Lasst uns nicht absaufen

Medientagebuch Katastrophenfernsehen: Die "Jahrhundertflut" und ihr Bild in den Medien

Es war ein lauer Sommerabend, Anfang August nichts ungewöhnliches, weshalb für den Moment auch niemand über das Klima nachdachte, da kam die Frage auf, wie denn der französische Ausdruck "sauver les meubles" zu übersetzen sei - damit hatte jemand gerade das Verhalten der Franzosen im zweiten Durchgang der Präsidentenwahl beschrieben. "Das Schlimmste verhindern", sprang eine Sprachkundige bei. Und erläuterte ganz abstrakt: Wenn die Immeubles, also die Immobilien schon verloren wären, könne man nur noch das Mobile, die Möbel retten. Das klang nach trockenen Vermögensoperationen, der Gedanke an Hochwasser war weit weg. Wenige Tage später wären solch ausschweifende Erklärungen wohl kaum mehr nötig gewesen. Die Fernsehbilder hätten noch jedem Begriffsstutzigen auf die Sprünge geholfen: Wo man hinsah, trugen Menschen ihre Möbel hinaus aus Häusern, wo es dazu zu spät war, räumten sie sie in höhere Stockwerke und wo selbst das nicht mehr ging, mussten sie fliehen, ganz ohne das Schlimmste verhindern zu können.
Der geübte Fernsehzuschauer bemisst den Ernst der Lage nach Sondersendungen - zumindest solange kein Wasser in Sichtweite ist und noch kein Lautsprecher des Technischen Hilfswerks in seiner Straße ertönt. Wenn das ZDF lediglich zehn Minuten an die Heute-Sendung dranhängt, dann ist, wie man heute umgangssprachlich so sagt, alles noch im grünen Bereich. Schwerer wiegt, wenn die Sondersendung nicht nur den Beginn der vorgesehenen Vorabendserie verschiebt, sondern sie gleich ganz verdrängt; und wirklich bedenklich wird es, wenn die privaten Kanäle anfangen, fest gebuchte Programmplätze samt Werbung zugunsten von "Specials" aufzugeben. Den extremsten Ausschlag auf dieser nur inoffiziell geeichten Skala konnte der Fernsehzuschauer im September des vergangenen Jahres verzeichnen, als für mehrere Tage außer Sondersendungen, "Specials" und Nachrichten überhaupt nichts anderes mehr gesendet wurde. Gerade als man diesem Jahrestag mit gemischten Gefühlen entgegen zu sehen begann, als erste eingeplante "Sonder-Sendungen" den großen Gedenk-Reigen eröffneten und in den Zeitschriften das Rennen darum eröffnet wurde, wer am zeitigsten an das erinnert, was niemand vergessen hat, da kam sie, die "Flut".
Was mit zehn Minuten Sondersendung anfing, (in denen noch von exotischen Orten wie dem Schwarzen Meer berichtet wurde), dehnte sich bald zu ganzen Themenabenden, die bevorzugt nur noch einer Region, einer Straße oder einer Familie gewidmet waren. Während die Logos und Schlagzeilen zuerst noch neutral von einer Flutwelle, dann schon etwas aufgeladener von der großen Flut sprachen, steigerten sie sich schließlich über "Rekordflut" auf "Jahrhundertflut". Und letztlich konnte nicht ausbleiben, dass auch die Metapher der "Sintflut" bemüht wurde, womit mediensprachlich schon vorausgesetzt wird, worüber Experten und Politiker doch ewig streiten: dass das Geschehen nämlich in irgendeiner Form eine Strafe darstellt, für die begangenen "Umweltsünden".
Viele werden sich daran erinnern, wie vergangenen September die Flut der Bilder mit dem Fluss der Informationen in keinem Verhältnis stand. Stundenlang konnte man hinschauen und -hören, ohne auch nur einen einzigen neuen Fakt zu erfahren. Das ist bei der "Flut" nun ganz anders. Fast täglich ist eine neue Stadt bedroht und fast stündlich wird eine neue Schadensschätzung abgegeben. Wie überhaupt die Wasser-Katastrophe einer stetig fließenden Dramaturgie gehorcht, die ganz dem Element entspricht. Mit der Flut sind Dinge ins Blickfeld geraten, die sonst jenseits der Wahrnehmung liegen. Das beginnt mit elementaren geographischen Kenntnissen wie der Abfolge der Städte am Flussverlauf - dieser Tage lernen selbst eingefleischte West-Moderatoren, die Städte Wittenberg und Wittenberge zu unterscheiden -, betrifft aber auch erhöhte Aufmerksamkeit für so altmodische Dinge wie das Landschaftsrelief und dessen Geschichte. Ungewöhnlich lang dehnt sich für den Fernsehzuschauer die Katastrophe, scheint sich Tag für Tag zu wiederholen, wo sie sich doch aus unzähligen kleinen, persönlichen Katastrophen zusammensetzt. Am häufigsten fällt der Satz von den "Menschen, die alles verloren haben". Die Stimmen der Betroffenen, denen in der Mehrzahl jede Lust an eigener Medienpräsenz vergangen ist und die in die hingehaltenen Mikrofone hinein oft einfach tonlos abwinken, lassen jede besserwisserische Kritik an der Interpretierbarkeit dieses "alles" verstummen: Wechselweise von hysterischer oder resignativer Erschöpfung künden sie unmittelbar von der großen Not, davon, dass die Kräfte erlahmen und es genug Grund gibt, die Nerven zu verlieren.
Wie das Mitleid schafft sich auch die vorhandene Wut mediale Ausflucht: Die Rolle der Bösen müssen die Katastrophentouristen übernehmen, die auf allen Kanälen kräftig beschimpft werden, was ihrem steten Anwachsen aber nicht im Wege steht. Immer größeren Platz nimmt schließlich die Darstellung der "beispiellosen Hilfsbereitschaft", beziehungsweise deren Lob ein. An den Sondersendungen dazu, auch "Galas" genannt, verbietet sich jede Kritik, solange sie dermaßen erfolgreich ihrem guten Zweck dienen. Schließlich verzeichnete die ARD hier einen eigenen Rekord: Noch nie sind innerhalb einer Sendung so viele Spenden, insgesamt über zehn Millionen Euro, eingegangen.
Die Not gebietet Rückbesinnung auf elementare Anstandsregeln: Genauso wie sich unangemessene Kritik an Gutgemeintem verbietet, gilt jeder Versuch der Ausbeutung der Lage für den Wahlkampf als verwerflich. Was erstens unter heftigem Beteuern des Gegenteils trotzdem geschieht - was wiederum niemand wirklich schlimm findet - und zweitens von den Medien ganz ungerührt vorangetrieben wird. Wem die Flut nutzt und wie sich welcher Kandidat darin bewährt, wurde und wird genauestens analysiert. Womit die Medien ja auch den eigenen Verstoß verdecken gegen das Gebot, keinen Gewinn mit der Katastrophe zu machen: Günstig wie nie fiel die "Flut" in jene meldungsarme Zeit, die Sommerloch und manchmal auch Nachrichtendürre genannt wird. Womit ein weiteres Mal erinnert wird an die seltsame Tatsache, dass die Schlagzeilenmetaphorik reich an Hochwasserausdrücken ist. "Stadt im Fluss", "Land unter" und "Dammbruch" werden oft im übertragenen Sinn gebraucht. Es liegt schon eine besondere Ironie darin, die Bilder zu den Sprachwendungen nachgeliefert zu bekommen.

00:00 23.08.2002

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