung kann es für ihn nur durch einen Akt der Rache geben.

Sühne und Rache sind die Pole, zwischen denen sich Jalilvands Filmerzählung bewegt. Der eine der beiden Protagonisten zerstört einen anderen Mann, der andere sich selbst. Weder Moosa noch Dr. Nariman können ihren Handlungen entkommen; und mit jeder weiteren Entscheidung verursachen sie nur noch mehr Leid, für sich und für die Menschen in ihrem Umfeld. Je tiefer sich die Figuren in Schuldgefühlen und Rachegelüsten verstricken, je radikaler sie handeln, um sich aus diesem Netz zu befreien, desto heilloser erscheint einem die Welt, in die sie geworfen wurden. Zugleich entwickeln Jalilvands subtile Schnitte und Kamerabewegungen eine immer bedrückendere Dichte. So wie es für die Figuren des Films keinen Ausweg gibt, bleibt auch dem Publikum jeder Weg ins Freie simpler Antworten versperrt. Schuld und Sühne, Rache und Errettung sind eben nichts als sinnlose menschliche Konstrukte in einer durch und durch absurden Welt.

Info

Eine moralische Entscheidung Vahid Jalilvand Iran 2017, 104 Minuten

06:00 22.06.2019
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare