Laufstege durch die Zeiten

Lebens-Mittel Zu Volker Brauns 65. Geburtstag am 7. Mai 2004

Walter Ulbricht hatte ihn nach China gewünscht und Ulrich Greiner dahin, wo der Pfeffer wächst. Die Stasi umstellte ihn mit einer halben Terrakotta-Armee und Kollegen mit kryptischen Schmähungen. Die DDR-Messerles hakelten fadenscheinig an Pressionsschlingen und das Feuilleton auf Hiddensee, Inquisition spielend, hackte auf ihn ein, bezahlt von Bertelsmann. Was für ein Umweg des Witzes / In die Wunde, wieviele Possen / Muß ich reißen für einen Moment des Erschreckens, schrieb Volker Braun Mitte der neunziger Jahre.

Wie hält einer das aus auf die Dauer, habe ich mich oft gefragt, abseits des Gedichts. Denn auf Volker Braun treffen die Brecht-Verse "Ach, wir, / Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit / Konnten selber nicht freundlich sein" jedenfalls nicht zu. In seiner Gegenwart fällt für Momente ein Stück Weltangst ab. Es berührt, ihm beim Verfertigen von Gedanken im Reden zuzusehen, wenn in den Augenblick des Gesprächs die Bögen von literarischer und philosophischer Geschichte gespannt werden, die immer auch politische Geschichten sind. Wenn Gestus, Körper und Stimme den Gedankenflug in die humane Substanz zurückführen, den Angelpunkt seines künstlerischen Begehrens. Wenn die Freude des Entdeckens mit dem Gesprächspartner geteilt wird und das Gespräch eine eigene Kunstform gebiert. Stets begriff dieser Autor Poesie als "Vorgang unter Leuten".

Woher also dieses Staunen machende Beharrungsvermögen auf freundlichen Umgang mit uns selbst? "Ich habe die sogenannte Vergeblichkeit erlebt. - Aber was sind so allgemeine Begriffe gegen die akute Erfahrung. Was ist das lähmende Bewußtsein, daß alles ins Nichts läuft, gegen die Kraft der Sinne, die Lust, das Entsetzen. Ich bin, in meinen Fasern, nicht der Macht verhaftet ... Meine Natur nährt eine rohere Kost. Ich wuchs in Trümmern auf, und unter Brüdern, ich trank die Milch einer Witwe. Ich schmeckte Gerechtigkeit, ich atmete Despotie. Mein Widerstand wohnt im Gewebe, mein Gram, mein Verlangen". Dieses Bekenntnis in seiner Darmstädter Rede vom Oktober 2000 zur Entgegennahme des Georg-Büchner-Preises komprimiert wohl die lebenslange Antriebskraft der Braunschen Poesie. Sie nimmt ihren Ausgang in elementaren Erfahrungen: Aufgewachsen in der "Ziegelsteppe" der Ruinen, "ausgehungert nach Schönheit" (Dresdens Andenken, 1995), sind fürderhin Lebensimpulse und Schreibstoff unlöslich miteinander verbunden: "Die Suche nach dem Stoff (zum Schreiben, zum Leben), um gegebenenfalls den Tod zu finden. Die Mechanismen des Zeitalters auseinander schrauben, die Beziehungen zerfasern nach dem geheimen Blut der Geschichte." Diese ans unmittelbar Vitale anschießende Suche beglaubigt die Orientierung, die das gesamte Werk bestimmt: die Bedingungen wirklich reichhaltiger Entfaltungsmöglichkeit von Individualität zu erforschen, die aber den und die anderen mitdenken muss: "Die anderen die Gleichen: die langsame Formel, die mit Leben zu füllen ist womit womit womit? Oder vom Tod". (Definition, 1982).

Für mich sind Braun-Texte, seit ich auf sie stieß, immer auch Lebens-Mittel gewesen, unvollendete Geschichten, Denkermutigung und sinnliches Abenteuer zugleich. Im Beginn noch getragen von der Allgemeinen Erwartung im Larvenstaat, später mit Hinze und Kunze durch den Winter der Strukturen in die Übergangsgesellschaft, von der wir bloß noch nicht wussten, dass sie ins Vorgestern kapitalistischer Barbarei über- und untergehen sollte. Mit seiner Erzählung Die vier Werkzeugmacher und dem Gedicht Das Eigentum brachte Braun den Umbruch von 1989/90 auf den Punkt, als das vorgehabte Eigentum aller vom Krause an die Krupps verschachert wurde, um dann die arbeiterliche Gesellschaft im Osten zu entsorgen. Die Texte hernach, so des Gedichtbandes Tumulus (1999) erweisen sich mehr und mehr als Grabungen ins Geschichtete, Archäologien "Nach dem Massaker der Illusionen: Wenn die Ideen begraben sind / Kommen die Knochen heraus". In seinen neuen Stücken Der Staub von Brandenburg (1997), Limes. Mark Aurel (1994-1997) und Was wollt ihr denn (2001/02) spielt Braun erneut Handlungsmöglichkeiten in einer "unaushaltbaren" Welt durch, Szenen, "deren Laufstege durch die Zeiten" ragen.

Und immer noch führt er die unverkapselte Lust gegen die monströsen Gesellschaftsbauten, gegen die Depravierung in der bloßen Marktmonade herauf, auf die das Kapital den Menschen reduzieren möchte. Mit dem Wissen, dass "eine Umwälzung, die nicht den Grund berührt, der die Arbeit ist, versumpft und ... sich wieder (findet) in alter Geschichte" sind seine Texte nicht nur Gesten sarkastischer Erhabenheit und "fortgesetzten Widerstands" (Hans Kaufmann). Sie schmerzen, sie verstören, sie machen Mut, weil sie groß gedacht den "ganzen" Menschen meinen. Was sich der junge Volker Braun 1965 ersehnte, trifft zumindest auf sein Werk zu: Bleibendes.


00:00 07.05.2004

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